Victoria Seelow vs. 1. FC Frankfurt: Die Oderstädter gewinnen, aber nur auf den Rängen!

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 19 Februar 2018    
 
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Frankfurter Fußballfreunde zu Gast in Seelow
Foto: Marco Bertram

Über den 1. FC Frankfurt müsste ich mal öfters Berichte machen. So mein Plan, als ich im August 2017 im Stadion der Freundschaft das Nachbarschaftsduell gegen den SV Victoria Seelow in Augenschein nahm und in Gedanken an etwas Größerem bastelte. Ratzfatz vergeht die Zeit - und plötzlich steht das Rückspiel in Seelow an. Ein Blick auf den Kalender und ein fettes Kreuz gemacht. Auf nach Seelow! Mal keine 3. Liga und auch keine Regionalliga. Stattdessen bot sich das Oberligaspiel an, mal wieder den größeren Sohn mit auf eine etwas längere Tour zu nehmen. Der gesteckte Tagesplan samt Fahrverbindung ließ vermuten, dass es nach sonstewo ging. Kurz nach acht von zu Hause los, geplante Rückkehr 20 Uhr. Aber regelmäßige Leser dieses Magazins kennen es ja, Fußball ist nicht nur Fußball. Verknüpft werden die Touren häufig mit Wanderungen, kulinarischen Genüssen und etwaigen Besichtigungen. Und was liegt näher, als bei einer Sause nach Seelow sich in Ruhe die Gedenkstätte Seelower Höhen anzuschauen?! Also hinein in S-Bahn und Regionalexpress und nach Frankfurt / Oder gedüst. Von dort aus fährt eine kleine Regionalbahn alle zwei Stunden in Richtung Eberswalde. Nach 20 Minuten gemütlicher Fahrt durch das Oderbruch wird schließlich Seelow erreicht.

Seelow

Vom dortigen Bahnhof sind es quasi nur hundert Schritte bis zur Gedenkstätte Seelower Höhen, die bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges errichtet und seitdem einige Male umgestaltet wurde. Zu diesem Thema wird es in der Reise-Rubrik noch einen separaten Bericht geben. Sei nur gesagt, dass die Besichtigung des Museums und das Anschauen des dort gezeigten Dokumentarfilmes von 1994 sehr bewegend waren. Kurzzeitig grübelte ich, ob das Mitnehmen des Siebenjährigen zur Filmvorführung so eine gute Idee war, da die gezeigten Aufnahmen arg an die Nieren gingen. Jedoch verwarf ich diesen Gedanken und erinnerte mich an meine eigene Schulzeit an der POS, als wir auch bereits in der 2. Klasse zu solchen Veranstaltungen mitgenommen wurden. Nichts ist schlimmer als Krieg, und man gar nicht früh genug damit anfangen, den Nachwuchs diesbezüglich aufzuklären.

Seelow

Davon ganz abgesehen, Kinder können so schön pragmatisch sein. Kaum wurde das Museum verlassen, bekam ich so zu hören: „So, Papa, jetzt gehen wir aber zum Sportplatz!“ Ich nickte nur und zeigte ihm erst einmal die Landstraße, auf der einst vor 73 Jahren die Panzer entlangfuhren. Dann führte aber der Weg wirklich zum EWE Sportplatz, auf dem aufgrund der Platzverhältnisse ausgewichen werden musste. Eigentlich ein Glücksfall, denn uns beiden gefiel die Gemütlichkeit der Anlage, Vereinsheim inklusive. Erst einmal hinein in die gute Stube, Getränke geordert und den selbst gebackenen Kuchen probiert. Auf dem angebrachten Fernseher wurde gerade Eisschnelllauf und Bob fahren gezeigt. Zweierbob. Der Siebenjährige schmiedete bereits Pläne. Er vorne, ich hinten. Papa hinten, weil er schnell realisierte, dass der hintere Anschieber noch mehr zu tun hat. Als einstiger Leichtathlet wäre das sogar ne Option. Allerdings wäre der Besuch in der Muckibude dann Pflicht, in Anbetracht der bepackten Oberkörper der meisten Bobfahrer.

Seelow

Nun aber zum eigentlichen Spiel! Im Hinspiel gab es im August 2017 im Stadion der Freundschaft vor 780 Zuschauern einen klaren 7:1-Sieg des SV Victoria Seelow zu sehen. Hoffnung beim Gastgeber keimte damals nur nach einer Viertelstundeauf, als Paul Peschke den zwischenzeitlichen Ausgleichstreffer erzielen konnte. Dann aber brachen die Oderstädter ein, Seelow war mit seiner eingespielten Mannschaft ganz klar überlegen. Beim 1. FC Frankfurt wusste man kurz vor Saisonbeginn gar nicht, wo denn eigentlich gespielt werden würde. Aufgrund der Gesamtkonstellation durfte der 1. FC Frankfurt als Tabellenletzter (!) in der NOFV-Oberliga Nord bleiben. 2016/17 wurden in 30 Spielen gerade mal drei Siege eingefahren. In der laufenden Spielzeit sind es bereits zwei Siege mehr! Unentschieden gab es bislang keine. Den fünf Siegen stehen somit 13 Niederlagen gegenüber. Zuletzt konnte vor der Winterpause daheim der Malchower SV vor 165 Zuschauern nach 1:2-Rückstand mit 4:2 bezwungen werden.

Vorwärts

Ein Blick auf die gestrige Aufstellung: Der 1. FC Frankfurt hatte acht deutsche und drei polnische Spieler in der Startelf. Auf der Ersatzbank saß zudem der Brasilianer Jose Raimundo Silva Magalhaes. In Seelow befinden sich sogar noch mehr Polen im Kader. Drei polnische Spieler standen zu Beginn auf dem Kunstrasen, drei weitere befanden sich auf der Bank. Zudem waren von Beginn an dabei der griechische Spieler Anastasios Alexandropolus, der Litauer Jevgenijs Kosmacovs und der Brasilianer Ronaldo Melo Cavalcante. Der große Unterschied zwischen beiden Mannschaften: Während auf Heimseite ein Spieler im U23-Feld sein Kreuzchen hatte, waren es bei den Nachbarn aus Frankfurt an der Oder gleich fünf Spieler. Wie bereits im vergangenen Sommer erklärt wurde: Man würde in Frankfurt voll auf den Nachwuchs setzen und dann mal schauen, wohin die Wege führen.

seelow

Jung und wild - schön und gut. Über ein Pünktchen beim Rivalen in „Zicken-Seelow“ hätten sich die gestern zahlreich angereisten Frankfurter Fans sehr gefreut. Mit einigen Fahnen ließen sich die Gästefans auf der Gegengerade nieder und boten dort für Fünftligaverhältnisse einen ordentlichen Anblick. Geboten wurden sämtliche Farbkombinationen. So waren rot-gelbe Stoffe zu sehen, die an alte FC Vorwärts-Zeiten erinnerten. „Kämpfen!“ Auch eine rot-grün-weiße Fahne aus der Viktoria-Ära wurde angebracht. Der Rest war in den aktuellen Farben schwarz und rot gehalten. Zu Beginn war die angereiste Anhängerschaft kaum, im späteren Verlauf dann immer häufiger zu vernehmen.

Seelow

Zu feiern gab es jedoch nichts. Schnell sorgte der Gastgeber für klare Verhältnisse. Bereits nach zehn Minuten stand es 2:0 für Victoria Seelow, die Treffer erzielten Robert Budzalek und Simeon Apostolow. Unmittelbar vor dem Pausentee konnte Sebastian Jankowski zum 3:0 nachlegen. Ein gelutschter Drops? Noch nicht ganz. Nach der Pause wussten die Frankfurter plötzlich zu gefallen. Jetzt rasch ein Tor und dann mal schauen, was noch drin sei. Ein paar Spielzüge der Gäste konnten sich sehen lassen, doch mitten rein in die kleine Sturm- und Drangphase traf Ronaldo Melo Cavalcante ins Schwarze. 4:0 für Seelow, der Jubel war recht ausgelassen. Nun war klar, der Derby-Sieg war in trockenen Tüchern. In der restlichen halben Stunde galt es für Frankfurt quasi nur noch, den Schaden zu begrenzen und nicht wieder sieben Gegentreffer zu kassieren. Dies gelang dann auch. Es blieb beim 4:0-Erfolg des Gastgebers. Schweigend nahmen die Gästefans ihre Fahnen ab.

Frankfurt

Nun wurde der Sohn aufgeschultert und der Landstraße nach Neulangsow gefolgt, vorbei an Neuwerbig und den dortigen Oderhängen. Am einsamen Bahnhof Werbig wurde ein erstaunter Blick auf den Fahrplan geworfen. Großes Kino! Im Vorfeld hatte ich die Abfahrtszeit von Seelow-Gusow notiert und nicht bedacht, dass ja nur jeder zweite Zug von Kostrzyn nach Berlin-Lichtenberg in Werbig hält. Nun durfte der Sohn mal richtig mit seinem Vater schimpfen. Es wurde dämmerig und der Weg führte uns nach Neulangsow hinein. Eine Einkehrmöglichkeit? Klare Fehlanzeige. Wir spazierten die Dorfstraße auf und ab und kehrten dann zum Bahnhof zurück, an dem einst richtig Leben herrschte.

seelow

Vor hundert Jahren wurden am dortigen Kreuzbahnhof zwei Bahnhofsgebäude errichtet. Von hier aus ging es einst weiter bis nach Königsberg (Kaliningrad). In der Gegenwart sieht alles „ein wenig“ beschaulicher aus. Aber okay, in der heutigen Zeit darf man froh sein, wenn kleinere Bahnstrecken überhaupt noch existieren und noch nicht eingestellt wurden. Als dann endlich der Zug nach Berlin eintrudelte, waren wir ganz ehrlich gesagt ein wenig froh, wieder abfahren zu dürfen. Unter dem Strich war der Ausflug jedoch ein voller Erfolg, und solch eine Kombination ist jedem zu empfehlen, der ein wenig über den Fußballtellerrand schauen möchte!

werbig

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: 1. FC Frankfurt

> Impressionen von der Gedenkstätte Seelower Höhen

Video:

Inhalt über Klub(s):
Spielergebnis:
4:0
Zuschauerzahl:
520

Ligen

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Oberliga
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Mittelfristig wäre es doch wünschenswert, dass Frankfurt mal in der Regionalliga spielt. Was Fürstenwalde schafft, muss doch auch dort machbar sein.

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Sehr gut

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