In der Staffel 3 der Kreisliga A kam der FC Polonia Berlin zu Beginn der Saison richtig schwer in die Gänge. Nach vier Spielen war das Punktekonto noch leer, doch die Wende wurde am 28. September beim bis dato ebenso punktlosen SC Westend vollzogen. Nach zweimaligem Rückstand wurde in Jungfernheide knapp, aber herzlich mit 3:2 gewonnen, und am darauffolgenden Spieltag wurde sogleich mit einem 3:2-Sieg gegen den Adlershofer BC nachgelegt. Und das nicht einfach so. Nein! Natürlich wieder nach einem 1:2-Rückstand! Den Siegtreffer erzielte Wolynski in der 90.+4. Minute!

Am 19. Oktober ging zur Abwechslung das Auswärtsspiel auf dem Silbersteinsportplatz bei NSF mit 2:3 verloren. Und hey, der Gastgeber schoss in der 90.+5. Spielminute das 3:2! Ebenso mit 2:3 wurde beim TSV Mariendorf II verloren, und da der FC Polonia Berlin es so gern dramatisch mag, wurde am 02. November gegen den Tabellennachbarn S.D. Croatia Berlin II mal wieder mit 3:2 gewonnen! Und das selbstverständlich nach einem Rückstand.

Hübsch dramatisch wurde es auch am vergangenen Sonntag, als Polonia Berlin auf dem heimischen Kunstrasenplatz in der Hatzfeldallee den FC Al-Kauthar empfing. Mein jüngerer Sohn hatte mal wieder Lust auf „Tylko Polonia“, und somit klingelte um 8 Uhr morgens der Wecker und nach langer Fahrt trafen wir pünktlich bei kühler Witterung in Tegel ein. Na schau mal einer an, seit 2017 war es bereits das 34. besuchte Spiel des FC Polonia Berlin. Somit liegen in der Statistik derzeit nur noch 12 Vereine vor Polonia, wobei acht von denen unerreichbar sind. Tennis Borussia Berlin und der 1. FC Köln könnten indes in den kommenden Jahren eingeholt werden.

Nach einem ersten Hallo musste erst einmal auf den Schiedsrichter gewartet werden, der sich wohl noch bei einer Tasse heißen Tee mental vorbereiten musste. Er ahnte wohl, dass das Ganze intensiv und hitzig werden könnte. Der FC Al-Kauthar, der palästinensische Wurzeln und im Vereinswappen „Berlin 1990“ und „Beirut 1967“ zu stehen hat, kam besser ins Spiel. Verdient brachte Mamadou Alieu Bah die Gäste in der 35. Minute mit 1:0 in Führung, und kurz vor der Pause konnte Bah mit dem Kopf zum 2:0 für Al-Kauthar nachlegen. Laute Gesänge ertönten. Die hinter dem Maschendrahtzaun platzierte Meute war eh bereits gut in Wallung, da kurz zuvor ein Betreuer (oder war es der Trainer?) von Al-Kauthar glatt Rot zu sehen bekam.

Während Felix und ich im gemütlichen Vereinsheim des VfL Tegel 1891 eine Portion Pommes für drei Euro orderten, musste der Polonia-Trainer Jaroslaw Grysiewicz eine adrette Kabinenpredigt gehalten haben. Polonia kehrte mit einer ordentlichen Portion Wut im Buch auf den Platz zurück und zeigte nun ein ganz anderes Gesicht. Bissigkeit und Kampf vom Feinsten. So muss es sein! Druck ohne Ende, und auch die Zuschauer, die es mit Polonia hielten, wurden nun laut. Eine junge Frau gab mit Megafon den Takt an, und nach einer guten Situation hallte das „Polonia! Polonia!“ brachial über den Platz. Logisch, dass sich die Gästefans nicht lange bitten ließen.

Und dann! Der 1:2-Anschlusstreffer! Erst ein klasse Seitfallzieher und dann die Vollendung durch Marcin Ochap in der 80. Minute. Da ging noch was! Bei all der Hektik musste ein Polonia-Spieler mit Gelb-Rot vom Platz, und schließlich wechselte sich der Trainer mit der Nummer 10 selber ein. Brille und Mantel wurden abgelegt und das Plätzchen im Sturm wurde eingenommen. Und was soll man sagen? Zweimal kam Jaroslaw Grysiewicz in aussichtsreicher Position fast an den Ball. Aber eben nur fast. Holla die Waldfeh, was wäre wohl abgegangen, wenn er den Ausgleichstreffer erzielt hätte?!
So aber feierten am Ende die Spieler, Betreuer, Freunde und Fans des FC Al-Kauthar. Ärgerlich war die Niederlage ganz gewiss, doch hatte sich das Kommen definitiv gelohnt! Hinein ging es in die nächste S-Bahn, um eine Stunde später in Rixdorf beim polnischen Imbiss des Vertrauens einzukehren. Auf der grünen Piwo-Flasche strahlte uns anstatt des Bisons ein Biber an, und der Sohnemann tat sich am gereichten Mahl gütlich. Na dann man tau! Jeszcze jeden!
Fotos: Marco Bertram

Was es so alles für Vereine gibt. Irre.