Fortuna Köln vs. Hansa Rostock: Pfefferspray, brennendes Gespenst und der Löschmann

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MB 29 April 2018
 
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Fortuna Köln vs. Hansa Rostock: Pfefferspray, brennendes Gespenst und der Löschmann

„Ohne Löschmann fahr´n wir nicht nach Haus!“, hallte es immer wieder durch das Kölner Südstadion. „Schalalala, der Feuerlöschermann ist der beste Mann…“ Die Gesichter erhellten sich immer mehr, manch einem standen am Ende der Partie vor Lachen die Tränen in den Augen. Nach Abpfiff wurde der Ordner, der kurze Zeit zuvor das am Zaun der Gästekurve brennende Abstiegsgespenst beherzt mit einem Feuerlöscher einnebelte, gefeiert und auf den Zaun gebeten. Es wurde ein heiterer Abschluss eines Fußballnachmittages, der äußerst facettenreich war und in der 30. Minute wie aus dem Nichts eine komplette Wende nahm. Tränen gab es nämlich nicht nur aufgrund des freudigen Gelächters über den gefeierten Löschmann, sondern auch wegen eines Pfefferspray-Einsatzes am Einlass des Gästebereichs, bei dem von drei Seiten aus die nach draußen stürmen wollenden Hansa-Fans mit Reizgas eingedeckt und am Durchbrechen bzw. Übersteigen des Zaunes gehindert wurden. Doch gehen wir alles der Reihe nach durch. Zu berichten gibt es einiges. Weniger vom torlosen Remis auf dem Rasen, umso mehr vom Geschehen drumherum.

Köln

Endlich wieder einmal zu Gast im Kölner Südstadion! Über die Eindrücke in diesem Stadion in den frühen 1990er wurde an anderer Stelle bereits einiges geschrieben. Und klar, in einer Zeit der modernen Arenen ist ein Fußballspiel in dieser Spielstätte für Nostalgiker ein Hochgenuss. Allerdings sollte man gut zu Fuß sein, wenn am Kölner Südstadion einige Dinge erledigt werden sollen. Es ist ganz klar das Stadion der langen Wege, und ständig gibt es dort bautechnische Veränderungen. Hier der gemischte Parkplatz, dort der Einlass zur Haupttribüne. Hier das Vereinsheim der Fortuna inklusive Abholstelle für hinterlegte Karten, dort die Kasse für die Heimstehplätze. Hier der Zugang für Gästefans, die am Rande der Haupttribüne sitzen wollen, dort der moderne Einlass zur rustikalen Gästestehplatzkurve.

Hansa

Wer von A nach B und an den verschiedenen Stellen Leute treffen möchte, muss immer wieder Gespräche mit den Ordnern führen. Person A muss einmal ganz herum, Person B darf wiederum einmal quer durch. Zugang zum Vereinsheim hatten indes nur die Heimfans und ihre holländischen Freunde. Am Einlass wurde kontrolliert, Fußballfreunde mit Gästetickets wurde der Zugang verwehrt. Kölsch und Wurst am / im Vereinsheim gab es somit dieses Mal nicht für die blau-weiß-rote Reisegesellschaft. Es handle sich heute schließlich um ein Kategorie-C-Spiel, erklärte ein Ordner und bat um Verständnis für die getroffenen Maßnahmen.

Köln

Und sonst? Rheinländische Gemütlichkeit. Zu Beginn der Partie gab es ein Kölner Schunkellied zu hören, und auch der Wettergott meinte es wirklich gut. Sonne über dem Südstadion, in der lang gestreckten Gästekurve verteilten sich die mehr als 1.000 Hansa-Fans auf der gesamten Länge. Platz für jegliche Zaunfahnen war reichlich vorhanden, die mitgebrachten Stoffe konnten somit zur vollen Entfaltung gebracht werden. Anders als sonst begann im Gästeblock der Support dieses Mal nicht mit einem brachialen „Hier regiert der FCH!“, etc. Eher gemächlich wurden die ersten Gesänge angestimmt, so dass nicht nur die Beschaffenheit der Kurve, sondern auch die Stimmung sehr stark an alte Fußballzeiten erinnerte. Nach ein paar Minuten hieß es dann aber doch: In der Mitte etwas enger zusammenrücken! Und sogleich wurde es deutlich lauter.

Hansa

„Scheiße, Scheiße, Scheiß HSV!“, hieß es zuerst. Es folgten der Reihe nach „Scheiß St. Pauli!“, Scheiß Dynamo!“, „Scheiß Magdeburg“ und „Scheiß FC Köln!“ Den Abschluss bildeten schließlich das „Scheiß DFB!“ und „Scheiß Polizei!“ Alles Scheiße also?! Die Saison muss noch über die Bühne gebracht werden, und nicht wenige Hansa-Fans freuen sich darauf, wenn diese endlich vorbei ist. Und auch auf Heimseite werden drei Kreuze gemacht, wenn diese Spielzeit vorüber ist. Zwischenzeitlich wurde - wie auch im Fall des F.C. Hansa - an den Aufstiegsplätzen geschnuppert, zuletzt gab es allerdings sechs Niederlagen in Folge. Die Luft ist raus, das Banner der Eagles hing beim gestrigen Spiel verkehrt herum, allein hinter dem Banner des „SC Mülltonn“ kam etwas Stimmung auf. Allerdings gibt es für die Fortunen in der laufenden Saison noch ein echtes Highlight. Das Halbfinale im Landespokale steht noch an, und zwar auswärts beim verhassten Stadtrivalen FC Viktoria. So hieß es auf einem angebrachten Spruchband: „8.5. alle zum Derby. 16 Uhr Alter Markt“. Im Finale würde dann Alemannia Aachen als Gegner warten.

Scheiß St. Pauli

Spruchbänder gab es gestern auch in der Gästekurve zu sehen. „Relegation abschaffen! Verlierer müssen absteigen!“ Es folgte dann schwarz auf weiß ein „Scheiß St. Pauli!“ Die Stimmung wurde knackiger, ebbte dann aber nach einer halben Stunde abrupt ab. Vor dem Stadion kam es zu einem Zwischenfall, in dem zwei, drei Rostocker Stadionverbotler verwickelt waren. Was genau geschah, war vom Stadion aus nicht zu sehen und entzieht sich somit unser Kenntnis. Rund 100 Hansa-Fans stürmten zum Ausgang der Gästekurve und wollten das Stadion verlassen.

Hansa

Mit der Ansage „Wir alle sind Hansa!“ wurde dazu aufgefordert, sich solidarisch zu zeigen bzw. draußen behilflich zu sein. Logisch, dass die Polizei ein Verlassen des Stadions nicht zuließ, demzufolge wurde Pfefferspray eingesetzt, um ein Durchbrechen bzw. ein Übersteigen der Zäune zu verhindern. Nach einigen Minuten beruhigte sich die Situation, knapp 100 Hansa-Fans blieben auf der Treppe sitzen und beharrten darauf, das Stadion vorzeitig verlassen zu wollen.

hansa

Während in der Kurve sämtliche Stoffe abgenommen wurden und der Support komplett eingestellt wurde, berieten sich vor dem Einlass die Polizei und die Sicherheitsbeauftragten, was nun zu tun sei. Schließlich wurde eine Parkplatzüberwachung geplant und ein bewachtes Abreisen der rund 100 Rostocker ermöglicht werden. Bei gespenstischer Stille in der Gästekurve konnten nun die Gesänge der Fortuna-Fans - u.a. „Gegen alle Stadionverbote!“ - deutlich wahrgenommen werden. Nur bei guten Möglichkeiten vor dem gegnerischen Tor kam in der Gästekurve ein Raunen auf. Vereinzelte Fans versuchten, Schlachtrufe anzustimmen, doch noch konnten die anderen nicht dazu ermuntert werden, mit einzustimmen.

Hansa

Erstmals wieder laut wurde es in der Gästekurve, als in der 66. Minute Hansa-Keeper Blaswich den Elfmeter von Keita-Ruel halten konnte. Blaswich machte sich lang und wehrte den Ball bravurös ab. Jubel bei den verbliebenen Hansa-Fans. Am Zaun wurde indes an zentraler Stelle ein aus weißem Stoff und Suptras-Klebeband gebasteltes Abstiegsgespenst befestigt. Als es wenige Minuten später plötzlich in Flammen stand, kam es zum ersten Einsatz des Kölner „Löschmanns“. Mit Schmackes entleerte er seinen Feuerlöscher, als „Dank“ wurde gegen den Zaun getreten und mit Bierbechern geworfen.

Hansa

Während auf dem Rasen keine Tore fallen wollten, wurde die Stimmung auf den Rängen mit einem Mal ausgelassen. In einer Ecke des Gästeblocks wurde eine LaOla angestimmt, und es dauerte nicht lange, bis die gesamte Kurve mitmachte. Und nicht nur das! Nach mehreren Anläufen beteiligte sich sogar das gesamte Stadion an der schwappenden Welle. „Steht auf, wenn Ihr für Hansa seid!“, hallte es nun über den Platz.

Feuer

Nach einem „Und schon wieder Deutscher Meister FCH!“ wurde schließlich der Feuerlöschmann als bester Kölner Mann besungen. „Ohne Löschmann fahr´n wir nicht nach Haus!“, „Wir woll´n den Löschmann sehen!“, „Komm, komm!“ Zwei, dreimal wurden Stoff und Papier noch einmal zum Glimmen gebracht, unter Gelächter und lautem Jubel ging der Kölner Löschmann seiner Arbeit nach. Dieses Mal jedoch mit Bedacht und einem erkennbaren Schmunzeln. Applaus statt fliegende Bierbecher.

Hansa

Nach Abpfiff der torlosen Partie wurde schließlich kurz die Mannschaft gefeiert, im Anschluss wurde sich wieder voll und ganz dem Löschmann gewidmet. Zwei Fotografen ermunterten ihn, ruhig an bzw. auf den Zaun zu gehen, um sich mal richtig feiern zu lassen. Er schüttelte jedoch nur den Kopf, dies würde rein arbeitstechnisch dann doch zu weit gehen. Ach komm, einmal! Nur zu! Nein, das geht nicht! Wiederholtes Kopfschütteln. Immerhin blieb der gute Mann vor der Kurve stehen und konnte somit die Gesänge genießen.

Löschmann

Hansa

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock

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H
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Ich kann verstehen dass man den Jungs draußen helfen will. Aber warum den Support einstellen und alles abnehmen??

H
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Hansa ????

G
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