Jahn-Sportpark in Berlin (1995)

Lost Grounds in Europa: Die Legenden bleiben!

White Hart Lane im Januar 1993. Maine Road zu Ostern 1993. Das alte Estádio do Sport Lisboa e Benfica im März 1994. Das Stadion Dziesięciolecia Manifestu Lipcowego (Stadion X-lecia) in Warschau im Dezember 1995. Mein erster Besuch im Berliner Jahn-Sportpark im August 1994. Allesamt Erinnerungen wie aus einem alten Leben. 

Maine Road in Manchester (1993)
Maine Road in Manchester (1993)

Unvergessen bleibt die Rückseite der alten Tribüne des Stadions Maine Road von Manchester City, die eher einem Verschlag glich. Ebenso unvergessen bleibt unser Ausflug in die polnische Hauptstadt am 06. Dezember 1995, als abends bei minus 20 Grad Legia Warschau die Jungs von Spartak Moskau empfing und wir tagsüber dem alten verwaisten Nationalstadion einen Besuch abstatteten. Unten auf dem vereisten Rasen fertigte ich von mir ein Erinnerungsfoto an, oben auf dem Ring durften wir die Stände des einstigen „Jamark Europa“ bestaunen. Osteuropäisches Flair vom Feinsten!

Stadion Dziesięciolecia in Warschau
Stadion Dziesięciolecia in Warschau

Hätte ich mir träumen lassen, dass ich drei Jahrzehnte später ein Buch in den Händen halten würde, in dem von diesen legendären, inzwischen von der Bildfläche verschwundenen Stadien ausführlich berichtet wird?! 

Als „Tal der Depressionen“ betitelte der Autor Michael Höller dieses einstige kolossale Bauwerk, das einst bis zu 100.000 Zuschauern einen Platz bot. Es war Michaels erste Tour ins Landesinnere von Polen und er kann sich noch gut erinnern, als er vom oberen Rand aus in das weite, flache und menschenleere Rund starrte. Seine Eindrücke fasste Michael Höller in folgende Worte: „Ein krasser Kontrast zu dem chaotischen Jarmark Europa, einem gigantischen Polenmarkt, der den Ground umgab. Mit dem Leipziger Zentralstadion hatte ich schon mal eine ähnlich große Schüssel gesehen, aber diese hier war an Trostlosigkeit nicht zu überbieten. … Die Monotonie der abfallenden Ränge war gnadenlos, genauso wie sein Name Stadion Dziesięciolecia Manifestu Lipcowego. Es gab weder eine Überdachung noch eine nennenswerte Tribüne oder Loge, die dem Auge etwas Abwechslung hätte bieten können.“

Stadion Dziesięciolecia in Warschau
Stadion Dziesięciolecia in Warschau

Als ich das entsprechende Kapitel im Buch „Ein Stadion geht – die Legende bleibt“ von Michael Höller las, stimmte ich zu 100 Prozent zu. Mein Eindruck war 1:1 derselbe, nur das bei meinem Besuch noch die eiskalte Brise dazukam. Als Michael und ich einst den Warschauer Kessel besucht hatten, was das Stadion X-lecia noch ein „Ghost Ground“, inzwischen jedoch ist er ein klassischer „Lost Ground“. Im September 2008 wurde mit den Abrissarbeiten begonnen, am 29. Januar 2012 wurde an gleicher Stelle das neue Stadion Narodowy eröffnet.

Als Michael Höllers grandioses Werk über die Lost Grounds bei mir eintraf, blätterte ich den ganzen Abend in den Seiten und suchte vorab erst einmal unsere Schnittmengen. Ich studierte seine auf der Landkarte eingezeichneten Standorte, die er in all den Jahren besucht hat, und überlegte, wo es mich auch in den vergangenen 35 Jahren hinverschlagen hatte. 

Jahn-Sportpark in Berlin (1995)
Jahn-Sportpark in Berlin (1995)

Stadion im Weidenpescher Park in Köln, der Sportplatz Bar Kochba in Leipzig, das alte Wembley Stadion in London, das Bökelbergstadion in Mönchengladbach, das Stadion Miejski w Walbrzychu (Nowe Miasto), der Sportplatz Paulshöhe in Schwerin, das West Ham Stadium in London, das Arsenal Stadium in London, das Düsseldorfer Rheinstadion, der Berliner Jahn-Sportpark und das besagte Stadion X-lecia in Warschau – die gemeinsame Schnittmenge ist nicht allzu groß, doch es gibt sie. 

altes Zentralstadion in Leipzig
altes Zentralstadion in Leipzig

Und ja, wir bemerken bereits im Fall Paulshöhe Schwerin, dass nicht jeder Fall der gleiche ist. Und so folgt in Michael Höllers Buch nach Danksagung und Vorwort erst einmal eine ausführliche Definition. Was ist ein Lost Ground? Manchmal werden Stadien umgebaut, manchmal sind Stadien verfallen und zugewuchert, manchmal überdauern Überreste das Ganze. Mal ist es eine Spielfeldumzäunung wie beim Sportplatz Schlupkothen oder ein Mauerpfeiler wie beim Stadion am Stadtpark (Bayer-Platz) in Leverkusen. In anderen Fällen blieb ein Flutlichtmast stehen (Jules Ottenstadion in Gent), mal erinnert das alte Umkleidelokal (Lord Nelson Ground in London) an die einstige Sportstätte. In anderen Fällen lassen Geländeformen / Erdwälle wie beim einstigen Vorwärts-Stadions in Leipzig den ehemaligen Standort erkennen. Und klar, häufig erinnern Tafeln, Denkmäler und Straßennamen an einstige Stadien wie „The Den“ in London oder das Stadion Donnerschwee in Oldenburg.

Auf über 250 großformatigen Seiten führt der Autor und Groundhopper Michael Höller die Leserinnen und Leser durch die Geschichte all der von ihm besuchten Standorte. Für sein Buch „Ein Stadion geht – die Legende bleibt“, das 29,95 Euro kostet und beim Meyer & Meyer Fachverlag erschien, suchte er hunderte diese Lost Grounds auf, und seine Reisen führten ihn dabei durch ganz Europa. Von Spitzbergen bis nach Malta, von den Azoren bis in den Kaukasus. Mit seinem Werk lässt Michael Höller uns verstehen, warum die eigentliche Seele des Fußballs nur fernab von Pay-TV und Hochglanzstadien zu finden ist.

Tagträume in der Anzeigetafel – das Stadion Za Luzankami in Brno. Bergwerk und Ground – das Stadion ul. Gornicza in Nowa Ruda. Fußball im Vergnügungspark – The Kursaal in Southend-on-Sea. Der Umzug in Urnen – Bootham Crescent in York. Winterreise ins Ungewisse – das Stadion Torpedo in Lviv. Sepp Herbergers Heimat – der Sandacker in Mannheim. Im radioaktiven Dschungel – das Stadion Avangard in Prypjat. Es gibt kaum ein Kapitel, das nicht spannend und interessant zu lesen ist. Zudem ist jeder Text passend bebildert.

Estádio da Luz (1994)
Estádio da Luz (1994)

Als Bonbon gibt es am Ende des Buches ein Kapitel über den Weidenpescher Park in Köln zu lesen. Der Clou: Michael Höller konnte herausfinden, wo genau die Standorte der Plätze waren, auf denen 1905 und 1910 die Endspiele um die Deutsche Fußballmeisterschaft ausgetragen wurden. Chapeau! Dieses Buch ist wirklich gelungen – und somit kann ich es ohne Abstriche weiterempfehlen!

Fotos: Marco Bertram, turus-Archiv

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