Jetzt knallt’s wohl! Als ich am vergangenen Samstag nach dem Brandenburger Derby nahe des Stadions auf einem Spielplatzes mit ein paar älteren Stahl-Fans bei ein paar kalten Flaschen Bier das Ganze auswertete, dachten wir alle: Oha, jetzt geht’s los! Gerade noch erzählte einer, dass man nach den Derbys in der Innenstadt nahe des Bahnhofs aufpassen müsse, da tauchten in einiger Entfernung fünf Gestalten auf, die auf dem dortigen Bürgersteig entlang schlichen. Es schien, als seien die Typen vermummt, und bei einer Person war etwas Schwarz-Gelb-Grünes erkennbar. Mit Süd 05 befreundete Radau-Freunde des SC 1903 Weimar, die nach dem 5:2-Sieg auf der Suche nach verbliebenen Fans der BSG Stahl Brandenburg waren?

Nach den zwei, drei Sturz-Bier auf Ex waren die Sinne leicht vernebelt und wir alle trauten unseren Augen kaum. Dieser schleichende Gang der fünf Gestalten passte 1:1 zu etwaigen Spähern, die auf Kommando mit einem Mal rüber stürmen und sich ins Getümmel stürzen würden. Ich zog den Reißverschluss meiner schwarzen Jacke hoch und kniff die Augen zusammen. Nee, oder? Was haben wir plötzlich Tränen gelacht! Das waren keine Späher von Süd 05 bzw. aus Weimar, sondern einfach nur fünf jüngere Männer, die etwas behäbig ihren Einkauf nach Hause brachten. Und ach ja, werft hier nix in falsche Schubladen, aber auf dem ersten Blick schien es wirklich, als seien die fünf Männer vermummt gewesen. Fehlanzeige! Wir alle haben uns geirrt. Lachend – und auch etwas erleichtert – öffneten wir die nächsten Kannen Bier und halfen zwei Brandenburgern, die im neutralen Bereich saßen, nun aber lieber hinten über den hohen Zaun das Gelände verlassen wollten. Sicher ist sicher.

Stichwort „sicher ist sicher“. Da man sich nicht wirklich auf etwaige Fernverbindungen der Bahn verlassen darf, reiste ein guter Freund und turus-Kollege bereits am Abend zuvor an und schlug vor, als warm-up zum Oberliga-Duell SV Tasmania Berlin vs. Anker Wismar zu gehen. Gesagt, getan. Obwohl am Freitagabend zeitgleich das RL-Duell BFC Dynamo vs. 1. FC Lokomotive Leipzig über die Bühne ging, schauten überdurchschnittlich viele Groundhopper bei Tasmania Berlin vorbei. Allein auf der futbology-App hatten sich 58 Fußballfreunde eingeloggt, und auch bei der Zuschauerzahl und den Bierschlangen war ihre Anwesenheit auf Anhieb erkennbar.

Über 200 Zuschauer hatten sich bei bestem Wetter auf dem Werner-Seelenbinder-Sportpark eingefunden, ließen es gut laufen und erfreuten sich am sehr kurzweiligen Spiel. Anker Wismar ging beim Tabellenführer mit 1:0 in Führung, musste aber ab der 39. Minute in Unterzahl spielen. Tasmania drehte das Spiel auf 4:1, doch kam Wismar noch einmal auf 3:4 heran. Im Laufe des Spiels supporteten auf der Gegengerade einige neutrale Fußballfreunde die Jungs von der Küste, und mit einmal hatte Anker Wismar sogar das 4:4 auf dem Fuß. Das Ende vom Lied: Das Bier ging aus – das schafften bislang dort vor Ort bei Tasmania nur die Hansa-Fans bei einem Testspiel der Amateure – und Tasmania konnte auf 5:3 erhöhen und den Sieg in trockene Tücher bringen. Für mich war es das zweite 5:3 in Folge. In der Woche zuvor wurde ich im Stadion der Freundschaft Zeuge, wie der FC Energie Cottbus gegen Rot-Weiss Essen nach 1:3-Rückstand in der Schlussphase der Partie auf 5:3 drehen konnte.

Ortswechsel. Brandenburg an der Havel. Wieder zu Gast in einer Sportanlage, die das „Werner Seelenbinder“ im Namen hat – wieder gab es Probleme mit den Getränken – und wieder gab es fast ein 5:3 zu sehen. Aber der Reihe nach. Nach einem ersten Gedeck im Regio trafen wir zu zweit in Brandenburg ein und bekamen eine Truppe jüngerer Fans zu sehen, die zur Straßenbahn eilte und in Richtung Altstadt fuhr. Es war klar, dass der Brandenburger SC Süd 05 mächtig mobilisiert hat und auch etliche befreundete Fans aus Nah und Fern zum mit Spannung erwarteten Derby anreisen würden.

Auf der Seite der BSG Stahl Brandenburg sah es nicht ganz so euphorisch aus. Nachdem anfangs von einer arg begrenzten Zuschauerzahl und irgendwas von 150 Gästetickets die Rede war, hakten einige Stahl-Fans das Derby bereits ab und planten ihre Zeit anders ein. Manch einer wollte das Derby so oder so boykottieren und Süd keinen einzigen Euro überlassen. Auf der anderen Seite lief es zuletzt sportlich nach wirklich passabler Hinrunde nicht wirklich rund bei der BSG Stahl, und zudem gab es Unstimmigkeiten zwischen Fans und Vereinsführung bezüglich des Verkaufs von eigenen Fanartikeln auf dem Stadiongelände. Kurzum: Eine echte Derby-Euphorie war im Vorfeld bei Stahl zwar nicht spürbar, allerdings durfte davon ausgegangen werden, dass sehr wohl der Gästebereich gut gefüllt sein würde.

1.000 Gästetickets wurden angeboten, und schätzungsweise dürften um die 800 Stahl-Fans und Sympathisanten im langgezogenen Gästeblock gestanden haben. Vielleicht wurde auch das Kontingent komplett verkauft. Das schwer einzuschätzen. Auf der Wiese vor dem eigentlichen Gästeblock wurden ein (!) Bierstand, fünf (!) mobile Toiletten und ein offenes Pissoir aufgebaut. Das Ganze war ziemlich dürftig für solch eine große Gästeschar. Eine nur für Frauen gekennzeichnete Toilette war nicht erkennbar – ein ziemlich hartes Brot, waren überdurchschnittlich viele Frauen und Kinder mit im Gästeblock. Immerhin hielten sich Ordner und Polizisten angenehm zurück. Im Gegensatz zu früheren Ausflügen zu Süd – man denke an die Spiele gegen den BFC Dynamo (2010) und den F.C. Hansa Rostock II (2019) – gab es dieses Mal wirklich überhaupt keine Probleme mit den Beamten.

Probleme gab es nur mit der Bierversorgung, dafür konnten allerdings nichts die vier Frauen und Männer am Stand, die lächelnd ihr Bestes gaben. Das Bier schäumte die Becher voll und die wartende Meute wurde ungeduldig. Allerdings fielen selten böse Worte und in der Regel nahm man es mit Humor. Manch einer suchte und fand am Stand eine Alternative. Im Kühlschrank wurde ein paar Flaschen Sekt erspäht – und wenig später sah man etliche Fans mit randvoll gefüllten 0,4er Plastikbecher herumlaufen. Ich lachte mich schlapp, als ich gegen Spielende zufällig einen guten Kumpel traf, der einfach nur meinte: „Ich wollte doch nur einen kleinen Piccolo und nun habe ich hier einen großen Bierbecher voll …“ Nicht jammern, ey! Er bot mir einen Schluck an, doch musste man erst einmal all das herumfliegende Blütenzeug herausfischen, das im Becher reichlich zu finden war.

Apropos Blüten, Pflanzen, Bäume. Was die Fans der BSG Chemie Leipzig vor dem Heimspiel gegen den 1. FC Lok Leipzig taten, setzte auch die Anhängerschaft des Brandenburger SC Süd 05 um. In Gestrüpp und Baumkronen war rotes und weißes Lametta zu sehen, doch achtete wohl kaum ein Stahl-Fan auf dieses Schmuckwerk. Ein paar Stahl-Fans hatten eine ordentliche Portion blauen und weißen Rauch dabei, der beim Einlaufen der Mannschaften durch den Block waberte und gen Himmel stieg. Die anwesenden Kids staunten nicht schlecht, und die Älteren empfahlen ihnen die Shirt über Mund und Nase zu ziehen. Und ja, hinter dem Tor stand wirklich alles bunt gemischt von ganz jung bis richtig alt. Einmal querbeet und definitiv nicht so organisiert wie auf der Heimseite.

Auf dieser ließ man es heute gut an. „BSC Süd 05. Nur du sollst heut’ Sieger sein!“ Roter und weißer Rauch stieg dort empor und in der Folge wurde 90 Minuten lang für wirklich gute Stimmung gesorgt. Vergleicht man beispielsweise die jeweiligen Auftritte auswärts in Frankfurt (Oder) – ich war bei beiden Spielen persönlich vor Ort -, so waren die Stahl-Fans eine ganze andere Hausnummer. Während bei Stahl damals locker 150 Fans mitkamen und für gute Stimmung sorgten, so waren es neulich beim BSC Süd 05 zirka 35 Fans, die allerdings in typischer Ultra-Manier – bis zum kleinen Zwischenfall – ihr Ding durchzogen.

Bei den letzten beiden Derbys im Stadion am Quenz wusste vor allem beim Landespokalspiel vor drei Jahren die Wucht der Stahl-Fans zu gefallen. Gänsehaut und alte Schule auf den Rängen. Der Auftritt am vergangenen Samstag war indes ziemlich dünn. Ein paar Gründe dafür wurden erläutert, doch wäre so oder so deutlich mehr drin gewesen. Immerhin ging die BSG Stahl Brandenburg bereits in der vierten Minute Dank des Treffers von Nils Müller mit 1:0 in Führung. Der Torjubel war jedoch in keiner Weise vergleichbar mit dem beim Hinspiel oder gar beim besagten Pokalspiel vor drei Jahren. Waren es bei jenen Partien jeweils Urschreie, so war es dieses Mal ein 0815-Torjubel.

Die Gastgeber legten einfach mehr in die Waagschale, waren bissiger und drehten das Spiel auf 3:1. Ein vermummter Stahl-Fan fackelte am Zaun zwei, drei rot-weiße Utensilien ab, und im hinteren Bereich ertönten zwei Böller. Als es in der 80. Minute Elfmeter für Stahl Brandenburg gab und dieser von Jean-Pierre Dellerue verwandelt wurde, hätte noch einmal richtig Biss reinkommen können. Nun noch der Ausgleichstreffer zum 3:3 – und die Stimmung im Gästeblock wäre dann wohl eines Derbys würdig gewesen.


Als Abdelkarim Kouissi für Süd 05 auf 4:2 erhöhen konnte, war die Luft bei Stahl schlichtweg raus. Da ging nix mehr! In der 90. Minute machte Can Cinar den Deckel drauf und erzielte den Treffer zum 5:2. Fast hätte ich das dritte 5:3 in Folge gesehen, doch machte Stahl halt ein Tor zu wenig. Dafür durfte ich mich über ein weiteres 2:5 „freuen“. Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich mal zwischendurch auf die Zwischenstände in der 3. Liga schaute. Hansa Rostock lag mit 0:4 gegen Jahn Regensburg zurück, und ich traute meinen Augen kaum. Als ich paar Minuten später noch einmal schaute, stand es plötzlich nur noch 2:4. Zitat im Ticker: „Eine Riesenchance nach der anderen für den FCH! Im Stadion brechen alle Dämme!“. Am Ende hieß es auch im Ostseestadion 2:5. Was für eine Sche**e!





Mein Fotografen-Kollege rechte mir einen Bierbecher durch den Zaun, wenig später traf ich den Piccolo-Freund. Geraume Zeit nach dem Abpfiff kamen die Stahl-Spieler zu den am Zaun stehenden Fans. Respekt dafür! Kaum böse Worte trotz herber Klatsche. Nach all den mageren Jahren in der Landesliga ist man abgehärtet und weiß es zu schätzen, im oberen Drittel der Brandenburgliga mitzuspielen, wenngleich zuletzt die sportliche Leistung ziemlich dürftig war.


Ich wollte nach dem Spiel eigentlich nur ganz in Ruhe den bequemsten Weg zum Brandenburger Hauptbahnhof finden, als ich zufällig auf dem Spielplatz die besagte Truppe-Stahl mit dem kalten Kasten Bier traf. Wer kann da schon Nein sagen? Auf die Kannen und herzhaft gelacht, als sich die Sache mit der ominösen herumschleichenden Truppe auflöste. Später wurde ich von einem jüngeren Stahl-Fan mit dem Auto zum Hauptbahnhof gebracht! Lieben Dank dafür und beste Grüße in die Havelstadt!

Fotos: Marco Bertram, Stadionhüpfer – INkognito
