Hertha BSC vs. 1. FC Köln: Wie erklärt man einem Kind diese erbärmliche Leistung?!

 
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MB 26 Oktober 2017
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Ich war pappsatt. Selten in meinem langen Fußballleben war ich so bedient wie am gestrigen Abend. Als nach dem Spiel die Hertha-Spieler gemütlich zur Ostkurve trabten und sich klatschend für den Support bedankten, dachte ich, wir seien im falschen Film. Ja wirklich, ich dachte das Schwein pfeift! Mein siebenjähriger Sohn war auch irritiert. „Warum klatschen die?“ Ja, warum?! Keine Ahnung! Es sah dort unten im Innenraum nicht danach aus, als wenn man sich bis auf die Knochen blamiert hatte. In der Ostkurve dagegen schon. Dort herrschte Sprachlosigkeit. Plastikflaschen segelten durch die Luft. Die Wut kochte immer mehr hoch. Haut ab, geht in die Katakomben! Wagt es nur nicht, euch hier zu zeigen! 1:3 im Pokal gegen den Tabellenletzten der Bundesliga, der bislang gerade mal zwei magere Pünktchen sammeln konnte. Während die zahlreich angereiste Anhängerschaft des 1. FC Köln ausgelassen das Weiterkommen feierte, schüttelte man auf Heimseite nur den Kopf. Verlieren? Klar, das gehört dazu. Einer muss schließlich im Pokal verlieren. Mit Pech kann man auch gegen ein Schlusslicht als Verlierer vom Platz gehen. Es gab schon eine Menge Spiele, bei denen du nach 90 Minuten mit 20:3 Chancen blöd aus die Wäsche geguckt hast. Ja, mein Gott, das macht halt Fußball aus. Was Fußball jedoch nicht ausmacht, ist solch eine erbärmliche Leistung, die vor allem in der letzten halben Stunde erbracht wurde. Da fällt nach 0:3-Rückstand noch der 1:3-Anschlusstreffer. Und was passiert? Ein Anrennen? Ein Aufbäumen? Ein Alles-oder-Nichts? Pustekuchen! Klare Fehlanzeige! Ratlos wurde gekickt. Es wurde getrabt. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis Abstöße erfolgt sind. „Warum spielen die nicht einfach mal schnell nach vorn? Die müssen doch noch zwei Tore schießen. Du hast gesagt, die schaffen das noch!“, fragte neben mir mein Sohn. Was sollte ich drauf antworten? Ich verspürte den inneren Drang, meinem Sohn zu erklären, wie viele Lego-Pakete die Spieler dort unten allein von einem Tageslohn kaufen könnten. Er wäre vom Glauben abgefallen und hätte wohl kein Spiel mehr besucht. Allein deshalb, ließ ich dies bleiben. Nicht, dass er dann beim nächsten Mal denkt, die Spieler von Tasmania oder Hansa II seien alles reiche Geldsäcke.

Hertha

Meinen Sohn nehme ich mit zum Fußball, seitdem er ein Jahr alt war. Schritt für Schritt wird ihm die große Fußballwelt gezeigt. Von der Bundesliga bis hinunter in die Berlin-Liga. Dass es beim Fußball auch Niederlagen gibt, hat er inzwischen begriffen. Was flossen die Tränen, als Hansa Rostock beim Jubliäumsspiel gegen den 1. FC Union Berlin verloren hatte. Die um uns Sitzenden staunten nur. Mensch, Junge, das war doch nur ein Freundschaftsspiel! Er war untröstlich. Beim nächsten Mal feierte er dann den Aufstieg der U19 von Tasmania Berlin oder den Auswärtssieg des FC Polonia Berlin in Hirschgarten. Er hat bereits Favoriten, doch noch ist alles austauschbar. Vorher wird besprochen, für wen wir sind. Bis wir gemeinsam einmal zum Olympiastadion düsen würden, wartete ich noch. Zu wuselig ist er, zu groß ist der Drang, einfach herumzutollen. Jetzt war jedoch die Zeit reif. 90 Minuten könnte er auf dem Klappsitz still sitzen. Wenn Trinkpäckchen und Süßkram dabei sind. Also kauften wir im Fanshop zwei Tickets für den Familienbereich auf dem Oberrang schräg neben der Ostkurve - und dann nichts wie los!

Hertha

Abendspiel. Berliner Olympiastadion. Dort begann im Herbst 1990 mein (vergleichsweise spät startendes) Fußballeben. Mit 17 fuhr ich mit der U2 gen Ruhleben zum Spiel der Hertha gegen eine Weltauswahl. Dort wo damals die Hertha-Frösche standen, saß ich nun 27 Jahre später mit meinem Kind. Ein Jahr später wohnte ich im Rheinland, lernte Karsten (ja, der von turus) und den Fußball mit all seinen Facetten kennen. Im September 1991 begann für mich im tiefen Westen alles mit dem Pokalspiel Bayer 04 Leverkusen vs. 1. FC Köln (ja, das Spiel mit der brennenden Wurstbude), so erschien diese Pokalrunde optimal, um in Erinnerungen zu schwelgen. Karsten war am Dienstagabend vor Ort beim Duell Bayer 04 Leverkusen vs. 1. FC Union Berlin, und ich setzte mich mal wieder auf die Ränge des Olympiastadions, um die Partie Hertha BSC vs. 1. FC Köln zu sehen.

Hertha

Vor dem Spiel eine Brezel für den Nachwuchs und für mich ein (ja, nur ein) Weizen aus dem Fass auf den Stadionterrassen, wo sich auch zahlreiche Kölner Jungs eingefunden hatten. Der Abend startete denkbar gut. Wow, was für ein geniales Weißbier. Irre lecker, und auch die Bratwurst ist nicht die schlechteste. Mein Sohn, ich habe ihn meinen ganz alten Hertha-Schal umgebunden (der Erinnerung wegen), hatte inzwischen bereits den Bambule-Knopf gedrückt. Dass er aufgeregt war, ist noch gelinde ausgedrückt. Er war heiß wie Frittenfett und wollte sich gleich mit einem „alten“ Kölner kampeln. Den Schal dabei schon hochgezogen. „Dass Ihr Berliner Euch immer vermummen müsst“, erklärte der Kölner 1,90-Mann lachend. Als Dank haute mein Sohn mir fröhlich in die Seite. Ruhig, Kleiner, ruhig! Sonst fliegen wir hier noch raus! Wir sind hier nicht in Polen, Freundchen!

Hertha

Block gesucht, Platz eingenommen, und es trat der erwartete Effekt ein. Wow! Große Augen! Diese Weite! Das Flutlicht! Die sich einstimmende Ostkurve! Mein Sohn war geflasht. Und er saß die ersten 45 Minuten sogar halbwegs ruhig auf dem Platz. Ja, halbwegs. Er hämmerte vor Aufregung seine Füße im Takt gegen den Sitz des Vordermanns. Der Familienpapa vor uns nahm es zwar mit Humor, saß jedoch die zweite Halbzeit woanders. Verständlich. Unter dem Strich schien es ein überaus gelungener Papa-Sohn-Abend zu werden. Die Stimmung war okay, 33.500 Zuschauer bildeten für ein unter-der-Woche-Spiel eine passable Kulisse, der Gästebereich war erstaunlich ansehnlich gefüllt, und die erste Halbzeit konnte man sich durchaus anschauen.

Hertha

Hertha machte nach einer halben Stunde Druck, kam zu Möglichkeiten und musste dann in der 35. Minute das erste Gegentor hinnehmen. Zoller erzielte das überraschende Kölner Führungstor. Kann passieren, war auch meinem Sohn klar. 0:1, das lässt sich rasch reparieren. Nachdem Maroh mit der Hacke kurz vor der Pause das 2:0 für Köln klar machte, wurde sein Blick trauriger. Ich verbreitete noch Optimismus. Das schaffen die Berliner. Das wird umgebogen! Draußen beim Gespräch mit Kumpels, wurde mir jedoch erklärt, dass das nichts mehr wird. Zu schlecht war die Leistung in den letzten Wochen. Stichwort Europapokal. Hüstel. Ja, okay, ich blieb dennoch optimistisch. Sang- und klanglos gegen den Tabellenletzten rausfliegen? Konnte ich mir einfach nicht vorstellen. In der Verlängerung, ja okay, aber es würde doch noch etwas spannend werden, oder nicht?!

Hertha

Das 0:3 war Sinnbild für den Abend. In der 64. Minute traf der Ball den Pfosten, Clemens stand bereit und beförderte den abprallenden Ball in die Maschen. Das war´s! In Strömen verließen die ersten Zuschauer das weite Rund. Nach etwas über einer Stunde. Konnte ich verstehen, anderseits irgendwie nicht. Im Fußball ist doch alles möglich! Und siehe da! Niklas Stark staubte in der 69. Minute ab, nur noch 1:3. Da ging noch was! Denkste! Was folgte, war Folter für die Hertha-Fans. Keine Ideen, fehlendes Tempo, viele Fehlpässe. In solch einer Situation ist doch alles egal. Da geht es nicht mehr um ein Torverhältnis. Da muss man rennen, das Letzte geben, den Ball vorn rein schlagen, mit aller Macht drücken, die Taktik mal über den Haufen werfen und somit den Gegner völlig überraschen. Aber nein, ohne erkennbare Leidenschaft wurde das Spiel abgespult. Es kann mir kein Spieler erklären, er habe das Letzte gegeben. Nach fast drei Jahrzehnten Fußball lasse ich mir nicht solch einen Bären aufbinden.

Köln

Nach Abpfiff hätten sie verschwinden sollen. Das hätte jeder verstanden. Es hätte zurecht ein gellendes Pfeifkonzert gegeben. Nach zehn Minuten hätten dann der Trainer und ein, zwei Spieler das Gespräch in der Ostkurve suchen können. So aber ergab sich ein Anblick der trabenden, klatschenden Spieler, der auch bei meinem siebenjährigen Kind tiefstes Unverständnis hervorrief. In der S-Bahn wurde alles noch einmal ausgewertet. „Papa, wo steht Köln?“ Die Tabelle versteht er schon. Tatsächlich, zwei Punkte. „Na ja, aber die Kölner, die wir getroffen haben, waren super. Denen gönne ich die Freude!“ Recht hat er. Und diese Aussage machte mich in jenem Moment unglaublich stolz.

Anmerkung: Die Spruchbänder konnten wir von unserer Position aus nicht lesen, deshalb wurde im Bericht nicht drauf eingegangen.

Köln

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Hertha BSC vs. 1. FC Köln

Inhalt über Klub(s):
Spielergebnis:
1:3
Zuschauerzahl:
33.500
Gästefans
3000
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K
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Mahlzeit -

Dankeschön für den tollen Artikel!!!

Sportlich unterstreiche ich dies als "Halb - Neutraler" (mit gewisser Hertha - Sympathie" absolut, ich war genauso erschüttert. Selten sowas willenloses gesehen, echt traurig, vor allem in Relation zu dem vielen Geld, was dort zu den Spielern fließt.

Ansonsten hab ich mich sehr über den speziellen Einblick gefreut, was Deinen Sohn und den Besuch mit ihm angeht. Ich bin selber Vater eines 3jährigen Sohns, wir gehen mit ihm zu Spielen (v.a. Hoppen in Berlin/Brandenburg usw.), seit er 6 Wochen ist, er wächst also auch halbwegs rein. Für mich ist das also besonders spannend im Hinblick auf "wie könnte es in ein paar Jahren mit ihm sein" :-)

Macht weiter so!!! André

H
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Top Mann, ey

G
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Du hättest mal deinen Sohn sagen sollen das der FC Europapokalteilnehmer ist und letzte Saisom vor Hertha war

R
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F
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