„Zurück in die Steinzeit …“, so oder so ähnlich muss wohl die Überschrift für den Einsatz der Polizei in der Halbzeit des Bundesligaspiels Hamburger SV gegen den FC Bayern lauten. Aber um das, was da passiert ist, zu beleuchten muss man doch etwas in den Geschichtsbüchern blättern. Am 24. Oktober 2011 war es die Polizei aus Hannover, die einen ähnlichen Blocksturm erprobt hatte. Damals ging es allerdings nicht um eine Fahne, sondern um den Verdacht auf Pyrotechnik. Das Ergebnis des damaligen Blocksturmes ist bekanntermaßen ähnlich desaströs, wie die Bilanz von dem Einsatz der Polizei beim Qualifikationsspiel zur Champions League zwischen dem FC Schalke 04 und PAOK Saloniki. Am Abend des 21. August 2013 hatte die Polizei die Nordkurve des FC Schalke 04 gestürmt, um eine „politisch provokante Fahne“ aus dem Fanblock zu entfernen. Es handelte sich hierbei bekanntlich um eine Fahne aus Skopje, von jener Gruppe, die mit Teilen der Fanszene des FC Schalke 04 befreundet ist. Diese Fahne war auch bereits vorher mehrfach im Block der Schalker Anhänger zu sehen.


Scheinbar aber fühlte sich die Einsatzleitung im Stadion dermaßen provoziert, dass eine Räumung des Blockes bzw. gewaltsame Entwendung der „ACAB“-Banner unausweichlich geworden ist. Anders, als der Einsatz vermuten lässt, gab es zum Zeitpunkt des Blocksturmes keine Geiselnahmen in den Fanblöcken oder gar wüste Schlägereien mit dem Ordnungsdienst, die einen Einsatz gegebenenfalls gerechtfertigt hätten.
Vertreter des HSV Supporters Club, der Fanbetreuung und des Fanprojekts haben lange vor dem Einsatz auf die Gefahren und vor allem auf Sinnhaftigkeit eines solchen Einsatzes hingewiesen, leider ohne Erfolg. Auch wurden die entsprechenden Gruppen angesprochen, ob man das Banner nicht entfernen könnte. Dies war – wie sich leicht erahnen lässt – nicht von Erfolg gekrönt. Auch darüber kann man vortrefflich streiten und hätte dies ganz gewiss auch im Nachgang im gemeinsamen Dialog machen können.
Dies ist ein Problem, welches die Beziehungen zwischen Fans und Polizei immer wieder aufs neue spaltet. Mittlerweile gibt es so viele Institutionen, die zwischen Fans und Polizei vermitteln können oder besser könnten. Fanbeauftragte, Fanprojekte, Fanorganisationen oder am Ende sogar Fanhilfen (die gerade wie Pilze bundesweit aus den Boden schießen) sind genau der Ansprechpartner, den beiden Seiten vertrauen schenken sollten. Wenn aber ein Einsatzleiter sich über die Erfahrung, Meinung und Lageeinschätzung eben dieser Experten hinwegsetzt und dann scheinbar auch noch der gesunde Menschenverstand aufhört, dann werden solche Einsatzbefehle gegeben und konsequent durchgeführt.

Ohne Zweifel kann man diskutieren, ob die Reaktion der Ultras richtig war. Aber bevor man diese Diskussion führt, sollte man sich klar machen, dass es ohne diesen Einsatz überhaupt nicht zu solchen Szenen gekommen wäre. Und jetzt soll bitte keiner sagen, dass der Banner oder besser gesagt ein Fetzen Stoff Grund genug für solche einen Einsatz darstellt.

Das Ziel, den Banner zu entfernen, hat die Polizei übrigens erreicht. Leider aber dafür mehr als 150 Verletzte in Kauf genommen, aber das spielt leider scheinbar keine Rolle mehr in dieser Fußballwelt.
Zum Autor:
Christian Bieberstein, das Licht der Welt 1984 in Berlin erblickt und aufgewachsen im Speckgürtel von Hamburg. Leidenschaftlicher Anhänger des Hamburger Sport-Verein e.V. Seit mehreren Jahren ehrenamtlich in der Abteilungsleitung des HSV Supporters Club, Sprecher der IG „Unsere Kurve“ und ehemals im Vorstand von FSE „Football Supporters Europe“ aktiv. Christian betont ausdrücklich, dass er hier als Einzelperson schreibt und nicht im Namen der genannten Organisationen.
Interessiert am runden Leder und gleichzeitig auch an der gesellschaftlichen Entwicklung, die vor den Toren der Stadien keinen Halt macht. Zählt sich eher zu den Traditionalisten, die davon träumen, dass der Fußball nicht auch noch sein letztes Hemd verkauft und vermarktet. In der Berufswelt, ganz hanseatisch, bringt er kleine – oder auch große – Stahlbüchsen rund um die Welt und transportiert alles, was man bewegen kann.
Alle Fotos: Chosen Few Hamburg 1999
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