WAT-Mob, „stehende“ Borussen, wilde Nachwende-Zeit und Schalke auf Rang eins

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 23 Februar 2018    
 
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Zeitschrift "FanTreff" von 1990
Foto: Marco Bertram

„Man erhoffte sich natürlich auch ein wenig Action, da sich die Darmstädter Hools angekündigt hatten. Diese trafen dann auch mit einer Busbesatzung ein und wurden zudem von zirka 10 Colognes unterstützt,“ schrieb einst Chico, ein WAT-Hooligan, in seinem Bericht „Saisonabschluss in Wattenscheid“. Der Begriff „einst“ trifft es wirklich gut, denn das besagte Zweitligaspiel SG Wattenscheid 09 vs. SV Darmstadt 98 fand am Ende der Saison 1989/90 statt. „Bei Spielende stürmten die Darmstädter das Spielfeld, da ihre Mannschaft den Abstieg verhindert hatte. Die Lage besserte sich schlagartig, als uns etwa 15 alte Hauer vom Bierstand zu Hilfe kamen“, heißt es weiter im Bericht, der im September 1990 im „FanTreff“ abgedruckt wurde. „Es entwickelten sich einige gut Fights, wobei wir Wattenscheider die besseren Karten hatten. Der eine oder andere Gegner wurde gut gestreckt und die DAs legten den Rückwärtsgang ein…“ Erwähnt wurde, dass nur Wattenscheider Hools beteiligt waren, und wer damals der Meinung war, dass die Wattenscheider Lutscher wären, sollte doch mal die Darmstädter oder die Aachener fragen. Oder sich am besten selbst überzeugen. Kurzum: Dieser Bericht trifft es recht gut. Es spiegelt den Zeitgeist inmitten der Wende-Wirren in Bezug auf das Geschehen rund um die Stadien recht gut wider. Wer in der Gegenwart permanent von einer Zunahme der Fußball-Gewalt spricht, darf gern einmal zurückschauen auf jene Ära, in der in Ost und West durchaus vom offenen Ausleben etwaiger Gewalt- und Bambule-Gelüste gesprochen werden durfte.

WAT

Mitte und Ende der 1990er - da fühlt sich das eine oder andere Erlebnis gar nicht mal so lange her an. Mitunter zeigt man sich geschockt, wenn man auf das Datum einer Spielansetzung schaut. Was?? Dieses Spiel liegt schon 21 Jahre zurück?! Schräg wird es jedoch, wenn ich Berichte aus der unmittelbaren Wendezeit lese. Da fühlt sich manches wahrlich wie aus einem anderen Leben an. Die 10. Klasse an der Polytechnischen Oberschule in Ost-Berlin, der Mauerfall, die erste freie Volkskammerwahl, die letzte Klassenfahrt im Juni 1990, die letzten langen Sommerferien, der Sprung ins kalte Wasser in Form des Beginns der Ausbildung als Energieelektroniker bei EBAG und den Fotochemischen Werken. Die Schilderungen der Kumpels in der Ausbildungsklasse von den zurückliegenden Kloppereien und Plünderungen beim Fußball. Als es für mich im September 1991 ins Rheinland ging, begann auch für mich das intensiv geführte Fußball-Leben. Der "FanTreff" und diverse Fanzines wurden studiert und gemeinschaftlich ausgewertet. WAT-Hools? Gibt es die? Nichts davon gesehen, als wir mit Leverkusen dort 1991/92 aufschlugen. In der Tat ungemütlich war die Bochumer Polizei, die nicht nur an der Castroper Straße, sondern auch in der Lohrheide gern den Knüppeln freien Auslauf ließ.

FT

Es brauchte nicht viel Zeit, um als Ost-Berliner / Frischling in NRW zu erkennen, dass Schalke damals eine Nummer für sich war. Kuttentechnisch und was die schlagkräftigen Jungs betraf. Folgend werde ich mal ein paar Highlights aus den FT-Ausgaben von 1990 bis 1992 herauspicken. Um es mal gleich vorweg zu nehmen, bierernst gibt es hier nicht, es darf gern abgefeiert werden. Das taten wir damals beim gemeinschaftlichen Studieren der Hefte in der Pausenhalle, im Wohnheim oder auf Auswärtsfahrten in vermufften Zügen ebenfalls. Wirkte manches damals schon verrückt, so ist das Ganze mit über einem Vierteljahrhundert Abstand aus heutiger Sicht noch surrealer. Und klar, immer wieder fragt man sich: Was machen all die Typen auf den Fotos heute? Leben sie noch? Wenn ja, gehen sie noch immer zum Fußball?

Und was Schalke betrifft: In FT-Ausgabe 45 wurden die Leser gefragt, welche Szene die besten deutschen Hooligans habe. Ausgewertet hatten die Zuschriften zwei Anhänger von Eintracht Frankfurt. Anhand der Absender fiel auf, dass die meisten Zuschriften aus der Region Rhein-Ruhr kamen. Nahezu in jedem Brief standen die Schalker Rang eins, gefolgt von den Freunden aus Nürnberg. Unangefochten auf Platz drei waren die Jungs von Fortuna Düsseldorf zu finden. Das überraschte mich persönlich, da zudem die schlagkräftige Fraktion aus Köln-Müngersdorf mit der Bemerkung „immer noch dabei“ nur auf Rang acht zu finden war. Aus Sicht der FT-Leser mit vorn dabei waren die Duisburger, der damalige Erstligist Hertha BSC war auf dem siebten Platz zu finden. Logisch, dass die abgedruckte Tabelle für Diskussionen gesorgt hatte. In der folgenden Ausgabe des „FanTreff“ war ein Leserbrief zu lesen, in dem sich einer beschwerte, dass Briefe an die beiden besagten Frankfurter einfach wieder zurückkamen.

schalke

Für weiteren Gesprächsstoff sorgte mit Sicherheit der ausführlicher Bericht über das Leipziger Derby im Bruno-Plache-Stadion. Der Mauerfall lag zu jenem Zeitpunkt noch nicht lange zurück, und es war einer der ersten Berichte über den Ost-Fußball im „FanTreff,“ der bereits vor dem Fall des Eisernen Vorhangs als „Sprachorgan für Fans“ in Heidelberg / Mannheim / Sandhausen herausgegeben wurde. Fünf DM (inklusive Top-Zuschlag) kostete der Eintritt für die Gegengerade, und der Autor zeigte sich erstaunt über den kleinen Zaun, der die Stehplätze vom Innenraum abgrenzte. Zu lesen ist unter anderen: „Nach Spielschluss stürmten dann die Loks (80 Hools und 30 Fans) den Platz, wobei dies weder Polizei noch Ordnungsdienst interessierte. 10 Minuten später war hinterm Stadion die Hölle los. Eine Viertelstunde wüste Keilereien zwischen Polizei und Lok-Hools, die zu den Chemikern stürmen wollten. … Höhepunkt war ein durchdrehender Sicherheitsbeamter, der mit einem 2-Tonnen-Geländewagen in die Masse reinfuhr. … Dem 2-Tonner wurde dann der Spiegel abgeschlagen und ein Stein flog in die Scheibe.“ Zur Stimmung im weiten Rund schrieb Uwe: „Bei Lok kam die meiste Stimmung von den Hools, die ihre Mannschaft de öfteren lautstark unterstützten. Einmal begann man gar zu ‚marschieren‘, das heißt, alle trampelten auf der Stelle, was eine mächtige Staubwolke erzeugte.“ Als stimmungsmäßig gut drauf wurden die Fans des neu gegründeten FC Sachsen Leipzig (Fusion aus Chemie Leipzig und Chemie Böhlen) bewertet. Das „Chemie-Schweine raus!“ in Richtung Gästefans, das „Stasi-Schwein!“ bei Fehlentscheidungen in Richtung Schiedsrichter, der blanke Hass und die Bambule führten beim Autor rasch zu einem Fazit: „Im Großen und Ganzen ist der Fußball in der Zone ein unglaubliches Paradies für Hooligans. Vielleicht sieht man sich bei LOK - FCM.“

FT

Selbst ein Fazit zog im besagten Heft vom September 1990 ein Bayreuther Hooligan. Zwar wurde in der laufenden Saison nur noch in der Bayernliga gespielt, doch mit Wehmut ging der Blick zurück auf die 2. Bundesliga, als unter anderen Blau-Weiß 90, Hertha BSC, Essen, Saarbrücken und Braunschweig zu Gast waren. Begrüßt werden durften auch die Schalker, die von 1987 bis 1991 zweitklassig waren. Der Bayreuther geriet ins Schwärmen, als er vom Aufeinandertreffen schrieb: „Wir sagten uns, dass wir uns schon rühren müssen, wenn wir bestehen wollen. Also sammelten sich zirka 35 Hools und 15 Fans vom ‚harten Kern‘ in der City. Vor dem Spiel geschah nichts, jedoch während des Spiels flogen Kracher und Schalker sowie Bayreuther Fahnen fingen Feuer. Nach Abpfiff wurde es heiß, hunderte Schalker stürmten das Feld, rissen das Tor nieder… Draußen sichteten uns zirka 30 - 40 Schalker Hools, die auf uns zustürmten, wobei es minutenlange Kämpfe gab. Eine geile Boxerei war entstanden… Alle Kämpfe waren fair und ohne Waffen, weiter so.“

Häufig abgedruckt wurden im „FanTreff“ auch Zeitungsberichte. So war am 26. Juni 1990 in der Badischen Zeitung etwas über die „Teninger Clique“ zu lesen. „Raus aus dem Alltag - hinein in die Gewalt?“ Nicht zuletzt aufgrund der Weltmeisterschaft 1990 in Italien war der Fußball mit seinen Begleiterscheinungen in aller Munde. Die Frage, die im Bericht geklärt werden sollte, lautete: War die „Teninger Clique“, die von der Polizei bereits seit 1986 beobachtet wurde, auch an den Ausschreitungen in Mailand beteiligt? Der Hintergrund: Nach den Zwischenfällen beim WM-Spiel Deutschland vs. Jugoslawien wurde auch ein Mitglied der „Teninger Clique“, die in Ligaspielen und auch im Stadion des SC Freiburg häufig für Ärger sorgten, des Landes verwiesen. Geklärt werden konnte die Frage nicht, und deshalb gab es noch ein paar Zeilen zur Veränderung des Outfits der Hools. Statt Bomberjacken, Kurzhaarschnitt und schwarzen Stiefeln gab es seit kürzerer Zeit zunehmend Sweat-Shirts mit Kapuze und Handschuhe in den Jeanstaschen zu sehen. Und wie es zum Ganzen kommt? In der „Badischen Zeitung“ schrieb man damals dazu: „Man deutet die Hools als ein Problem, das nicht nur in Teningen existiert: Der Lebensalltag der Jugendlichen sei viel zu eingeengt, es bleibe zu wenig Raum für Erlebnisse und Abenteuer. Und so kommt es, dass die unter der Woche als brave Lämmer angesehenen und zumeist aus intakten Familien stammenden Jugendlichen sich zusammentun, um auf Abenteuersuche zu gehen.“

Waldstadion

In den Jahren 1993 bis 1995 (dann wurde die Zeitschrift eingestellt) änderte sich der Inhalt des „FanTreff“ merklich, im Zeitraum davor ging es quasi nur um Gewalt. Kaum eine Meldung oder ein Bericht, in dem es nicht um Hools und Boxereien ging. Abgedruckte Fotos: Irgendeine Gruppe lief immer auf eine andere zu, und so lauteten auch die Bildunterschriften, über die wir uns damals so köstlich amüsiert hatten. „BVB und Essener Hools bewegen sich in Richtung KL-Block.“ Man muss sich das vor Augen halten: Es gab kein World Wide Web, in dem man sich nach Belieben mit einem einzigen Klick mit Videos und Fotos versorgen konnte. Bewegtbilder bekam man fast nie zu sehen. Und als es dann doch mal Filme über italienische Ultras zu sehen gab, saugte man alles regelrecht auf. Tagelang war solch ein Film Gesprächsstoff. Aber auch die Fanzines und der „FanTreff“ wurden mehrmals durchgekaut. Immer wieder wurde das Kopfkino eingeschaltet und mit dem mit eigenen Augen gesehenen abgeglichen. Wie gesagt, die Schalker und Kölner hatte man häufig selber in Aktion gesehen, doch die Düsseldorfer? Von denen las man nur. Oder gar Wattenscheid? Beim Lesen des kurzen Berichts „Kurzer Kampf“ über die Begegnung FC Bayer 05 Uerdingen vs. SG Wattenscheid 09 fiel ich beim Lesen vom Glauben ab. 25 Uerdinger Hools gegen 15 Wattenscheider Hools? Quietschende Reifen, schwingende Schlagstöcke der Polizei, reichlich Festnahmen an einer DAE-Tankestelle?! Für mich klang das nach einem Märchen, aber irgendwas wird schon dran gewesen sein.

Grotenburg

Februar 2018. Ich mache mir ein Käffchen, blättere die alten Hefte durch und fertige Notizen an. Was könnte für den heutigen Leser interessant sein? Damals gab es in der Mitte noch ein doppelseitiges schwarz-weiß-Poster. Es wurde im Vorfeld dazu aufgerufen, Fotos einzusenden. Das originellste wurde dann in einer der kommenden FT-Ausgaben abgedruckt. Mein lieber Herr Gesangsverein! In der Ausgabe 47 schaffte es die „Oberhausener Gang“ auf die Doppelseite. Rund 20 RWO-Fans posierten mit einer Fahne auf einem Parkplatz. Geballte Fäuste, strahlende Gesichter, eine Bierflasche in der Hand, Latzhose und Gürtel drum, umgebundenes Sweat-Shirt. Einer aus der Gruppe fiel komplett aus dem Rahmen. Glatze, schwarze Bomberjacke, grimmiger Gesichtsausdruck und ein gehobener rechter Arm. „RWO über alles!“, ist oben in der Ecke zu lesen. In der anderen Ecke wurde eine damals überaus populäre Bulldogge mit Halsband abgedruckt.

„Bulldog Deutschland“. Das Heft war voll mit Werbung dieser Marke. Jogg-Pants (60 DM), Kapuzen-Sweater (60 DM), Shirts (40 DM), Baseball-Jacken (129 DM) und Basecaps (20 DM). Zu kaufen gab es auch Acryl-Schals mit der Aufschrift „Bulldog. Deutschland. You´ll never walk alone“ für 15 DM. Hoch im Kurs standen damals im Herbst 1990 auch noch gestickte Abzeichen der jeweiligen Vereine. Fanclubs konnten sich bei einer Firma gewünschte Abzeichen sticken lassen Nahm man als Kunde hundert Stück ab, kosteten diese je nach Größe zwischen 3,40 DM und 4,70 DM. Gezeigt wurden ein paar Musterbeispiele. „Hooligans Herne“ mit einem Dagobert drauf. „TSV 1860 Fan-Club Die Wildschweine“ mit dem Kopf eines Keilers. „HSV Fan-Club Kap der Guten Hoffnung“ ganz klassisch mit der Raute drauf. Unter den damals überaus beliebten Kleinanzeigen (Stichwort „Denkt an die Kameraden im Knast! Schreibt mal wieder!“) fand sich auch Werbung für den einen oder anderen Aufkleber. „Be there… For the action… And the rulings! Duisburg Hooligans!“ Den Hammer holten mal gleich die „Custodes Mönchengladbach“ raus. Steil nach oben zeigt der abgedruckte erigierte Penis. „Wir stehen zu Borussia“. Punkt. Ganz klar, es lief bei den Gladbachern.

FT

Kein Wunder, dass bei diesem Inhalt des Heftes die Behörden versucht hatten, dieses zu verbieten. In der Oktober-Ausgabe 1990 wurde jedoch auf dem Cover unübersehbar bekanntgegeben: „Indizierung: Verfahren gegen FanTreff eingestellt.“ Gleich darunter in einem roten Kästchen: „Leipzig: Polizist schießt Fan ins Bein“. Über die Vorfälle im heißen Herbst 1990 hatte ich bereits im vergangenen Sommer einen ausführlichen Bericht geschrieben, von daher möchte ich ein paar andere Dinge herauspicken.

Beim Blättern fiel sogleich ein abgedrucktes Foto auf Seite 20 ins Auge. „Leckt uns alle mal…“ Arminia Bielefeld zu Gast in Erkenschwick, und vier Bielefelder zogen vor eine Fahne mal gleich blank. 15 Jahre später waren es die Erkenschwicker, die bei einem Gastspiel bei Westfalia Herne in einer Reihe standen und ihre nackten Popos präsentierten. BVB-Hool Tommy hatte am 09. September 1990 beim Oberligaspiel in Erkenschwick vorbeigeschaut und war gespannt, ob beide Szenen wirklich so viel drauf haben, wie immer behauptet wurde. So ist im damaligen typischen Stil zu lesen: „In Erkenschwick angekommen, treffe ich zunächst auf 15 Wanner bzw. Schalker, die nach eigenem Bekunden die Erkenschwicker Hools unterstützen wollten. In der Innenstadt befanden sich zirka 60 - 70 Erkenschwicker Hools, davon mindestens 50 Prozent Blagen und Läufer. Im Stadion sah ich 30 Bielefelder (15 Minuten zu spät kommend), die auf den Erkenschwicker Block auf der Tribüne zustürmten. … Nach dem Spiel stürmen 30 Bielefelder vor die Stammkneipe der Erkenschwicker, beschmeißen diese mit Bierkrügen und Pflastersteinen. Die Erkenschwicker Hools (doppelt so viele), aber ‚nur‘ mit Regenschirmen bewaffnet, traten die Flucht an. … Info eines Wanners: Vor ein paar Monaten griffen die Bielefelder die Wanneeickler mit Senfgläsern und Ketschupflaschen an. Ohne Kommentar. Fazit: Bielefeld! Nicht mehr viel übrig von eurem guten Mob! Erkenschwick! Zu viele Nachwuchsläufe bei euch!“

Manchester

Randale totale im Osten, Messerangriffe beim Nordduell Werder Bremen vs. Hamburger SV, Bambule beim Oberligaspiel 1. FC Viersen vs. Alemannia Aachen, der Duisburger Auftritt in Homburg, „Schalke war Trumpf“ beim Auswärtsspiel bei Waldhof Mannheim. An der Berichterstattung über Kloppereien wurde auch in der Oktober-Ausgabe 1990 nicht gegeizt. Und doch gab es eine erste Tendenz zu sehen. Mit dem „England-Report 1“ gab es den Auftakt für Berichte, die den „FanTreff“ in den Folgejahren aus damaliger Sicht wirklich lesenswert machte. Der Blick über den Tellerrand, der Blick auf das Fangeschehen im Ausland. So verfasste Ralf seine Einschätzung zum Stand der Dinge auf der Insel im Jahr 1990. Bereits damals stellte er fest, dass aufgrund der Einführung von Mitgliedersektionen und des Baus neuer Sitzplatztribünen die Atmosphäre in vielen Stadien merklich schlechter geworden ist. Trotz dessen schätzte er die Stimmung in den englischen Stadien als einzigartig ein. Bei rund 60 gesehenen Partien gefielen ihm das Old Firm in Glasgow sowie die Partien von Leeds United am Besten. Aber auch die Heimspiele von Manchester United im Old Trafford hob er hervor, was ich persönlich bestätigen kann. Auch 1993 und 1995 war die Stimmung auf den dortigen Rängen noch top, der Einbruch erfolgte erst einige Jahre später.

Neben seinem Bericht wurde eine aus dem „Weekend People“ entnommene Statistik abgedruckt. Wie hoch war die Zuschauergesamtzahl in der Saison 1989/90 und wie viele Fans wurden bei den jeweiligen Vereinen eingebunkert? So waren es in Wolverhampton (322 arrests) mit Abstand die meisten, gefolgt vom Chelsea FC (236 arrests), Aston Villa und Newcastle United (jeweils 215 arrests) sowie Bournemouth (213 arrests). In der Vorsaison 1988/89 war noch Aston Villa (344 arrests) der „Spitzenreiter“ in diesem Ranking. Ins Auge fallen die 148 Festgenommenen im Walsall, da der Zuschauerschnitt nur in etwa ein Drittel von dem des Millwall FC (108 / 160 arrests) betrug.

BSV Ultras

Machen wir abschließend einen kleinen Sprung ins Frühjahr 1992. Auf Seite 27 fällt in der Rubrik Foto-Grüße eine Aufnahme ins Auge: „BSV Bremen-Ultras unterwegs“. Zu sehen sind sieben jüngere Fans, die eine BSV-Ultras-Fahne in den Händen halten und einen sehr dynamischen Eindruck machen. März 1992? Ultras? Klar, die „Hamburg Ultras“, die einst vor 30 Jahren als spaßorientierte Hauer-Truppe für Schlagzeilen gesorgt hatte, dürfte den meisten ein Begriff sein. Aber „BSV Ultras“? Vermutlich handelte es sich um Anhänger des Bremer SV. Im Netz zu finden ist - was auch nicht verwunderlich ist - leider nichts. Diesbezüglich wären wir über Infos sehr dankbar, und wenn ich mir es recht überlege, wäre dies doch einen eigenen Bericht wert!

In der Ausgabe 63 vom April 1992 war es ein Kurzbericht über das Aufstiegsrunden-Spiel Hertha BSC vs. FC St. Pauli, der meine Aufmerksamkeit erregte. Ich musst sofort an mein erstes Fußballspiel bei Hertha im Herbst 1990 denken, als ich wie selbstverständlich mit einem Militärmesser am Gürtel ins Olympiastadion spazieren wollte. Im Bericht von Freddy hieß es: „Man spülte sich den Rachen noch etwas mit Sekt. Nachdem man einigen Glatzen ‚Hallo‘ sagte, stellten wir uns an die Sonderkasse, wo fast nur Rowdys standen. An der Reihe vorne, sagte man uns, dass wir das Stadion mit den Docs nicht betreten dürften. ‚Was???‘, schrie ich dem Ordner entgegen, und er sagte, man dürfe nicht mit Stahlkappe ins Stadion. Man ließ den Ordner seinen Abgang kriegen und ging zu den anderen Skins, die auch nicht reinkamen oder aber gar keinen Bock hatten. Nach dem Schlusspfiff gingen wir in Richtung Zoo, wo man auf 150 - 200 gewalttätige Hools / Skins traf. Dann ging der ganze Rummel los…“

Zentralstadion

Und bevor ich hier zum Ende komme, noch ein Auszug von einem im „FanTreff“ abgedruckten Bericht aus der „Leipziger Morgenpost“ vom 22. Juli 1992. Nach dem Zweitligaspiel VfB Leipzig vs. Hertha BSC war in der Zeitung zu lesen: „Das Zentralstadion glich am Sonnabend einem Schlachtfeld, fast 70 Sitzbänke wurden demoliert. … Besonders schlimm waren die Verwüstungen im Block 38. Ahnert: ‚Das war der Fanblock der Hertha-Anhänger.‘ Höhe der Sachbeschädigungen: 100.000 Mark. ‚Repariert wird alles von der ABM-Kolonne der Stadt‘, sagt der Bürgermeister. Bei der Ergreifung der Berliner Hooligans arbeitet die Stadt eng mit der Berliner Polizei zusammen. Ahnert: ‚Wir haben ein aussagekräftiges Video-Band als Beweisstück!‘“

Mit „Wie in alten Zeiten!“ wurde im November 1992 im „FanTreff“ der Bericht über das DFB-Pokalspiel 1. FC Dynamo Dresden vs. VfB Leipzig betitelt. Unterstützt von einigen Hallensern reisten die Leipziger gen Dresden, beim Alkoholkonsum wurde wenig Rücksicht auf die Gesundheit genommen. Wortwörtlich steht dann geschrieben: „Ein paar wenige Ordner versuchten das Tor zum Gästeblock geschlossen zu halten, was natürlich nicht gelang. Ein Cop schrie: ‚Die Hunde müssen her!‘ Weil aber sein Funkgerät nicht so wollte wie er - es lebe die Kommunikationstechnik - blieb das aus. … Den aufkommenden Hunger wollte man am Imbiss-Stand stillen, jedoch die unverschämten Preise für Würstchen (6 Mark) und Getränke (3 Mark) ließen bei vielen die Wut aufkommen, so dass erstmal die ‚Süßwarenabteilung‘ geplündert werden ‚musste‘.“ An späterer Stelle wurde die Rückfahrt ausführlich beschrieben. Nachdem es in Dresden noch zu einem Reizgas-Einsatz kam, wurde im weiteren Verlauf im Zug wilde Sau gespielt. So heißt es: „Der Speisewagen wurde danach total zerlegt. Zuerst mussten die Tischlampen und Scheiben dran glauben. … Die Zerstörungswut kannte keine Grenzen. Das gesamte Mobiliar (Stühle, Tische, Lampen) flog raus, aus dem fahrenden Zug aufs Nachbargleis. … Und nun begann das große Besäufnis. Denn es blieb nur noch die Möglichkeit übrig, die Wut im Alkohol zu ertränken. Was man zu sehen bekam, war mehr als unansehnlich. Es war mehr Bier da, als man trinken konnte. … Viele fanden den Weg zur Toilette nicht mehr und verpassten dem Teppich der 1. Klasse ein neues Aussehen. … In Leipzig-Volkmarsdorf kam der Zug wieder einmal recht unsanft zum Stehen und der größte Teil der Leipziger verließ den Zug (den Grund kann man sich wohl denken…) …

Leipzig

Das soll es für heute gewesen sein. Ein Fazit? Nein. Die rausgepickten Beispiele sollen einfach mal zeigen, wie der Fußball mitunter vor über einem Vierteljahrhundert tickte. In einer Zeit ohne Mobiltelefon und Internet. In einer Zeit, in der Gerüchte noch wirklich von Mund zu Mund in der Frühstückspause bei Mettbrötchen und Schokomilch weitergegeben wurden. Und eins fragte ich mich damals immer: Wie funktionierte das „Ankündigen“ eigentlich? Welcher Hool rief über Festnetz bei welchem Hool an? Oder wurden gar anonyme Briefe verschickt? Ich denke, ich bleibe an der Thematik dran. Passt gut, denn das nächste Buch über die 80er und 90er ist ja gerade in Arbeit…

Fotos: FanTreff von 1990 bis 1992, Marco Bertram, K.H.

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in den 1990er Jahren

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