Manchmal ist es doch besser etwas Zeit vergehen zu lassen, bevor man zu wild und emotional aufgewühlt in die Tasten des Laptops haut. Dies bestätigte sich auch im Nachgang zur Partie zwischen den chemischen Vereinen der neuen Bundesländern. Eines sei vorweggenommen – zwischen den Clubs stimmt die Chemie wahrlich nicht.


Das Duell zwischen Halle und Leipzig ist brisant. Das war es laut diversen Erzählungen schon immer. Sei es die Freundschaft, die den 1. FC Lok Leipzig und den Halleschen FC verbindet, oder auch der Fahnenklau der „Diablos Leutzsch“ vor langer Zeit.


Feuer ist immer drin! Auch in der vergangenen Spielzeit, als beide Vereine nach langer Zeit mal wieder gegeneinander antreten mussten, war für reichlich Zündstoff gesorgt. Neutrale Zuschauer berichten von einem „fantastischen Support“ der Leutzscher, sahen aber auch damals schon diverse Verfehlungen des selbsternannten „Saubermann-Vereines“. Jeder kennt es, schuld sind immer die anderen. Probleme und Ausschreitungen gibt es nur beim Stadtrivalen. So das Echo aus dem Leipziger Westen.

Das Sportliche kann man hierbei schnell abhaken, weil es dem Großteil sowieso egal sein wird. Ein torloses Remis. Für Halle enttäuschend, für die BSG Chemie Leipzig eine halbe Sensation. Interessant sind die Ränge. Die waren mit über 12.000 Zuschauern prall gefüllt.

Die Gäste sammelten sich bereits ab 14.30 Uhr am Leipziger Hauptbahnhof zur gemeinsamen Anreise. Knapp vier Stunden später stürmte der Großteil derer den Gästeblock im KWS. Es kam zu ein paar Pöbeleien am Zaun, zeitgleich wurde der Sichtschutz mit übergroßen Wäscheklammern befestigt. Nebenbei explodierte bereits die erste Rakete. Grund genug für die ersten unvermummten Hallenser die Tüchtigkeit der Zäune zu testen. Zwei Ordner versuchten die Situation zu beruhigen, bevor nach Ewigkeiten die Polizei anrückte. Organisation ist alles.

Der schwarze Mob im Block 12 wurde immer größer, die Personen im Gästeblock kauften im Vorfeld der Partie offenbar alle Sonnenbrillen-Abteilungen in den Drogerien der Stadt leer. Optisch ansprechend beglückten die Gästefans die Zuschauer mit zwei Intros – je eines pro Halbzeit. Eine Schalparade mit grünem Rauch, sowie gut organisiertes Gefackel im Hallenser Abendrot. Im Heimbereich erinnerte man an mehrere verstorbene Personen aus dem engeren Umkreis. Ruht in Frieden!

Was dann wirklich für Kopfschütteln sorgte, geschah unmittelbar nach dem Abpfiff. Während das Leutzscher Fanradio aufgrund des wahrlich überraschenden Punktgewinn beim Tabellenführer den besten Orgasmus des Lebens verspürte, begann es im und am Gästeblock unschön zu werden. Mehrere Leuchtspuren und Böller landeten auf dem Spielfeld oder in den anliegenden Blöcken. Getroffen wurden auch Frauen, Kinder und Balljungs.

Worüber wird jedoch im Nachhinein hauptsächlich berichtet? Über die Hallenser und ihren Platzsturm. Vieles erinnert an das vergangene Jahr und das wirklich niemand irgendetwas gelernt hat. Wir relativieren selbstverständlich auch nicht, aber stellen ganz klar fest, dass die meisten unschönen Aktionen im Stadion von der Anhängerschaft der BSG Chemie Leipzig ausgingen.

Eine versuchte Keilerei, Platzstürme und Angriffe auf Mitarbeiter der Leipziger sind absolut beschämend, aber im Grunde genommen eine Reaktion auf die vorherigen Aktionen und Provokationen. An den Pranger gestellt wird allerdings fast ausschließlich der Hallesche FC, weil kein öffentliches Medium die wichtigen Videomaterialien online zur Verfügung stellt.

Dass im Nachhinein im Statement der BSG Chemie Leipzig vor allem auf das Fehlverhalten der Hallenser hingewiesen wird, ist sehr unerfreulich. Unabhängig von jeglicher Rivalität – es wäre doch aller Ehren wert auch das eigene Fehlverhalten zuzugeben und nicht immer nur mit dem Finger auf andere zu zeigen. Geben wir zu, jeder Verein hat Problemfälle in den eigenen Reihen. Das müsste jeder für sich ehrlich aufarbeiten. Ansonsten erleben wir kommende Saison in Halle den dritten Teil der Saga – also zumindest, wenn die BSG Chemie Leipzig den Klassenerhalt schafft!
Fotos: Max Wieler, Marco S. (Archivbilder)

Ist schon lustig, dass bei Facebook dieser Beitrag entfernt wurde. Anscheinend ist dieser Neutrale Bericht doch nicht so neutral.
Super geschrieben Danke. Ja so kennt man Chemie Leipzig: Waren immer die anderen, selber war man es nie. Schön das der Spieler gesperrt wurde auf unbestimmte Zeit. Können in der Oberliga rumtingeln nächste Saison. Kein Verlust.
Das auf den Platzgerenne hätte man sich sparen können. Ganz klar. Das ist für den eigenen Verein immer Mist. Aber wenn man sich die Videos von Anfang bis Ende anschaut, ist schon zu erkennen, dass durchaus lange abgewartet wurde, bis aus dem Heimbereich hinter dem Tor einige rübergeflitzt kamen. Und gewiss, Chemie ist immer gut. Eigentlich Wahnsinn, wie viele Statements die schon rausgeben mussten – und die eigene Anhängerschaft hatte meist einen großem Anteil dran!
Danke an den Verfasser,der wenigstens klar stellt,dass die Aktionen von den Gästen aus gingen. Ich heiße es die Gegenreaktion zwar auch nicht gut,aber bis jetzt hat man in allen Artikeln nur von dem Platzsturm der Heimfans lesen können und nichts davon was vorher war.