Wir schreiben den 27. April 2024, der FC Energie Cottbus führt die Tabelle der Regionalliga Nordost knapp vor dem Greifswalder FC und dem BFC Dynamo an und empfängt im heimischen Stadion der Freundschaft den 1. FC Lok Leipzig. Ein Spiel, um dem Aufstieg in die 3. Liga ein Stück näher zu kommen, und es war wild. Noch in der 82. Spielminute lag der FCE mit 3:2 hinten und drehte das Spiel innerhalb von zehn Minuten auf ein 4:3. Der Rest ist Geschichte: Aufstieg in die 3. Liga und im vergangenen Jahr fast durchmarschiert in Liga 2.
Dass so etwas noch einmal innerhalb kürzester Zeit und wieder in einem wichtigen Aufstiegsspiel passieren kann, das hätten die Lausitzer sicher nicht für möglich gehalten. Aber das ist der Fußball, und dafür lieben wir das Spiel, auch wenn es für mich (aus Essen) am letzten Sonntag 19. April 2026 ein bitterer Moment war. Aber noch mal kurz auf Anfang.

Auswärtsspiel in Cottbus, da liegt vorab ein Besuch bei Freunden in Berlin und Brandenburg nahe. Das Programm stand: feucht-fröhliche Geselligkeit und Stadion der Freundschaft im Doppelpack. Samstag nach Frankfurt an der Oder zu einem Verbandsligaspiel (Bericht von Marco gibt es hier) und Sonntag nach Cottbus. Die Lausitz erwartete uns mit Sonnenschein, und alles wirkte sehr entspannend. Der Gästeparkplatz war gut gefüllt, und sogar der „Schlappen Van“ (Bus der Parcour-Influencer) war am Start. Während die RWE-Fans einen kurzen Weg zum Gästeblock hatten, war der (Fotografen-)Weg für mich noch einmal eine extra Runde Sightseeing von der „Alten Chemiefabrik“ über die Inselstraße, die Ludwig-Leichhardt-Brücke bis zum Eliaspark.

Wenn man das Stadion der Freundschaft (oder gesponsert: LEAG Energie Stadion) besucht, sieht man auch irgendwie zwei Seiten von Cottbus: die mit Wohnbebauung und Nahversorgung für „Ostalgiker“ und die idyllische an der Spree, wo Kanuten entspannt ihre Runden drehen, während sich die Fans am Uferrand das Lübzer genehmigen. Ich war schon einmal in der Lausitz bei einem ebenso torreichen Spiel. Gegner damals: der FC Union Berlin (26.04.2010 / 4:2) in der 2. Bundesliga.

Damals wie heute stand Claus-Dieter Wollitz als Trainer am Seitenrand. Ob er damals genauso „muffig“ und schlecht gelaunt war wie derzeit, kann ich nicht mehr sagen. Er war ja immer schon sehr direkt und emotional und ich mag ihn auch für seine etwas andere Art und er ist auch über die Stadtgrenzen von Cottbus hinaus eigentlich sehr beliebt, auch in Essen. Nur was er zuletzt so rausgehauen hat in Pressekonferenzen und auch im direkten Kontakt mit Journalisten, ob von der Lokalpresse oder Fernsehen (Magenta), ist vielleicht ne Taktik, aber doch irgendwie peinlich. Da wird jeder in unfreundlicher Manier abgewatscht, und das auch bei wirklich harmlosen Fragen, wie in der PK nach dem Spiel gegen RWE, oder es wird einfach gar kein Interview gegeben, was Moderator Thomas Wagner von Magenta im 4zu3 Podcast auch kritisierte.

Dabei hätte der Trainer doch mehr als euphorisch sein müssen nach dem Spiel, in dem Tolcay Cigerci neun wilde Minuten ausreichten, um das Stadion ausflippen zu lassen. Aber vielleicht hat Claus-Dieter Wollitz auch an die 72 Spielminuten davor gedacht, in denen es bis auf die schöne Choreo der stimmungsvollen Energie-Fans („VORAN“) alles andere als gut aussah für Energie Cottbus. Energiegeladener waren bis dahin die Spieler von RWE, angetrieben von gut 1.500 Mitgereisten. Mit einem sehenswerten Pyro-Intro „Welcome to the Freakshow“, bestehend aus Fackeln und rotem Rauch, pushten die Essener Fans ihre Mannschaft nach vorne.

Diese war von Beginn an spielbestimmend und drückte Cottbus hinten rein. In der 13. Spielminute wehrte Energie-Spieler Nyamekye Awortwie-Grant einen Schuss vom Essener Kaito Mizuta im Strafraum mit dem Arm ab. Den fälligen Elfmeter und die rote Karte pfiff Schiri Robert Hartmann nicht. Vielleicht hatte er Angst, dass Schiri-Kritiker Wollitz ihn in der Halbzeitpause auffressen würde. Aber mit Fehlentscheidungen muss man im Fußball leben, das machte auch Essen und blieb druckvoll. Ramien Safi erzielte in der 21. Spielminute die 1:0-Führung für RWE. Cottbus wurde daraufhin agiler, und Erik Engelhardt knipste wenig später den 1:1-Ausgleich, was von der Gegengerade auch von den Kleinsten in der ersten Reihe mit einer provozierenden „Feder, Feder, Stein“ Bewegung in Richtung Gästeblock gefeiert wurde.

Die Antwort von Essen folgte prompt. Nach einem Standard versenkte Torben Müsel den Ball mit dem Kopf ins Energie-Tor. Ein hochverdientes 2:1 zur Pause für RWE, und Essen machte auch nach der „kurzen Fuffzehn“ da weiter, wo sie aufgehört hatten, denn das Torverhältnis kann noch entscheidend sein. In der 53. Spielminute erhöhte Marek Janssen auf 3:1, und während der Gästeblock explodierte, wurde es auf den übrigen Tribünen still. Auch der gesperrte Lucas Brumme feierte vor dem Block. Und RWE wollte mehr, vergab aber drei weitere gute Chancen auf das vierte Tor.

Tja, und was dann passierte, kann man auch heute noch nur schwer begreifen. Der Regen setzte ein, und in der 73. Spielminute gab es einen berechtigten Elfmeter für Cottbus. Engelhardt nutzte geschickt einen Abwehrversuch von Schultz und fiel. Zuvor waren die Energie-Spieler öfters in aussichtsreichen Positionen näher an der Grasnarbe als nötig, konnten den Schiedsrichter aber bis dahin nicht überzeugen. Hier war es anders, und Tolcay Cigerci verwandelte souverän zum 3:2. Nun waren die Heimfans wieder da und trieben ihre Mannschaft nach vorne.

In der 77. Spielminute foulte Tolcay Cigerci den Essener Kaito Mizuta, Schiri Robert Hartmann – der sich in der Bundesliga sonst auf den VAR verlassen kann – ließ weiterlaufen und pfiff stattdessen in der Folge einen normalen Zweikampf von Abiama an Rorig als Foul. Den anschließenden Freistoß zirkelte Tolcay Cigerci ins Tor, und nur vier Minuten später machte er seinen Dreierpack mit dem Tor des Tages – nach einem Sololauf – perfekt. Warum kein RWE-Spieler ihn mit einem Foul stoppte, muss man die Essener Spieler fragen, die nicht wirklich ab der 72. Spielminute anwesend waren. Der 5:3-Endstand durch Merveille Biankadi ist erwähnenswert, aber auch nur bedingt dadurch, dass Essen in den letzten Spielminuten aufmachte um noch ein Unentschieden zu erzwingen.

Ein wildes Spiel, das allen in Erinnerung bleiben wird. Cottbus braucht neun Minuten, um Essen am Ende dann verdient zu besiegen. Auch wenn es die eine oder andere nicht ganz nachzuvollziehende Schiedsrichterentscheidung auf beiden Seiten gab, das Ding muss sich RWE komplett selbst ankreiden. Anstatt mit vier Punkten Vorsprung in die letzten vier Spiele zu gehen, ist man nur noch mit einem vorne. Sonntag erwartet Essen Saarbrücken, während Cottbus zu Viktoria Köln muss. Aber auch Duisburg und Rostock sind noch mittendrin beim Thema Aufstieg.
Alle Fotos: Bildagentur frontalvision.com

Ja wenn dieser Cigerci sich seine verdiente 5te gelbe Karte in Osna abgeholt hätte, wäre RWE einiges erspart geblieben.