Böhlen. Das klang für mich als DDR-Kind stets geheimnisvoll und erinnerte mich an „Bohle“, „Sohle“ und „nölen“. Für meinen Vater war der Industriestandort Böhlen ein guter Begriff, arbeitete er schließlich bei den Fotochemischen Werken in Berlin-Köpenick, die zum ORWO-Kombinat in Wolfen gehörten. Bitterfeld-Wolfen und Böhlen – beides liegt im Großraum Halle-Leipzig – trennen rund 60 Kilometer Luftlinie, und im Haack-Schulatlas lagen demzufolge die Symbole der chemischen Industrie recht eng beisammen. Bitterfeld, Leuna, Buna, Böhlen – das klang nach viel „Rabota“ und strenger Luft.

Während viele DDR-Kinder von ihren Vätern an den Händen genommen und zum DDR-Oberligafußball geschleppt wurden und später als Jugendliche / Halbstarke auf eigene Faust in die Stadien pilgerten, blieb es bei mir nur bei Fußball-Turnieren im Betriebsferienlager und bei Heimspielen der BSG Bau Marzahn auf dem Sportplatz Waldesruh, wo die größeren Kumpels meiner Klassenkameraden gegen das Leder traten.

Gut, um auswärts mit dem 1. FC Union Berlin, dem BFC Dynamo, dem FC Vorwärts Frankfurt (Oder) oder gar dem F.C. Hansa Rostock nach Böhlen zu fahren, war ich so oder so noch zu jung. Die Saison 1982/83 war die letzte DDR-Oberliga-Spielzeit für die BSG Chemie Böhlen, die von 1977 bis 1983 immerhin insgesamt vier Jahre im Fußballoberhaus am Start war. Als die BSG Chemie Böhlen im Stadion an der Jahnbaude am 28. August 1982 auf den F.C. Hansa Rostock traf und sich am Ende 1:1 trennte, war ich gerade neun Jahre alt und kam am Ende der zweimonatigen Schulferien aus dem Betriebsferienlager Eggersdorf bei Strausberg zurück.

Was mir damals in den 1980er Jahren nicht vergönnt war, hole ich nun nach. Auf dem Schienenweg reise ich nach Suhl, Böhlen und Riesa und schaue bei den Spielstätten der einstigen DDR-Oberligisten vorbei. Nach einer sensationellen Sause zur einstigen BSG Motor Suhl und ins dortige Plattenbaugebiet Suhl-Nord sollte es nun ins südlich von Leipzig gelegene Böhlen gehen.

Über Doberlug-Kirchhain, wo es noch nach DDR-Zeiten schnuppert, und Leipzig Hauptbahnhof ging es problemlos nach Böhlen, wo einem bereits im Hintergrund die Türme im Industriegebiet Böhlen-Lippendorf qualmend begrüßen. Ich folgte vom Bahnhof aus der Bahnhofstraße und der Jahnstraße und konnte somit überhaupt nix falsch machen. Immer der Nase nach, einmal über alte Bahngleise – und schon steht man vor der Spielstätte von Chemie Böhlen.

Stets hat man aufgrund alter Fernsehaufnahmen und Fotos gewisse Vorstellungen, doch wirkt vor Ort meist das Ganze völlig anders. Das hohe Gras war gemäht und somit war es möglich, von der Gegengerade aus einen Blick auf die Spielstätte zu werfen. War es in Suhl schon schräg, so fällt es einem vor Ort in Böhlen im Stadion an der Jahnbaude noch schwerer, sich vorzustellen, dass hier einst der DDR-Oberliga-Fußball rollte und die großen Vereine von FC Karl-Marx-Stadt, 1. FC Lok Leipzig, 1. FC Magdeburg, BFC Dynamo bis hin zum F.C. Hansa Rostock zu Gast waren.

Da die 6.000-Einwohner-Stadt Böhlen bereits nach dem Zweiten Weltkrieg industriell gut aufgestellt war, wurden mit der BSG Benzinwerk und der BSG Brennstoff gleich zwei Betriebssportgemeinschaften gegründet. Diese wurden zwei Jahre später in Aktivist West und Aktivist Mitte umbenannt, im Oktober 1952 erfolgte die Fusion zur BSG Aktivist Böhlen. Der am 1. Januar 1969 in BSG Chemie Böhlen umbenannte Verein schickte bereits Anfang und Mitte der 70er Jahre gute Mannschaften ins Rennen und klopfte ans Tor der DDR-Oberliga.

In meinem ersten Lebensjahr wurde die BSG Chemie Böhlen am Ende der Saison 1973/74 Meister der Liga-Staffel D vor der BSG Aktivist Brieske-Senftenberg, der BSG Sachsenring Zwickau II und der BSG Aktivist Schwarze Pumpe („Drücken Pumpe, drücken! Zisch, zisch!“). Im Laufe jener Zweitligasaison kam Torjäger Klaus Havenstein von der ASG Vorwärts Löbau nach Böhlen und erzielte seine ersten sieben Treffer im grün-weißen Trikot.

In der folgenden Aufstiegsrunde kamen im Schnitt 3.500 Zuschauern ins Stadion an der Jahnbaude, doch konnten sich am Ende der Hallesche FC Chemie und die ASG Vorwärts Stralsund gegen Union Berlin, Chemie Böhlen und Wismut Gera durchsetzen. Besser lief es am Ende der Saison 1976/77, als sich die BSG Chemie Böhlen in der Aufstiegsrunde gemeinsam mit der BSG Wismut Gera gegen Chemie Leipzig, Vorwärts Stralsund und Stahl Hennigsdorf durchsetzen konnte. Knapp 5.000 Zuschauer schauten bei den Heimspielen in Böhlen vorbei, im Liga-Alltag waren es noch 1.370, und der Publikumsliebling Havenstein konnte in der Hauptrunde 13 Tore schießen.

Und schau an! Während der andere Neuling aus Gera am Ende der Oberliga-Saison 1977/78 wieder absteigen musste, konnte Chemie Böhlen mit 20:32 Punkten die Klasse halten. Der 1949 in Belgershain geborene Klaus Havenstein wurde mal eben mit 15 Treffern der Torschützenkönig der DDR-Oberliga! Chapeau! All die anderen bekannten Torjäger Rüdiger Schnuphase (14), Joachim Streich (13), Wolf-Rüdiger Netz (13) und Eberhard Vogel (12) erzielten weniger Treffer. Fußballer des Jahres wurde damals allerdings die Zwickauer Torhüterlegende Jürgen Croy vor Hans-Jürgen Dörner (SG Dynamo Dresden) und Jürgen Pommerenke (1. FC Magdeburg).

Das zweite Jahr ist meist das schwerste, meinen viele. Im Fall der BSG Chemie Böhlen war es so. Am Ende der Oberliga-Saison 1978/79 musste gemeinsam mit dem F.C. Hansa Rostock der bittere Weg in die Zweitklassigkeit angetreten werden. Denkwürdig bleiben einerseits das 3:10 gegen den BFC Dynamo – wer schaffte es, drei Tore gegen den BFC zu schießen? – und andererseits die beiden Siege (2:0 und 2:1) gegen die BSG Wismut Aue.

Sowohl Hansa Rostock, als auch Chemie Böhlen schafften den direkten Wiederaufstieg. Und hey, die größte Zuschauerkulisse gab es in der Aufstiegsrunde beim Duell F.C. Hansa Rostock vs. BSG Chemie Böhlen im Ostseestadion, wo 18.000 Zuschauer den 1:0-Sieg der Nordlichter sahen. Verlass war wieder auf Legende Klaus Havenstein. Zu den 30 (!) Toren in der Liga-Staffel C kamen drei Treffer in der Aufstiegsrunde hinzu.

An der 10. POS „Helene Weigel“ in Berlin-Mahlsdorf besuchte ich die 1. Klasse und in der DDR-Oberliga erzielte Havenstein in der Saison 1980/81 mal eben wieder 17 Treffer. Diese waren jedoch zu wenig, schossen seine Mitspieler nur acht weitere Tore. Allerdings betrug am Ende der Rückstand zum rettenden Ufer nur zwei Punkte. Gemeinsam mit Stahl Riesa ging es wieder runter, und noch einmal gelang Chemie Böhlen die Rückkehr in die Oberliga.

Punktgleich mit Vorwärts Dessau wurde man in der Liga-Staffel C Meister – Havenstein schoss 16 Tore – und in der Aufstiegsrunde konnte sich Böhlen souverän gemeinsam mit Union Berlin durchsetzen. In der Oberliga-Spielzeit 1982/83 steuerte Havenstein wieder 13 Tore bei und seine Mitspieler erzielten weitere 18 Treffer, doch war dieses Mal die Abwehr eine Katastrophe. Mit 80 Gegentreffern in 26 Spielen steigt man nun mal verdient ab. Zu null konnte kein einziges Mal gespielt werden, gegen den BFC und Vorwärts Frankfurt kassierte man daheim neun und acht Tore.

In der Saison 1983/84 reichte es in der Staffel C hinter der ASG Vorwärts Dessau nur zu Rang zwei, in den Folgejahren war schließlich die Luft raus und Chemie Böhlen blieb bis zur Wende zweitklassig. Allerdings wurde Chemie Böhlen in der Wende-Saison 1989/90 in der Liga-Staffel B Meister vor der BSG Chemie Leipzig und qualifizierte sich somit für die alles entscheidende Oberliga-Saison 1990/91. Ärgerlich aus heutiger Sicht: Am 30. Juni 1990 fusionierte Chemie Böhlen, das damals von Jimmy Hartwig trainiert wurde, mit dem FC Grün-Weiß Leipzig (Nachfolger der BSG Chemie Leipzig) zum FC Sachsen Leipzig, der schließlich 1990/91 im nordostdeutschen Fußballoberhaus antreten durfte.
Die restlichen Spieler traten indes als SV Chemie Böhlen in der Bezirksliga Leipzig an, 1994 gelang der Aufstieg in die Landesliga Sachsen, nach dem Insolvenzverfahren musste 1997 diese Spielklasse wieder verlassen werden. Spielte man 2021/22 noch in der Kreisoberliga, so sucht man aktuell leider vergeblich nach einer ersten Mannschaft des SV Chemie Böhlen. Nach dem damaligen letzten Platz wurde die erste Herrenmannschaft zurückgezogen und in der Folge tragen nur noch Junioren-Mannschaften das Trikot des SV Chemie Böhlen.


Für mich hieß es nach dem Ausflug zum Stadion an der Jahnbaude weiterzugehen zum anderen Stadion in Böhlen, das quasi nur einige hundert Meter Luftlinie entfernt liegt. 2013 wurden bei „Europlan“ noch Fotos von einem weiten Rund mit akzeptablen Rasen hochgeladen, in der Gegenwart bietet sich in der Sportstätte, das auch „Stadion an der Waldstraße“ bzw. „Stadion am Freibad“ genannt wurde, ein trauriger Anblick. Zwar stehen beide Tore noch, doch wurden inzwischen große Erdhügel aufgeschüttet. Einen Spielbetrieb wird es dort nie wieder geben, und wer Lost Grounds mag, der sich sollte sich sputen, dort noch einmal einen letzten Blick auf die bewachsenen Ränge zu werfen.


Mit einer gewissen Melancholie ging es zurück zum Bahnhof Böhlen und von dort aus über Eilenburg Ost und Torgau – welch ein krasser Gegensatz zwischen beiden Bahnhöfen! – weiter nach Calau und Berlin. Und ja, die nächste Tour führt mich in Kürze nach Riesa! Auf die alten Zeiten! Sport frei!

Anmerkung: Wer meine Tätigkeit unterstützen möchte oder sich ganz einfach für gute Fußballlektüre interessiert, dem sei ein Blick auf meine private Webseite empfohlen: www.marco-bertram.de
Bei Fragen und Anmerkungen kann auch ganz einfach eine Mail geschrieben werden: marco.bertram@gmx.de

Fotos: Marco Bertram, Hansa-Fans Schwerin