Ostkurve bei Hertha BSC

Hertha BSC vs. Freiburg: Packender Pokalabend mit einigen Flashbacks

Kein anderes Stadion hierzulande bietet sich dermaßen gut an, auf innerliche Zeitreise zu gehen, wie das Berliner Olympiastadion. Die Uhr läuft, die Zeit rennt – und inzwischen sind es bereits knappe 36 Jahre her, als ich kurz nach dem Mauerfall das erste Mal die große Schüssel, die ein wenig an eine römische Arena erinnert, betreten habe. Nach dem Schülerländerspiel Deutschland vs. England (0:4) folgte am 11. September 1990 das Freundschaftsspiel der Alten Dame gegen eine Weltauswahl. Jene Partie wurde vom Feuerzeug-Hersteller TOKAI (weltweit Feuer und Flamme) promotet – und somit erhielt jeder der damals knapp 12.000 Zuschauer zur fünf Mark kostenden Eintrittskarte ein gratis Feuerzeug in die Hand gedrückt.

Hertha BSC vs. Weltauswahl (11.09.1990)
Hertha BSC vs. Weltauswahl (11.09.1990)

Meine Güte. Hatte ich das alles nur geträumt oder sind es wirklich die verwaschenen Erinnerungen aus dem eigenen Leben, das inzwischen wirkt, als sei es ein früheres Leben gewesen? Ein Leben in einer völlig anderen Zeit. Wenn ich in der Gegenwart alle ein, zwei Jahre mal ein Hertha-Spiel mitnehme, dann bieten sich die Stadionbesuche immer prima an, um ein Resume zu ziehen. Wo stehe ich gerade? Was war gerade aktuell, als ich das Spiel Hertha BSC gegen XY gesehen hatte? 

Hertha-Fans Anfang der 90er Jahre
Hertha-Fans Anfang der 90er Jahre

Sehr einprägsam waren die Heimspiele im Zeitraum von 1993 bis 1998. Damals nahm ich hier in der Region alles mit, was sich bot, und somit verschlug es mich auch abends unter der Woche bei 5 Grad minus und steifer Brise zu den Heimspielen gegen Mainz 05, den FSV Zwickau und Unterhaching. Manchmal kamen zu solchen Spielen nicht einmal 4.000 Zuschauer und immer wieder fragte ich mich, was ich hier eigentlich suche. Gäbe es nicht zig andere schöne Dinge, die man an jenem Abend hätte machen können?! 

Anzeigetafel im Berliner Olympiastadion, 1993
Anzeigetafel im Berliner Olympiastadion, 1993

Aber gut, die Fahrten von meiner damaligen Wohnung in der Bornholmer Straße bis zum Olympiastadion haben sich eingeprägt. Vom Zoo aus ging es immer mit der U-Bahn zu Hertha, der S-Bahn-Anschluss wurde ja erst im neuen Jahrtausend im Vorfeld der WM 2006 realisiert. In den U-Bahn-Waggons und an all den Ständen zum Stadion konnte man immer prima Sozialstudien vornehmen, bei Pepe Mager vorbeischauen, noch ein Büchsenbier zischen und ungeniert an die Hecken strullern.

Hertha-Fans Anfang der 90er Jahre
Hertha-Fans Anfang der 90er Jahre

Vom Gefühl der 90er ist inzwischen nicht mehr viel zu spüren, doch gibt es Momente, in denen man denkt: Ha, welch eine Zeitreise! Steht man als Zuschauer in der wartenden Masse vor den Toren vor der Ostkurve und hört die knarzenden Ansagen aus den uralten Lautsprechern, so fühlt man sich an die Zeit nach dem Aufstieg 1997 erinnert, als plötzlich 60.000 statt 5.000 Fußballfreunde zur Alten Dame pilgerten und der ganze Ablauf überhaupt noch nicht eingespielt war und es am Einlass mehr als stressig wurde.

Am gestrigen Abend lief es recht gut und glücklicherweise war von den behelmten Beamten nichts zu sehen. Die knarzenden Durchsagen erinnerten irgendwie an den Filmklassiker „1984“ – tu dies und jenes! -, doch waren die Ordner überaus entspannt und sogar zu Späßchen aufgelegt. Haare unter der Mütze oder nicht?

Ostkurve bei Hertha BSC
Ostkurve bei Hertha BSC

Da der Sohn eines Freundes von der Grippe arg getroffen wurde, nahm ich das Angebot an und griff mir das Ticket für stolze 45 Euro im Block O. Oha! Das ist schon satt! Hätte ich vor 30 Jahren gedacht, dass man später mitunter umgerechnet mal eben 90 DM für eine Karte im Unterring hinlegen müsste? Oder hätte ich gedacht, dass es später überhaupt gar keine Tageskassen mehr gibt? Spontan Bock auf ein Abendspiel? Es bleibt nur der Griff zum Handy. Ärgerlich! Sehr, sehr ärgerlich! Ich denke schon, dass dies den einen oder anderen älteren Fußballfreund davor abschreckt, mal spontan zum Stadion zu fahren. Nach dem Motto: Mal schauen, wie sich das Wetter entwickelt und ob Brigitte grünes Licht gibt. Das Geile ist, dass ich – wenn ich nicht im Vorfeld das besagte Ticket erhalten hätte -, einfach so zum Stadion gefahren wäre, um ganz klassisch an der Kasse eine Karte zu kaufen. Wie Falschgeld wäre ich dann dort im Dunkeln herumgetrottet und hätte ich gestaunt – ich Fußball-Opa, der allerdings meist als Pressevertreter die Spiele besucht.

Hertha BSC vs. SC Freiburg
Hertha BSC vs. SC Freiburg

Aber es wird nicht nur genörgelt und gemeckert! Ganz im Gegenteil! Unsere Plätze in Reihe 5 im Block O waren erste Sahne. Ich glaube, so gut und nah hatte ich noch nie ein Spiel im Berliner Olympiastadion gesehen. Mal abgesehen von früheren Partien als Pressefotograf im Innenraum. Wie abseits von allem kann man sich bei kühler Witterung und drögen Spielen in einem fernen Winkel auf dem Oberrang fühlen?! Gestern passte alles. Gute Sicht. Gute Stimmung. Gutes Spiel. So weit unten im Kessel fühlte es es sich ein wenig an wie im besagten Kolosseum oder im Olympiastadion von Rom. Die Ostkurve war bereits vor Anpfiff gut aufgelegt und auch im Gästeblock war ordentlich was los. Die Anhängerschaft des SC Freiburg muss kartonweise Bengalos mitgebracht haben, denn diese wurden alle paar Minuten gezündet. Mal zehn auf einen Schlag, mal fünf, beim Führungstreffer auch mal paar mehr. Das war gut anzusehen! Unter der Woche bei dieser Entfernung – Respekt!

Ostkurve bei Hertha BSC
Ostkurve bei Hertha BSC

Alles schön? Nicht ganz! Jetzt habe ich doch wieder etwas zu meckern! Der VAR! Es ist nicht zu fassen, wie der VAR in ein Spiel, in einen Torjubel, in ein Meer der Freude brutal reingrätscht! Bereits nach sieben Minuten ging Hertha BSC nach einer Ecke mit 1:0 in Führung und der Einzug ins DFB-Pokalfinale schien für die Berliner zum Greifen nahe! Was für ein Jubel im weiten Rund, das mit über 56.000 Zuschauern passabel gefüllt war. Dann erfolgte der Anruf aus dem Kölner Keller – und das Tor wurde aufgrund der Abseitsstellung eines Mitspielers nicht gegeben. Mag sein, dass man das Abseits gelten lassen konnte, doch diese hässliche Verzögerung ist ein Grauen. Klar, ein Blick zum Linienrichter gab es schon immer. Bleibt die Fahne unten?! Aber dies geschah quasi im gleichen Atemzug. Jetzt wird erst einmal schön gejubelt und abgefeiert – und dann gibt es die kalte Dusche. Übel!

Hertha BSC vs. SC Freiburg
Hertha BSC vs. SC Freiburg

In einer flotten Partie gab es in der Folge Möglichkeiten auf beiden Seiten, doch am Ende torlos ging es in die Verlängerung. Mir war es recht. Wenn schon, denn schon über 120 Minuten! Ärgerlich war jedoch der 0:1-Rückstand in der 97. Minute. Nach einem eklatanten Fehler in der Berliner Hintermannschaft kam der lauernde Yuito Suzuki an den Ball, umspielte den Hertha-Keeper und brachte das Leder im Kasten unter.

Freiburger Fans in Berlin
Freiburger Fans in Berlin

Hertha BSC ließ sich jedoch nicht unterkriegen und machte Dampf. In der 104. Minute ging es flott nach vorn, das Spielgerät gelangte zu Fabian Reese, und dieser nahm aus rund 20 Metern mal einfach Maß. Nicht lange gefackelt und oben links rein das Ding! Mein lieber Herr Gesangsverein! Logisch, dass die Hertha-Fans außer Rand und Band waren. Da ging noch was! Das 1:1 wurde über die Zeit gebracht, und demzufolge musste das Elfmeterschießen die Entscheidung bringen.

Hertha BSC vs. SC Freiburg
Hertha BSC vs. SC Freiburg

Die ersten insgesamt fünf Schützen trafen souverän, doch dann konnte der Freiburger Torwart den schwachen Schuss von Michael Bruno Dominique Cuisance halten. War’s das? Nein, noch nicht, denn auch der Freiburger Spieler Johan Manzambi konnte den Ball nicht unterbringen. Alles wieder offen – weiter ging’s im Pokalkrimi! Jeweils zwei weitere Schützen konnten vom Elfmeterpunkt aus verwandeln. Unter ihnen Paul Seguin, welcher der Sohn von der Magdeburger Fußball-Legende Wolfgang Seguin ist. 1974 gewann er mit dem 1. FC Magdeburg den Europapokal der Pokalsieger, 1972 holte er zudem mit der Olympiaauswahl der DDR in München die Bronzemedaille. Paul Seguin wurde 1995 in Magdeburg geboren und spielte in der Jugend nicht beim 1. FCM, sondern beim 1. FC Lok Stendal und beim VfL Wolfsburg. Von Wolfsburg aus führte seine bisherige Laufbahn über Dynamo Dresden, Greuther Fürth, Union Berlin und Schalke 04 zu Hertha BSC.

Hertha BSC vs. SC Freiburg
Hertha BSC vs. SC Freiburg

Während Seguin seinen Elfer unterbringen konnte, war es schließlich Pascal Klemens, welcher der Unglücksrabe des Pokalabends wurde. Sein Schuss war zu zentral – der Freiburger Schlussmann konnte diese abwehren. Während die zahlreichen Freiburger Fans mit ihrer Mannschaft minutenlang ausgelassen den Einzug ins Pokalhalbfinale feierten, muss man sich bei Hertha BSC nun auf den Ligaalltag konzentrieren. Bereits am kommenden Wochenende ist Hannover 96 zu Gast im Olympiastadion, und es gilt, oben Anschluss zu halten.

Den Anschluss suchten auch wir als kleiner Vierer-Truppe auf dem Weg zum Bahnhof Olympiastadion. Es dauerte einige Minuten, bis man das Stadiongelände verlassen hatte und durch matschige Pfützen ging es im Schneckentempo vor bis zu den Bahnsteigen. Diese boten wahrlich keinen optimalen Anblick. Die Anzeigen funktionierten nicht und das Ganze wurde wieder einmal zur Lotterie. Ein, zwei oder drei? Määäp! Der Zonk lachte einen an. Sollte die S9 nach Schönefeld aus Spandau nicht in sieben Minuten einrollen? Ätsch! Eine Viertelstunde lang wechselte die Anzeige von sechs auf sieben und wieder auf sechs. Meine Laune sank merklich, da ich merkte, dass es im Osten der Stadt zeitlich knapp werden könnte. War es doch bereits nach Mitternacht.

Als endlich die S-Bahn einrollte, wurde sich wie zu alten Zeiten in den Waggon gestopft. Mit Schmackes als Haufen hineindrücken – ohne Rücksicht auf Verluste! Ach ja, schön, und wieder kamen alte Erinnerungen hoch. Was waren das für Rückfahrten, als es nur die U-Bahn-Linie gab! Welch ein Stau vor dem alten Bahnhofsgebäude und unten auf dem Bahnsteig! Türen auf – Türen zu! Mächtig wippen und die Waggons so richtig zum Schaukeln bringen. Mitte der 90er gehörte es noch zum guten Ton, auch mal eine Scheibe rauszutreten oder die Innenausstattung zu demolieren. 

Diese Zeiten haben sich glücklicherweise geändert, und gestern konnte man froh sein, dass recht rasch die extrem gefüllte S-Bahn losfahren konnte, ohne dass sich an den Türen gekloppt wurde und irgendeine Signalstörung das Ganze zum Erliegen brachte. Am Westkreuz leerte sich bereits das Ganze halbwegs, da viele die Ringbahn nutzen. Für mich Endstation war am Bahnhof Lichtenberg. Betriebsschluss. Die letzten beiden S-Bahnzüge endeten Lichtenberg, und somit lief ich die letzten Kilometer zu Fuß nach Hause. Kein Ding – kein Akt! Allerdings war klar, dass Hertha-Fans aus Mahlsdorf oder gar Strausberg am gestrigen langen Pokalabend die Arschkarte hatten. Sei es, wie es sei. Nicht mein Stadion, nicht mein Verein, doch der gestrige Pokalabend hatte einiges zu bieten und wird sicherlich im Gedächtnis hängenbleiben. Laut Statistik war es gestern mein 77. Besuch im Berliner Olympiastadion. Noch vier Spiele und dann wird der Jahn-Sportpark (81 Partien), der aktuell abgerissen wird, eingeholt werden. Schauen wir mal! 

Heftiger Frost in Warschau (1995)
Marco auf Achse (Winter 1995)

Anmerkung: Einige Hertha-Spiele aus den 90ern finden Erwähnung im Buch „Zwischen den Welten“, das bereits 2014 auf den Markt kam. Wer mich / uns unterstützen möchte – wir bleiben auch weiterhin eine werbefreie Seite -, der darf gern eines meiner Fußballbücher erwerben! Schaut einfach im turus-Shop oder direkt auf meiner persönlichen Webseite vorbei!

Fotos: Marco Bertram, Hertha-Archiv (Ticket von 1990)

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