Füchse Berlin vs. Sp.Vg. BW 90 Berlin: Phänomenales Ambiente auf dem Wackerplatz

 
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MB 02 Juni 2018
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BFC Alemannia 90-Wacker?! Den Namen dürften einige Fußballfreunde schon mal gehört haben, allerdings legte der Verein 2013/14 den Zusatz „Wacker“ ab. Die letzten Spuren des einstigen Vereins SC Wacker 04 Berlin (Reinickendorf), der 1994 aufgrund finanzieller Probleme aufgelöst wurde, gingen somit verloren. Wacker 04! Der Verein mit der seltenen Farbkombination Lila, Gelb und Weiß war 1974 eines der Gründungsmitglieder der 2. Bundesliga! In der damaligen zweigleisigen 2. Bundesliga konnte sich Wacker 04 Berlin in der Nordstaffel gut behaupten. So wurde unter anderen Borussia Dortmund zweimal geschlagen, am Ende war Wacker 04 auf Rang 13 zu finden (20 Mannschaften). Allerdings musste Wacker 04 damals in das Poststadion umziehen, da der heimische Wackerplatz am Wackerweg über keine Spielfeldzäune und separate Duschen für das Schiedsrichtergespann verfügte. In der Folgesaison konnte Wacker 04 denkbar knapp die Klasse halten. Am letzten Spieltag trat Wacker 04 beim Tabellenführer Tennis Borussia Berlin an, den 4:1-Heimsieg von TeBe sahen im Mommsenstadion 25.000 Zuschauer.

In der Saison 1976/77 gab es dann aber doch Zweitligaspiele auf dem Wackerplatz. Das erste Heimspiel gegen den SC Preußen Münster wollten immerhin 1.740 Zuschauer sehen. Nach 0:2-Rückstand durfte in der 70. und 71. Minute ein Doppelschlag zum 2:2 bejubelt werden. Mit dabei damals in der Staffel Nord der 2. Bundesliga: Göttingen 05, Arminia Hannover, der SC Herford, Bayer 05 Uerdingen, Schwarz-Weiß Essen, Union Solingen, der Bonner SC und Westfalia Herne. Beim Lesen dieser Vereinsnamen schmerzt den Nostalgikern doch glatt das Herz. Am 06. März 1977 kam es zum Duell Wacker 04 Berlin vs. I. SC Göttingen 05. Vor 1.000 Zuschauern auf dem Wackerplatz trennten sich beide Mannschaften 0:0. Am letzten Spieltag waren es gegen den FC St. Pauli (1:2) rund 700 Fußballfreunde. Interessant: Der Bonner SC erhielt als 16. vom DFB keine Lizenz, da jedoch sowohl Wacker 04 Berlin als auch Göttingen 05 nicht nachrücken wollten, durfte die SG Union Solingen, die nur 19 wurde, nachrücken und auch 1977/78 in der zweiten Liga spielen.

Wacker 04 Berlin kehrte allerdings auf sportlichem Wege noch einmal zurück und war 1978/79 für eine Saison in der 2. Bundesliga dabei. Damals wurde der TSV Bayer 04 Leverkusen Meister der Nordstaffel, der FC Bayer 05 Uerdingen wurde Zweiter. Mit 21:55 Punkten schloss Wacker 04 Berlin die Saison als Tabellenletzter ab. Das letzte Zweitligaspiel von Wacker 04 war immerhin ein Sieg. Vor 250 Zuschauern wurde auf dem Wackerplatz Holstein Kiel mit 1:0 bezwungen. Eine andere Partie des letzten Spieltages lautete Rot-Weiß Lüdenscheid vs. DSV Wanne-Eickel (2:5). Aber dies nur am Rande.

Wacker 04 Berlin? Manch einer erinnert sich noch an die Zeit kurz nach der Wende, als dieser Verein mit dabei in der NOFV-Oberliga war. 1991/92 gab es noch drei Staffeln, und Wacker 04 war gemeinsam mit dem FC Berlin (BFC Dynamo), dem FSV PCK Schwedt, Hafen Rostock und dem FC Victoria 91 Frankfurt (Oder) in der Nordstaffel anzutreffen. Wenig später ging es sportlich und finanziell rapide bergab, wie bereits erwähnt wurde der Verein 1994 aufgelöst, die meisten Spieler gingen zum Rivalen BFC Alemannia 90. Bis 2013 wurde als Zugeständnis das „Wacker“ mit im Namen getragen. 

Alle Spuren somit weg? Nicht ganz! Es gibt ja noch den altehrwürdigen Wackerplatz am Wackerweg. Was für eine grandiose Spielstätte! Nostalgiker werden dort nicht mehr aus dem Schwärmen herauskommen, und somit war es kein Wunder, dass am gestrigen Abend zahlreiche Fußballfreunde aus den verschiedensten Ecken angereist waren, um das Berlin-Liga-Spiel Füchse Berlin Reinickendorf vs. Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin zu sehen. Glücklicherweise zogen die Füchse mit der ersten Mannschaft vom Freiheitsweg zum Wackerplatz. Zwar mag auch der Sportplatz am Freiheitsweg seinen gewissen Charme haben, doch ist die Atmosphäre auf dem Wackerplatz um Längen besser!

Die alten zugewachsenen Ränge auf der Gegengerade und hinter den Toren. Die kleine Tribüne auf der Seite des Vereinsheims. Und erst das Vereinsheim als solches! Der Hammer! In angenehmer Weise fühlt man sich auf den Balkan versetzt. Und in der Tat wurde bis vor zwei Jahren die Kneipe im Vereinsheim von einem Serben betrieben, der alles im Balkan-Stil dekoriert hatte und auch serbisches Fassbier (das mit dem Hirsch) ausschenkte. Gemütlich ist es immer noch, und die Geräumigkeit dürfte überraschen. Diese wussten auch die angereisten Fans von Blau-Weiß 90 zu nutzen.

Nachdem die Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin den Aufstieg in die NOFV-Oberliga bereits in trockene Tücher bringen konnte, durfte das gestrige Abendspiel ganz entspannt bei reichlich Bier geschaut werden. 1991/92 wurde noch in der 2. Bundesliga gespielt, am 28. Juni 1992 wurde, nachdem der DFB die Lizenz entzogen hatte, Konkurs angemeldet. Der Verein wurde aus dem Vereinsregister gelöscht. Eine ganz bittere Nummer! Vor allem, wenn man bedenkt, um was für ein Schuldenstand es eigentlich ging. Im Vergleich zu heute: Eher ein Klacks! Insolvenz und dann frisch und frei in der kommenden Saison eine Etage tiefer starten? Damals eine klare Fehlanzeige. Blau-Weiß 90 war komplett weg vom Fenster. 

Glücklicherweise wurde ganz unten als SV Blau-Weiss Berlin ein Neustart gewagt. Nicht wenige der Fans, die heute die Mannschaft Woche für Woche unterstützen, gingen bereits damals zu Zweitligazeiten zu Blau-Weiß 90. Manch einer erlebte auch schon die legendäre Erstligasaison 1986/87 mit. Dass bei diesen Fans der jetzige Aufstieg große Emotionen auslöst, kann sich sicherlich jeder vorstellen. Nach einem Vierteljahrhundert spielt Blau-Weiß 90 wieder überregional! Auswärtsspiele in Torgelow, beim F.C. Hansa Rostock II, in Strausberg und beim Brandenburger SC Süd 05 locken. Und eventuell geht es auch nach Schwerin. Und vor allem: Das Duell gegen Tennis Borussia Berlin steht dann an! Und das auf Augenhöhe und nicht als Underdog im Berliner Pokal! Schade nur, dass der 1. FC Frankfurt (Oder) absteigt. Eine Sause in die Oderstadt hätten einige Blau-Weiß-Fans gern mit einem Abstecher zum Polenmarkt verbunden. 

Am gestrigen Abend also gab es erst einmal das Stelldichein auf dem Wackerplatz. Neben einigen Blau-Weiß-Fans mit Trommel und Fahnen waren wie bereits erwähnt Fußballfreunde aus einigen Ecken des Landes vor Ort. Vereinsfarbenübergreifend wurde sich gemeinsam an die Tische gesetzt. Auf Tabletts die Bierbecher herangeholt und ausgiebig gequatscht. Herthaner, Unioner, Sechzger, Hannoveraner, Rostocker - es war so einiges dabei. Und auch für Kinder ist dieser Sportplatz ein wahrer Abenteuerspielplatz. Viel Geräumigkeit im Vereinsheim, viel Grün auf den Rängen. Hinter der Hauptgeraden schließt sich sogar ein Garten an. Besser geht es kaum. 

Die Blau-Weiß-Fans stimmten ein paar Gesänge an, auf dem Rasen konnte Timo Bruckmann die Blau-Weißen in der 34. Minute mit 1:0 in Führung bringen. Während der Halbzeitpause näherte sich jedoch das Gewitter, das bereits an mehreren Stellen Berlins sein Unwesen trieb. Verständlich, dass der Schiedsrichter dann in der zweiten Halbzeit das Spiel unterbrach und sich alle im Gebäude in Sicherheit brachten. Ein paar Bier später wurde das Spiel bei Regen fortgesetzt. Manch einer verfolgte das Spiel von der überdachten Terrasse aus, andere blieben lieber drinnen an den Tischen sitzen.

In der 84. Minute erzielte Kevin Gutsche das 2:0 für Blau-Weiß 90 Berlin, doch diesen Treffer sah selbst ich nicht mehr, da ich mit meinem achtjährigen Sohn bereits in der S-Bahn saß. Dieser zeigte sich erfreut nun endlich auch mal eine Spielunterbrechung erlebt zu haben. Diesbezüglich hatte sein jüngerer Bruder mit 1:0 geführt, da dieser im Kinderwagen vor einem Jahr beim Gewitter in Treptow beim Testspiel VSG Altglienicke vs. Polonia Bytom dabei war. Ausgleich! Und in der kommenden Saison sind die beiden Spiele der Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin gegen den F.C. Hansa Rostock II für uns Pflicht…

An dieser Stelle noch einmal Glückwunsch an die Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin für den gepackten Aufstieg! Es ist immer wieder schön zu sehen, wenn Vereine, die ganz, ganz unten waren, es wieder nach oben schaffen! Respekt!

Fotos: Marco Bertram

Video:

* https://www.youtube.com/watch?v=ARcU3Okd9YY

Spielergebnis:
0:2

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Heja Blau-Weiß!

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