Vier Trainerwechsel innerhalb weniger Tage in den ersten drei deutschen Ligen: Borussia Mönchengladbach, Hannover 96, SV Wehen Wiesbaden und Hansa Rostock haben auf ihre sportliche Situation reagiert. Unser Trainer-Radar zeigt, bei welchen weiterhin amtierenden Trainern der Druck besonders groß ist.
Der turus Trainer-Radar schaut fortlaufend auf die Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga. Grundlage ist eine regelbasierte redaktionelle Einschätzung, in die unter anderem Saisonziel, Punkteschnitt, Tabellenlage und aktuelle Entwicklung einfließen. Wichtig dabei: Der ermittelte Wert aus dem die Bewertung generiert wird ist eine prozentuale Entlassungswahrscheinlichkeit, aber ist kein Fakt für vereinsinterne Trennungspläne.
Gladbach, Hannover, Wiesbaden und Rostock wechseln den Trainer
Den ersten Wechsel vollzog Borussia Mönchengladbach. Nach drei Niederlagen zum Start in die Bundesliga stellte der Verein Eugen Polanski am 13. September mit sofortiger Wirkung frei. Bis zur Verpflichtung eines neuen Cheftrainers führt Jan-Moritz Lichte die Mannschaft gemeinsam mit Markus Gellhaus. Die lange Länderspielpause kommt dabei zum richtigen Zeitpunkt.
Die sportliche Ausgangslage ist schwierig. Gladbach steht nach drei Ligaspielen mit null Punkten auf Rang 17, als Saisonziel ist im Trainer-Radar ein Mittelfeldplatz hinterlegt. Lichte selbst hat noch kein Ligaspiel als verantwortlicher Cheftrainer absolviert. Der aktuelle Radarwert von 65,3 (nicht veröffentlicht) und die Einstufung „hoch“ ist noch eine Altlast, an die sich das neue Trainerteam abarbeiten dürfen.
Nur einen Tag später reagierte Hannover 96. Christian Titz und Co-Trainer André Kilian wurden am 14. September freigestellt. U23-Trainer Lars Barlemann übernimmt zunächst interimsweise, unterstützt von Christian Schulz und dem bisherigen Trainerstab.
Der Abstand zwischen Anspruch und bisheriger Ausbeute ist groß: Hannover steht nach fünf Spielen mit vier Punkten auf Rang 15 und kommt auf 0,8 Punkte pro Ligaspiel. Im Trainer-Radar ist der direkte Aufstieg als Saisonziel mit einem Zielwert von 1,85 Punkten pro Spiel hinterlegt. Barlemann hat für die Profis noch keine eigene Ligabilanz.
Auch in der 3. Liga wurde zweimal gehandelt. Der SV Wehen Wiesbaden stellte Daniel Scherning und Andreas Zimmermann am 14. September frei. Frank Steinmetz und Giuliano Modica übernahmen zunächst gemeinsam. Der SVWW steht nach sechs Spielen mit fünf Punkten auf Rang 18. Als Ziel sind ein Mittelfeldplatz und ein Schnitt von 1,4 Punkten pro Spiel hinterlegt.
Einen Tag später folgte Hansa Rostock. Der FCH trennte sich mit sofortiger Wirkung von Daniel Brinkmann und Co-Trainer Dirk Flock. Vorläufig übernahmen Yannic Thiel und Adam Susac die Verantwortung.

Sportlich unterscheidet sich Rostocks Situation deutlich von den anderen drei Wechseln: Hansa hat aus sechs Ligaspielen elf Punkte geholt und steht auf Rang fünf. Das hinterlegte Ziel ist allerdings der direkte Aufstieg mit 1,82 Punkten pro Partie als Zielwert. Die kurzfristige Nachfolge ist auch hier nicht mit einem bereits etablierten neuen Cheftrainer gleichzusetzen.
Wer steht jetzt besonders unter Druck?
Beim Hamburger SV weist der Trainer-Radar derzeit einen der höchsten Werte unter den regulär amtierenden Trainern aus. Merlin Polzin steht nach drei Bundesliga-Spielen bei null Punkten. Der HSV ist Tabellenletzter und liegt mit seinem bisherigen Punkteschnitt deutlich unter dem für den Klassenerhalt hinterlegten Zielwert von 1,05 Punkten pro Spiel.
Der Radarwert liegt bei 73,5, Risikostufe „hoch“. Gegen eine vorschnelle Interpretation spricht allerdings die aktuelle Rückendeckung des Vereins. Zuletzt gab es konkrete Berichte über eine längerfristige Zusammenarbeit mit Polzin und laut Medienberichten wurde der Vertrag auch verlängert. Die statistisch schwierige Lage bedeutet deshalb nicht automatisch, dass unmittelbar eine Trennung bevorsteht. Das nächste Ligaspiel dürfte vor allem sportlich zeigen, ob der HSV den Fehlstart stoppen kann.
Auch Mauro Lustrinelli beim 1. FC Union Berlin seit Anfang der Saison unter Vertrag läuft es aktuell nicht so nach Plan. Saisonziel ist der Klassenerhalt, was ein Punkteschnitt von 1,05 erfordert. Nach zwei Niederlagen und einem Unentschieden wartet noch viel Arbeit. Der aktuelle Tabellenplatz 16 liegt unter dem Ziel. Aber der Trainer hat aktuell noch die Rückendeckung des Vereins. Das kann sich aber schnell ändern.
Eine andere Ausgangslage hat Jahn Regensburg. Trainer Sascha Hildmann steht nach sechs Spielen bei einem Sieg, einem Unentschieden und vier Niederlagen. Vier Punkte bedeuten 0,67 Punkte pro Spiel und Tabellenplatz 20. Der im Radar hinterlegte Zielwert für das Saisonziel Mittelfeld liegt bei 1,4 Punkten.
Der Radarwert von Hildmann beträgt aktuell 56, Risikostufe „hoch“. Hier gibt es auch einen belastbaren historischen Vergleich: Am 11. September lag der Wert noch bei 40 und damit in der Stufe „erhöht“. Der Druck laut Trainer-Radar ist seitdem also tatsächlich gestiegen. Ausschlaggebend dafür ist die aktuelle sportliche Leistung / bzw. Talfahrt.
Auch bei Holstein Kiel ist die Lage angespannt. Die Mannschaft von Tim Walter hat nach fünf Zweitligaspielen noch keinen Sieg eingefahren. Drei Unentschieden und zwei Niederlagen ergeben drei Punkte, Tabellenplatz 18 und einen Schnitt von 0,6 Punkten.
Für das Saisonziel Mittelfeld sind 1,3 Punkte pro Spiel hinterlegt. Walters Radarwert steht bei 50,1 und damit ebenfalls auf „hoch“. Am 11. September waren es noch 37 Punkte. Auch hier ist der Druck nach den vorliegenden Vergleichswerten gestiegen.
Wer könnte als Nächstes gehen?
Eine seriöse Eingrenzung auf einen einzigen Trainer ist derzeit kaum möglich. Die statistisch auffälligen Fälle unterscheiden sich zu stark: Beim HSV ist die sportliche Lage besonders schlecht, bei Regensburg und Kiel gibt es dagegen eine klare Kombination aus schwachem Saisonstart, deutlicher Abweichung vom jeweiligen Zielwert und zuletzt gestiegenem Radarwert.
Damit gehören Sascha Hildmann und Tim Walter zu den Trainern, deren Entwicklung an den kommenden Spieltagen besonders genau zu beobachten ist. Einen sicheren „nächsten Rauswurf“ lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Der Trainer-Radar ist eine redaktionelle Risikoeinschätzung – keine Information über bereits getroffene Entscheidungen in den Vereinen.
Vier Interimslösungen machen die nächsten Tage zusätzlich spannend
Neben den Trainern unter sportlichem Druck richtet sich der Blick nun auf die vier Vereine, die bereits gehandelt haben. Bei Gladbach, Hannover, Wehen Wiesbaden und Hansa Rostock muss sich zeigen, wie lange die Übergangslösungen bestehen bleiben und wann dauerhafte Cheftrainer präsentiert werden.
Alle aktuellen Trainer, Risikostufen, Punkteschnitte, Ziele und Veränderungen werden im aktuellen turus Trainer-Radar fortlaufend aktualisiert.
