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Heißer Herbst 94: Fußball, Tramper-Ticket und totale Freiheit

„Que hay en la bolsa?“ Blöde Frage! Ja, was ist wohl im Beutel? Ein, zwei Fußballschals, ein Packen Dosenbier und das Tramper-Monats-Ticket der Deutschen Bahn für 350 Mark. Die korrekte Antwort im Spanisch-Unterricht des Vorkurses am VHS-Kolleg Schöneberg lautete allerdings: „En la bolsa hay un libro y un paquete de chocolate!“ Dolle Wurst! Aber gut, da musste man durch, wenn man ab Januar 1995 das Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg machen wollte. Ein abendlicher Vorkurs von September bis Dezember 1994 – und ansonsten sehr viel Freiraum und zahlreiche megaspannende Fußballtouren. So ging es unter anderen auf den Tag genau vor 31 Jahren mit der Bahn zum Samstagsspiel ins Münchner Olympiastadion. Und ja, ich schwänzte mal wieder den Vorkurs samt Spanisch-Unterricht.

Berlin Anfang der 90er
Berlin Anfang der 90er

Werde ich gefragt, wann in meinem bisherigen Leben die unter dem Strich lockersten und wildesten Jahre waren, dann gebe ich klipp und klar als Antwort: Der Zeitraum von Herbst 1994 bis Ende 1996. Ja, ich gebe zu, die Wende- und unmittelbare Nachwende-Zeit waren definitiv die spannendste und abgefahrenste Zeit, doch klemmte damals ein wenig das Korsett der Ausbildung. Frühes Aufstehen, ständiger Druck, innere Zweifel. 

Gartenhaus in Waldesruh (1994)
Gartenhaus in Waldesruh (1994)

Die Zeit während des Abis auf dem Zweiten Bildungsweg war indes Freiheit pur. Zurück von der Ausbildung in Leverkusen – in der Hosentasche angesparte 5.000 DM -, da ließ es sich im Herbst 1994 in Berlin gut angehen. Zwar hatte ich bezüglich einer WG in Berlin noch keinen Plan und pennte im Gartenhäuschen auf dem Grundstück meines Vaters in Waldesruh vor den Toren Berlins, doch störte das nicht großartig, da ich eh meist auf Achse war.

Tramper-Monatsticket
Tramper-Monatsticket

Gleich im September 1994 lief ich zum Schalter der Deutschen Bahn und kaufte mir das Tramper-Monatsticket, das für junge Leute bis 22 Jahren sowie Schüler und Studenten bis 26 Jahren zu haben war. Passbild aufgeklebt, Unterschrift gesetzt, 350 Deutsche Mark hingeblättert – und schon konnte es losgehen! Freie Bahn in allen Zügen! Aus Spaß fuhr ich einmal bis Garmisch-Partenkirchen, aus reiner Fußballlust besuchte ich Heimspiele von Bayer Leverkusen, Hamburger SV, Dynamo Dresden und Hansa Rostock.

Abgehärtet von einer langen Interrail-Tour quer durch Europa im März 1994, bei der quasi nur in muffigen Zügen, auf Bahnhöfen, auf Parkbänken und im Schlafsack im Gebüsch bei Lausanne und in den anliegenden Highlands bei Edinburgh im Ginster bei zwei Grad plus und Nieselregen genächtigt wurde, waren die Fahrten quer durch Deutschland ein Kinderspiel. Einen passenden Nachtzug gab es immer, und flexibel war man so oder so.

Gruppenkarte der DB
Gruppenkarte der DB

Der Herbst 1994 bot einige Fußballdelikatessen. So ging es mit einem Sonderzug von Leverkusen aus nach Eindhoven, wo Leuchtkugeln flogen und holländische Polizeipferde zusammenbrachen. „Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da!“ Im Herbst 94 fühlte ich mich wie im Dauerrausch (Video zum Duell in Eindhoven).

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Es konnte gar nicht genug Adrenalin geben, und ich gab mir die volle Packung! Alles, was auf der persönlichen Fußballlandkarte noch offen war, wollte ich nun Dank des DB-Monatstickets mitnehmen.

FC Sachsen Leipzig vs. FC Berlin (1994)
FC Sachsen Leipzig vs. FC Berlin (1994)

FC Sachsen Leipzig vs. FC Berlin (BFC Dynamo) im Alfred-Kunze-Sportpark am 19. November 1994? Nix wie hin da! Ich kaufte mir ein Ticket für die Gegengerade, um einen Blick auf den Norddamm und den gut gefüllten Gästeblock zu haben. Nach den tragischen Ereignissen im Herbst 1990 war viel Dampf in dieser Regionalliga-Partie, die von insgesamt 4.200 Zuschauern besucht wurde. 

FC Sachsen Leipzig vs. FC Berlin (1994)
FC Sachsen Leipzig vs. FC Berlin (1994)

Es dauerte nicht lange, bis ich mit meinen hellblond gefärbten Haaren, meiner schwarzen Lederjacke und meinen umgelegten MUFC-Schal als „Sau-Preuße“ geoutet wurde. Als ich mit meiner kompakten Kamera fleißig ein paar Fotos anfertigte, quakte es neben mir auf feinstem Sächsisch: „Da gibt es nichts zu sehen! Diese scheiß Sau-Preußen!“ Trotzdem knipste ich fleißig auch den rumorenden Gästeblock ab, wo die BFCer am Spielende in den Netzen hingen und hübsch Bambule machten.

FC Sachsen Leipzig vs. FC Berlin (1994)
FC Sachsen Leipzig vs. FC Berlin (1994)

Unmittelbar nach Spielende wollte ich mich aus dem Staub machen. Die auf dem Rasen auflaufenden Polizeipferde und die Polizeikette vor dem Gästeblock ließen vermuten, dass es am Bahnhof Leutzsch wieder ungemütlich werden könnte. Auf alle Fälle wollte ich auf eigene Faust mit einem IC zurück nach Berlin fahren. Daraus wurde allerdings nichts, da fünf sportliche Leutzscher bereits auf dem Stadionvorplatz auf mich warteten. Mit den Worten „Du scheiß Berliner!“ gab es einen beachtlichen Faustschlag aufs Auge, doch bevor der nächste Schlag mich hätte treffen können, liefen die massiv von der Polizei begleiteten BFC-Fans an uns vorüber. „Ey, fünf auf einen! Ihr Sachsen-Schweine!“, hörte ich es nur, dann waren die fünf Leutzscher auch bereits verschwunden.

Am alten Bahnhof Leipzig-Leutzsch wurde es turbulent, und es war mir später ein Rätsel, wie der MDR von einem „ruhigen Nachmittag“ sprechen konnte. Erste Steine flogen, ein Berliner brachte einen durchfahrenden IC zum Bremsen, es qualmte wie verrückt und in einer Tour hörte ich das wütende „Schießt doch! Schießt doch!“, das sich bei mir fest eingebrannt hatte.

Bahnhof Leipzig-Leutzsch
Bahnhof Leipzig-Leutzsch

Am kommenden Montagabend fragte man mich erstaunt am VHS-Kolleg, warum ich denn ein fettes blaues Auge habe. „Ich war beim Fußball, und das waren die verdammten Sachsen-Schweine!“ Gut, ich hatte meinen Ruf weg. Die Mitschüler hatten nun einen gewissen Respekt vor mir, die Mitschülerinnen schüttelten nur entgeistert mit dem Kopf. Blond gefärbte Haare, meist irgendein englisches Fußballtrikot an, am Montag ein hübsches Veilchen – und an den Freitagen fehlte ich meist mit Ansage. 

Nur eine Woche nach der wilden Sachsen-Tour, bei der es am Ende noch am Leipziger Hauptbahnhof mächtig gescheppert hatte und mir ein Polizist an der Zugtür mit seinem Lederhandschuh kurz den Hals zugedrückt hatte, ging es frohen Mutes mit dem Zug nach München. Der TSV Bayer 04 Leverkusen war zu Gast beim FC Bayern München, und somit würde ich erstmals dem Münchner Olympiastadion einen Besuch abstatten. 

Ein Spitzenspiel war es am 15. Spieltag der Bundesliga-Saison 1994/95 nicht. Der amtierende Meister FC Bayern war nur auf Rang acht zu finden, und die Werkself stand auf Platz sechs. Die Tabelle führte Borussia Dortmund vor dem SV Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach an, dahinter befanden sich der 1. FC Kaiserslautern und der Hamburger SV in Lauerstellung. Am Freitagabend konnten der VfL Bochum gegen den FC Bayer 05 Uerdingen und der SV Werder Bremen gegen den FC Schalke 04 mit jeweils 2:1 gewinnen, am Samstag folgten unter anderen die mit Spannung erwarteten Duelle HSV vs. FCK (0:0) und Mönchengladbach vs. Dortmund (3:3). Ebenfalls nicht über ein Remis kam der 1. FC Dynamo Dresden mit seinem damals grünen Wappen hinaus, gegen Winnie Schäfers KSC hieß es am Ende 1:1.

Münchener Olympiastadion
Münchener Olympiastadion

Im Münchener Olympiastadion hatten sich zum klassischen Anpfiff um 15:30 Uhr insgesamt 41.000 Zuschauer eingefunden, und im geräumigen Gästeblock waren es ein paar hundert Leverkusener, die nach einer halben Stunde Dank des Treffers von Ulf Kirsten kräftig jubeln durften. Es wurde bereits schummerig, als Christian Nerlinger kurz vor dem Pausentee den Ausgleichstreffer für den FC Bayern erzielte. Aus Leverkusener Sicht wurde es ein gebrauchter Tag. Zumindest im Stadion. Der blonde Engel namens Bernd Schuster musste mit Gelb-Rot vom Platz und in der 74. Minute konnte ausgerechnet Lothar Matthäus einen Elfmeter zum 2:1-Endstand verwandeln.

Münchener Olympiastadion
Münchener Olympiastadion

Immerhin traf ich einen Bekannten wieder, den ich auf der Rückfahrt aus Eindhoven im Sonderzug kennengelernt hatte. Er zeigte sich sehr begeistert davon, dass ich extra aus Berlin angereist war, um das Spiel zu sehen, und wollte mich am Abend noch zu ein paar Maß in der Münchener Innenstadt einladen. Wann ich zurück müsse? Ich hatte keinen genauen Plan. Irgendein Nachtzug würde mich schon irgendwann nach Berlin bringen. Also dann! Hoch die Tassen!

Der Bekannte ließ sich nicht lumpen und ließ es in einem der Brauhäuser richtig krachen. Ein fettes Hendl und zig Krüge Weißbier! Zur Erinnerung fertigte irgendein herumlaufender Fotograf für Geld ein Foto von uns an und klebte anschließend einen kleinen Abzug in eine vorgefertigte Postkarte. Ich war mal so frei und setzte drei Smileys drauf. 

Grüße aus München
Grüße aus München

Der Abend nahm seinen Lauf – irgendwann fand ich mich im Nachtzug nach Köln wieder. Ich staunte nicht schlecht, als ich in aller Frühe in Köln-Deutz aufwachte und auf den dunklen Rhein schauen durfte. Egal, das Ticket brachte mich überall hin! Mit dem Taxi fuhren wir in die in Köln befindliche Wohnung des Bekannten, und ich durfte noch ein paar Stunden auf der Couch schlummern, bevor es mit einem Zug XY zurück nach Berlin ging. 

Schwarze Wölfe (in Nantes)
Schwarze Wölfe (in Nantes)

Was als nächstes anstand? Der Dezember 1994 hatte noch was in petto für mich. An einem Freitagabend ging es zum Duell Wuppertaler Sv vs. Rot-Weiss Essen (2:2) im Stadion am Zoo, am Tag darauf folgte die Partie Bayer 04 Leverkusen vs. 1. FC Köln 3:1). Ich machte den Montag und Dienstag mal gleich frei und blieb im Rheinland, um das Europapokalspiel Bayer 04 Leverkusen vs. GKS Katowice (4:0) zu sehen. Den Abschluss des Jahres bildete das Zweitligaspiel VfL Wolfsburg vs. Hertha BSC im VfL-Stadion am Elsterweg. Stephan Täuber – nein, nicht Sigi Reich – erzielte in der 70. Minute den Siegtreffer für die Wölfe.

Marco auf Reisen
Marco auf Reisen

Wie es damals weiterging? Da ab Januar 1995 der Unterricht am VHS-Kolleg tagsüber stattfand, verzichtete ich in Zukunft auf die Monatskarten der Deutschen Bahn. Zudem lockte ab Februar 1995 das Schönes-Wochenende-Ticket, das anfangs schlappe 15 Mark kostete und an Samstag UND Sonntag gültig war. Und das für fünf Personen! Irre, einfach nur irre! Ein neues Kapitel wurde geöffnet, teils waren die Zugfahrten mit dem Nahverkehr quer durch das Land das pralle Abenteuer mit wüsten Laufereien und Drängeleien beim Umsteigen in Braunschweig und Magdeburg. 

WG-Zimmer in Berlin
WG-Zimmer in Berlin

Und ja, ich bezog zudem in Berlin-Mitte ein WG-Zimmer, reiste im Februar 95 zehn Tage allein durch Großbritannien und nahm mit, was mitzunehmen war. Bemerkenswert: Zu nächtlicher Stunde war ich auf dem Bahnhof Liverpool Lime Street nicht der „Saupreuße“, sondern der „F*cking German“, der an einen herumstromernden Engländer die Kriegsentschädigung gleich vor Ort bar auf die Kralle zahlen sollte. „Who won the war?“ Ebenso legendär wie das „Schießt doch!“ in Leipzig Leutzsch. Ob Leipzig-Leutzsch, Leverkusen oder Liverpool Lime Street – es war eine mega geile, unvergessene Zeit! 

Hansa Rostock vs. Eintracht Frankfurt (1995)
Hansa Rostock vs. Eintracht Frankfurt (1995)

Neue Kapitel wurden dann im Sommer und Herbst 1995 aufgeschlagen, als zum einen zwei Bootsschalen vom Dänholm in einer Scheune vor den Toren Berlins gebracht wurden und das legendäre Erstligaduell F.C. Hansa Rostock vs. Eintracht Frankfurt vor knapp 60.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion besucht wurde. Ab jenem Zeitpunkt wurde es maritim und der Kurs wurde zum einen auf Sydney 2000 und auf 65 Grad Kurs Ost-Nordost aufgenommen! Das Leben war und bleibt spannend und allzu oft ein Überraschungspaket! „Das Lebbe geht weider!“ (Zitat Stepanovic) Ahu!

Hansa Rostock vs. Eintracht Frankfurt (1995)
Hansa Rostock vs. Eintracht Frankfurt (1995)

Fotos: Marco Bertram, privates Archiv, Daniel S., Keili

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2 Gedanken zu „Heißer Herbst 94: Fußball, Tramper-Ticket und totale Freiheit“

  1. Hallo allerseits,
    Jede Epoche hat ihre schlechten und guten Seiten. Bomber und Baseballschläger vermisse ich nicht. Aber klar, es war andererseits entspannter und gelassener. Ohne Frage. Diese Einmalige Aufbrauchstimmung. Heute fühlt es sich nach Endzeitstimmung an. Kaum Optimismus. Nur Panik.
    VG T.M.

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