TSG Hoffenheim II vs. Hansa Rostock

Hoffenheim II vs. Hansa Rostock: 20 Jahre Stendal Randale – ein Rückblick

771 Kilometer pro Strecke von Rostock nach Hoffenheim / Sinsheim – und auch im Dietmar-Hopp-Stadion hinterließen die Hansa-Fans wieder einmal ihr Denkmal. Rund 2.300 bis 2.500 der insgesamt 2.966 Zuschauer drückten dem F.C. Hansa Rostock fest die Daumen und sorgten wieder einmal für eine beeindruckende Stimmung auf den Rängen.

Nach der empfindlichen 0:3-Niederlage gegen den FC Ingolstadt 04 und dem Weggang des Stürmers Ryan Naderi, der in Glasgow bereits im Trikot des Rangers FC auflaufen durfte, sollten nun nach Möglichkeit wieder drei Punkte mitgenommen werden, um in der Tabelle oben dran zu bleiben.

08. Februar 2026 – fast auf den Tag genau vor 20 Jahren fand am 05. Februar 2006 auf dem Bahnhof Stendal die schwere Randale statt, die bundesweit für fette Schlagzeilen sorgen sollte. Zu den Hintergründen der heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei gibt es weiter unten einen ausführlichen Text zu lesen. 

Choreo im Februar 2019
Choreo im Februar 2019

Bereits im Februar 2019 gab es beim Heimspiel gegen Unterhaching auf der Südtribüne eine Choreo zu sehen, die an die Ereignisse in Stendal erinnerten. „STENDAL RANDALE“ stand vor sieben Jahren in fetten weißen Lettern geschrieben, das „S“ und das „R“ wurden blau hervorgehoben. Mit hochgehaltenen Zetteln wurde ein riesiges weißes „ACAB“ auf schwarzem Grund gebildet. Logisch, dass im Nachfeld der damaligen Partie über diese Choreo heiß diskutiert wurde.

TSG Hoffenheim II vs. Hansa Rostock
TSG Hoffenheim II vs. Hansa Rostock

Zum runden Jubiläum ließ man es sich auswärts bei der TSG Hoffenheim nicht nehmen, mit einem langen Spruchband an die Ereignisse zu erinnern. „ZWANZIG JAHRE STENDAL RANDALE“ – auch hier gab es weiße Buchstaben auf schwarzem Grund. Dazu wurde in zentraler Position ein gemaltes Motiv von einem Pressefoto präsentiert, das damals in Spiegel & Co. häufig abgedruckt wurde. An einer Gebäudeecke stehen Feuerwehrleute und Polizisten, rechts daneben steht ein behelmter Polizist mit vorgehaltenem Schutzschild, der Boden ist mit Steinen übersät, und im Hintergrund steht ein Polizeifahrzeug lichterloh in Flammen. „Rostock, wir haben ein Problem“, titelte im Jahr darauf der Spiegel, als auswärts in Essen ein Flammenmeer im Block entstand und das Magazin einen Blick aufall die zurückliegenden Ereignisse warf.

TSG Hoffenheim II vs. Hansa Rostock
TSG Hoffenheim II vs. Hansa Rostock

Zur Vergangenheit jedoch weiter unten – bleiben wir zunächst beim gestrigen Spiel bei Hoffenheim II. „Hurra, hurra, die Rostocker sind da!“, hallte es von den Rängen, als das besagte Spruchband präsentiert wurde. Anschließend ertönte das berühmte Lied  vom „Schließer“ aus dem Gästeblock. Als schwarzer Rauch emporstieg, durfte das „Fußballterror und Randale – immer wieder FCH“ nicht fehlen – und das mit beeindruckender Lautstärke! Im späteren Verlauf gab es hinter der VTPNB-Zaunfahne und der Wolgastä-Zaunfahne noch ein paar rote Fackeln zu sehen.

TSG Hoffenheim II vs. Hansa Rostock
TSG Hoffenheim II vs. Hansa Rostock

Und auf dem Rasen? Die Zeichen auf Sieg? Zunächst ja! Nach einer halben Stunde kreuzte Schuster bei seiner Ecke die Arme – und schon fand der Ball den Kopf von Florian Carstens, der das Spielgerät im Hoffenheimer Gehäuse unterbrachte. Klasse Ecke – klasse Kopfball – klasse 1:0-Führung für den FCH! Und es lief! In der 39. Minute hätte Voglsammer auf 2:0 erhöhen können, doch traf er nur den Querbalken.

TSG Hoffenheim II vs. Hansa Rostock
TSG Hoffenheim II vs. Hansa Rostock

Nach einer Stunde kam Hansa in Form von Jan Mejdr über die rechte Seite, der Ball wurde reingebracht, und mit der Hacke konnte Emil Holten auf 2:0 für Hansa erhöhen. Na geht doch! Der Sieg in trockenen Tüchern? Leider nicht! Hansa blieb nicht genug am Drücker, Hoffenheim II kam besser ins Spiel, in der 70. Minute ließ Hansa-Torwart Benjamin Uphoff nach einem Schuss den Ball abprallen, und Yannis Hör erzielte für Hoffenheim II den 1:2-Anschlusstreffer. 

Und dann! Nach einer Rostocker Ecke köpfte Carstens den Ball in Richtung Tor – und der Ball traf ganz klar die Hand des Gegenspielers. Ein Aufschrei – klarer Handelfmeter, doch das Spiel ging weiter! Extrem ärgerlich für Hansa Rostock! Meine Güte, was hatte die linke Hand des Hoffenheim-Spielers so weit oben zu suchen?!

Und es kam noch schlimmer! In der 87. Minute gab es einen Elfmeter – und zwar für den Gastgeber. Bergh hatte die Hand auf der Schulter des Gegenspielers, und dieser nahm die Einladung dankend an. Deniz Zeitler trat an und verwandelte den Elfer souverän zum 2:2. Ärgerlich hoch drei!

TSG Hoffenheim II vs. Hansa Rostock
TSG Hoffenheim II vs. Hansa Rostock

Am Ende blieb es beim 2:2, und aus Rostocker Sicht durfte man froh sein, dass zumindest Energie Cottbus in Ingolstadt nicht über ein 0:0 und Rot-Weiss Essen in Aachen nicht über ein 3:3 hinauskamen. Big points holten indes der VfL Osnabrück gegen den TSV Havelse (2:0) und der MSV Duisburg gegen den SC Verl (4:2). Ganz klar fühlte sich das 2:2 in Hoffenheim (fast) wie eine Niederlage an, doch zeigte sich immerhin, dass auch ohne Naderi wundervolle Treffer erzielt werden können. Darauf lässt sich aufbauen! Nun gilt es daheim gegen den VfL Osnabrück nachzulegen!

Wie eingangs erwähnt folgt nun der Rückblick auf den 05. Februar 2006 in Form eines Textes, der als Kapitel im Buch „Kaperfahrten – Mit der Kogge durch stürmische See“ abgedruckt wurde:

„Rote Kogge, blaues Segel, tätowiert auf seinem Bein. War dabei in Bochum, in Stendal. Hinterlässt in Dresden und Frankfurt sein Denkmal. Denk mal schon, dass er weiß, was er tut. Hansa Rostock bis auf’s Blut…“, heißt es im Song „Romeo und Julia“ von Marsimoto. Stendal! Dieser Name brannte sich ein. Die Bilder von den brennenden Polizeifahrzeugen brannten sich ebenso ein. Solch einen Ausbruch der Gewalt hatte man bis dato in Deutschland selten gesehen. Das Szenario erinnerte ein wenig an das Duell Kickers Offenbach vs. SV Waldhof Mannheim im Mai 1999, als die Straßen mit Steinen und Flaschen übersät waren und zerstörte Autos quer auf der Fahrbahn standen. Die Ereignisse vom 05. Februar 2006 in Stendal reihten sich jedoch nahtlos ein in andere Bambule-Spiele der Nullerjahre, die beim Fußball den Übergang zwischen den wilden, teils eher chaotischen 90ern und der von riesigen Choreos und perfekt organisiertem Support geprägten Gegenwart bildeten. Die schwere Randale beim Zweitligaspiel Rot-Weiss Essen vs. Eintracht Frankfurt im Oktober 2004, der Platzsturm beim Oberligaspiel BFC Dynamo vs. 1. FC Union Berlin im Frühjahr 2006, das gigantische Feuer im Gästeblock beim Rostocker Auftritt an der Essener Hafenstraße im April 2007. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Randale in Stendal, 05.02.2006
Randale in Stendal, 05.02.2006

Genau in jene Zeit fiel das Auswärtsspiel des F.C. Hansa Rostock bei Eintracht Braunschweig. Am 05. Februar 2006 saßen bereits hunderte Hansa-Fans in den Zügen und Autos, als die Nachricht nach und nach durchsickerte, dass aufgrund der Witterung die Partie abgesagt werden müsse. Viele erfuhren erst aufgrund der Durchsage auf dem Bahnhof Stendal von der Spielabsage. Unfassbar! Wurde im Vorfeld nicht immer wieder betont, dass die Partie in jedem Fall über die Bühne gehen würde?! Es war der 20. Spieltag der Zweitligasaison 2005/06, und Hansa Rostock war – so wie auch Eintracht Braunschweig – im Mittelfeld zu finden. Mit einem Auswärtssieg beim Tabellennachbarn hätte allerdings der Rückstand auf Rang drei – belegt von der SpVgg Fürth – auf sechs Punkte verkürzt werden können. Noch waren 14 weitere Spieltag zu absolvieren. 

Letztendlich gingen an jenem Spieltag sämtliche Partien über die Bühne, nur die Auswärtsspiele von Dynamo Dresden in Offenbach und von Hansa Rostock in Braunschweig wurden abgesagt. Endstation Stendal. Angekommen auf einem Bahnhof, der berühmt ist für seinen skurrilen Röxer Tunnel. Wie es letztendlich zu den schweren Ausschreitungen kam? Dazu wird jeder seine eigene Betrachtungsweise haben. Fakt ist, dass bereits die Anfahrt aus Rostock und Schwerin eine echte Qual war. Die einstöckige Regionalbahn glich einem Viehtransport, in dem sich die Hansa-Fans quetschten und sprichwörtlich stapelten. Wer dringend aufs Klo musste, dem konnten schon mal die Tränen in die Augen schießen, weil zum einen die Polizei und zum anderen die krassen Umstände es nicht zuließen, das nächste WC zu erreichen. So kam es, dass einem arg Notgeplagten schon mal eine leere Cola-Flasche gereicht wurde, um sich inmitten der Massen erleichtern zu können.

Randale in Stendal, 05.02.2006
Randale in Stendal, 05.02.2006

In Stendal selbst standen zu Beginn hunderte Hansa-Fans auf dem Bahnhof, und es machten sich eine gewisse Ratlosigkeit und Resignation breit. Langes Warten. Worauf eigentlich? Gute Frage! Nach und nach rückte immer mehr Polizei an, es sollte vermutlich verhindert werden, dass sich all die Fans auf den Weg in die Innenstadt machen. Nach und nach schaukelte sich das Ganze hoch. Ein schätzungsweise 12- oder 13-jähriger Hansa-Fan, der aus der Not heraus an eine Wand pullerte, wurde sogleich von den Polizeibeamten belegt und aufgefordert, seine Personalien zu zeigen. Eine Farce! Logisch, dass sein Vater und andere umstehende Hansa-Fans schnell auf 180 waren. Wer kennt nicht solche Situationen bei Auswärtsfahrten?! 

Randale in Stendal, 05.02.2006
Randale in Stendal, 05.02.2006

Schon bald waberte Rauch aus einer Unterführung raus, Rufe und das Klirren von Glasflaschen ertönte. Noch blieben die meisten ruhig und hielten ihre Handys hoch, um Fotos oder Videos – damals ja noch in sehr geringer Auflösung – anzufertigen. Mit der Ruhe war es dann schnell vorbei, immer lauter hallte das „All Cops are Bastards!“ über den Bahnsteig. Während die Masse mit einem kraftvollen „Hurra, hurra, die Rostocker sind da!“ Dampf abließ, schepperte im Hintergrund immer wieder Glas. Schnell war erkennbar, dass an jenem Tag die Polizei in klarer Unterzahl war, und all die in den Monaten zuvor aufgestaute Wut auf die Polizei entlud sich nun. Die Bahnsteiguhr zeigte 11:40 an, als es kein Halten mehr gab. Nach ersten Auseinandersetzungen hatte sich die Polizei von dem Bahnsteig, auf dem anfangs die gesamten Hansa-Fans standen, teilweise zurückgezogen. Die Rostocker hatten sich inzwischen auf sämtliche Bahnsteige verteilt. Im Hintergrund brannten die ersten Polizeifahrzeuge lichterloh, im Vordergrund wurden mit Steinen die Scheiben des Bahnhofsgebäudes eingeworfen. Immer wieder ertönte das „All Cops are Bastards!“. Die Bilder von den grünen Polizeibussen, aus denen lichterloh die Flammen emporschlugen, gingen später durch das Netz und sorgten für reichlich Gesprächsstoff. 

Auf einem der im Netz kursierenden Videos ist zu sehen, wie wenig später Rostocker über die Gleise gehen, um auf den anderen Bahnsteig zu gelangen. Eine Polizeikette versuchte, das Bahnhofsgebäude abzuriegeln. „Jetzt geht´s zur Sache! Jetzt werden sie gejagt, die Bullen!“, meinte einer im Hintergrund. Noch immer ist das laute Scheppern und Klirren von Glas zu vernehmen. „Wir sind von Rostock, jawoll!“, singen ein paar Fans, die sich die brennenden Polizeiautos anschauten. „Ey geil, Alter!“, zeigte sich der eine erfreut. „Das mit den brennenden Autos würde ich mal lieber weglassen! Also, wenn ich Bulle wäre, würde ich auch…“, erklärte ein anderer. 

Randale in Stendal, 05.02.2006
Randale in Stendal, 05.02.2006

Als die eintreffenden Kräfte der örtlichen Feuerwehr versuchten, die Flammen zu löschen, ertönte auf dem Bahnhof folgende Durchsage: „Die Benutzer der Autos am Bahnhofsvorplatz – bitte versuchen Sie, ihr Auto wegzufahren!“ Die wohl skurrilste Videoaufnahme des Tages stellte ein User am 02. Februar 2007 auf youtube online. Nachdem die Löscharbeiten gefilmt wurden, hielt der Filmende zwei Polizisten die Kamera direkt vor das Gesicht und fragte sie: „Können Sie erklären, wie es dazu kommen konnte?“ Während der Erste einfach nur meinte „Ich sag nix!“, bat der Zweite „Lassen Sie mich bitte in Ruhe!“

Nachdem sich das Ganze halbwegs beruhigt hatte, versuchten einige Hansa-Fans nach Wolfsburg zu fahren, um sich dort das Bundesligaspiel VfL Wolfsburg vs. Borussia Mönchengladbach anzuschauen. Der Großteil machte sich indes wieder auf den Weg gen Heimat. Für die Rückkehrer hatte die Polizei am Rostocker Hauptbahnhof bereits ein Empfangskomitee gebildet, um die Personalien aufzunehmen und etwaige Digitalkameras und Handys einzukassieren. Da die meisten Fans auf solche Maßnahmen keine Lust hatten, wurden Fluchtwege über andere Gleise und Zäune gesucht. 

Randale in Stendal, 05.02.2006
Randale in Stendal, 05.02.2006

Das mediale Echo war indes gewaltig. Solch eine Bambule – und das so kurz vor der WM im eigenen Land. Die breite Masse zeigte sich erschüttert, und auch innerhalb der Fanszene gab es äußerst hitzige Diskussionen. Die einen feierten das Ganze kräftig ab und waren der Meinung, die Polizei hatte das mehr als verdient, die anderen warnten diejenigen, die auf etwaigen Fotos und Videos als Straftäter erkennbar seien. 

Laut Spiegel-Bericht vom 05. Februar 2006 wurden fünf Einsatzfahrzeuge der Polizei in Brand gesteckt und vier Beamte verletzt, zwei davon schwer. In späteren Berichten wurde die Zahl deutlich nach oben korrigiert, so war zwei Tage später von 18 verletzten Polizeibeamten die Rede. Nach Einschätzung der Polizei waren 150 der insgesamt 450 Hansa-Fans gewalttätig gewesen. Während der Vereinsvorsitzende Manfred Wimmer sich in Form einer Stellungnahme von den schweren Ausschreitungen der Fans in Stendal distanziert und eine lückenlose Aufklärung gefordert hatte, forderte die Gewerkschaft der Polizei als Konsequenz ein striktes Alkoholverbot in Zügen und Bahnanlagen.

Dazu kam es jedoch im Allgemeinen nicht, doch zu spüren bekam die Anhängerschaft des F.C. Hansa Rostock die Folgen durchaus. So wurde jedes Auswärtsspiel kurzerhand als Sicherheitsspiel eingestuft, was bedeutete, dass Glasflaschen und Dosen verboten waren. Zudem wurden auf der Fahrt nach Paderborn von zahlreichen Hansa-Fans von der Polizei die Personalien aufgenommen. Um den entstandenen Schaden etwas abzumildern, richtete der Fanbeirat ein Spendenkonto ein, um unter anderen für ein Rollstuhlhubgerät zu sammeln, das auf dem Stendaler Bahnhof zerstört wurde. Allerdings wurde damals vom Fanbeirat auch erklärt, dass die Schuldfrage nicht einseitig beantwortet werden dürfe. Schließlich erlebten die Fußballfans jede Woche zahlreiche Repressionen. In Stendal wurden schlichtweg aufgestaute Aggressionen pur ausgelebt.

Hansa-Kind auf dem Bahnhof Stendal

Anmerkung: Band I „Kaperfahrten – Mit der Kogge durch stürmische See“ ist quasi ausverkauft, und es gibt nur noch sehr wenige Exemplare. Vom ebenfalls 512-seitigen Buch „Kaperfahrten II – 65 Grad Kurs Ost-Nordost“ sind indes noch genügend Exemplare auf Lager. Infos & Bestellmöglichkeit: www.marco-bertram.de oder im turus-Shop.

Fotos: „QuotenQanake“, Marco Bertram, Keili

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