Bestes Frühsommerwetter, ein ausverkauftes Stadion und zwei motivierte Kurven – die Voraussetzungen für ein unterhaltsames Budapester Derby zwischen Újpest und Ferencváros hätten am vergangenen Sonntagnachmittag kaum besser sein können. Bereits eine knappe Stunde vor Anpfiff war die Heimkurve fast bis auf den letzten Platz gefüllt; die aktive Fanszene rund um die 1992 gegründeten „Ultra Viola Bulldogs“ rollte dabei eine große „101% Anti Ferencváros!“-Zaunfahne aus, die über die gesamte erste Halbzeit zu sehen sein sollte.

Auch auf den Sitzplätzen war die Motivation groß; obwohl es in dieser Saison für Újpest in der Liga sportlich um nichts mehr geht, wollte man zumindest dem großen Rivalen Ferencváros, der aktuell in Schlagdistanz auf Tabellenführer Györi ETO Platz zwei belegt, mit einem Sieg im Stadtderby entscheidende Punkte im Kampf um die Meisterschaft abtrotzen. Kein Wunder also, dass bereits weit vor Spielbeginn von der Gegentribüne aus minutenlang in Richtung Gästeblock gepöbelt wurde. Richtig laut wurde es dabei erstmals, als die Újpest-Kurve einen Sprechchor anstimmte, der wohl im weitesten Sinne mit „Wer nicht hüpft, der ist für Fradi“ übersetzt werden kann.

Der Gästemob selbst war indes komplett in schwarz angereist. Im kleinen, aber feinen „Szusza Ferenc Stadion“, das nur rund 13.500 Zuschauer fasst, gaben die rund 1.000 Ferencváros-Fans dadurch ein kompaktes Bild ab und machten zum Einlaufen der Teams mit einem grün-weißen Rauchtopf-Intro erstmals auf sich aufmerksam. Auf der Heimseite wurde vor dem Anpfiff ebenfalls großflächig in den Vereinsfarben gezündet, und in den ersten 40 Minuten waren es auch die Újpest-Fans, die akustisch die Oberhand behielten.

Sportlich lief es für die Gastgeber allerdings weniger gut: Bereits nach 19 Minuten brachte Kristoffer Zachariassen Ferencváros mit 1:0 in Führung, kurz vor der Pause erhöhte Gavriel Kanichowsky sehenswert auf 2:0. Mit dem dritten Treffer für den Rekordmeister in der 48. Minute war das Spiel bereits zu Beginn der zweiten Hälfte so gut wie entschieden. Kein Wunder also, dass nun die Gäste auch akustisch auf den Rängen klar dominierten. Auf Seiten von Újpest war man zwar zunächst noch bemüht, dagegen zu halten, doch spätestens nach dem vierten Gegentreffer (64. Minute) war die Luft endgültig raus und der Support wurde eingestellt.

In der Schlussviertelstunde nahm das Geschehen auf der Heimseite aber noch einmal an Fahrt auf: Nachdem die aktive Szene sämtliche Zaunfahnen abgehängt hatte, begaben sich rund 300 Fans über die Gegentribüne in Richtung Gästeblock. Dort angekommen, wurde zunächst einmal gepöbelt, was das das Zeug hält; außerdem flogen einige Böller und Rauchtöpfe hin und her.

Der Gästeblock reagierte aber relativ gelassen auf die Provokationen. Und weil auch die Polizei sich trotz hoher Präsenz zurückhaltend zeigte und deeskalierend agierte, konnte das Spiel nach knapp 20 Minuten fortgesetzt werden. Ein Újpest-Fan, der sich im Zuge der Tumulte zu einem spontanen Platzsturm und einigen beleidigenden Gesten direkt vor dem Gästeblock hatte hinreißen lassen, dürfte den Abpfiff allerdings nicht mehr im Stadion miterlebt haben – er wurde nach wenigen Sekunden festgenommen und abgeführt.

Auf dem Platz ergab sich Újpest während der zehnminütigen Nachspielzeit indes endgültig seinem Schicksal und kassierte sogar noch den fünften Gegentreffer. Durch den 5:0-Kantersieg liegt Ferencváros nun mit einem Punkt Rückstand auf die Tabellenspitze auf Platz zwei und kann weiter auf den 37. Meistertitel der Vereinsgeschichte hoffen, muss dafür aber am letzten Spieltag im Fernduell mit Györi ETO auf einen Patzer des direkten Konkurrenten hoffen.
Bericht & Fotos: Yannic Lacombe
