FC Carl Zeiss Jena Fußballfibel: Ein blau-gelb-weißes Urgestein und der Vorsänger leisteten wahrlich ganze Arbeit

 
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MB 06 Januar 2018
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SV Waldhof Mannheim? Erinnerungen an die 80er wurden wach. Als einst der Tagesschau-Sprecher am Samstagabend im nüchternen Tonfall die Bundesliga-Ergebnisse aufsagte. 1. FC Magdeburg? Ohne Frage von Hause aus ein überaus interessanter Verein mit einer beeindruckenden Fanszene. 1. FC Union Berlin? Der Erzrivale des BFC Dynamo - schon allein deshalb musste das Buch gelesen werden. FC Energie Cottbus? Aufgrund diverser freundschaftlicher Verknüpfungen ins östliche Brandenburg lasse ich seit jeher regelmäßig den Blick auf diese Region schweifen. SV Babelsberg 03? Beruflich hatte ich dort die letzten Jahre häufig zu tun gehabt. 1. FC Nürnberg? Ein großer Verein mit einer überaus interessanten Struktur der Fanszene. Ein Buch über den Glubb findet jederzeit Zugang bei mir. Der FC St. Pauli? Hüstel. Räusper. Da er der Erzfeind des F.C. Hansa Rostock ist, war ich auch auf dieses Büchlein neugierig. 1. FC Lokomotive Leipzig und BSG Chemie Leipzig? Für mich ist die Messestadt die spannendste Fußballstadt Deutschlands. Klar, dass ich beide Bände rasch verschlungen hatte. SG Dynamo Dresden? Müssen wir nicht drüber reden. Der gleiche Fall wie beim Club aus der Börde. Immer von Interesse! 1. FC Köln? Da ich Anfang der 1990er drei Jahre lang in Leverkusen gewohnt und gearbeitet hatte, war der Bezug sofort hergestellt. Her mit Band 11!

Fibeln

Und dann lag eines schönen Tages plötzlich die Fußballfibel des FC Rot-Weiß Erfurt von Matthias Klaß in meinen Händen. Erfurt? Ich hatte wenig Bezug. Okay, sicherlich mehr als zu Lübeck oder Regensburg, aber dafür, dass es sich um einen Ost-Verein handelt, zeigte ich generell recht wenig Interesse. Bei RWE (Ost) - wie oft war ich da eigentlich persönlich zu Gast? Man glaubt es kaum! Nur zweimal. Einmal gegen Hansa, einmal gegen Dresden. Demzufolge nahm ich die Fußballfibel in die Hand, erwartete nicht viel - und - wurde dann jedoch total überrascht! Genau mein Geschmack! Die alten Geschichten, der Humor des Autors. Eine Wonne! Bislang mein Geheimfavorit der Reihe „Bibliothek des Deutschen Fußballs“ vom Verlag culturcon medien. Bekanntlich hatte ich die weinrote und blau-weiß-rote Bände übernommen, aus diesem Grund war und bin ich neugierig, was meine Autoren-Kollegen so aufs Papier bringen.

Kurzum: Meine bis dato eher graue Maus Rot-Weiß Erfurt betrachtete ich nach dem Lesen aus einem ganz anderen Winkel. Aus diesem Grund ging ich nun ohne Vorbehalte an die neuen Fußballfibeln über den FC Bayern München und den FC Carl Zeiss Jena ran. Die Rezension über das Werk über den deutschen Rekordmeister folgt in Kürze, an dieser Stelle wollen wir erst einmal Band 13 über die Jungs aus dem Paradies unter die Lupe nehmen. Im Prinzip traf auf Jena das Gleiche zu wie auf Erfurt. Fußball-Thüringen war in der Vergangenheit nicht soooo mein Ding. Vielleicht lag es auch daran, dass mich in den 1990ern zahlreiche Erlebnisse in Fußball-Sachsen so geprägt hatten. Leipzig, Dresden, Chemnitz, Zwickau. Bambule. Auf die Fresse bekommen. Stoff für ein ganzes Buch. Nach Jena und Erfurt verschlug es mich indes früher nie.

Nun also spazierte ich kürzlich zur Buchvorstellung der „FC Carl Zeiss Jena Fußballfibel“ ins BAIZ im Prenzlauer Berg. Für den Herausgeber Frank Willmann (aus Weimar kommend, ein blau-gelb-weißes Herz schlägt in ihm) war dieser Abend sicherlich ein Ereignis, welchem er entgegen gefiebert hatte. Ich indes platzierte mich ans Fenster und warf einen etwas scheuen Blick auf die Anwesenden. Erst mal schauen, was sich so tut. Aber sieh mal an, ähnlich wie bei der Erfurter Fußallfibel öffnete sich ein hübsches Überraschungspaket. Die beiden Autoren Jörg Dern und Toni Schley lasen ein paar Kapitel vor - und ich war durchaus angetan. Schon mal den ersten Daumen hoch und das gute Stück (genauso wie das überraschend gute Werk über die Bayern) in die Tasche gepackt. Beide Bände durften mitkommen in die Weihnachtsferien im polnischen Riesengebirge.

Während ich in Cieplice (Jelenia Góra) auf dem Bett lag und durch das große Gästezimmerfenster auf die Bergkette des Riesengebirges sowie die Burg Chojnik schauen konnte, blätterte ich in der blau-gelb-weißen Fußballfibel und arbeitete mich geschwind vor.

Jena

Mit 218 Seiten ist diese Fibel außergewöhnlich dick. Nur die des FC St. Pauli, an der jedoch mehrere Personen mitgewirkt hatten, war bislang noch umfangreicher. Allerdings wurde bei dieser auch der Preis etwas höher veranschlagt. Im Fall des FCC konnten die üblichen 9,99 Euro gehalten werden. Um es gleich vorweg zu nehmen, das Buch über den Ersten der Ewigen Tabelle der DDR-Oberliga sagt mir wirklich zu. Es wurde eine perfekte Arbeitsteilung vorgenommen. Während Jörg Dern (bekannt als „Schnirps“) quasi ein Urgestein im Paradies ist (bereits 1981 hatte er den Fanclub „The Eagles“ ins Leben gerufen), gehört Toni Schley zur jüngeren Generation. Letzterer wurde 1985 in Gera geboren und einst von seinem Vater in die blau-gelb-weiße Welt eingeführt. Und nun kommt´s: Toni Schley ist der Vorsänger in der Südkurve und gehört zu den Pionieren der dortigen Ultra-Szene. Ähnlich wie bei der Chemie-Fußballfibel kommt in der FCC-Fußballfibel jemand aus dem Kern der aktiven Fanszene zu Wort.

Dass sowohl Jörg Dern als auch Toni Schley wirklich Charisma haben, durfte auf der Lesung im BAIZ bewundert werden. Ich gebe zu, den Vorsänger der Horda hatte ich mir etwas anders vorgestellt - ich war angenehm überrascht! Den größeren Teil des Buches verfasste Jörg Dern. Das hat auch seinen Grund, denn er arbeitete die gesamte Geschichte des Vereins ab. Von der Gründung im Jahr 1903 bis zur Gegenwart. Gestaffelt in sechs großen Blöcken wird der Leser durch die Höhen und Tiefen der Vereinshistorie geführt. Von „Zeiss, Abbe und Schott - Neues Denken bringt Segen für die Stadt“ über „Der ‚totalste Fußball‘“ und „Strange Days - die Achtziger“ sowie „Die Hölle hat keinen tiefsten Punkt“ bis hin zu „Das bestbesuchte Pokalspiel Deutschlands“ und „Eagles und Horda - eine Freundschaft“.

Motor Jena

Da ich ein Liebhaber von unter die Lupe genommenen Vereinshistorien bin, kam ich beim Lesen voll auf meine Kosten. Verknüpft mit persönlichen Anekdoten wurden die wichtigsten Ereignisse aufs Papier gebracht. Zwar wurde nicht so viel Witz reingepackt wie bei der Erfurter Fußballfibel - aber das ist bekanntlich alles Geschmacksache. Davon ganz abgesehen hat die blau-gelb-weiße Fibel ja den großen Bonbon im letzten Viertel des Werkes. Ab Seite 159 kommt Toni Schley zu Wort, und trotz meiner Liebe zur Geschichte (vor allem ostdeutscher) Fußballclubs ist vor allem dieser Abschnitt der Garant dafür, dass ich klipp und klar eine Kaufempfehlung auch an Nicht-FCC-Fans gebe! Was Toni Schley zu sagen hat, ist sehr bemerkenswert.

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Als ich auf Seite 162 im Kapitel „Schreibtisch vs. Action“ folgende Zeilen las, huschte ein breites Schmunzeln über mein Gesicht: „Na klar, die Jenaer Fanszene ist nicht mal typisch ostdeutsch, eine weitere Parallele zur Stadt und ihrem Image. Übermäßig viel Bambule gibt es nicht, auch wenn wir das liebend gern besingen. Auf der Straße spielen wir längst nicht die erste Geige, versprühen auch nicht den hierfür nötigen dreckigen Charme.“ Und als es weiter ging, kriegte ich mich kaum ein vor Lachen: „In den ersten Jahren war Jogginghose Pflicht. Auf Auswärtsfahrten wurde darüber sogar Statistik geführt. Ein spezieller Kollege der damaligen Zeit - er kam aus Orlamünde und alle definierten ihn über seine Mutter - musste jedesmal durch die Zugabteile laufen und die ‚Daten‘ erfassen. …“

Es juckt in den Fingern, gleich den folgenden Abschnitt hier zu zitieren, doch soll man diesen lieber selber lesen. Nur so viel: Es handelte sich um eine Anekdote aus alten Zeiten, als sich Jena auf einem Bahnsteig das erste Mal „gezeigt“ hatte. Vorbei fuhr in jenem Moment die Zwickauer Reisegesellschaft, und gut möglich, dass auch ein paar Dresdner „Module“ mit an Bord waren. Ach herrlich, Toni bereitete mir mit seinen Schilderungen richtig Freude. Interessant ist in jedem Fall der Abschnitt, in dem es über die Beziehungskiste mit den Gladbachern geht. Mit größtem Interesse las ich das Kapitel über die Mitgliederversammlung im Jahr 2013, auf der die Ausgliederung beschlossen wurde. Auch hier will ich nichts vorweg nehmen. Fakt ist, dass Toni Schley einen sehr guten Blick auf die Entwicklungen, Veränderungen und Auswirkungen hat. Solch klare, wohl gewählte Worte zu dieser schwierigen Thematik hätte man sich in manch einer regionalen Tageszeitung gewünscht!

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Noch einmal phänomenal den Nagel auf den Kopf getroffen hat Toni, was die Einschätzung der neuen, modernen Spielergeneration betrifft. Ich las die Zeilen und dachte nur, Mensch, das könnte ich glatt 1:1 unterschreiben! „… Ich persönlich entfremde mich deshalb zusehends von den jedes Jahr im Kader stehenden Leuten. Eine Alternative hierfür gibt es nicht, zumal die Jungs auch immer jünger werden - wobei ich es bin, der immer älter wird. Entweder du ziehst es dir rein und beißt regelmäßig auf die Zunge, oder du lässt den Verein komplett hinter dir! … Identifikation mit einzelnen Spielern ist in unseren Kreisen eine absolute Seltenheit geworden.“

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Und genau folgende Frage werden sich in heutigen Zeiten hunderte, ja tausende aktive Fußballfans bezüglich ihres Vereins stellen: „… wer oder was ist unser Club eigentlich, dieser FC Carl Zeiss? Warum jedes Heim- und jedes Auswärtsspiel dabei sein, immer mit Stimme und Fahne voran!? Wir sind tausende Blau-Gelb-Weiße, doch Gründe, warum wir von dieser Droge nicht mehr loskommen, sind sehr unterschiedlich - was wiederum keinen geringen Teil der Faszination ausmacht.“

Mit diesen Worten möchte ich diesen Text abschließen. Das Buch war mir eine Freude. Auch den FCC betrachte ich nun aus einem etwas anderen Blickwinkel. Und das ist das Gute an dieser Buchreihe. Jede Fußballfibel ist völlig verschieden, jeder Autor geht völlig anders an die Sache heran!

Fotos: Marco Bertram

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