Hertha BSC vs. Hansa Rostock: Erinnerungen ans erste Duell im Olympiastadion im März 1993

 
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MB 25 Juli 2018
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Es war der erste Auftritt des F.C. Hansa Rostock im Berliner Olympiastadion, und für mich war es nach den Partien im Leverkusener Ulrich-Haberland-Stadion (Stichwort BFC-Hools hinter dem Tor) und im Kölner Müngersdorfer Stadion (Stichwort schwingende Fleischpeitsche) in der Erstligasaison 1991/92 mein (vermutlich) drittes Auswärtsspiel der Rostocker. Ich wühlte lange in den Gehirnwindungen und im Karton und überlegte, ob ich 1992/93 nicht vielleicht doch ein Zweitligaspiel des FCH bei Fortuna Köln, beim Wuppertaler SV beim FC Remscheid oder beim MSV Duisburg gesehen hatte. Diese vier Vereine lagen damals quasi um die Ecke, sprich, nur ein Katzensprung vom Ausbildungswohnheim in Leverkusen entfernt. Vielleicht ging die Eintrittskarte verschütt, vielleicht verschwanden die Erinnerungen an ein mögliches Spiel auch im geistigen Nirvana. Egal, Fakt ist, dass ich am 20. März 1993 in meine Heimatstadt Berlin düste, um die Zweitligapartie Hertha BSC vs. F.C. Hansa Rostock zu sehen. „Düsen“ ist sogar der richtige Ausdruck, da ich mal eben von Düsseldorf aus einen Linienflug der Lufthansa nutzte. Hin und zurück rund 220 Öcken. Das war in Ordnung. Zumal man sich damals noch im Warteraum der Lufthansa mächtig den Bauch vollschlagen und im Flieger gleich die ganze Palette Zeitschriften einpacken konnte. Wer zuerst kam, mahlte zuerst. Ein beherzter Griff ins vordere Gepäckfach. Eins, zwei, drei - alles meins. Focus, Spiegel und Stern. Und ne fette Tageszeitung gleich oben drauf. Rein damit in die Tasche!

Meine Freunde in (Ost-)Berlin regten sich damals auf. Wie dekadent sei es bitte schön, als Azubi mal eben den Flieger zu nutzen, nur um ein Fußballspiel zu besuchen und am anderen Tag den Eltern Hallo zu sagen?! Futtern, Zeitschriften, Zeitungen plus Zeitersparnis. Ich rechnete das mal beim abendlichen Bier eben vor. Und das Bahnticket gab es damals auch nicht gratis. Also dann! Berlin, ich komme! Auf das Duell Hertha vs. Hansa hatte ich richtig Bock. Ich fragte meine kleine Atze, ob sie Lust habe mitzukommen. Die Antwort war klar. Ich solle ja auf meinen kleinen Bruder aufpassen, ermahnte mich meine Mutter. Sie wisse ganz genau, dass beim Fußball nur gepöbelt und gesoffen werde. Wird gemacht, Mama!

Also rein in die S-Bahn bis Zoo und dann mit der U2 in Richtung Ruhleben. Da sich ganz Berlin im Pokalfieber befand - die Amateure von Hertha BSC schafften es ins Halbfinale des DFB-Pokals -, hoffte ich auf eine richtig große Kulisse. Elf Tage vor dem Duell Hertha BSC II vs. Chemnitzer FC ein Spiel der ersten Mannschaft gegen Hansa Rostock?! Da müssten doch mal locker 30.000 Zuschauer kommen. Nun denn, ganz so war es nicht. Die Alte Dame war zu jener Zeit kein wirkliches Zugpferd. Eher ein lahmer Gaul. Die Berliner honorierten sehr wohl die grandiose Leistung der Amateure - gegen die Himmelblauen strömten 56.514 Zuschauer ins weite Rund -, doch übertrug sich die Begeisterung nicht wirklich auf die Zweitligamannschaft.

11.500 Fußballfreunde waren es, die das Duell Hertha vs. Hansa sehen wollten. Na immerhin eine fünfstellige Zuschauerzahl. Wirklich zufrieden war ich dennoch nicht. Mein sechsjähriges Brüderchen zeigte sich begeistert. Ihn störten die riesigen Lücken keinesfalls. Stimmung im Heimbereich, Stimmung im Gästeblock - das passte. Ein Stadionprogramm für eine Deutsche Mark, dazu eine Wurst. Auf ein Bierchen in der arg verquarzten Stadionkneipe verzichtete ich mal lieber. Aus heutiger Sicht wirken die frühen 90er wirklich Old School, damals fühlte ich mich im Berliner Olympiastadion indes in die 70er versetzt. Der marode Bau. Die durchgehenden Sitzbänke. Die vergilbten Vorhänge der besagten Stadionkneipe. Die alten Männer, die Zigaretten pafften und diskutierten. Die schrägen, zum Teil ein wenig versifften Fans mit den schmuddeligen Kutten. Richtig altes West-Berlin. Engelhardt in der Tulpe und Ernte 23 zwischen den Fingern. 

Schade, dass ich an jenem Tag nicht am / im Gästeblock vorbeigeschaut hatte. Von daher kann ich das damalige Treiben der Hansa-Fans nicht genauer beschreiben. Aufgrund der großen Entfernungen im weiten Rund waren Details nicht wirklich erkennbar. Auf dem Rasen zeigte sich die Hertha-Mannschaft von einer sehr guten Seite. Sie wollte anscheinend nicht im Schatten der Amateure stehen. Nach oben hin könnte sogar vielleicht was gehen am 32. Spieltag der irre langen Zweitligasaison. Nach der Zusammenlegung der Nord- und Südstaffel spielten sage und schreibe 24 Vereine die Saison 1992/93 aus. Und nun denn, hätte Hertha zuvor nicht bei der SpVgg Unterhaching mit 1:2 verloren, wären vielleicht 2.000 Neugierige mehr zum Heimspiel gegen Hansa gekommen. Am 06. März 1993 waren es daheim beim 2:1-Sieg gegen Fortuna Köln immerhin 10.300 Zuschauer. Aber wie so oft in den frühen 90ern: Schnupperte Hertha einmal an den Aufstiegsrängen, wurde das nächste Spiel prompt verkackt.

Und Hansa? Nach dem Abstieg aus 1. Bundesliga sollte so schnell der Wiederaufstieg realisiert werden. Ähnlich wie bei Hertha schnupperte der F.C. Hansa Rostock immer wieder an der Aufstiegszone, doch der Sprung in die Top 3 wollte einfach nicht gelingen. Am 14. Februar 1993 wurde der 1. FSV Mainz 05 nach Rückstand mit 4:1 bezwungen (Jürgen Klopp musste nach einer Stunde mit Gelb-Rot vom Platz) und der Rückstand auf Rang drei betrug nur fünf Punkte. Spitzenspiel an der Wedau am 20. Februar. Das Duell beim Tabellendritten wurde mit 1:2 verloren. Apropos, die Zebras wurden damals von Uwe Reinders trainiert. Eine Woche später wurde im heimischen Ostseestadion vor 2.300 Zuschauern der SV Meppen mit 2:1 bezwungen. Juri Schlünz erzielte in jener Partie beide Treffer. Der Rückstand auf Rang drei: Wieder fünf Punkte! Auswärts in Homburg/Saar gab es keine Tore zu sehen, am 13. März 1993 wurde daheim der FC St. Pauli mit 2:0 bezwungen. Das passte! Vor immerhin 8.000 Zuschauern erzielte Heiko März in der 35. Minute vom Elfmeterpunkt aus das 1:0, Olaf Bodden legte in der 69. Minute zum 2:0 nach.

Auf nach Berlin! Mit einem Sieg hätte der FCH weiter nach oben rücken können. Allerdings zeigte - wie bereits erwähnt - die Hertha-Mannschaft eine wirklich ordentliche Leistung. Bereits in der neunten Spielminute machte Daniel Scheinhardt das 1:0 für Hertha BSC. Nach etwas über einer Viertelstunde war es Timo Lange, der die angereisten Gästefans zum Jubeln brachte. Unmittelbar vor dem Pausenpfiff brachte Sven Demandt die Berliner wieder in Führung. Im zweiten Spielabschnitt trauten die Hertha-Fans ihren Augen kaum. Die Alte Dame legte plötzlich einen ordentlichen Ballett hin. Publikumsliebling Theo Gries machte nach einer Stunde das 3:1, Mike Lünsmann erzielte in der 65. und 71. Minute das 4:1 und 5:1. Laut hallte das Ha Ho He! durch das marode Rund. 

Einen Kulturschock bekam mein kleiner Bruder auf der Rückfahrt in der U-Bahnlinie 2. Pöbeln und Radau gehörten damals einfach dazu. Egal, ob Sieg oder Niederlage - randaliert wurde zu jener Zeit immer. Mal wurde die Notbremse gezogen, mal wurden ein paar Sitze aufgeschlitzt, mal wurde die Innenverkleidung zertreten. Die Option, mit der S-Bahn nach Hause zu fahren, gab es damals noch nicht. Es blieb nur das Nadelöhr U2. Sei es drum, der Bruder wurde wohlbehalten abgeliefert, am nächsten Tag ging es mit dem Flieger zurück ins Rheinland, wo ich in der Woche darauf das Duell Fortuna Düsseldorf vs. Hertha BSC aufsuchte. Gemeinsam mit Karsten stellte ich mich in den Gästeblock, um zu schauen, wer alles anreisen würde. Voll wie die Haubitzen feierten die nicht allzu zahlreich angereisten Hertha-Fans den 3.1-Auswärtssieg. Einer ließ es vor Freude mal eben mitten im Block laufen. Auf die Hose, raus den Schwengel und am Wellenbrecher plätschern lassen. Das DFB-Pokalhalbfinale zwischen den Hertha-Bubis und dem Chemnitzer FC hatte ich dann am Mittwochabend im Gemeinschaftsraum des Wohnheims in Leverkusen-Schlebusch geschaut. 2:1 gegen die Himmelblauen. Ein starkes Stück! Finale gegen den  TSV Bayer 04 Leverkusen! Den 3:0-Sieg der Werkself im Frankfurter Waldstadion hatte ich gemeinsam mit Karsten vor Ort gesehen. Man war jung, man war hungrig, man war viel auf Achse…

Und der weitere Verlauf der Zweitligasaison 1992/93? Weiterhin oben geschnuppert hatten sowohl Hertha BSC als auch der F.C. Hansa Rostock. Etwas überraschend konnte der F.C. Hansa am 08. April 1993 den Tabellenzweiten VfB Leipzig mit 2:0 schlagen. Vier Punkte bis zur Aufstiegszone! Und dann? Wieder ein Rückschlag. 0:2 beim Tabellensiebzehnten Wuppertaler SV am Freitagabend. Als dann auch noch daheim gegen den SC Fortuna Köln nach eigener Führung durch Jens-Peter Fischer am Ende mit 1:2 verloren wurde, war quasi der Ofen aus. Und auch Hertha BSC verlor den Anschluss, bei Tabellenführer SC Freiburg musste eine 2:4-Schlappe hingenommen werden. Unter der Woche kamen zum Duell Hertha BSC vs. VfL Wolfsburg nur noch 3.088 Verwegene ins Olympiastadion. Das letzte Heimspiel gegen den FC 08 Homburg (1:0) wollten 3.200 Zuschauer sehen. Die Saison wurde mit Rang fünf abgeschlossen. Beim letzten Saisonspiel des F.C. Hansa Rostock waren es sogar nur 700 Zuschauer, die den 2:0-Sieg gegen den Chemnitzer FC sahen. 46:46 Punkte waren einfach zu wenig. Am Ende blieb nur Rang elf.

Bis Hansa und Hertha die Rückkehr in die 1. Bundesliga feiern durften, dauerte noch ein bisschen. Bei den Rostockern war es am Ende der Saison 1994/95 soweit, Hertha BSC stieg zwei Jahre später auf. Das Wiedersehen in der ersten Liga im Olympiastadion wollten am 1. März 1998 immerhin 71.018 Zuschauer sehen! Michael Preetz hatte die Hertha in der 52. Minute mit 1:0 in Front gebracht, nur sechs Minuten später konnte Sergej Barbarez für Hansa ausgleichen. Das waren noch Zeiten…

Fotos: Marco Bertram, K. Hoeft, Heiko Neubert

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Inhalt über Klub(s):
Spielergebnis:
5:1
Zuschauerzahl:
11.500

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2. Bundesliga
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Schöne Zeiten waren es.

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