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PSIM Yogyakarta vs. PSS Sleman: Tränengas, Wasserwerfer und totale Ekstase

 
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R 05 August 2018
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Der Flug von Thailand wurde natürlich direkt so gelegt, um beim erneuten Indonesienbesuch, gleich einen richtigen Leckerbissen zu beehren. Als das größte und gleichzeitig gefährlichste Derby im Inselstaat wird oft Persija Jakarta vs. Persib Bandung gehandelt, aber man kann es vorweg nehmen, auch dieses Duell hat einen berechtigten Anspruch auf diesen Titel. 

Da einige Tage zuvor die Info kam, dass es nur einen Vorverkauf für Tickets geben sollte, musste eine Bekannte aus Yogyakarta dazu genötigt werden, ein Ticket zu besorgen, was auch ohne Probleme klappte. Grundsätzlich ist es aber so, dass man als Ausländer definitiv auch vor Ort einen Weg findet. Aber was man hat, das hat man. Mit dem Motorroller ging es nun also nach Bantul, wo PSIM aktuell seine Heimspiele während des Umbaus des Stadion Mandala Krida austrägt.

Was für ein Gewusel am Stadion. Und dann wäre es das fast schon gewesen mit dem Spiel. Denn leichtsinnig wie die ganzen Jugendlichen in Indonesien eben sind, schoss plötzlich ein Motorroller mit sehr hoher Geschwindigkeit über den Parkplatz und traf ausgerechnet meinen Scooter am Vorderrad. Das war richtiges Glück. 50cm weiter drüben und die Jungs wären voll in meinen Roller geknallt. Das hätte weh getan, vor allem auch für die zwei unbehelmten Raser, welche wohl einen derben Abflug in die unzähligen parkenden Motorroller gemacht hätten und für mich wäre es das sicherlich auch gewesen. Glück im Unglück! 

 

Vorab musste noch der „Voucher“, der in diesem Fall eine einfache Quittung war, an einem PKW in ein reales Ticket eintauschen. Dann konnte es endlich in das Stadion gehen. Die Leute waren wie schon bei den letzten Spielbesuchen in Indonesien erfreut über den Besuch eines „Bule“ bei einem Spiel ihrer Mannschaft. So langsam füllte sich auch das Stadion, aber leider sollten keine Gäste den Weg ins Stadion finden. Diesen war ein Besuch nicht gestattet, was aber auch gar nicht anders geht, wie sich im weiteren Spielverlauf noch zeigen sollte. Denn kaum ging das Spiel los, kam es in fast allen Bereichen abwechselnd zu kleinen Scharmützeln zwischen Fans. Ob es sich dabei immer um incognito im Heimbereich versteckte Sympathisanten von Sleman handelte oder ob es auch untereinander zu Reibereien kam, lässt sich schwer sagen. 

 

Ein wenig litt auch die Stimmung darunter, wobei sie in vielen anderen Momenten auch richtig gut war. Also laut und melodisch können die kleinen Indonesier. Wenig später sah man wie ein Großteil der Leute von der Kurve, aus dem Stadion rannte. Wenig später hörte man es knallen, von den Schüssen der Polizei mit Tränengaskartuschen. Der Wasserwerfer kam ebenfalls zum Einsatz. Scheinbar entfachten die PSIM-Fans auch ein Feuer, sodass eine ordentlich schwarze Wolke hinter dem Stadion hochzog. Selbst nach Ende der Partie, merkte man das Tränengas noch in den Augen. Da es auf der gegenüberliegenden Seite stattfand, konnte  nichts Genaueres gesehen werden, aber die Auseinandersetzungen zogen sich 15-20 Minuten. 

 

Als schließlich das entscheidende 1:0 für PSIM fiel, zog ein wahnsinniger Torjubel durch das Stadion, gefolgt von lauten Gesängen. Das bescherte schon ein wenig Gänsehaut. Auch nach dem Abpfiff zeigten die Fans geniale Momente. Tausende Handylichter erleuchteten das Stadion, die Spieler standen im Mittelkreis und das ganze Stadion sang. Ein richtig genialer Moment und genau dies ist die Faszination, welche den Fußball in Indonesien aus fantechnischer Sicht so besonders macht. Dennoch gibt es auch oft grausame Momente. Leider sterben hier verhältnismäßig viele Fans im Zusammenhang mit diesem Sport. So auch bei dieser Partie. Bei den Ausschreitungen vorm Stadion, verstarb leider wieder ein Fan. Offenbar von einem großen Stein getroffen. Davon waren die Wege vorm Stadion nach Ende der Partie gesäumt. Da sah man wie es wenige Minuten zuvor zuging. Bei dem Verstorbenen soll es sich um einen Anhänger von PSS Sleman handeln, welcher in Bantul lebte. Man sollte als Gästefan auch incognito den Besuch solcher Partien meiden. Irgendwie finden es die Leute immer heraus und dann kann es ganz schnell sehr gefährlich werden. Einer der Gründe, warum bei vielen Partien keine Gäste zugelassen werden. 

 

Für einen neutralen Besucher wirkt das sehr befremdlich, denn man erfährt als Ausländer eigentlich nur Freundlichkeit. Sicherlich bekommt man auch immer mal einen dummen Spruch, aber um diesen ernst nehmen zu können, müsste man ihn ja verstehen. Von daher passt das schon. Dennoch überwiegt die Neugier und Freude bei den Leuten. Wenn man sich nun vorstellt, dass die gleichen Leute, andere Fans wenig später zu Tode bringen, dann bekommt das Ganze einen faden Beigeschmack. Es ist wie mir wenige Tage später von einigen führenden Leuten der Fangruppe „Surakartans“ von Persis Solo gesagt wurde. Die Leute steigern sich in einen Rausch, angetrieben durch die Masse und vergessen die Grenzen, die man nicht überschreiten sollte. Glücklich sind die Fans mit diesen Umständen nicht, aber Gewalt gänzlich ablehnen steht eben auch nicht zur Debatte. 

 

Als Fazit kann auf jeden Fall gesagt werden, dass dieses Stadtderby dem großen Derby Indonesiens in Nichts nachsteht und auch wenn man es sich als neutraler Beobachter wünschen würde, ist es wohl besser, solche Spiele auch weiterhin ohne Gästefans auszutragen. 

Fußball in Indonesien – eine Gradwanderung zwischen Ekstase, Begeisterung, Faszination, Spitzensupport, Emotionen sowie Grenzüberschreitungen, Gewalt und Tod. 

Bericht: Marcel Hartmann

Fotos: Marcel Hartmann

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in Thailand & Indonesien

Spielergebnis:
1:0
Zuschauerzahl:
32.000
Gästefans
0
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