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1. FC Lok Stendal vs. TeBe: Altstadt, spannendes Spiel und Gedanken an 2006

 
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MB 27 August 2018
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Stendal. Mal abgesehen von Leipzig-Leutzsch (Herbst 1990) hat sich in meinem Kopf keine andere deutsche Stadt so fest eingebrannt in Bezug auf Fußballkrawalle wie Stendal. Fuhr ein Fernzug gen Ruhrgebiet und Rheinland durch Stendal, kamen im Geiste schlagartig die Bilder vom Februar 2006 hoch. Nicht dass ich damals selbst vor Ort war, es genügten die Fotos und Videosequenzen vom Geschehen auf dem Bahnhof. Gruselige Faszination. Ich gebe es zu, ich konnte mich damals nicht satt sehen an den Bildern. Nicht dass ich die heftige Bambule megacool fand, doch ich gebe zu: In der versteckten, geheimen Ecke des Kopfes spürte ich ein wenig Genugtuung. Wie häufig wurde man / wurde ich in der Vergangenheit von der Polizei drangsaliert? Damals zu den wilderen, aktiven Zeiten der 1990er. Die ersten vier, fünf Jahre des Neuen Jahrtausends ließ ich es fußballtechnisch nach dem heftigen Schiffbruch auf der Nordsee ruhiger angehen. 2005/06 packte mich dann wieder das Fußballfiber. Union vs. BFC Dynamo im August 2005. Wieder mal Hansa Rostock, wieder der Griff auf den reich gedeckten Gabentisch. Hinzu kam, dass zu genau jener Zeit youtube im Kommen war. Plötzlich war es möglich, sich am heimischen Rechner Bewegtbilder anzuschauen von den Kurven des Landes. Und eben jene kursierenden Videos aus Stendal.

Damals am 05. Februar 2006 reiste der F.C. Hansa Rostock zum Auswärtsspiel nach Braunschweig. Bereits vor dem Umsteigen in Stendal erfuhren rund 450 im Zug sitzende Hansa-Fans, dass die Partie ausfallen würde. Endstation Stendal. Frust und Enttäuschung. Auf dem Bahnhof eskalierte es vollends. Es gibt eine Menge Schilderungen darüber, was genau der Anlass des gewalttätigen Ausbruchs sein könnte. In solch einer hochbrenzligen Situation genügt bekanntlich ein kleiner Streichholz, um den Flächenbrand zu entfachen. War es ein Papa, der durch eine Polizeikette wollte, weil sein Sohnemann Pipi ganz nötig machen musste? Ein Wort, ein Zurückdrängen, ein „Hier geht es nicht durch!“, ein rotziges „Hat er halt Pech gehabt!“?! Niemand weiß es genau. Letztendlich flogen Steine und es brannten Fahrzeuge. Stendal - das wurde der Inbegriff für schwere Hansa-Randale. 

12 Jahre später betrachtet man logischerweise die Geschehnisse aus einem etwas anderen Blickwinkel. Als Vater zweier Kinder fragt man sich, was würde man in einer Situation XY machen?! Könnte man die Nerven bewahren, wenn beispielsweise ein Polizist in der Hektik den Achtjährigen zurückschubsen würde? Schwer zu sagen, ich habe darauf einfach keine Antwort. Den Größeren nehme ich mit zum Fußball seitdem er laufen kann. Ach Quatsch, es saß bei den ersten Partien noch im Kinderwagen. Auf zu Tasmania Berlin, nach Fredersdorf und zu Karkonosze Jelenia Góra. Das Fiber hat auch ihn gepackt. Mit Hansa Rostock II nach Brieselang, Lichtenberg und Frankfurt Oder. Kurzes Anschnuppern im Ostseestadion, doch unter dem Strich belassen wir es lieber bei Oberligaspielen. Perfekt für ihn. Freies Laufen auf den Rängen, Cola und Wurst sowie etwas Fangeschehen. Sei es bei Seelow vs. 1. FC Frankfurt, FC Strausberg vs. SpVgg Blau-Weiß 90 Berlin oder gestern bei der Partie 1. FC Lok Stendal vs. Tennis Borussia Berlin.

Lust auf eine Tagestour? Altstadt anschauen und ein 400-Zuschauer-Spiel im Stadion am Hölzchen? Gebongt! Rucksack gepackt und auf nach Stendal. Damals in den 90ern hatte ich Altmark Stendal ein paar Mal auswärts gesehen. Unter anderen beim 1. FC Union Berlin in der Regionalliga Nordost. Zu einem Stendaler Heimspiel hatte ich es indes bis dato noch nicht geschafft. Auf der Fahrt von Rathenow nach Stendal erklärte ich dann meinem Sohn noch mal (kindgerecht) die brisanten Ereignisse vom Februar 2006. Nach ein paar Fotos ging es schließlich zu Fuß in das alte Stadtzentrum von Stendal. Seit 2010 darf sich die 40.000-Einwohner-Stadt in der Altmark wieder „Hansestadt Stendal“ nennen. Die Bevölkerung wurde dazu befragt und hatte mit großer Mehrheit so entschieden. Schaut man sich die alten Gebäude im Stadtkern an, so kommt man schnell zum Entschluss, dass der Name angemessen erscheint. Uenglinger Tor, St. Marien, Rathaus und der Roland, historische Handelshäuser, alte Gassen, Fachwerkhäuser und zahlreiche Kriegerdenkmäler - Stendal hat einiges zu bieten. 

Nicht mehr ganz so interessant wird es, sobald man den alten Stadtkern verlässt und die Arneburger Straße zum Stadion „Am Hölzchen“ folgt. Direkt am Stadtrand ist dann rechte Hand die inzwischen umgebaute Spielstätte des 1. FC Lok Stendal zu finden. An Laternenmasten befindliche Aufkleber zeigen eindeutig an, dass Stendal kein reines Einzugsgebiet des 1. FC Magdeburg ist. So fällt immer wieder das „Merda Blue-Bianco. All Magdeburger are Bastards“ ins Auge. Muskeln zeigen auf heimischen Territorium. Auf dem Parkplatz vor dem Stadion dürfte ein Graffiti an einer alten Mauer das Interesse wecken. „BRD bekämpfen“. Das „BRD“ wurde bereits hellrosa überpinselt, schimmert jedoch immer noch deutlich durch. 

Das Stadion selbst hat leider seinen rustikalen Charme verloren. Allerdings kann sich die Spielstätte immer noch durchaus sehen lassen. Gästeblock und der Stehblock für die Heimfans befinden sich auf der Gegengerade, auf der Haupttribüne befinden sich genügend Sitzplätze, und auch das Vereinsheim ist einen Besuch wert. Zahlreiche aufgehängte Spielansetzungsplakate dürfen bestaunt werden. Lok Stendal gegen Stahl Thale. Ach Mensch, da hüpfte das Herz. Mal gleich dem Kai ein Handybild zusenden! 

Zur Historie des Vereins: Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Sportgemeinschaft Stendal-Nord ins Leben gerufen, diese wurde im Herbst 1948 zuerst in SG Blau-Weiß und dann in SG Eintracht umbenannt. Im Zuge einer Fusion entstand am 17. September 1949 schließlich die BSG Eintracht „Hans Wendler“ Stendal. Im Jahr darauf wurde schließlich daraus die Betriebssportgemeinschaft Lokomotive Stendal. Trägerbetrieb war das Stendaler Reichsbahnausbesserungswerk. Und ja, die BSG Lok Stendal spielte einst eine wichtige Rolle im DDR-Fußball. So wurde Stendal im Jahr 1956 immerhin Vierter in der DDR-Oberliga. In jener Saison lag der Zuschauerschnitt in der Wilhelm-Helfers-Kampfbahn bei 8.200. Ernst Lindner wurde damals sogar Oberliga-Torschützenkönig. 

Nach dem anschließenden Pendeln zwischen Oberliga und Liga spielte Lok Stendal ab 1964 vier Jahre nonstop in der DDR-Oberliga. Die Fans strömten in das Stadion, Highlights waren selbstverständlich die Spiele gegen den 1. FC Magdeburg. 1962 kamen zum Duell 1. FCM vs. Stendal sage und schreibe 35.000 Fußballfreunde. Andersherum waren es nicht ganz so viele, was allerdings daran lag, dass in die Wilhelm-Helfers-Kampfbahn nur 15.000 Zuschauer passten. Nach dem Abstieg im Frühjahr 1968 waren jedoch die goldenen Zeiten vorbei. Eine Rückkehr ins Fußballoberhaus wollte nicht mehr gelingen, bis zum Fall des Eisernen Vorhangs spielte Lok Stendal zweit- und drittklassig. Als die Mauer fiel, kickte Lok Stendal (zuvor von 1987 bis 1989 in der DDR-Liga) in der Bezirksliga Magdeburg. Als Meister war Stendal dann 1990/91 bei der letzten DDR-Liga-Saison (ab Oktober 1990 NOFV-Liga) dabei. Und klar, erwähnt werden muss noch, dass Lok Stendal in der FDGB-Pokalsaison 1965/66 nach Siegen gegen Carl Zeiss Jena, den BFC Dynamo und den F.C. Hansa Rostock das Finale erreicht hatte. Im Bautzener Stadion an der Müllerwiese musste man sich denkbar knapp der BSG Chemie Leipzig mit 0.1 geschlagen geben.

Im Februar 1990 wurde aus der BSG Lok Stendal die FSV Lok Altmark Stendal. Nach einem kuriosen Hin und Her entstand im Sommer 2002 im Zuge der Fusion mit dem 1. FC Stendal der 1. FC Lok Stendal. Wurde von 1994 bis 2000 immerhin in der Regionalliga Nordost gespielt, mussten im Neuen Jahrtausend kleinere Brötchen gebacken werden. 2003 rutschte Lok Stendal aus der NOFV-Oberliga in die Verbandsliga Sachsen-Anhalt ab. Nach schmerzvollen Jahren in den Niederungen gelang 2017 der Aufstieg in die NOFV-Oberliga. Nach einem Jahr in der Südstaffel (der Klassenerhalt wurde am letzten Spieltag mit einem genialen Tor gegen Bischofswerda in trockene Tücher gebracht) wechselte Stendal 2018/19 in die Nordstaffel und hat somit unter anderen die Amateure von Hansa Rostock, die SpVgg Blau-Weiß 90 Berlin und Tennis Borussia Berlin als Gegner. Dank des Einzugs in das Landespokalfinale - Gegner war der 1. FC Magdeburg - durfte der 1. FC Lok Stendal in der ersten Runde des DFB-Pokals teilnehmen. Eine Überraschung gegen Arminia Bielefeld (0:5) sollte nicht gelingen, doch das Ambiente im Stadion Am Hölzchen bleibt den Stendalern sicherlich in angenehmer Erinnerung.

Am gestrigen Nachmittag waren es insgesamt 445 Zuschauer, die den Weg zum Heimspiel gegen Tennis Borussia Berlin fanden. Da im Gästeblock auch einige TeBe-Fans anzutreffen waren, war für eine nette Atmosphäre gesorgt. Bereits in der dritten Minute ging Stendal Dank des Treffers von Martin Gödecke mit 1:0 in Führung. Nach einem Freistoß konnte Gödecke mit dem Kopf verwandeln. Jubel auf den Rängen. „L-O-K!“ hallte es quer über den Platz.

In der achten Minute dann sogar fast das 2:0 für den Gastgeber. Niclas Buschke brachte von der linken Seite aus den Ball herein, doch Vincent Kühn kam einen Schritt zu spät. „Mensch, den musste er allein machen!“, waren sich die Zuschauer einig. Das sah richtig gut aus, was die Stendaler zu Beginn der Partie zeigten. Nach zehn Minuten zappelte der Ball im Netz, doch es wurde zuvor Abseits angezeigt. Nun kam TeBe ins Spiel, und es sollte nicht lange dauern, bis sich die Qualität durchsetzen sollte. In der 17. Minute schlenzte Thiago Rockenbach ins lange Eck. Der Ausgleich für die Berliner. „Lila-Weiße!“, ertönte es im geräumigen Gästeblock. „Meine Fresse, vorher weghauen!“, maulte ein älterer Lok-Fan. 

Nur vier Minuten später gab es den nächsten Treffer von Thiago Rockenbach zu sehen. Von zentraler Position aus konnte er die Kugel im Gehäuse unterbringen. 2:1 für TeBe und manch ein Lok-Fan wurde nun ein wenig muffig. Es blieb hochspannend, doch der Ausgleichstreffer für Stendal in der 25. Minute zählte nicht. Wieder abseits. Fünf Minuten später wurde es hektisch. Rudelbildung auf dem Rasen nach einem Foulspiel von TeBe. Die ersten Lok-Fans hingen auf der Zaunkrone und der Schuldige war schnell gefunden: Der Schiedsrichter! „So ein Mist! Hier werden alle Fußballregeln außer Kraft gesetzt!“, brüllte ein Lok-Fan. Die Mannschaft wurde wieder mit einem lauten „L-O-K!“ angetrieben. Zwei Minuten vor dem Pausentee hatte Stendal gleich zwei dicke Chancen zum Ausgleich, doch es blieb beim 1:2.

Pause. Ein Bierchen. Mein Sohn hangelte an den Wellenbrechern. „Bella Ciao, bella caio…“, hallte es aus den Lautsprechern, und auch die folgende Mucke konnte sich hören lassen. Ein Fußballabstecher nach Stendal zum Hölzchen? Eine klare Empfehlung! Mag der eine oder andere Zuschauer muffig sein aufgrund des Spielgeschehens - unter dem Strich durfte ich gestern auf den Rängen die totale Entspannung und Gelassenheit spüren. Ein Pläuschchen hier, ein Pläuschchen dort. Da sehnte ich mir doch glatt den Stendaler Ausgleich herbei. Und als das „Lila-weiße Westberliner Scheiße“ ertönte, musste ich innerlich lachen. Ach herrlich, was für verrückte Auftritte von Union und BFC Dynamo hatte ich im Berliner Mommsenstadion in der Vergangenheit gesehen. Was für ein Hass auf TeBe. Was für irre Zeiten!

Wiederanpfiff im Hölzchen. Weiter ging´s! Auch im zweiten Spielabschnitt versuchte Stendal alles, doch Tennis Borussia hatte die Sache recht gut im Griff. Zehn Minuten vor Schluss machte Thomas Franke schließlich alles klar. 3:1 für die Berliner Veilchen. Ein Blick auf die Uhr, ein Griff an des Sohnemanns Hand. Los jetzt hier! Der Zug nach Rathenow um 16:31 war unser! Mit flottem Schritt wanderten wir zurück zum Bahnhof, wo am Eingang bereits die ersten TeBe-Fans standen und Kaffee tranken. Die meisten wurden von den Autofahrern fix zum Bahnhof gebracht, auf zwei Stunden Wartezeit oder den langen Umweg über Wittenberge hatte niemand Lust. Also dann, rein in die wohl gefüllte Regionalbahn nach Rathenow. Ein bisschen rumkaspern, ein Bierchen und ein Cola - ehe man sich versah rollte nach dem Umstieg der Regionalexpress in Berlin-Südkreuz ein. Stendal? Ich komme wieder!

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: 1. FC Lok Stendal

> zur turus-Fotostrecke: Tennis Borussia Berlin

Spielergebnis:
1:3
Zuschauerzahl:
445
Gästefans
50

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War spaßig

Damals Stendal war sehr geil und lustig! Wir vom BFC wollten auch zum Spiel und haben natürlich nur zugeschaut :)

D
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G
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12 Jahre schon her, Alter!

G
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P
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