„Plattgemacht – Wie der Westen den ostdeutschen Fußball zerstörte“. Zugegeben, ich war ein wenig skeptisch, als ich das neue Buch von Mathias Liebing aus dem Briefkasten holte und mich das Cover anstrahlte. Der plattgedrückte Fußball unter der Sohle des feinen Lederschuhs erinnerte mich ein wenig an ein Buchcover, das einst vor über 30 Jahren im legendären „Fan Treff“ abgedruckt wurde, und das erste Kapitel, in dem es unter anderen über die von Calmund geholten Spieler ging, ließ mich anfangs noch skeptischer werden. Hm, eine alte Kamelle?! Aber dann! Dann entpuppte sich das Buch – und am Ende gebe ich nun eine klare Leseempfehlung ab!

Der Autor Mathias Liebing beleuchtet in seinem Buch „Plattgemacht – Wie der Westen den ostdeutschen Fußball zerstörte“ die unmittelbare Nachwende-Zeit und schlägt den Bogen bis zur Gegenwart. Ins Gespräch – mal vor Ort in einem Büro oder auf einem Fußballplatz, mal am Telefon – kam er mit einer ganzen Reihe an interessanten Personen. Angefangen bei Reiner Calmund und Uwe Dern über Dr. Michael Kölmel und Ralf Zingler bis hin zu Ralf Minge, Perry Bräutigam und Marteria.
Jeder von ihnen hat einen anderen Blick – und schnell wird beim Lesen klar, dass es nicht irgendeinen bestimmten Grund gibt, weshalb der Fußball-Osten im Großen und Ganzen noch immer hinterherhinkt. Nicht allein der Ausverkauf und windige Gestalten aus dem Westen waren schuld, dass zahlreiche Vertreter aus der Region Nordost teilweise in der Versenkung verschwanden bzw. noch immer auf Dauer in der Regionalliga festhängen.

Mathias Liebing hat seine Kapitel in drei Abschnitte gepackt – „Teil 1: Die Schnellen fressen die Langsamen“, „Teil 2: Alles kaputt nach der Wende“, „Teil 3: Blühende Landschaften“ – und diese mit persönlichen Erfahrungen und Anekdoten verknüpft. Gedanklich brachte er mich nach den besagten Anlaufschwierigkeiten – auch ich wechselte wie Andreas Thom kurz nach dem Mauerfall (allerdings nicht als Profifußballer, sondern als Elektronik-Auszubildender) von Berlin nach Leverkusen – prima rein in die 90er, und bei viele Sätzen musste ich mit dem Kopf nicken.

Weggelockte Top-Spieler, verschwundene Millionen, Misswirtschaft, krasse Naivität, arg schädigende Personen wie Dynamo-Präsident Otto, der Niedergang der regionalen Wirtschaft und demzufolge das Wegbleiben möglicher Sponsorengelder – all dies sind Gründe, weshalb es bei Dynamo Dresden, beim FC Berlin (BFC Dynamo), beim 1. FC Magdeburg und vielen anderen Ost-Vereinen krass bergab ging, doch für mich persönlich eine der Hauptgründe für die krasse sportliche Schräglage war die miserable „Vereinigung“ des ost- und westdeutschen Fußballs im Sommer 1991.

Von einer „Vereinigung“ konnte wirklich nicht gesprochen werden. Vielmehr war es ein trauriger Beitritt der ostdeutschen Vertreter, ohne dass der bundesdeutsche Fußball auch nur irgendwelche nennenswerten Zugeständnisse machen musste. Die 1. Bundesliga wurde schlichtweg um zwei Vereine für die erste gesamtdeutsche Saison 1991/92 aufgestockt – mit dabei waren bekanntlich der letzte DDR- / Nordost-Meister F.C. Hansa Rostock und der Vizemeister 1. FC Dynamo Dresden.
Bei der 2. Bundesliga – 1990/91 spielten 20 Vereine in einer Staffel – wurden 1991/92 fix zwei Staffeln eingerichtet und insgesamt auf 24 Vertreter erhöht. In der Staffel Nord war Stahl Brandenburg mit von der Partie, in der Staffel Süd waren der Chemnitzer FC, der FC Carl Zeiss Jena, der VfB Leipzig, der Hallesche FC und der FC Rot-Weiß Erfurt mit dabei. Am Ende der Saison 1991/92 rutschten Stahl Brandenburg, Halle und Erfurt gleich wieder ab. Den Unterbau bildeten von 1991 bis 1994 die drei Staffeln der NOFV-Oberliga, aus denen man quasi gar nicht mehr herauskam. Alle drei Nordost-Meister mussten gemeinsam mit dem Nord-Vertreter in einer Aufstiegsrunde den einzigen Aufsteiger ausspielen. Wenn es schlecht kam, stieg – wie 1992 der VfL Wolfsburg – der Vertreter aus dem Norden auf. Welch ein Desaster!

Zwar milderte die Einführung der vier Regionalligen zur Saison 1994/95 das Ganze ein wenig ab, doch blieben am Ende der jeweiligen Spielzeit vorerst die Aufstiegsspiele zwischen Nordost und Nord. Fast das gesamte Feld der einstigen DDR-Oberliga war zu jenem Zeitpunkt bereits in Dritt-, Viert- und teilweise sogar in Fünftklassigkeit verschollen. „Dank“ der krassen Misswirtschaft und Präsident Otto musste Dynamo Dresden am Ende der Saison 1994/95 direkt von der 1. Bundesliga runter in die Regionalliga Nordost. Allein der F.C. Hansa Rostock schaffte es Dank guter Personalpolitik und kluger Entscheidungen Kurs zu halten und von 1995 bis 2005 noch einmal zehn Jahre am Stück im Fußballoberhaus zu spielen. Hierzu kommt Perry Bräutigam im Buch ausführlich zu Wort.

Um drauf zurückzukommen: Der unfaire Beitritt des ostdeutschen Fußballs zum bundesdeutschen Fußballs im Sommer 1991 ließ den roten Faden spinnen, der sich bis in die Gegenwart zieht. Zu viele ostdeutsche Vereine fielen gleich zu Beginn hinten runter – und kamen teils nie wieder hoch. Egal, wie klug manch ein Verein agiert und mit den Finanzen umgegangen wäre, durch das Nadelöhr nach oben wären so oder so nur wenige gekommen.

Aber gut, ein paar wenige Vertreter haben es dennoch geschafft. Der FC Energie Cottbus überraschte Ende der 90er das ganze Land, und der 1. FC Union Berlin zog sich in mehreren Anläufen aus dem ganz tiefen Schlamassel raus und ist nun ein Dauergast in der 1. Bundesliga. Respekt! Und wenn man sich anschaut, wie tief der 1. FC Magdeburg in den 90ern gesunken war – 1994 wurde die Qualifikation für die neue Regionalliga Nordost verpasst -, dann erfreut es einen umso mehr, dass die Kurve gekriegt wurde und man nun seit elf Jahren dauerhaft in Liga drei und zwei spielte.

Das Buch von Mathias Liebing ist interessant zu lesen und hat viele Anekdoten parat. Schmunzeln musste ich, als ich las, dass einst vor über 30 Jahren in Jena die Werbetafel für ein Reinigungsunternehmen auf ausdrücklichem Wunsch ans Dach der alten Holzhaupttribüne angebracht werden sollte. Dort, wo einst die Flaggen der DDR und des FC Carl Zeiss hingen. Zwar konnte man diese Reklame von der Haupttribüne aus und auch bei TV-Übertragungen nicht sehen, doch war dies dem Unternehmen egal. Die Tafel sollte nun mal genau dort hängen. Basta! Apropos Werbung. Ich wusste auch gar nicht, dass das Unternehmen Carl Zeiss so groß beim 1. FC Heidenheim als Unterstützer dabei war / ist. Man lernt halt niemals aus.

Mathias führt einen zudem gedanklich zurück in eine Ära, in der die 1. Bundesliga in Form von „Anpfiff“, „ran“, „ranissimo“ und „Sport Bild“ omnipräsent und das A&O war. Selbst die 2. Bundesliga war Anfang und Mitte der 90er Jahre medial kaum präsent. Zig tausende Kids im Osten trugen BVB-, Werder- und Bayern-Trikots und hatten Poster von Mehmet Scholl und Brian Laudrup an den Wänden der Kinder- und Jugendzimmer zu hängen. Wer lief damals schon mit einem Union- oder FCM-Trikot herum?! Eine feine Ausnahme bildete der F.C. Hansa Rostock, der im Herbst 1995 bei seinen beiden Exil-Spielen im Berliner Olympiastadion eindrucksvoll zeigte, dass es auch anders gehen kann. Der Lokalpatriotismus, die Liebe und Sehnsucht zur eigenen Region und zum Heimatverein – dies entwickelte sich wieder nach und nach und bildete die Basis dafür, dass der Ostfußball nicht komplett vor die Hunde ging.

Veranstaltungshinweis: Am kommenden Freitag, den 11. September 2026, sind Mathias Liebing und Perry Bräutigam zu Gast in der Thalia Universitätsbuchhandlung (Breite Straße 15-17 in 18055 Rostock) und stellen gemeinsam das Buch „Plattgemacht“ vor. Los geht’s um 19:30 Uhr, der Eintritt kostet 20 Euro.
