Die U-Bahn in Pjöngjang

Erinnerungen an Nordkorea: Legendäre Groundhopping-Tour im Sommer 2018

Wenig erholt begebe ich mich in das Badezimmer meines Hotelzimmers und kippe mir reichlich kaltes Wasser ins Gesicht. In der Mischung aus Jetlag, Kulturschock und Kater, in der sich mein Körper in diesem Moment befindet, dauert ein paar Augenblicke, bis mein Gehirn den Verlauf der vergangenen 24 Stunden rekonstruiert hat. Doch nach einigen Sekunden wird es mir wieder bewusst: Ach ja, ich befinde mich gerade in Nordkorea – als Teil einer fünfköpfigen Gruppe deutscher Groundhopper, mit der ich am Vortag in der Hauptstadt Pjöngjang gelandet bin.

Unterwegs in Nordkorea
Unterwegs in Nordkorea

Nach einer ersten Sightseeingbustour durch das Zentrum waren wir abends in der Bar unseres Hotels versackt. Dort wurde offenbar das ein oder andere Kaltgetränk zu viel konsumiert, denn mein Zimmernachbar schaut mich leicht besorgt an. „Kommst du klar?“, lautet seine knappe Frage. Naja, irgendwie muss es gehen. Wer bis morgens um zwei in feuchtfröhlicher Runde zusammensitzen kann, muss am nächsten Tag auch fit fürs Touriprogramm sein. Den Tag zur Erholung im Hotelzimmer zu verbringen, wie ich es in anderen Ländern vermutlich getan hätte, ist hier natürlich überhaupt keine Option. Das Reiseziel Nordkorea ist schließlich so einzigartig, dass es nicht in Frage kommt, auch nur einen kurzen Abschnitt der anstehenden fünftägigen Tour zu verpassen. 

Unterwegs in Nordkorea
Unterwegs in Nordkorea

Und so schleppe ich mich in die Hotellobby, wo wir nach einem kurzen Frühstück von unserem Busfahrer abgeholt werden, der uns für den Rest des Tages durch Pjöngjang fahren wird. Beim Blick aus dem Fenster denke ich darüber nach, wie surreal es ist, sich hier aufzuhalten. Wenige Monate zuvor befanden sich die diplomatischen Spannungen zwischen Nordkorea und den USA auf ihrem Höhepunkt, immer wieder war medial von einem drohenden Krieg zwischen beiden Atommächten die Rede.

Unterwegs in Nordkorea
Unterwegs in Nordkorea

Im Sommer 2018 hatte sich die Lage zwar etwas entspannt, doch ein anderes Thema war damals im Kontext Nordkorea sehr präsent: Die Verhaftung des US-amerikanischen Touristen Otto Warmbier, der als Teil einer Reisegruppe im Dezember 2015 das Land bereist hatte und kurz vor dem Rückflug am Flughafen von Pjöngjang abgeführt worden war. Knapp anderthalb Jahre später wurde Warmbier im Wachkoma liegend in die USA abgeschoben, wo er kurz darauf verstarb. Offenbar war der US-Amerikaner in Nordkorea zu Tode gefoltert worden. Kein Wunder also, dass mir im Vorfeld von Familie und Freunden abgeraten wurde, in ebenjenes Land zu fahren.

Die Straßenbahn in Pjöngjang
Die Straßenbahn in Pjöngjang

Hinzu kommen natürlich die unzähligen Menschenrechtsverletzungen des Regimes gegenüber der eigenen Bevölkerung. Ist es vor diesem Hintergrund nicht moralisch verwerflich, Nordkorea zu bereisen? Vermutlich schon. Aber es ist eben auch hochspannend, dieses komplett von der Außenwelt abgeschnittene Land einmal mit eigenen Augen gesehen zu haben – selbst in Form einer Gruppenreise mit lokalen Guides, die einen auf Schritt und Tritt begleiten und redlich darum bemüht sind, die westlichen Besucher über die komplette Dauer der Reise mit staatlicher Propaganda zu indoktrinieren.

Unterwegs in Nordkorea
Unterwegs in Nordkorea

Damals konnte niemand wissen, dass selbst diese Form des Reisens nach Nordkorea schon bald nicht mehr möglich sein sollte, doch dazu später mehr. 

Letztlich überwog einfach die Abenteuerlust, außerdem hatte mich der Gedanke an eine Nordkorea-Reise schon seit vielen Jahren gereizt. Als ich dann auch noch Wind davon bekam, dass ein Reisebüro in Berlin speziell auf Groundhopper ausgerichtete Touren im Angebot hatte, war die Entscheidung endgültig gefallen. Im August 2018 würde es nach Nordkorea gehen. 

Unterwegs in Nordkorea
Unterwegs in Nordkorea

Um in das Land zu gelangen, musste man zunächst nach Peking fliegen. Dort traf ich mich am Vorabend der Tour in einem koreanischen Restaurant mit dem Rest der Reisegruppe sowie einem Vertreter der staatlichen nordkoreanischen Reiseagentur KITC, an den wir die Kosten für die Reise in bar auszahlten. Am nächsten Morgen war es dann endlich soweit: Mit einer Maschine der nordkoreanischen Staatsairline Air Koryo traten wir den Flug nach Pjöngjang an, wo wir knapp zwei Stunden später landeten. Interessantes Detail: Bei Air Koryo wurde tatsächlich zum Mittagessen das Essen schlechthin des Klassenfeindes serviert – Burger! 

Unterwegs in Nordkorea
Unterwegs in Nordkorea

Am Flughafen holten uns unsere Guides ab, und nach einem ersten kurzen Abstecher in die Stadt wurden wir in unser Hotel gebracht, wo wir uns nach dem Abendessen in die eingangs erwähnte Hotelbar begaben. Im Nachhinein ist es natürlich eine amüsante Anekdote, doch eigentlich war unser Verhalten in den kommenden Stunden ziemlich leichtsinnig – ein ähnlich feuchtfröhlicher Abend war Otto Warmbier, der in Pjöngjang im Alkoholrausch ein Propagandaplakat geklaut hatte und daraufhin festgenommen worden war, ein Jahr zuvor nämlich zum Verhängnis geworden. Nun ja, unserer Gruppe passierte zum Glück nichts.

Länderpunkt in Pjöngjang
Länderpunkt in Pjöngjang

Am nächsten Tag ging die Tour so richtig los. Bevor am Nachmittag im 50.000 Zuschauer fassenden Kim-Il-Sung Stadion der Länderpunkt fallen sollte, besichtigen wir zunächst eine Sportschule, wo wir von einigen – vermutlich vom Regime ausgesuchten Kindern – in perfektem Englisch freundlich begrüßt wurden. An der hinteren Wand der Klasse hingen dabei, wie an so vielen Orten in Nordkorea, Portraits von Kim-Il-Sung und Kim-Jong-Il.

Unterwegs in Nordkorea
Unterwegs in Nordkorea

Anschließend fuhren wir zum Stadion. Dort trafen im Rahmen eines Sommer-Turniers eine nordkoreanische und eine chinesische Mannschaft aufeinander. Internationaler Besuch also in Pjöngjang, doch viel war auf den Rängen nicht los. Das Ganze hatte eher den Charakter eines Geisterspiels. Neben unserer Reisegruppe hatten sich nur rund einhundert Zuschauer im weiten Rund eingefunden; darunter aber auch eine Gruppe Journalisten aus Südkorea, die in Nordkorea eine TV-Dokumentation drehte. 

Die U-Bahn in Pjöngjang
Die U-Bahn in Pjöngjang

Im Anschluss an das Spiel ging es für unsere Gruppe mit dem Bus zurück in die Innenstadt. Dort wartete das nächste Highlight auf uns: Eine Fahrt mit der Pjöngjanger U-Bahn. Was auf den ersten Blick wenig spektakulär klingen mag, war einer der absoluten Höhepunkte der Tour. Zum einen, weil wir einen seltenen Einblick in das normale Alltagsleben der nordkoreanischen Bevölkerung erhaschen konnten; zum anderen, weil die U-Bahn dort aus ausrangierten Zügen der Berliner BVG besteht. Und wo in der deutschen Hauptstadt über die kleinen Bildschirme in jedem Wagen die aktuellen Boulevardnachrichten der BZ flimmern, hängen in Pjöngjang – natürlich – Bilder von Kim-Il-sung und Kim-Jong-il, die von dort auf die Fahrgäste hinunterblicken. Als gebürtiger Berliner eine surreale Erfahrung!  

Die U-Bahn in Pjöngjang
Die U-Bahn in Pjöngjang

Am Tag darauf stand wieder Fußball auf dem Programm. Erneut ging es ins Kim-Il-sung-Stadion, wo zwischen den nordkoreanischen Klubs „25. April“ und „PIFS“ das Endspiel des Turniers ausgetragen wurde. Bereits beim Betreten des Grounds wurde uns klar, dass uns diesmal eine gänzlich andere Atmosphäre als am Vortag erwarten würde. Schon beim ersten Spiel zwischen zwei Frauenteams, das vor dem eigentlichen Finale stattfand, waren die Ränge bis auf den letzten Platz gefüllt. Dabei herrschte über die gesamte Zeit eine Atmosphäre, wie man sie aus nordkoreanischen Propagandavideos kennt: Organisierte Gesänge wechselten sich mit einem durchchoreographierten Einsatz von Fahnen und bemalten Pappen ab. Das eigentliche Endspiel konnte schließlich – inklusive Torwartwechsel vor dem Elfmeterschießen – vom Pjöngjanger Hauptstadtklub 25. April gewonnen werden. 

Länderpunkt in Pjöngjang
Länderpunkt in Pjöngjang

Ein finaler Ausflug erwartete uns am letzten Tag der Reise: Der Besuch der Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Auf dem Weg dorthin wurde die katastrophale wirtschaftliche Situation und bittere Armut des Landes für uns zum ersten Mal so richtig sichtbar, denn anders als in Pjöngjang war die Infrastruktur in den ländlichen Regionen fast überall in einem desaströsen Zustand. An der Grenze angekommen, konnte man über die demilitarisierten Zone hinweg mit etwas Fantasie sogar bis ins Nachbarland schauen und einen Blick in eine andere Welt erhasche, die so nah dran und gleichzeitig doch so weit weg erschien. Knapp zwei Wochen später besuchte ich die Grenze (mit ungleich mehr Touristen) dann auch von der südkoreanischen Seite. 

Länderpunkt in Pjöngjang
Länderpunkt in Pjöngjang

Doch wie fällt acht Jahre später mein Fazit aus? Hat sich die Reise damals gelohnt? Auf jeden Fall! Trotz der zu Beginn beschriebenen Bedenken und der Restriktionen vor Ort war der Aufenthalt in Nordkorea ein einmaliges Erlebnis. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn seit der Corona-Pandemie lässt das Land keine westlichen Touristen mehr rein. Die bis heute letzte Groundhoppingtour in Nordkorea fand übrigens im Sommer 2019 statt – eine gute Erinnerung daran, bei komplizierten Länderpunkten, in denen sich die Lage vor Ort von einem Tag auf den anderen ändern kann, nicht allzu lange zu warten. 

Bericht & Fotos: Yannic Lacombe

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