86. und 90+1. Minute: Paderborn trifft mitten rein ins blau-weiß-rote Herz!

Autor: Anika     veröffentlicht am 11 März 2018    
 
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Choreo im Rostocker Ostseestadion
Foto: Rene Z.

Der SC Paderborn 07. Nach der Partie in Zwickau steht heute also wieder ein Spiel gegen eine der schillernden Metropolen der Republik an. Der SCP kommt als Tabellenführer, der die letzten fünf Spiele nicht gewinnen konnte, ins Ostseestadion. Hansa droht nach dem Unentschieden in Bremen und der Niederlage in Zwickau den Anschluss an die Aufstiegsplätze zu verlieren. Für beide Mannschaften geht es also um eine ganze Menge. 

Hinter dem Einlass verteilen einige der vielen fleißigen Helfer die Plakate für die Choreographie, die im Vorfeld groß angekündigt wurde. “Familie, Freunde und Kollegen - jeden wieder zu Hansa bewegen” steht darauf. Obendrüber die Logos von Hansa, der Südtribüne, der Fanszene und den Suptras. Weil keine Sponsoren hinter der Aktion stehen, klingelt es ordentlich in den bereitgehaltenen Spendeneimern.

Hansa

Mit einigen Minuten Verspätung geht es dann los. Beim Einlaufen der Mannschaften erklingt “Hansa Forever” und statt der Schals werden die blau-weißen Plakate in die Höhe gehalten. Gesungen wird wie immer aus ganzem Herzen. Das sich ergebende Bild ist ein ganz schönes - das ganze Stadion macht mit, selbst in den Logen werden die Schilder gezeigt. Wichtiger als die Optik ist aber ganz klar die Aussage. Jeder ist gefordert, seinen Bekanntenkreis zu aktivieren und die Leute zurück zu holen, die Hansa in den letzten Jahren “verloren gegangen” sind.

Als die Hymne verklungen ist, bleibt es erstmal ruhig im Stadion. Eine Schweigeminute für Hannes, der am 28. Februar 2018 in Folge eines Messerangriffs verstorben ist, wird gehalten. Dazu wird eine Tapete mit der Aufschrift “Ruhe in Frieden Hannes!” gezeigt. Keine Ahnung, warum die Schweigeminute inoffiziell nach Spielbeginn stattfindet und nicht ganz offiziell vor Anpfiff. Das Vorprogramm im Ostseestadion ist nun auch nicht so außergewöhnlich, dass es nicht um eine Minute gekürzt werden könnte. Schade auch, dass direkt in den Applaus, der das Ende der Schweigeminute markiert, eine Ansage zu einem Falschparker durchgegeben werden muss. Das kann Hansa viel besser.

Nach der Schweigeminute kommt die Ansage: Plakate zerreißen, Schnipsel machen, runterzählen. “10, 9, 8… 3, 2, 1, Heeey…” Schals raus, Fahnen hoch, Forza FCH. Jetzt wird es laut.

Paderborn hatte schon in der ersten Minute den ersten Torschuss und fackelt auch danach nicht lange. Der Tabellenführer macht mächtig Druck, aber Hansa hält dagegen und kommt nach zehn Minuten zum ersten Mal vor das Paderborner Tor. Von rechts legt Soufian Benyamina den Ball in die Mitte, Tim Väyrynen hält den Fuß hin, 1:0. Jawoll, so kann es weitergehen.

Und so geht es auch weiter. Sechs Minuten später wiederholt sich die Szene, aber spiegelverkehrt. Fabian Holthaus legt den Ball von links rein, Pascal Breier ist zur Stelle. Es steht 2:0 und im ganzen Stadion gibt es kein Halten mehr. Es wird geschrien, gejubelt, durchgedreht. Fäuste werden geballt, Nachbarn umarmt, Schals gewedelt. Scheiß auf Bremen, scheiß auf Zwickau, wir erledigen Paderborn.

In der Folge bleibt Hansa erstmal am Drücker. Die Gäste geben sich aber keineswegs geschlagen, sondern kommen wieder zurück ins Spiel, gefährlich wird es für Hansa allerdings vorerst nicht.

Hansa

Dann ist Halbzeit und ich wünschte, dieser Bericht könnte hier enden. Weil er das nicht tut, muss ich an dieser Stelle wohl einen Warnhinweis aussprechen: Die folgenden Absätze enthalten eine äußerst unerfreuliche Wendung und eine verstörende Anzahl an Ausrufezeichen. Außerdem wird geflucht. Zartbesaitete Seelen sollten jetzt besser auf ihr liebstes Katzenvideo umschalten.

Paderborn beginnt die zweite Halbzeit wie sie erste auch begonnen hatten - mit viel Tempo, Druck und einer ersten gefährlichen Aktion. Sieben Minuten nach Wiederanpfiff erzielt Marlon Ritter den Anschlusstreffer zum 2:1 und danach beginnt ein leidenschaftlicher Kampf wie man ihn im Ostseestadion in den letzten Jahren so schmerzlich vermisst hat. Jeder einzelne Hanseat wirft sich in jeden Ball, jeder nimmt jeden sich bietenden Zweikampf an, niemand ist sich zu schade für die Drecksarbeit oder ein taktisches Foul, die Laufbereitschaft ist unglaublich hoch. Es ist ein sehr intensives Spiel mit Chancen auf beiden Seiten. So macht Fußball Spaß.

Hansa hat durch Breier und Benyamina Möglichkeiten, nach denen es eigentlich 3:1 stehen muss. Paderborn macht das Spiel immer wieder schnell und schießt einige Male nicht ungefährlich auf Janis Blaswichs Tor. Hansa will die drei Punkte an der Ostsee behalten, Paderborn will mindestens einen mitnehmen nach Ostwestfalen. Niemand hat etwas zu verschenken.

Gegen Ende des Spiels lassen die Kräfte sichtbar nach, Hansa kommt nur noch selten aus der eigenen Hälfte heraus und stellt sich dann nicht besonders clever an, die Uhr herunter zu spielen. Paderborn ist noch etwas frischer und drängt auf den Ausgleich.

In der 86. Minute kommt es wie es kommen muss. Marlon Ritter lupft den Ball zu Sven Michel. Der nimmt ihn nach einem Aufsetzer direkt aus der Luft und legt ihn an Blaswich vorbei ins Tor.  Ausgleich. 2:2.

Und als wäre das noch nicht genug, kommt es in der Nachspielzeit noch schlimmer. Nach einer Ecke von der rechten Seite hält Christian Strohdiek sein Gesicht so ungünstig in den Schuss, dass der Ball in hohem Bogen über Vladimir Rankovic hinweg ins Tor fliegt. Nie im Leben war das so geplant. Nie im Leben wird Strohdiek nochmal so ein Tor erzielen. Nie im Leben, nur heute.

Und so steht Hansa nach Abpfiff mit leeren Händen da. Nachdem man ein großartiges Spiel gemacht, einen leidenschaftlichen Kampf an den Tag gelegt und so gut wie alles richtig gemacht hat. Nach einer Woche, in der ein individueller Fehler und so unfassbar viel Pech drei richtig gute Spiele versaut haben. Fußball ist manchmal ein verdammtes Arschloch.

Die Enttäuschung über diese Niederlage scheint das ganze Stadion zu lähmen. Gab es in Zwickau nach Abpfiff noch ein aufbauendes “Kämpfen, Hansa, kämpfen!”, bleibt es heute ruhig. Irgendwo singen ein paar Leute “Marmor, Stein und Eisen bricht”, aber niemand stimmt ein. Zu groß ist der Schock, zu sprachlos lässt einen dieses Ergebnis zurück.

Beim Verlassen des Stadions sagt jemand im allgemeinen Gedränge hinter mir: “Schon echt schade, aber egal, die Stimmung war mal wieder super.” Wenn ich sowas höre, könnte ich kotzen. Es ist nicht egal, ob du nach zwei enttäuschenden Spielen so bitter in den letzten zehn Minuten eine 2:0-Führung vergibst. Es ist nicht egal, ob du am Ende einer englischen Woche wieder sechs Punkte Rückstand auf Platz 3 hast, obwohl du hättest Tabellenführer werden können. Es ist verdammt nochmal nicht egal, ob Hansa verliert!

Hansa

Natürlich ist die Stimmung im Stadion gut - wir sind schließlich Hansa Rostock. Aber ich will nicht mehr in einer Liga feststecken, in der die Insolvenz irgendwann vorprogrammiert ist. Ich will nicht mehr gegen irgendwelche zweiten Mannschaften spielen müssen! Ich will wieder echten Profifußball in Rostock! Ich will automatisch für den DFB-Pokal qualifiziert sein! Ich will die zwei Auswärtsspiele in Hamburg! Da ist es nicht egal, ob Hansa verliert! Verdammte Scheiße!

Nach dieser Niederlage ist vielleicht nicht mehr alles aus eigener Kraft möglich. Aber die Saison ist noch zu lang, um schon jetzt den Kopf in den Sand zu stecken. Es sind noch 30 Punkte zu holen. Jetzt müssen halt Aalen und Aspach dran glauben. Auswärtssieg!

Bericht: Anika

Fotos: Anika, René Z.

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock

Inhalt über Klub(s):
Spielergebnis:
2:3
Zuschauerzahl:
13.400

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Sehr gut geschrieben!!

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