SV Tasmania Berlin vs. Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin: Das Duell der einstigen Bundesliga-Eintagsfliegen

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 18 Dezember 2017    
 
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Blau-Weiß 90 feiert den Sieg bei Tasmania
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Am gestrigen Sonntagnachmittag fand in Berlin-Neukölln nahe des Tempelhofer Feldes das Berlin-Liga-Spitzenspiel zwischen dem SV Tasmania Berlin und der Sp.Vg. Blau-Weiß 1890 Berlin statt. Es ist das Duell zweier Vereine, welche ein ähnliches Schicksal ereilte. Beide jetzigen Vereine wurden einst neu ins Leben gerufen, pflegen das sportliche Erbe und die Traditionslinie ihrer Vorgängervereine und besannen sich schließlich auf ihre alten Namen. Beide Vereine spielten einst eine einzige Saison in der 1. Bundesliga und stiegen am Ende als Tabellenletzter ab. Sowohl Tasmania als auch Blau-Weiß 90 hatten sich in jüngerer Vergangenheit wieder hochgearbeitet, spielen derzeit sechstklassig und peilen die Oberliga an. Wahnsinn, wenn man sich die Historie der beiden Vereine anschaut. Einst spielten sie vor fünfstelligen Zuschauerzahlen im Berliner Olympiastadion. Zum Ende der jeweiligen Erstligaspielzeiten brachen dann verständlicherweise die Zahlen rapide ein. Wobei die Schwankungen beim SC Tasmania noch weitaus krasser waren. So lohnt ein kurzer Blick auf die damaligen Saisons.

Tasmania

Der SC Tasmania 1900 rückte in der Saison 1965/66 quasi für Hertha BSC (Ausschluss aus der 1. Bundesliga / Zwangsabstieg) in das auf 18 Mannschaften aufgestockte Fußballoberhaus nach. Die SpVgg Blau-Weiß 90 Berlin packte als Tabellenzweiter der Zweitligasaison 1985/86 den Aufstieg in die 1. Bundesliga. Bemerkenswert: Zeitgleich stiegen Hertha BSC und Tennis Borussia in die West-Berliner Oberliga ab. Blau-Weiß 90 hielt plötzlich allein das Fähnchen hoch. Kein Wunder, dass anfangs der Zuschauerzuspruch sehr ordentlich war. Interessant auch: Als Tasmania 1900 in der 1. Bundesliga spielte, wurde der TSV 1860 München Deutscher Meister. Als Blau-Weiß 90 Berlin erstklassig war, holte der FC Bayern München den Titel.

Unvergessen: Am ersten Spieltag der Saison 1965/66 strömten am 14. August 1965 sage und schreibe 81.524 Zuschauer ins Berliner Olympiastadion, um die Partie SC Tasmania 1900 vs. Karlsruher SC zu sehen. Wulf-Ingo Usbeck machte sich unsterblich und erzielte beide Treffer zum 2:0-Sieg gegen den KSC. Später stand er von 1968 bis 1971 beim Stadtrivalen Blau-Weiß 90 unter Vertrag. Er kehrte dann jedoch wieder zurück und spielte noch einmal bis 1973 beim SC Tasmania 1900. Seine Karriere ließ er 1973/74 beim 1. FC Neukölln ausklingen. Tasmania und die 1. Bundesliga. Von den aufgestellten Rekorden kann ein Lied gesungen werden. Immer wieder wird Tasmania herangezogen, wenn es um sportliche Negativrekorde geht. Und dabei fing es 1965 mit Rang zwei nach dem ersten Spieltag so prima an. Die böse Überraschung gab es sogleich am 2. Spieltag, als auf dem Gladbacher Bökelberg mit 0:5 verloren wurde. Vor immerhin 70.000 Zuschauern folgte daheim ein 0:2 gegen Borussia Dortmund. Gegen den FC Bayern waren es am 5. Spieltag nur noch rund 40.000 Fußballfreunde im weiten Rund. Die Zuschauerzahlen sanken und sanken. Am 15. Januar 1966 waren es gegen Borussia Mönchengladbach sage und schreibe nur noch 827 zahlende Zuschauer! Ein Hundertstel der Zahl vom 1. Spieltag. Irre! Das dürfte Weltrekord sein. Welcher anderer Verein hat innerhalb einer Saison solch eine Schwankung zu verzeichnen? Zumal erst einmal solch eine große Spielstätte vorhanden sein muss.

Na immerhin, zum Ende der Saison, als es wärmer war, kamen gegen Eintracht Frankfurt 4.000 und zum Abschluss gegen Mitabsteiger Borussia Neunkirchen rund 2.000 Zuschauer ins Olympiastadion. Gefeiert werden durfte am 21. Mai 1966 ein 2:1-Erfolg, es war der zweite Sieg der Saison. 28 Niederlagen in 34 Saisonspielen - Negativrekord. Auswärts konnte der SC Tasmania 1900 nur ein einziges Pünktchen holen. Auf dem Betzenberg endete die Partie 0:0. Kurios: Auch daheim blieb Tasmania gegen den 1. FC Kaiserslautern ungeschlagen. Das Endergebnis: 1:1. Na immerhin, etwas positives für das Geschichtsbuch. Ohne Niederlage gegen die Roten Teufel - das hat doch auch was.

BW 90

Und wie verlief für die SpVgg Blau-Weiß 90 Berlin das Bundesliga-Abenteuer? Nun ja, nicht sooooo viel besser. Gerade einmal einen Sieg mehr konnte Blau-Weiß 90 in der Saison 1986/87 einfahren. Immerhin wurden ganze 19-mal die Punkte geteilt. So hatte der Tabellenvorletzte Fortuna Düsseldorf mehr Niederlagen (21) auf dem Konto. Das erste Erstligaspiel wollten am 09. August 1986 exakt 36.722 Zuschauer sehen. Zu Gast war der 1. FC Kaiserslautern. Dieses Mal gaben sich die Roten Teufel gegen einen Berliner Frischling nicht die Blöße. Mit 4:1 wurde in Berlin gewonnen. Den Ehrentreffer für Blau-Weiß 90 erzielte der Hoffnungsträger Karl-Heinz Riedle. Mit seinen zehn Saisontreffern konnte er jedoch nicht allein die Kastanien aus dem Feuer holen. Die Leistung der Mannschaft war einfach nicht erstligatauglich. Am Ende ging es als Tabellenletzter wieder abwärts. Das letzte Spiel - ein 2:2 gegen den FC Homburg 08 - wollten am 17. Juni 1987 immerhin 5.000 Zuschauer sehen. Und ja, immerhin auch etwas für das positives für das Geschichtsbuch: Am 18. Oktober 1986 konnte dem späteren Deutschen Meister vor 43.710 Zuschauern ein Pünktchen abgeknöpft werden! Nachdem Klaus Augenthaler die Bayern bereits in der zweiten Minute mit 1:0 in Führung bringen konnte, glich Horst Feilzer in der 85. Minute zum 1:1-Endstand aus.

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Die weitere Geschichte der beiden Vereine wurde in anderen Berichten bereits ausführlich behandelt. Der SC Tasmania 1900 war im Jahr 1973 bankrott und wurde aufgelöst. Die SpVgg Blau-Weiß 90 Berlin traf es im Sommer 1992. In beiden Fällen wurden neue Vereine ins Leben gerufen, beide Vereine sind jedoch keine Rechtsnachfolger. Klar ist jedoch, dass sowohl Tasmania als auch Blau-Weiß 90 die sportliche Tradition pflegen. In Anlehnung an die jeweiligen Wurzeln wurde in jüngerer Vergangenheit in beiden Fällen der Vereinsname angepasst. Im Fall Blau-Weiß 90 wurde auch das Vereinslogo kürzlich modifiziert, so dass es dem alten wieder ähnlicher sieht.

Tas

Nach dem Aufstieg von Blau-Weiß 90 in die Berlin-Liga am Ende der Landesliga-Saison 2015/16 kam es nun wieder zu den Duellen der alten Rivalen. Die Vorgängervereine bestritten einst in den 1960ern und Anfang der 1970er zahlreiche Schlachten in der damaligen Regionalliga Berlin, die von 1963 bis 1974 Bestand hatte. In jener Zeit konnte Tasmania 1900 15 von 23 Partien für sich entscheiden, nur dreimal ging Blau-Weiß 90 als Sieger vom Platz. So gab es das erste Wiedersehen im Ligabetrieb am 21. August 2016 auf dem Sportplatz an der Rathausstraße. Vor 187 Zuschauern konnte Tasmania bei Blau-Weiß 90 mit 2:0 gewinnen. Das Rückspiel wurde am 27. Mai 2017 ausgetragen, und vor 245 Zuschauern trennten sich die beiden Kontrahenten 2:2. Bereits am Ende der vergangenen Saison war klar: Bei Blau-Weiß 90 wurde an einer Mannschaft gebastelt, die in der Folgesaison ganz klar um den Aufstieg in die NOFV-Oberliga Nord mitspielen würde.

BW 90

Gesagt, getan. Die bisherige Ausbeute kann sich sehen lassen. 13 Siege und drei Unentschieden in den bisherigen 17 Saisonspielen. Nur einmal mussten sich Blau-Weiß 90 bislang geschlagen geben. Für den SV Tasmania war es gestern die große Möglichkeit, mit einem Sieg noch einmal auf drei Punkte an den Tabellenführer heranzukommen. Daraus wurde jedoch nichts. Zwar spielten die Tasmanen prima mit, doch die beiden Treffer erzielten die Gäste aus Mariendorf. So war es Lukas Rehbein, der in der Vergangenheit unter anderen beim BFC Dynamo gespielt hatte, welcher in der 23. und 90.+1. Minute die beiden Treffer erzielte.

Lukas Rehbein

Liest man die Mannschaftsaufstellung von Blau-Weiß 90 Berlin, so fallen auf Anhieb Namen wie Kevin Gutsche und Robin Mannsfeld ins Auge. Der Plan steht. Unter Trainer Marco Gebhardt soll am Ende der Saison der Sprung nach oben gefeiert werden. Der Trost für den SV Tasmania: Während die Sp.Vg. Blau-Weiß 90 im Berliner Pokal bereits die Segel streichen musste, ist Tasmania noch mit von der Partie. Zuletzt wurde beim 1. FC Lübars mit 2:0 gewonnen. Wie es sich anfühlt, im Berliner Pokalfinale zu stehen, wissen die Tasmanen. Da mit dem FC Viktoria 1889 und dem Berliner AK 07 bereits zwei Regionalligisten ausgeschieden sind, könnte mit etwas Losglück der Weg wieder in den Jahn-Sportpark führen…

Tasmania

Fotos: Marco Bertram

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Vereinsnamen

Nur zur Richtigstellung: Während BW90 den ursprünglichen Vereinsnamen - das Logo und die "echten" Vereinsfarben wieder führt, ist Tasmania davon noch "weit" entfernt. Der ehemalige Bundesligst hieß SC (statt SV) Tasmania 1900 (statt 1973) und hatte die Vereinsfarben Blau-Weiss statt Blau-Weiss-Rot wie der derzeitige Verein.

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