Choreographien in Polen: Wenn die Presse das Wort „Hooligans“ nicht kennen würde…

M Updated 14 August 2017
Choreographien in Polen: Wenn die Presse das Wort „Hooligans“ nicht kennen würde…

… ja dann wäre der Blutdruck beim Lesen der Mittwochs-Ausgabe der Märkischen Oderzeitung vom 9. August nicht so hoch gewesen. Das Blatt besteht aus zwei Teilen. Im regionalen Teil geht es um die verschiedenen Regionen des östlichen Brandenburgs (Schwedt, Frankfurt usw.). Der andere Teil deckt den Rest der Welt ab. In diesem verfasste ein Herr Schröder zu einer Überschrift „Polnische Hooligans machen mobil“ einen ähnlich qualitativen Artikel. Schon bei der Wortwahl werden wieder viele Leute in einen Topf geworfen. Es findet hier keine Differenzierung statt. Laut Autor sind demnach Hooligans für Choreos verantwortlich. Wenn, dann hätte er verallgemeinern müssen, z.B. polnische Fans, was dennoch keine verbessernde Auswirkung auf den Inhalt gehabt hätte, denn auch polnische „kibole“, Ultras, „pseudokibice“ usw. haben keine derartigen Bestrebungen.

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Dem Inhalt werde ich mich gleich zuwenden. Die Illustration dazu zeigt die Choreo der Legia-Fans beim Qualifikationsspiel zwischen Legia Warszawa und Astana. Darauf bezieht sich auch der Eröffnungsabschnitt des Artikels. Die Choreographie zeigt einen Wehrmachtssoldaten, der eine Pistole gegen den Kopf eines Kindes hält. Auf dem darunter angebrachten Transparent wird auf 160.000 getötete Kinder während 1944 aufmerksam gemacht. Es geht klar um den Warschauer Aufstand vom 1. August 1944. Der Autor verkauft das als antideutsche Losung. Im logischen Umkehrschluss sind dann Lehrbuchtexte über die Kampfhandlungen zwischen Briten und Amerikanern im Zusammenhang mit dem Unabhängigkeitskrieg antibritische Losungen(?). Zur Erklärung: Es gibt in Polen drei Tage im Jahr, die Auswirkungen auf das Fanblockgeschehen haben. Das sind der 11. November (Unabhängigkeitstag), der 1. März (Gedenken gefallener Soldaten und Aufständischer während des Zweiten Weltkriegs) und der 1. August (Warschauer Aufstand). Das Bildmaterial dazu ist leicht zu finden, und Choreographien in den Kurven zu diesen Themen haben schon Tradition. 

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Aber hier sind ein paar gesammelte Beispiele. Auch in der Zeit der Vorgängerregierung wurden sie durchgeführt. Die Fans wurden weniger durch die Regierungs-Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) „angefeuert“. Eher passiert es aus Ehrerbietung heraus. Es ist so, als würde der Fan in Deutschland den Aktiven der Befreiungskriege gedenken. Eher ist es der Autor, der die Stimmung anfeuert. „Polnische Hooligans machen mobil“, „antideutsche Losungen“ – das hört sich ja an, als ob es gleich an der Grenze krachen würde. Natürlich ist das Nonsens, aber wenn schon solch ein Artikel erscheint, dann sollen auch polnische Freunde Freude an ihm haben. Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten. Die Spanne reichte vom scherzhaften „Ja, polnische Hooligan-Panzer und eure Leoparden treffen sich gleich an der Oder.“ bis zu sichtlicher Verbitterung ob dieses Artikels hinsichtlich einer durch den Artikel zu befürchtenden Gefährdung deutsch-polnischen Verhältnisses. Da ging es in diese Richtung, dass einige deutsche Journalisten eher provozieren als informieren.

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Der Informationsgehalt ist da. Keine Frage. Es ist aber wie das Lesen im alten ultras.ws-Forum. Ein Körnchen Wahrheit ist immer dabei. Der Rest muss recherchiert werden. Er beginnt mit den Legia-Fans. Zunächst werden Verfehlungen der Fans aufgelistet. Wortwörtlich heißt es da: „Im vergangenen Jahr lieferten sie sich bei einem Champions-League-Spiel in Dortmund eine Schlacht mit den deutschen Anhängern, die zur Folge hatte, dass das Rückspiel an der Weichsel vor leeren Tribünen stattfinden musste.“ Da wurden ein paar Sachen vom Polenexperten der MOZ durcheinander gebracht. Das Hinspiel, bei dem es diese angesprochene Auseinandersetzung gab, fand bei Legia statt. Zum Rückspiel in Dortmund durften sie folglich nicht. In Spanien kam es vor dem Spiel gegen Real zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Fans international spielender deutscher Vereine und inzwischen auch deutsche Vereine selbst kennen die Situation in Spanien nur all zu gut. Jedenfalls fand dann das Rückspiel zwischen Legia und Real unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Vielleicht kam der Autor durch die vielen Klubs und Spiele durcheinander.

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Glücklicherweise geht es im restlichen Artikel nur um zwei Städte der „antideutschen Mobilisierung“. Die nächsten, die den schwarzen Peter bekommen, sind die "Demonstranten" aus Szczecin (die Überschrift suggeriert, dass es sich wieder um Fußballvolk handeln könnte. Die ca. 30 Leute (die MOZ berichtet nur von Männern, obwohl Frauen unschwer zuerkennen sind), die ein Banner mit der Anspielung auf die Verwendung von „polnische Lager“ anstatt „deutscher Lager“ zeigten, hatten weiße einheitliche T-Shirts mit dem Aufdruck, dass sie die polnischen Werte verteidigen. Eine Zuordnung zu einer speziellen Gruppe war nicht zu erkennen. Ein „Bekennerschreiben“ ist auch nicht auffindbar.

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Zurück zur Überschrift und zu den antideutschen Losungen. Liegen letztere hier wirklich vor? Eindeutig nicht. Und hier liegt auch ein Reaktionsverhalten vor. Einen Auslöser dafür gilt es zu suchen. Es ging darum, dass ein deutscher Sender diese Bezeichnung verwendete. Laut Magazin „wprost“ vom 25. Juli 2017 wurde die Sache bereits geklärt und sich für die Bezeichnung entschuldigt. Hier ging es nicht um ein Mobilisieren von polnischen Hooligans gegen Deutschland. Nein. Das Banner richtete sich gegen den Sender bzw. gegen alle die, die diese Bezeichnung fälschlicherweise verwenden. Ein mittlerweile gelöschter facebook-Eintrag ordnete dem Banner keine propagandistische Funktion zu, sondern eine appellative, doch bei historischen Tatsachen zu bleiben.

In Polen wirbelte die Aktion kaum Staub auf. Die üblichen Blätter (u.a. mit Verlagssitzen im Ausland) schrieben sich die Finger wund, doch viele Polen wissen, damit umzugehen, grinsen über solche Artikel und wenden sich den Freunden auf der anderen Seite der Oder zu. 

Fotos: Michael (Archivbilder)

 

Artikel wurde veröffentlicht am
11 August 2017

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5 Kommentare
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G
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Der Text des Artikels ist sogar online. Als Illustration gibt es da den Kaczynski zu sehen. Völlig am Thema der Hooligan-Überschrift vorbei.
G
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Da ist auch Pogoń Leżajsk mit dabei. Auf die Schnelle wusste ich noch, dass ich mindestens 2x bei Pogoń Szczecin war, als die was Optisches gemacht hatten.
Die anderen auf den Fotos sind: Gryf Słupsk, Legia, Wielim Szczecinek und Polonia Warszawa sowie Orzeł Przeworsk.
M
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Danke Euch Polen, dass Ihr Euer kulturelles Erbe aufrechterhaltet und Euch nicht wie die westeuropäischen Gesellschaften selbst auflöst! Im Übrigen kotzt mich die schwarz-weiß-Eventhascherei unserer Medien dermaßen an!
Warum mussten es in diesem Text fast ausschließlich Pogon-Bilder sein?
T
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G
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