Was macht dieser Verein nur mit einem? Vor zwei Wochen bei vielen Anhängern noch „mausetot“ und die „Saison verkackt“ – und seit Samstag, dem 16. Mai, um 15:30 Uhr völlig außer Rand und Band. Es ist wie immer: Rot-Weiss Essen kann nur Drama. Das war irgendwie gefühlt schon immer so, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Diese Drittligasaison ist eine einzige wilde Achterbahnfahrt. Und sie ist noch nicht vorbei: RWE darf in die Relegation zur 2. Bundesliga gegen Greuther Fürth. Vor der Saison hätte das wohl jeder sofort unterschrieben. Zwischenzeitlich schien sogar noch mehr möglich. Und heute können die Rot-Weissen ihr Glück kaum fassen.

Eigentlich schien der Zug Richtung Aufstieg schon abgefahren. Nach den Niederlagen in Osnabrück und Rostock war Essen am 26. Spieltag Ende Februar auf Platz sieben abgerutscht, der Trainer stand bei einigen Fans bereits zur Diskussion. Doch dann startete der RWE einen beeindruckenden Lauf: sieben Siege in Folge unter anderem gegen Mannheim, Viktoria Köln und den FC Ingolstadt. Platz zwei am 30. Spieltag – der RWE-Express rollte. Bis zum Spiel in Cottbus am 19. April. Dort steuerte Essen bis zur 73. Minute auf den achten Sieg in Serie zu, führte bereits mit 1:3 – und verlor am Ende noch mit 5:3. Das Ende der Siegesserie und zugleich der Beginn des nächsten Absturzes. Erst setzte es ein 1:2 zu Hause gegen Saarbrücken, wodurch Platz zwei verloren ging, dann folgte das Debakel in Stuttgart: 6:1. VfB-Neuzugang (eigentlich für die Profiabteilung) Jeremy Arevalo spielte die Essener Defensive dabei nahezu im Alleingang schwindelig.

Plötzlich war Essen nur noch Vierter und musste sogar um diesen Rang bangen. Doch auch die Konkurrenz patzte – zumindest teilweise. Der MSV Duisburg holte in Aue nur einen Punkt, während RWE seine Talfahrt mit einem Sieg gegen Angstgegner SC Verl stoppte. Vor dem Saisonfinale waren beide Teams punktgleich, Duisburg hatte allerdings das deutlich bessere Torverhältnis. Realistisch betrachtet waren die Chancen auf Liga zwei minimal: Cottbus musste in Regensburg verlieren und Duisburg durfte gleichzeitig zu Hause gegen Viktoria Köln nicht gewinnen. Eigentlich ein unwahrscheinliches Szenario, schließlich hatte dem MSV in der heimischen Arena kaum jemand Punkte abknöpfen können – keine einzige Niederlage, nur fünf Unentschieden.

Gleichzeitig musste Rot-Weiss Essen seine eigenen Hausaufgaben erledigen und beim SSV Ulm gewinnen. Trotz der nur noch theoretischen Chance auf den Aufstieg machten sich rund 4.500 RWE-Fans auf den Weg nach Ulm. Schon in den frühen Morgenstunden starteten Busse, Autos und Züge – und die Stimmung war überraschend gut. Jedenfalls auf meiner Anreise, obwohl die Deutsche Bahn wieder einmal alle Klischees erfüllte: 45 Minuten Verspätung, überfüllte Waggons und jede Menge Fußballfans. Trotzdem herrschte gute Stimmung – nicht nur unter den RWE-Anhängern, sondern auch bei den mitreisenden Fans des 1. FC Köln und von Bayern München. In Ulm angekommen, ging es nach einem kurzen Stadtrundgang direkt zum Stadion – und dort wurde es dann dramatisch und das nicht nur bei den zwischenzeitlichen Wetter-Kapriolen.

Das starke Intro der Ulmer Fans mit dem Spruch „Getrieben vom Chaos der Kurve – geprägt durch düstere Zeiten“ war noch nicht einmal eingerollt, die letzten Fackeln brannten noch, da stand es schon 1:0 für Rot-Weiss Essen. Torben Müsel traf freistehend in der zweiten Minute und versetzte die Essener Kurve sofort in Euphorie. Dass Ulm das Spiel danach zwischenzeitlich sogar drehen konnte, passte wiederum perfekt zu dieser verrückten Saison.

Die Gastgeber kämpften leidenschaftlich und wollten sich keineswegs kampflos ergeben, doch vor allem die Essener Defensive schrieb in dieser Spielzeit ihre ganz eigene Geschichte. 66 Gegentore – inklusive 15 Elfmetern – in 38 Spielen sind vermutlich ein Rekordwert für eine Spitzenmannschaft der 3. Liga. Dass Essen dennoch zu den Topteams gehörte, zeigte die Mannschaft, indem sie den Rückstand noch vor der Pause ausglich. Insgesamt hatte RWE das Spiel eigentlich im Griff, und kaum jemand im Stadion rechnete damit, dass es am Ende noch einmal so dramatisch werden würde.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit ging plötzlich ein Raunen durchs Stadion: Viktoria Köln führte in Duisburg. Die RWE-Fans drehten noch einmal richtig auf. Sollte der Traum tatsächlich wahr werden? Geduld war gefragt. Ulm inzwischen in Unterzahl, Essen rannte Angriff um Angriff auf das gegnerische Tor an. Chance um Chance. Doch bis tief in die Nachspielzeit hinein war Ulms Torhüter Christian Ortag nicht zu bezwingen. Sah er beim ersten Gegentor noch unglücklich aus, hielt er danach vor allem im zweiten Durchgang nahezu Unhaltbares. Da sollte Bundestrainer Nagelsmann vielleicht noch einmal genauer hinschauen, bevor er Fußballrentner Neuer reaktiviert 😉

Selbst die RWE-Spieler gratulierten Ortag zwischenzeitlich zu seinen unglaublichen Paraden, während die Fans auf den Rängen die Spannung kaum noch aushielten. In Duisburg stand es mittlerweile 1:1 – ein einziges Essener Tor würde also für Platz drei reichen. Ecke um Ecke, Schuss um Schuss wurde geblockt. Dann lief bereits die zweite Minute der Nachspielzeit. Nach einer Ecke landete der Ball im Gewühl plötzlich vor den Füßen von Ben Hüning, der sowohl in Essen als auch in Duisburg ausgebildet wurde. Er zögerte keine Sekunde und jagte den Ball ins Netz.

Was danach in der Gästekurve passierte, lässt sich kaum beschreiben. Die Fans sprangen über die Zäune, zündeten Fackeln und feierten ihre Mannschaft minutenlang. Unfassbar. Eine Lautstärke, pure Ekstase. Und dabei waren noch drei Minuten zu spielen. Was viele im Jubel gar nicht mitbekamen: Nur acht Sekunden nach Hünings Treffer hatte der MSV die Riesenchance auf den Sieg – traf aber nur den Pfosten. In Ulm lief die Partie weiter, überall wurden hektisch die Liveticker auf den Smartphones aktualisiert. Kurz darauf war das Spiel in Duisburg beendet. Die Devise lautete nur noch: halten, einfach dieses 3:2 halten.

Irgendwann hatte Bundesliga-Schiedsrichter Florian Exner schließlich Erbarmen und pfiff ab. Danach kannte der Jubel keine Grenzen mehr. Mannschaft und Fans feierten gemeinsam auf dem Rasen und auf den Rängen den doch noch erreichten dritten Platz.


Gefallen, wieder aufgestanden. Noch einmal gefallen – und wieder zurückgekommen. Der RWE ist wieder da. Oder wie ich es schon früher geschrieben habe und wie es als Hashtag durch die sozialen Medien geht: immeRWEiter.
Alle Fotos: Bildagentur frontalvision.com