„Niemand wird es wagen, niemand wird es wagen, unseren FCV zu schlagen!“ Stark! Zum (vermutlich) ersten Mal seit dem legendären, arg hitzigen Landespokalspiel gegen den SV Babelsberg 03 im November 2011, als es vor der Partie zu Laufereien vor der alten hellblauen Haupttribüne und auf der Gegengerade kam und auf beiden Seiten mächtig gezündelt wurde, gab es am vergangenen Samstag beim Brandenburg-Liga-Duell 1. FC Frankfurt (Oder) vs. BSG Stahl Brandenburg einen gelb-roten FCV-Fanblock.

Untermalt von Tröten und einer Trommel hallten die FCV-Schlachtrufe am Samstagnachmittag durch das altehrwürdige Stadion der Freundschaft in Frankfurt (Oder), während auf der Gegengerade ein Haufen jüngerer Frankfurter Fans in den aktuellen Vereinsfarben Schwarz und Rot supporteten. Rechts neben der Haupttribüne fanden sich Frankfurter Originale aus alten Vorwärts-Zeiten ein – teils mit Rollator und an Krücken – und ließen ihren geliebten FC Vorwärts aufleben.

Wir erinnern uns: Einst am 03. April 1953 wurde der SV Vorwärts der KVP Leipzig in die Hauptstadt der DDR delegiert und wurde dann als ASK bzw. FC Vorwärts Berlin Ende der 50er und in den 60er Jahren der erfolgreichste DDR-Verein in jener Ära. Sechsmal wurde Vorwärts Berlin im Zeitraum von 1958 bis 1969 Meister, kurz vor dem Umzug nach Frankfurt (Oder) standen die Vorwärts-Kicker zweimal im Viertelfinale eines europäischen Wettbewerbs.
Am 14. August 1971 wurde aus dem FC Vorwärts Berlin der FC Vorwärts Frankfurt (Oder). 1974 wurde im heimischen Stadion der Freundschaft Juventus Turin mit 2:1 geschlagen und Anfang der 80er Jahre gab es noch einmal eine Hochphase mit einem Vizemeistertitel und mehreren Auftritten auf europäischer Bühne. Unvergessen bleiben die Spiele gegen PSV Eindhoven, Ballymena United, Nottingham Forest, den VfB Stuttgart und den SV Werder Bremen.

Der Mauerfall kam für den Verein zu einem Zeitpunkt, an dem er eh bereits sportlich zu knabbern hatte. Die Qualifikation für die Bundesligen wurde in der entscheidenden Oberliga-Saison 1990/91 verpasst, und somit fanden sich die Frankfurter, die am 07. Februar 1991 das „Vorwärts“ abgelegt hatten und nun zunächst FC Victoria ´91 Frankfurt hießen, in der Nordstaffel der NOFV-Oberliga wieder. Immerhin blieben zunächst die Vereinsfarben Gelb und Rot, doch im Zuge der Umbenennung in Frankfurter FC Viktoria 91 wurden die Stadtfarben Rot, Grün und Weiß gewählt. Immerhin lief man ab und an noch in gelb-roter Spielkleidung auf. So zum Beispiel beim eingangs erwähnten Landespokalspiel gegen die Filmstädter.

Am 01. Juli 2012 schloss sich der MSV Eintracht Frankfurt (zuvor Hanse Frankfurt) dem Frankfurter FC Viktoria 91 an, und der neue Verein benannte sich in 1. FC Frankfurt (Oder) E.V. um. Die Vereinsfarben sind nun Schwarz und Rot. Farben, mit denen die alten FCV-Fans rein gar nichts anfangen können. Für sie existiere ihr Verein nicht mehr, ließen sie immer wieder verlauten. Mit dem neuen „Konstrukt“ könne man sich einfach nicht anfreunden. Allerdings tauchten die alten Farben Gelb und Rot in vergangener Vergangenheit wieder häufiger im Stadion der Freundschaft auf, und vor drei Jahren kam zudem mein Fußballroman „FC Vorwärts Berlin / Frankfurt (Oder) Fußballfibel“ mit passender Flagge auf dem Umschlag auf den Markt. Leider ging der Verlag vor zwei Jahren pleite, und das Buch wird im kommenden Jahr unter neuem Titel in Eigenregie neu aufgelegt werden. Auf die alten Zeiten!

Kommen wir auf den vergangenen Samstag zurück. Mit dem jüngeren Sohnemann fuhr ich im Regio gen Oder, um vor dem Spiel gemeinsam mit Molli, der die Vorlage für eine der beiden Hauptprotagonisten meines Fußballromans gab, in Slubice die berühmte Schnitzelplatte zu verputzen. Hinzu kam auch ein guter Freund von Dynamo Wismar & Dynamo Schwerin. Es sollte im altehrwürdigen Stadion der Freundschaft eine Art „Klassentreffen“ werden. Und ja, es wurde ein Nachmittag, der das DDR-Nostalgie-Herz höher schlagen ließ.

Knapp 400 Fußballfreunde fanden sich zum Sechstligaspiel ein, rund die Hälfte drückte auf der anderen Seite der Haupttribüne ihrem geliebten Verein aus der Havelstadt die Daumen. „Ein Schuss, ein Tor, Stahl Brandenburg!“, ertönte es immer wieder. Zu Beginn gab es eine Blockfahne und Konfetti, am Ende der Begegnung auch Rauch und mehrere Fackeln zu sehen. Um es im Fachjargon zu sagen: Das war wahrlich ein stabiler Auftritt der Anhängerschaft der BSG Stahl.

Die Laune war bestens bei goldenem Oktoberwetter, das Bier floss gut, und es wurde reichlich über alte Zeiten geplaudert. Mein neunjähriger Sohn Felix war Feuer und Flamme und war aus dem Gästeblock gar nicht wegzubekommen, und auch ich konnte mich bei so viel Nostalgie gar nicht satt hören und sehen. Filmen, Fotografieren, mit beiden Fanlagern sprechen.

„Nur Mut! Geschichte geht VORWÄRTS“ war kurz nach der Halbzeit auf einem von Stahl-Fans befestigten Spruchband zu lesen. Eine starke Botschaft! Während auf der Heimseite vor allem über alte Zeiten und über eine mögliche (leider nicht in Sichtweite befindliche) Rückbenennung diskutiert wurde, war auf Gästeseite vor allem das in zwei Wochen anstehende Derby gegen den verhassten Stadtrivalen Brandenburger SC Süd 05 das große Thema.

Aufregung und Anspannung steigen akut. Und so war es aus Sicht der Stahl-Fans enorm wichtig in Frankfurt (Oder) ein sportliches Ausrufezeichen zu setzen. Das Spiel konnte mit 2:1 gewonnen werden, und nach Abpfiff gab es noch eine knackige Uffta, bei der die „Südschweine“ ihr Fett abbekamen. Nach sieben Jahren Landesliga, in denen der Rivale zeitweilig in der Oberliga kickte, ist die Freude riesig, endlich wieder in der Brandenburgliga und somit mit Brandenburg Süd auf einem Level zu spielen.

In der 12. Minute brachte Jean-Pierre Dellerue die Brandenburger mit 1:0 in Führung, nach einer halben Stunde erzielte Sebastian Lawrenz den Ausgleichstreffer für den 1. FC Frankfurt. In der 64. Minute besorgte schließlich Ibraima Cante den 2:1-Siegtreffer für die BSG Stahl Brandenburg. Der Auswärtssieg war wichtig, denn auch der verhasste Stadtrivale Brandenburger SC Süd 05 konnte sein Heimspiel gegen den SV Germania 90 Schöneiche mit 3:1 gewinnen. Die beiden Kontrahenten sind somit im oberen Tabellendrittel der Brandenburg-Liga zu finden.

Süß waren die Worte meines Söhnchens, der einfach nur meinte: „Das Spiel hätte ruhig länger gehen können!“ Dem konnte ich nur zustimmen. Nach dem Highlight am Samstag kann man nur sagen: Beide Vereine hätten das Potential zu größerem! Die BSG Stahl und die Oderstädter (am Besten in alten Farben) würde ich eines Tages liebend gern in der Regionalliga Nordost sehen! Das Stadion am Quenz und das Stadion der Freundschaft – beide Stadien sind einfach geniale Schauplätze des DDR-Fußball. Orte, an denen man noch die alten Zeiten schnuppern und spüren kann. In diesem Sinne: Sport frei!


Fotos: Marco Bertram
Ein tolles Duell, daß man gern zwei, drei Etagen höher sehen würde.
VG