Hansa Rostock vs. Rot-Weiß Erfurt: Verspäteter, aber erfolgreicher Jahresauftakt für den FCH

Autor: Red.Sport     veröffentlicht am 29 Januar 2018    
 
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Erfurter zu Gast in Rostock
Foto: turus.net

Mit nur einer Woche Verspätung beginnt nun also auch für den F.C. Hansa das Fußballjahr 2018. Zu Gast ist zum Auftakt die Mannschaft von Rot-Weiß Erfurt, die als Tabellenletzter immerhin in der letzten Woche in Magdeburg gewinnen konnte und den Kampf um den Klassenerhalt noch lange nicht aufgegeben hat.

Bevor es allerdings richtig los geht, wird mit Karl-Heinz Kordt ein Mann verabschiedet, der schon zu Zeiten als Hansa noch Empor hieß, im Ostseestadion stand und das Mikrofon des Stadionsprechers in der Hand hielt. Mit 84 geht Kalle, der zuletzt noch bei den Amas und der A-Jugend aktiv war, in Rente und verabschiedet sich heute vom Publikum im Ostseestadion mit den gleichen Worten, wie fast jedes andere Publikum in den letzten 64 Jahren: “Kommt gut Heim. Tschüss, ock” Das Publikum verabschiedet sich seinerseits mit den Worten: “Karl-Heinz Kordt seit 1954 Tradition”.

Hansa

So einen Stadionsprecher wie Karl-Heinz Kordt kann man sich in Rostock wie bei vielen anderen Vereinen derzeit nur wünschen. Einen, der das Stadion nicht mit einer Showbühne und Fußballfans nicht mit einem Eventpublikum verwechselt. Einen, der nicht zu jedem Heimspiel dieselbe Platte abspielt. Einen, der auch mal weiß, wann es an der Zeit ist, den Mund zu halten.

Nachdem das “Hansa Forever”, das durch Kalles Nachfolger wie immer mit denselben Worten angesagt worden ist, verklungen ist, kehrt im Ostseestadion erstmal Ruhe ein. Schals und Fahnen bleiben unten, die Trommeln stumm, die Banner zusammengerollt. Auch die 500 mitgereisten Erfurter stellen nach einigen kurzen Startschwierigkeiten ihre Aktivitäten ein.

In den ersten zwölf Spielminuten wird heute bekanntermaßen in vielen Stadien Deutschlands auf sämtliche Fanutensilien und organisierten Support verzichtet, um zu demonstrieren wie die Zukunft des Fußballs aussehen kann, wenn die Fanrechte weiter beschnitten werden und die Stimme der Fans nicht gehört wird. Mit dem Protest verbunden ist die Forderung, bundesweit alle Fanmaterialien zuzulassen und uneinheitliche, teilweise nicht nachvollziehbare Beschränkungen abzuschaffen, denen vor allem Auswärtsfans unterworfen sind.

Wie düster sich diese mögliche Zukunft anfühlt, bekommen alle 11.700 Zuschauer im Ostseestadion schnell zu spüren. Bereits nach zwei Minuten beginnen die ersten im Halbminutentakt ungläubig auf ihre Handys und Uhren zu schauen, um festzustellen, dass Zeitgefühl äußerst relativ ist. Nach fünf Minuten kann ich die Kommentare und Gespräche um mich herum nicht mehr hören. Wie machen das bloß die Leute auf den anderen Tribünen, bei denen das immer so ist? Wie haben wir das während der Schließung der Süd 2012 ausgehalten? Meine Güte, wie lang sind denn bitte zwölf Minuten?

Hansa

Währenddessen legt Hansa auf dem Rasen mit vollem Tempo los. Der Erfurter Anstoß wird innerhalb weniger Sekunden in eine Ecke umgewandelt, der ein erster Torschuss durch Marcel Hilßner und eine nur knapp verpasste Flanke von Lukas Scherff folgen. Zwei gefährliche Aktionen in der ersten Minute sind ein unmissverständliches Zeichen an die Thüringer, dass man keineswegs mehr gedanklich in der Winterpause steckt.

Nach einer gefühlten Stunde sind besagte zwölf Minuten schließlich vorbei und die Stille wird durch einen lautstarken Wechselgesang mit dem Gästeblock beendet. “Scheiß DFB!” - “Scheiß DFB!”. Bezüglich der Kreativität sicher nicht die herausragendste Leistung deutscher Fankurven, in seiner Prägnanz und Bestimmtheit aber zumindest allgemein verständlich.

Erfurt

Innerhalb weniger Sekunden sind nun die Banner ausgerollt, die Trommeln gestimmt und die Schals in der Luft. “Forza FCH!”. Endlich wieder singen, schreien, pöbeln. Endlich wieder Hansa. Es bleibt zu hoffen, dass man in Frankfurt den Stellenwert der Fans in den Kurven erkennt, damit die Zukunft des Fußballs so farbenfroh und lautstark daherkommt wie dessen Gegenwart größtenteils ist.

Hansa setzt seine Offensivbemühungen fort und kommt immer wieder gefährlich vors Tor. Vor allem das Umschaltspiel nach einem Ballgewinn im Mittelfeld und intelligente Pässe in die Spitze klappen heute ausgesprochen gut. Wenn es so weitergeht, kann das Ergebnis eigentlich nicht anders als “Heimsieg” lauten. Aber Hansa wäre nicht Hansa, wenn diese Gefahr nicht jederzeit latent bestände.

Nach zwanzig Minuten zeigt der erste konsequent ausgespielte Angriff der Gäste, dass es auch ganz schnell ganz anders aussehen kann. Auf der linken Seite setzt sich Kammlott stark durch, der folgenden Flanke schauen fünf Rostocker hinterher, sein Kollege Odak kann aus rechter Position abschließen, setzt den Ball aber nur ans Außennetz. Nochmal Glück gehabt.

Die Stimmung im Stadion hat mittlerweile ihr normales, gutes Niveau erreicht. Die Gespräche und Kommentare auf den umliegenden Plätzen sind Gesängen und Schreien gewichen, der Fokus liegt nun auf dem Spiel und dem Support. Die 500 mitgereisten Erfurter machen verhältnismäßig gut Krach und sorgen für die nötige Spannung auf den Rängen. Denn es gibt wenig Ermüdenderes als einen (halb-)leeren Gästeblock, der nichts beizutragen hat als ein paar Banner und durchgängiges, unrhythmisches Getrommel, zu dem man niemanden singen hört.

Hansa

Richtig brachial wird es schließlich in der 28. Minute als Soufian Benyamina nach einem grandiosen Pass in die Tiefe von Marcel Hilßner fast allein auf das Erfurter Tor zulaufen kann und den Ball im richtigen Moment durch die Beine von Philipp Klewin ins leere Tor schießt. 1:0 für Hansa. Ja, Mann! Weiter so!

Es folgen weitere gefährliche Schüsse aus der zweiten Reihe durch Benyamina und Holthaus und viel Druck in Richtung des Erfurter Tors. Kurz vor der Halbzeit will Bastian Kurz im Strafraum durch Oliver Hüsing gefoult worden sein, was die meisten Leute im Stadion - Schiedsrichter Thorben Siewer glücklicherweise eingeschlossen - anders sehen.

Hansa

Hansa gehört auch in der zweiten Halbzeit die erste Szene, in der Breier das Tor nur knapp verfehlt und Scherff zwei Schritte zu spät kommt. Danach wird Erfurt stärker und Hansa unkonzentriert. Den Gästen bleibt angesichts ihres Tabellenplatzes nichts anderes übrig als alles reinzuhängen, sich den Allerwertesten aufzureißen und mutig auf den Ausgleich zu spielen. Hansa hingegen kommt jetzt öfter zu spät und gibt einige Möglichkeiten leichtfertig aus der Hand.

Aus einer vollkommen ungefährlichen Situation, in der Marcel Hilßner den Ball am Erfurter Strafraum nicht sicher behaupten kann, entwickelt sich in der 62. Minute ein Konter, dem zu viele Rostocker nur hinterherlaufen können. Ahmed Raazek wird schließlich durch Carsten Kammlott in Szene gesetzt und erzielt das 1:1. Tolle Wurst, dabei hätte das Spiel längst entschieden sein können.

Nur wenige Minuten später muss eigentlich das 2:1 fallen als nach einer Hereingabe von Benyamina Oliver Hüsing von hinten angesegelt kommt und statt des Balls seinen Mitspieler trifft. Ärgerlich, aber ein wichtiges Signal, dass der Sieg noch lange nicht vom Tisch ist. Dieser bedingungslose Wille, hier und heute alles für einen Sieg zu tun, liegt im ganzen Stadion in der Luft. Mannschaft und Fans pushen sich gegenseitig zur Höchstform. Es wird so laut wie schon lange nicht mehr. “... und wir werden alles erleben (zerlegen), bis wir Deutscher Meister sind …”

Hansa

In der 71. steht Pascal Breier nach einem abgewehrten Distanzschuss von Hilßner da, wo ein Stürmer stehen muss. Nämlich dort, wohin der Torwart den Ball klatschen lässt. Kopfball, Tor. 2:1. Was für ein Einstand. In der Regel ist es mit Spielern, die hochgelobt und mit dermaßen vielen Vorschusslorbeeren nach Rostock kommen, ja erstmal so, dass sie in den ersten Wochen gar nichts zeigen und unter Umständen nie wirklich die Leistungsträger werden, die man erwartet hat. (Stichwort: Marek Mintal, Jari Litmanen)

Glücklicherweise scheint niemand Pascal Breier davon erzählt zu haben, denn nur zwölf - gar nicht so lange - Minuten später erzielt er aus einer feinen Drehung heraus sein zweites Tor und macht den Deckel zu. Ein Doppelpack im ersten Pflichtspiel ist natürlich ein Geschenk zum Einstand, das man als Fan gern annimmt. Die Lobeshymnen auf den Neuen und schlechte Wortspiele mit seinem Nachnamen überlasse ich mal anderen. Aber wenn er verletzungsfrei bleibt und seine Form stabil halten kann, könnte Pascal Breier in Zukunft für das eine oder andere erfreuliche Ergebnis sorgen.

Ostseestadion

Obwohl es noch den einen oder anderen Torabschluss gibt und Erfurt durchaus noch eine Chance auf den Anschlusstreffer herausspielt, zweifelt niemand mehr daran, dass das Spiel entschieden ist. Die Welle will zwar heute nicht so richtig durch das Ostseestadion rollen und mir persönlich geht es nach dem Abpfiff ein bisschen zu schnell, dass sich die Ränge auf der Ost leeren. Aber die geilen Leute auf allen Tribünen bleiben lang genug, um ihre Mannschaft zu feiern. Der FCH ist wieder da!

Bericht: Anika

Fotos: FB-Seite F.C. Hansa, Anika, Holger S.

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock

> zur turus-Fotostrecke: FC Rot-Weiß Erfurt

Spielergebnis:
3:1
Zuschauerzahl:
11.700

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Seit wann wird denn statt einfach nur "zerlegen" auch noch ein "erleben" eingeschoben?
Hab ich so noch nie gehört, außer von Leuten die auch "unser" anstatt "Forza FCH" singen.

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