Wenn unter der Woche bereits am Nachmittag Trikots das Istanbuler Stadtbild prägen, dann weiß man in der Regel: Einer der drei großen Klubs bestreitet am Abend ein Heimspiel im Europapokal. Am vergangenen Donnerstag war es der sechzehnfache türkische Meister Beşiktaş, der zum Auftakt der diesjährigen Europa-League-Saison gegen Olympique Marseille ran musste.
Ein durchaus attraktives Duell also, auch wenn OM aufgrund einer UEFA-Strafe keine Gästefans mitbringen durfte. Meine Vorfreude schmälerte das allerdings kaum, denn für mich sollte im „Tüpraş Stadyumu“ endlich der Länderpunkt Türkei fallen. Und so ging es am Donnerstagmorgen mit einer Pegasus-Maschine vom Flughafen BER nach Istanbul, wo ich nach ein wenig Sightseeing im Stadtteil Kadıköy mit der Straßenbahn den Weg zum Stadion antrat.

An der Tramhaltestelle wurde bei einer Straßenhändlerin noch schnell ein Spieltagsschal als Andenken gekauft und dann ging es rein in die Schüssel! Diese sollte sich schnell füllen, und bereits eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff war die Stimmung mit einigen brachialen Gesängen zum ersten Mal am Anschlag. Richtig grotesk laut wurde es, als die Mannschaft aus Marseille zum Aufwärmen das Spielfeld betrat und mit einem Pfeifkonzert begrüßt wurde, bei dem der Dezibelmesser bei weit über 100 dB gelegen haben dürfte. Willkommen in der Hölle von Istanbul!
Und das war nur ein kleiner Vorgeschmack darauf, was in den kommenden zwei Stunden auf den Rängen geboten werden sollte. Bis zum Anpfiff wurde sich auf der Heimseite lautstark eingesungen: Wechselgesänge, bei denen das ganze Stadion mitzog, wechselten sich dabei mit Schalparaden ab. Gänsehaut pur! Zudem setzten die Beşiktaş-Fans auch farbliche Akzente: Während eine Hintertortribüne komplett in schwarz gekleidet war, trug der Rest der Arena weiße Shirts.

Nach einer brachialen Hüpfeinlage zum Anpfiff, bei der alle vier Tribünen kollektiv mitzogen, wurde dann sehr spielbezogen supportet. In der Türkei bedeutet das vor allem: Der Gegner wird bei ausnahmslos jedem Ballbesitz gnadenlos ausgepfiffen – und zwar so ohrenbetäubend, dass sich meine Ohren bereits nach einer knappen Viertelstunde anfühlten wie bei einem AC/DC-Konzert in der ersten Reihe. Das ist natürlich extrem beeindruckend, und auch auf dem Platz war der gewünschte Effekt sichtbar: Die Spieler von OM wirkten bei eigenem Ballbesitz merklich verunsichert.
Trotzdem wäre es sicherlich nicht von Nachteil, den Fokus etwas mehr auf den Support der eigenen Mannschaft zu legen. Sobald Beşiktaş das Spiel machte, gaben die Heimkurven nämlich durchaus kreative Lieder zum Besten – die aber in der ersten Halbzeit nur selten länger als 30 Sekunden gesungen wurden, da nach jedem Ballverlust sofort wieder gepfiffen wurde, was sich irgendwann doch etwas abnutzte.

Ein anderes Bild zeigte sich im zweiten Durchgang, und das hatte zunächst einmal mit dem Geschehen auf dem Rasen zu tun. Marseille war jetzt völlig von der Rolle; binnen drei Zeigerumdrehungen erzielte Beşiktaş zwei Tore. Nach dem 3:1 durch Michael Murillo in der 59. Minute war klar: Jetzt würde das Heimpublikum sein volles Potenzial entfalten.
Und genau so kam es auch. Mit einer Mitmachquote von 100 Prozent ging das gesamte Stadion in der folgenden halben Stunde komplett steil. Beide Kurven sowie Haupt- und Gegentribüne zogen koordiniert an einem Strang und sorgten für eine Atmosphäre, die ich in dieser Form zuvor noch nie in einem Stadion erlebt hatte, weder in Polen noch in Südamerika. Bei einem rund zehnminütigen Wechselgesang in unterschiedlichen Formationen sangen sich die Heimfans endgültig in einen kollektiven Rausch. Rückwärts hüpfen, beide Hände nach oben, alle Schals raus oder Handylichter zum Himmel – es wurde nun alles aufgeboten. Ein Zustand der kompletten Ekstase, eine Stimmung wie im Moshpit eines Punkkonzertes. Wahnsinn.

Beşiktaş ließ sich davon auf dem Platz anstecken und erzielte kurz vor Schluss sogar noch das 4:1. Kein Wunder also, dass die Mannschaft auch nach dem Abpfiff lautstark gefeiert wurde. Nach einer finalen Hüpfeinlage vor der Kurve leerten sich die Tribünen dann langsam. Auch ich verließ wenig später das weite Rund – mit dröhnenden Ohren, einem neuen Länderpunkt im Gepäck und komplett überwältigt von einem surrealen Stadionerlebnis.
Bericht & Foto: Yannic Lacombe
Danke für den tollen Bericht. Kann das alles bestätigen. Was ich im Besiktas Stadion erlebt habe, hatte ich zuvor weltweit in keinem anderen Stadion erlebt. Es ist zudem das einzige Stadion der Welt wo man Fangesänge von einem Kontinent zum anderen hört, von Europa nach Asien. Grandios!
Danke für deinen netten Kommentar zu meinen Bericht! Bei welchem Spiel von Beşiktaş warst du damals?
Ich war zuletzt beim Derby Beşiktaş-Galatasaray im März 2025. Und davor die Jahre auch noch bei weiteren Spielen. Ich hab sogar damals noch das alte Inönü-Stadion miterlebt, welches von der Stimmung her nicht schlechter war als das heutige Stadion. Viele sagen sogar, dass das Inönü noch besser war. Die Fans sind schon Mega. Ein Derby gegen Galatasaray und Fenerbahce ist aber schon was Einzigartiges. Kann ich Dir nur empfehlen.