warta rumin

Lokalpatriotismus, Berufe-ABC und Tradition - Polnische Vereinsnamen

 
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M 05 Oktober 2018
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„Ein hohes Kleinod ist der gute Name“, sagte einst der Friedrich Schiller. In Polen geben sich die Gründer von Vereinen oftmals Mühe für ausdrucksvolle Namen, weshalb ich einmal darauf näher geachtet habe. Den Auftakt meines Polenaufenthalts im September machte gleich ein regionales Pokalspiel an einem Mittwoch in Pyzdry. Diesen Ort südwestlich von Konin, die die Kenner mit einer kleinen 1A-Hooligan-Bande assoziieren, bewohnen ca. 1500 Leute. In Pyzdry gibt es ein Kloster, und es gab wohl mal eine Burg. Als ich nach dieser frage, schaut man mich genauso fragend an, wie ich den Befragten anschaue. Außerdem haben sie hier einen Marktplatz mit Denkmal, ein Holzhaus und nette Gässchen – und wahrscheinlich einmal im Jahr zwei Touristen.

Dieser Tag war heute. Mit Warta Pyzdry gegen Tulisia Tuliszków bin ich schon relativ weit unten in der Liga-Pyramide Polens, aber im Laufe des Aufenthalts sollte es noch tiefer gehen. Liga 7 gegen Liga 6 brachte schon derbe Rasenakrobatik. Dafür macht man das ja – noch Ort gegen Ort, nicht Söldner gegen Söldner - und natürlich für das nächste Kreuz in der Stadionliste. Aufsteiger Warta darf in dieser Saison das erste Mal über den Tellerrand schauen – das heißt Landesklasse-Fußball. Dieser sollte unter diesen Bedingungen mindestens geboten werden. Die Umkleide ist hypermodern, der Trainingskunstrasen nigelnagelneu und die noch junge, noch kleine Tribüne ist selbst für die 20 Zuschauer noch zu groß. Nach einer tödlich langweiligen ersten Hälfte macht Tulisia nach der Pause schnell zwei Buden und damit den Sack zu. Spannender wurde es nicht mehr. Daher blicken wir mal auf die Namen, die ja wesentlich kreativer gebildet werden als bei uns. 

 

In der Regel finden wir in Polen eine Dreiteilung vor: Klub-Abkürzung + Beiname + Stadt. Die Beinamen sind in Polens Vereinsnamenwelt das Salz in der Suppe. Allein in der Gummistiefelliga von Warta haben 14 von 15 Mannschaften einen Beinamen. Wenn ich richtig gezählt habe, dann sind es in der deutschen Bundesliga aktuell acht Vereine, die einen spezifischen Zusatz führen. Ich meine diese Zusätze wie Bayern, Werder, Borussia usw. Die funktionieren ähnlich wie in der Namensbildung im alten Rom die Cognomen – also wie Zusatzinformationen zu Vor- und Nachnamen. Wir haben also heute Warta und Tulisia auf dem Platz. Warta ist der Fluss, der in die Oder mündet, allerdings hier so flach ist, dass ein Schiffchen mal drei Jahre verharren musste, da es auf Sand lief. Der breite Fluss ist also kaum nutzbar. Man denkt hier so wirtschaftlich wie beim Bau des BER. Tulisia ist eine künstlich latinisierte Form von Tuliszków. Die Tradition dieser „Pseudo-Latinisierungen“ geht auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Hier wurde Richtung Westen geblickt und im Rahmen der nationalen Wiederbelebung die Burschenschaftstradition übernommen. Jeder Fußballfan kennt aus den Kinderschuhen des polnischen Fußballs stammenden Verein Cracovia Kraków (1906 gegründet). Polen kehrte erst nach dem ersten Weltkrieg wieder auf die Landkarte zurück.

 

Am folgenden Wochenende ging es in der Liga um Punkte. Konin hat drei Stadien, von denen nun das zweite fallen sollte. Das große, das an der Warta liegt, teilen sich die Vereine Górnik (Herren) und Medyk (Damen). Hier haben wir nach den geographischen Angaben in Klubnamen die nächste Kategorie, die Berufe und Berufssymbole (Materialangaben wie Stahl) zusammenfasst. Sie sind oft an der „k“- oder „rz“-Endung erkennbar. Górnik ist der Bergarbeiter, Medyk der Mediziner. Konin war stark in der Aluminiumverhüttung. Dann wurden viele Anlagen geschlossen. Im Bereich Medizin läuft es in Polen auch nicht gut. Es ist wie bei uns. Viele wandern aus, wo es mehr gibt. Deshalb gibt es Engpässe. Wer kein Bargeld auf den Tisch legen kann, kann sich auf extrem lange Wartezeiten auf Termine einstellen. Im kleinen Stadion, das nach einem Herrn Pask benannt wurde, treffen heut die A-Jugend-Teams von Górnik Konin und Polonia 1912 Leszno aufeinander. Jahreszahlen führen nicht so viele Vereine wie in Deutschland. Von diesen latinisierten Allegorie-Namen ist Polonia natürlich der häufigste. Das kleine Stadion neben dem Tierpark muss einmal etwas angeordnet gewesen sein. Der Gästekäfig am Ende der Gerade befindet sich weit vom Platz entfernt. Er beginnt erst hinter der Eckfahne. Wer hier steht, muss die ganze Zeit nach rechts blicken. Endergebnis vor 20 Zuschauern 2-7.

 

Am Sonntag gab es ein Wiedersehen mit Tulisia Tuliszków, allerdings mit der Reserve in Liga 8. Mir reichten die Ansetzung und die Gewissheit, dass es sich um eine Stadt handelt. Ausbau gibt es daher immer. Und ich wurde sehr überrascht. Die Tribüne hat ein Dach und in der Ecke gibt es einen relativ kleinen Käfig mit dicken Metallstreben. Gäste von Polonia Golina sind nicht anwesend. Insgesamt ca. 80 Zuschauer. Die Jugend des Ortes trifft sich hier. Da steht mal eine Gruppe, da und dort. Irgendwer hört laut Hip Hop. Es geht um Lech Poznań, Hooligans und Polizei. Die ist allerdings nicht da und hätte sehr wahrscheinlich etwas gegen Joint-Geruch unternommen. Dafür kursiert die Anekdote über eine Anhalterin, die neulich dem Fahrer dankbar sein wollte und ihm Gras nach der Fahrt Gras angeboten hatte. Nur war es eine Streife in Zivil, die die Frau mit auf das Revier nahm. Polonia gewinnt mit 2-0. Polonia grüßt daher von der Tabellenspitze. 

 

Welche Namen haben wir? Dreimal Warta, ok. Dann Czarni, die „Schwarzen“. Da geht es um die Trikotfarbe. Mit Piast haben wir auch die polnische Geschichte dabei. Die Piasten waren ein Adelsgeschlecht. Dann geht es mit der Siegesgöttin Victoria (Września) und Sparta (Konin) in die römische und griechische Antike. Hier wird also mit Symbolen gearbeitet. Wir kennen die idealisierten Kämpfer Spartas und den Ausdruck „spartanisch“ für genügsam. 

 

Dieselbe achte Liga wurde auch am folgenden Wochenende besucht. Warta Rumin, dessen Sportplatz schon fast direkt an der Warta liegt, traf im Derby auf GKS Rzgów. Hier haben wir mal einen Vertreter der Vereine ohne Beinamen. Dennoch erkennen wir in der Abkürzung Merkmale des Vereins. Das „G“ steht hier für „Gminny“ (Gemeinde-). Der Ort Rzgów hat in der gleichnamigen Gemeinde die Hauptortfunktion und darüber hinaus eine nette kleine Holzkirche. 

 

Das Derby war ziemlich giftig und half über die inzwischen unwirtlichen Temperaturen hinweg. Der Platz ist dörflich geprägt und hat zwei Sitzmöglichkeiten. Ungefähr 40 Leute nutzten diese, von denen sich eine hinter dem Tor befindet. Ich denke, dass der Platz irgendwann einmal gedreht wurde. Über den Platz verlaufen wie im alten Paderborner Stadion Kabel von Strommasten. 4-0 für Rumin, also den kleineren Ort.

 

In der Reise durch die Namen der Liga komme ich nun am darauf folgenden Wochenende zu Orły Huta Łukomska. Der Verein hat keinen eigenen Platz, weshalb sie in Zagórów spielen. Das ist wieder eine der kleinen Städte mit ca. 1500 Einwohnern. Marktplatz, Denkmal, Kirche, Gassen – davon gibt es hier mehrere. Das Stadion hat eine Laufbahn und ist an einer Seite ausgebaut, wie das hier so üblich ist. Der Gegner von Orły Huta Łukomska heißt wieder GKS Rzgów. Haue gibt’s auch heut. 2-1 für das Dorf Huta Łukomska. Beim Blick auf das Staatswappen liegt es nah, dass da eine Verbindung zwischen diesem und dem Beinamen Orły (Adler) bestehen könnte. Also frage nach. Und es wird mir so von einem älteren Spieler um die 40 Jahre bestätigt. Orzeł, Orły, Orlęta – da geht es immer um den Wappenadler, der auf die Legende mit den drei Brüdern (Lech, Czech, Rus) dem Nest und Gnesen zurückgeht.

 

Gelegentlich sind die Entstehungsgeschichten von Klubnahmen interessant. Die Symbolhaftigkeit und Lokalpatriotismus, wenn sich z. B. Flüsse, Bäche, Berge im Namen befinden, spielen eine große Rolle. Das Kuriositäten-Kabinett ist mitunter dabei auch weit geöffnet.

Fotos: Michael

> zur turus-Fotostrecke: Polnischer Fußball

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