Energie Cottbus zurück in Liga 3! Fanmarsch mit Trabi und Rasenparty mit Freudentränen

MB 28 Mai 2018
 
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Energie Cottbus zurück in Liga 3! Fanmarsch mit Trabi und Rasenparty mit Freudentränen

Spätestens als eine Truppe Fans von Beskid Andrychów über den Altmarkt spazierte, fühlte man sich ein stückweit wie in Polen. Ein Markplatz wie er auch in Poznan oder Jelenia Góra zu finden ist, unter großen Schirmen sitzende Fans beim Bier und eine erstaunliche Gelassenheit. Ist man als Außenstehender zu Gast in Cottbus dürfte man immer wieder überrascht sein von der Unaufgeregtheit. Dresden, Rostock, Leipzig, Magdeburg, Cottbus. In Bezug auf den Fußball unterscheiden sich sämtliche Fußballstandorte grundlegend, und immer wieder zeigt sich: Fußballosten ist nicht gleich Fußballosten. Das Interessante im Fall Cottbus: Die meisten, die Cottbus nur aus der Ferne kennen, dürften eine völlig andere Vorstellung haben. Wenngleich es definitiv problematische Personenkreise im Umfeld des FC Energie Cottbus gibt, so dürfte - wenn vor Ort eine ausgiebige Runde gedreht wird - ein durchaus positiver Eindruck entstehen. Dass jedoch gerade bei Gästefans der Standort Cottbus häufig nicht so nett in Erinnerung bleibt, hat auch seine Gründe. Vom Bahnhof wird man von der Polizei die breite Hauptstraße bis zum Stadion der Freundschaft entlanggeführt (von der Stadt sieht man quasi gar nichts), der Gästeblock mit dem dazugehörigen Ordnerdienst genoss auch nicht gerade den besten Ruf, und nach dem Spiel wurde es für Bahnreisende auf dem Bahnhof allzu oft recht stressig. 

Fährt man auf eigene Faust nach Cottbus und geht vor dem Spiel ein Bierchen trinken, schaut die Welt ganz anders aus. Dass die Grundstimmung am gestrigen Nachmittag ganz besonders gelassen war, hatte natürlich zwei gute Gründe. Sportlich hatte die Mannschaft des FC Energie am Donnerstagabend im Kieler Holstein-Stadion gut vorgelegt, fantechnisch gab es zudem null Brisanz. Gegen Saarbrücken oder gar Waldhof Mannheim hätte es gewiss mehr geknistert, so aber fand das Rückspiel quasi ohne Gästeblock statt. Die knapp 100 Gästefans waren nun wirklich nicht der Rede wert. Dass es dermaßen wenige Weiche-Fans waren, lag allerdings auch daran, dass es in Flensburg nur ein ganz kleines Zeitfenster gab, in dem in der Geschäftsstelle die Karten für die Partie in der Lausitz erworben werden konnten. Respekt deshalb an alle Flensburger, die trotz dieser Umstände den Weg nach Cottbus fanden, ihr Eisenbahner-Banner befestigten und mit einer mitgebrachten Trommel ihre Mannschaft unterstützten.

Geschlossenheit und lautstarke Unterstützung benötigte auch die Mannschaft des FC Energie Cottbus. Nach zwei Jahren in der Regionalliga Nordost sollte es nun zurück in die 3. Liga gehen. Auch dem letzten Fußballfreund in der Lausitz sollte nun klar sein, dass ein Dabeisein in der 3. Liga kein Selbstläufer ist. Es nutzt halt nichts, als Älterer nur den glorreichen Zeiten in der 1. und 2. Bundesliga hinterher zu trauern und zu muffeln, wenn die Mannschaft in der 3. Liga mal nur Mittelmaß spielt (so geschehen in der Zeit vor dem Absturz in die Regionalliga). An einem Standort, an dem es überaus schwer ist, finanzkräftige Sponsoren zu finden, ist das Spielen in der 3. Liga bereits eine großartige Sache und sollte in der kommenden Spielzeit von allen Fans / Zuschauern voll ausgekostet werden. Genieße den Moment - lebe im Jetzt! Denke nicht nur an die tolle Vergangenheit und sehne nicht ständig noch bessere Zeiten herbei. In dieser Art sollte man generell vieles im Leben handhaben, und ich vermute, dass viele Lausitzer in Zukunft ein stückweit so an die Sache herangehen werden. 

Das Hier und Jetzt. Nach einem Bier auf dem Altmarkt ging es geschlossen durch die Fußgängerzone in Richtung Stadion. Die Stimmung - sehr gelöst und heiter. Mit dabei - auch viele Kinder und ältere Fans. Der Einsatz von Pyrotechnik - auf diesen wurde bewusst verzichtet. Ebenso gab es keinen Banner in der ersten Reihe. Vielmehr sollte es gemeinsam als große Energie-Familie die Straßen entlang gehen. Als an der Kreuzung Franz-Mehring-Straße / Willy-Brandt-Straße ein Trabbi-Cabriolet gesichtet wurde, wurde der Fahrer des schmucken Gefährts von den Fans gebeten, vorneweg zu fahren. Dieser tat dies auch, und so ergab sich an der Unterführung ein schöner Anblick. Nun gut, die Farbe des Trabbi-Cabriolets passte nicht ganz, aber das sollte nun auch egal sein. Einmal das markante Signalhorn des Trabbis tätigen, im Anschluss legten die Fans unter der Bahnlinie noch einmal richtig los. Es war erstaunlich, wie sehr inzwischen der Fanmarsch angewachsen war. 

Während die Fans im Anschluss bereits zum Stadion strömten, hieß es für uns noch einmal Einkehren im bekannten Kneipchen an den Bahngleisen. Ein großes gezapftes Pils für 2,30 Euro? Unschlagbar. Zuerst dauerte es eine Ewigkeit, bis das garstig schmäumende Getränk endlich die Humpen füllte, doch nachdem es endlich vernünftig aus dem Hahn floss, hellte sich auch das Gesicht des Kneipenbesitzers auf. Am und im Kneipchen trafen Generationen zusammen. Kinder in roten Trikots übten schon mal die Körpersprache der Großen, die Alten trugen mitunter ein Trikot mit dem Aufdruck auf dem Rücken „Energie seit 1973“. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie der Fußball Menschen verbindet. Was sonst könnte dies in diesen hektischen Zeiten noch schaffen? Ich wüsste es nicht! Egal, ob in Bezirks- und Verbandsliga in der Märkischen Schweiz oder in Falkensee-Finkenkrug oder bei einem Spiel vor 20.000 Zuschauern in Cottbus - das Kennenlernen von Menschen und die folgenden Gespräche sind die echte Würze an solch einem Tag.

Wolf

Im Stadion selbst wurde eine Choreo vorbereitet, in die sämtliche vier Tribünen eingebunden wurden. Logisch, dass diese nicht zu kompliziert sein darf, da nun mal nicht jede Woche 20.000 Zuschauer auf die Ränge strömen und manche vielleicht sogar das erste Mal seit gefühlter Ewigkeit wieder ins Stadion gingen. Rote und weiße Zettel auf drei Tribünen sollten also genügen, auf der Hintertortribüne wurde eine große Blockfahne präsentiert. Die grimmigen Augen eines Wolfes blickten in Richtung Rasen, links und rechts waren die zentralen Wappen-Elemente von Cottbus und Brandenburg zu sehen. Unten drunter stand in großen Lettern geschrieben: „Ungewollt, kampfstark und mit festem Blick! Wie einst der Wolf kehren wir nun zurück!“

Im späteren Verlauf des Spiels gab es für die befreundeten Fans von Beskid Andrychów anlässlich des 10. Geburtstages von "Ultras Beskid" noch eine auf Polnisch verfasste Botschaft. Übersetzt lautete diese: „Aufrechter Gang. Große Überzeugung. Reines Gewissen. Seit 10 Jahren Malopolskas letzte Bastion der Ehre.“ (Anspielung auf Freundschaften anderer Fanszenen in der dortigen Region.) Beskid Andrychów spielt - genauso wie Hutnik Kraków (befreundet mit den Fans des 1. FC Magdeburg) - derzeit in der IV Liga grupa małopolska zachód (5. Liga). Doch während Hutnik Kraków an der Tabellenspitze zu finden ist, steht Beskid Andrychów auf Rang zehn. Zuletzt kamen zu den Heimspielen zwischen 100 und 200 Zuschauer - sprich: Die Treuesten der Treuen. Vor acht Jahren waren es in der III Liga noch bis zu 1.000 Zuschauer.

Zum Sportlichen auf dem Rasen: Nach dem 3:2-Auswärtssieg hätte sich Cottbus sogar ein 0:1 oder ein 1:2 erlauben dürfen. Kurzum, es gab ein kleines Polster, doch wie schnell man aufgrund eines Patzers oder Elfers hinten liegen kann, dürfte bekannt sein. Volle Konzentration, hinten nichts anbrennen lassen und nicht zu viel riskieren. Erwartungsgemäß wurde es nicht das hochspannende Spiel. Und so war es nicht verwunderlich, dass die Stimmung nicht an die vom letzten DFB-Pokalspiel gegen den VfB Stuttgart herankam. Aber gut, als zu Beginn der Saison gegen den Bundesligisten mit 2:0 geführt wurde, war wahrlich Gänsehaut angesagt. Das war schwerlich zu toppen. Und man ahnte es bereits: Der große emotionale Moment war dieses Mal für den Abpfiff aufgehoben worden.

CB

Cottbus kam gegen Weiche Flensburg zwar zu einigen Chancen, doch ein Treffer wollte nicht fallen. Kurz vor Schluss gab es noch eine Schrecksekunde, als die Gäste aus Schleswig-Holstein zu einer fetten Doppelchance kamen. Mit vereinten Kräften wurde die Situation entschärft, der folgende Nachschuss ging über das Gehäuse. Noch ein paar Minuten mussten überstanden werden - dann war Abpfiff. Dass auf dem Rasen gefeiert werden sollte, war klar. Ruckzuck wurden die Tore geöffnet.

Während hinter dem Tor noch ein Bengalen angezündet wurden, waren die ersten Fans bereits auf dem Platz. Von Jung bis Alt. Da ist es nun auch völlig schnuppe, ob man eine Bindung zu diesem Verein hat oder nicht. Liebt man den Fußball als Gesamtpaket, konnte einen das Ganze nicht kalt lassen. Wenn 50-jährige Familienpapas vor lauter Freude die Tränen rollen lassen und Väter ihre kleinen Kinder auf die Schulter heben, werden auch bei mir die Augen feucht. So ist das eben. Manche heulen im Kino bei bewegenden Filmen, mich packt es bei emotionalen Fußballspielen. 

Schon bald war der Rasen komplett geflutet, und das Brandenburg-Lied wurde angestimmt. Noch lange feierten die Fans mit ihren Spielern, und von der Tribüne aus gab es noch die eine oder andere bewegende Rede zu hören. 

Und nein, ich werde an dieser Stelle nicht viele Worte zum späteren Vorfall auf dem Markplatz verlieren. Eine kleine Gruppe wollte viel Aufmerksamkeit bekommen und sorgte mit dem Spruchband „Aufstieg des Bösen“ für viel Gesprächsstoff. Demzufolge hatte diese erreicht, was sie wollte, und womöglich wollte man dem Verein ganz gezielt Schaden zufügen. Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Stadt und schreibe nur zu den Dingen, die ich am gestrigen Tag selbst erlebt habe. Manche mögen wieder mit der „Blindheit“ ankommen, ich sage ganz klar: Unter dem Strich war es ein grandioser Tag - 20.000 Energie-Fans feierten ein friedliches Fußballfest. Und ja, es wäre schön, wenn in Zukunft im Drittligaalltag auch fünfstellige Zuschauerzahlen zu verzeichnen sind und nicht nach der ersten sportlichen Negativserie gleich wieder nur gemeckert wird. Es wird schwer genug, sich in der 3. Liga zu behaupten, und die eigene Mannschaft wird Unterstützung nötig haben!

Fotos: Marco Bertram, Felix (https://football-wildlife-media.com)

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20.056
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Scheiß Energie. Aber gut für den Osterferien. Gut f8r Altglienicke!

K
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G
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Interessante Freunde hat die Cottbuser Szene in Polen gefunden. Wie war das noch einmal mit der rechten weißen Faust und dem Begriff de "Ehre"? Symbolik der KKK-Ideen? White Power? Immer noch Nazis und jetzt auch mit neuen Jüngern im Cottbuser Block? Die Zeit wird das zeigen.

Auf die Hirnlosen aus dieser Ecke mal gepfiffen: Willkommen zurück in der 3. Liga, FC Energie Cottbus! Du bist ein Verein, der es nicht verdient hat in der 4. Liga zu vergammeln. Ich freue mich für die Region und die dortigen Fußballfreunde mit Herz und Hirn! Viel Glück!

Zum Artikel: Sehr schöne Fotos - 5 Sterne. Der Bericht spielt zwar hübsch mit Emotionen, aber etwas weniger Pathos und etwas mehr Infos hätten ihm viel besser getan - 2 Sterne.

G
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C
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G
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Wie die Aasgeier stürtzten sich alle aufs Foto mit den 6 Vollidioten. Endlich was zu fressen, zu geifern. Mit dem Finger zeigen auf die Cottbuser. Alles Nazischweine. mann ist das lächerlich. Duldet man in Potsdam eigentlich auch militante extreme Personen, die gezielt Leute verletzen, auf den Fußball scheißen und diesen nur als Bühne nutzen? Dieses Geseiere kotzt mich echt an. Schon deshalb freue ich mich über den Aufstieg des FCE. Diese Selbstgerechtigkeit von vielen und diese Fingerzeigerei. Zeitgeist.

B
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Mein Senf dazu:
Ich bin gegen Pauschalisierungen. Ich bin für Cottbus.
Ich mag diverse Personen auf der Fantribüne nicht, ich liebe dafür 19000 andere Energiefans.
Ich freue mich daß Cottbus wieder dritte Liga spielt. Ich finde es schade daß deutschlandweit sich an diesem einen Foto festgehangen wird. Es würde mich nicht wundern wenn das eine False-Flag-Aktion war, um Energie richtig derb an das Bein zu pinkeln. Ich hoffe man kriegt diese Idioten. Dann will ich sehen, wer so eine Scheiße macht.
Cottbus alles Nazis - scheiße. Mannheim alles Idioten und Randalierer - scheiße. Babelsberg alles Steineschmeißer - scheiße. Mir ist das zu billig. Alles schwarz und weiß. Differenzieren tut keiner mehr. Einfach nur scheiße finden und verbal einprügeln.

So das wars
Hauke

H
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Das kennt man von Herrn Bertram, schön alles stillschweigend hinnehmen! Bei diesem Artikel wurde wenigstens kurz etwas erwähnt, was an diesem Tag in Cottbus abging. Ich habe schlimmeres als das KKK-Bild und den mit SS-Schädel und Nazisymbolen übersäten "Mensch" gesehen und gehört!
Das sind keine Fans, das sind Nazis, die den Fußball für ihre Zwecke instrumentalisieren!
Gegenstimmen werden niedergebrüllt, Banner gegen Nazis gezockt oder man zwingt den Eigentümer unter Androhung von Gewalt abzunehmen...

Diese Szene ist widerlich und gehört nicht in den Fußball!

G
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Starker Artikel

Ganz starker Artikel. Inhaltlich, emotional und sogar kurz an die Weichefans gedacht. Fanmarsch, Spiel, Stimmung, bereits beim Lesen erneut Gänsehaut.

I
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G
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