Portugal – zwischen Tristesse und Derbyfieber

FG 16 Dezember 2016
Portugal – zwischen Tristesse und Derbyfieber

Da das Land des aktuellen Europameisters auf der persönlichen Landkarte noch einen weißen Fleck darstellte, bot sich das Derby in Lissabon zwischen Benfica und Sporting als willkommener Anlass mal einen genaueren Blick in das westlichste Land des europäischen Festlandes zu werfen. Da man in Portugal auch sehr viel Wert auf Fußball im Fernsehen legt, bietet sich für den interessierten Beobachter eine angenehm hohe Auswahl an potentiellen Spielen an – der Klassiker eben: einerseits ist man in Deutschland Gegner der Spieltags-Zerstückelung, beim Besuch anderer Länder wird dieser Umstand dagegen gerne mitgenommen. Doppelmoral? Ja, irgendwo schon. 

Das Wochenende begann in Setúbal beim Erstliga-Duell zwischen Vitória FC und GD Estoril Praia. Ein klassisches Mittelfeld-Duell zweier eher unbekannter Teams, deren Erfolge zudem überschaubar sind. Können die Gäste eine Europapokal-Teilnahme in der Saison 2013/2014 vorweisen (wo man in der Gruppenphase auch auf den SC Freiburg traf und als Tabellenletzter ausschied), haben die Gastgeber mit drei Pokalsiegen immerhin etwas im Briefkopf stehen. Dass die Fokussierung der Portugiesen auf die drei großen Clubs Benfica, FC Porto und mit Abstrichen Sporting Folgen für den Rest der Liga hat, bewies das Abendspiel der Primeira Liga auf traurige Art und Weise. Offiziell 2.754 Zuschauer wurden Zeuge eines 2:0-Sieges der Gastgeber, inoffiziell dürfte man jedoch gerade so die vierstellige Marke übersprungen haben. Immerhin boten beide Vereine zwei kleine Szenen auf, die mit jeweils etwa 40-50 Mann ihre Mannschaften unterstützten. Warum dies auf Heimseite getrennt in zwei kleinen Gruppen geschah bleibt dagegen ein Rätsel.

Setubal

Schon am nächsten Tag sollte sich die Spieltagszerstückelung als Vorteil erweisen – 11:45 Uhr trafen im angestaubten, aber wunderschönen Estádio do Restelo CF Os Belenenses und CS Marítimo von der Insel Madeira aufeinander. Wieder Erstligafußball und wieder gerade mal so vor einer vierstelligen Anzahl an Zuschauern – und auch hier wurde galant nach oben korrigiert, offiziell von 2.159 Zuschauern gesprochen. Überraschenderweise hatten sich auf der Tribüne auch etwa 80 Gästefans eingefunden, die unregelmäßig ihren Verein unterstützten. Eine direkte Anreise von Madeira darf aber angezweifelt werden, handelt es sich doch wahrscheinlich eher um Exilanten, die ihr wirtschaftliches Glück in der Hauptstadt gesucht haben. Jubeln konnten sie am Ende nicht, gewann Belenenses, die immerhin schon viermal Meister und dreimal Pokalsieger waren, doch mit 1:0 und pirschte sich so an die Gäste in der Tabelle heran. Die etwa 30 Fans hinter mehreren kleinen Zaunfahnen und vier Schwenkern dürfte es gefreut haben.

Belenenses

Für Fußballhistoriker dürfte die nächste Station ein wahres Paradies darstellen, schließlich handelt es sich bei Académica de Coimbra (die gegen die Reserve von Benfica antraten) um den ältesten noch bestehenden Sportverein Portugals, der in diesem Jahr seinen 140. Geburtstag (!) feiern konnte. Und auch im Verlauf seiner Geschichte wurde den traditionell in komplett in Schwarz auflaufenden Gastgebern eine besondere Rolle zuteil, sorgte der studentische Hintergrund des Vereins doch dafür, dass man sich zur Zeit des Salazarismus (1932 – 1974) als Sammelbecken für oppositionelle Äußerungen sah. Der Verein selbst setzte sich schon immer aus Studenten der Universität zusammen, die somit zwangsläufig Politik und Sport verbanden. Im Stadion wurde die Kritik am Regime öffentlich und lautstark vertreten und der Verein selbst bot sportlich starken, aber mittellosen Studenten eine Möglichkeit zum Studium. Der Höhepunkt dieser Entwicklung trug sich 1969 zu, als Académica völlig überraschend das portugiesische Pokalfinale erreichte und dort auf den großen Favoriten Benfica traf.

Coimbra

Das Spiel wurde zu großen Protesten genutzt und gilt im Land noch heute als größte Demonstration gegen das Estado-Novo-Regime. Nachdem 1974 die Nelkenrevolution eben jenes Regime beendete, sorgte eine Entscheidung der Universität für tagelange Ausschreitunen und Proteste, denn maoistische Studenten hatten sich in ihrer Ablehnung von Profisport durchgesetzt und eine Auflösung der Fußballsektion erreicht – die Mannschaft selbst bekam übrigens erst Tage später etwas davon mit, befand man sich doch noch auf Freundschaftsspiel-Reise durch Spanien. Als Folge dessen wurde ein neuer Verein gegründet, der aber schon 10 Jahre später wieder in den Gesamtverein und seinen Wurzeln zurückkehrte. Heute ist man zwar dem Profifußball nicht mehr komplett verschlossen, die Verbindung zur Universität, die Verwurzelung in der Stadt und die Beliebtheit sind jedoch immer noch vorhanden und wichtige Faktoren des Vereinslebens. Zwar sind die 3.000 Zuschauer auch hier etwas hoch gegriffen, mehr als bei den beiden vorangegangenen Erstligaspielen waren es jedoch locker. Und auch ein agil auftretender Fanblock hatte sich versammelt und konnte am Ende trotz Unterzahl noch jubeln: in der 92. Minute fiel der frenetisch gefeierte 2:1-Siegtreffer gegen die Gäste und Académica kann sich damit weiter leichte Hoffnungen auf einen erneuten Aufstieg in die 1.Liga machen. 

Porto

Zum Abend steht dann erneut Erstligafußball auf dem Programm, denn im schon arg verranzten Estádio do Bessa (immerhin Spielort der EM 2004, genau wie Coimbra) in Porto trafen Boavista und Vitória SC aus Guimarães aufeinander. Zum ersten Mal auf dieser Tour also ein Spiel mit zwei bekannten Ultra-Gruppen, wobei besonders den 1984 gegründeten Panteras Negras der Gastgeber ein gewisser Ruf vorauseilt. Aber auch die 15 Jahre jüngeren White Angels der Gäste sind in Deutschland dem ein oder anderen bekannt. Insgesamt gut 400 Gäste wurden Zeuge eines verdienten 2:1-Auswärtssieges, legten eine flotte Sohle auf das Parkett und durften beobachten, wie die Heimseite alle Supportbemühungen in der Halbzeitpause mit einer internen nonverbalen Diskussion vernichtete. Der am Ende erfolglos bekämpfte Polizeieinsatz in der Kurve hämmerte der Stimmung auf Heimseite dann endgültig den Sargnagel rein – doch zumindest die Gegengerade des ansonsten spärlich besetzten Stadions setzte noch einmal ein Ausrufezeichen und pöbelte wie wild auf einen verletzten Spieler der Gäste ein – erneut mussten Ordner und Polizei eingreifen. Die gereizte Stimmung könnte man aber auch mit der sportlichen Lage des Meisters von 2001 erklären, denn die traditionell im Schachbrett-Muster antretende Equipe versinkt im Abstiegskampf, während die Gäste sich mit diesen drei Punkten wieder auf einen Europapokal-Rang schoben.

Portugal

Am Sonntag war der Kalender dann ebenfalls noch einmal bis zum Rand voll. Nach einem Jugendspiel im Lissaboner Vorort Sacavém zwischen dem örtlichen Club SG Sacavenense und Belenenses im schicken städtischen Stadion (das sonst Drittligafußball sieht und mit vielen kleinen Details punkten kann) kam mit der Verlegung des U19-Spiels in Amora der erste Tiefschlag hinzu – „Oh Gott“ dachte man sich beim Anblick des ausbaulosen Areals nur und setzte den Gedanken direkt in die Tat um, war die Christus-Statue von Almada (die gerne und fälschlicherweise nach Lissabon verlegt wird) doch quasi um die Ecke. Und welch Glück man mit dieser Entscheidung hatte! Denn am Fuße der mit 28 Meter siebthöchsten Christus-Statue der Welt liegt das Stadion von Almada AC – und genau jene Truppe sollte am Nachmittag noch ein Spiel gegen Club Olímpico de Montijo austragen. Vorher wurde noch beim U19-Spiel auf dem kuriosen Kunstrasenplatz vorbeigeschaut, der auf der einen Seite eine steile Felswand und auf der anderen Seite einen wunderbaren Ausblick auf Almada bietet. 15 Uhr Ortszeit traten dann endlich die beiden Teams im Stadion an – welch wunderbarer Anblick von der Gegenseite: die alte Tribüne, ein Rasen, bei dessen Beschreibung „Acker“ noch die freundliche Variante ist und im Hintergrund die Christus-Statue. Traumhaft! Als Krönung des unerwarteten Highlights brachten die Gäste auch noch etwa 15 Ultras mit, die die Balustrade behangen und danach recht durchgängig ihre Truppe unterstützten. Die machte in der zweiten Halbzeit aus einem 0:2 sogar noch ein 4:2 und darf sich weiter große Hoffnungen auf den Aufstieg in die dritte Liga machen. 

almada

Nun wurde es aber Zeit: Derby de Lisboa. Benfica gegen Sporting. 38 Meistertitel gegen 22 Meisterschaften, 25 Pokalsiege gegen 16 derer. Und doch steht das Derby irgendwie ein wenig im Schatten des Duells zwischen Benfica und dem FC Porto, dem zweiterfolgreichsten Club des Landes. Trotzdem ist das Estadio da Luz natürlich fast ausverkauft, lediglich knapp 1.500 Plätze bleiben am Ende frei. Vor dem Stadion ist das Gewusel riesig, irgendwo wird gesungen, die Schals werden durch die Luft geschwungen und irgendwo wird immer wieder Pyrotechnik abgebrannt. Die Nervosität ist greifbar, denn auch sportlich ist die Lage interessant. Benfica ist Tabellenführer, Sporting steht mit fünf Punkten dahinter und setzt nach einigen Jahren, in denen man sportlich deutlich hinter den Roten lag, langsam aber sicher wieder zum Sprung auf Augenhöhe an.

Benfica

Die etwa 4.000 Gästefans sind dementsprechend motiviert, starten das Spiel mit einigem an Pyrotechnik und Schwenkfahnen und zeigen ihre Liebe zu Sporting mittels lautstarker Gesänge. Die Heimseite dagegen zeigt eine Ganzstadion-Choreografie, heißt die Gäste in der „Hölle des da Luz“ willkommen. Immer wieder stimmen auch die anderen Teile des Stadions in die Gesänge ein, alles in allem ist es bei Benfica jedoch irgendwie enttäuschend. Denn diese Momente sind zu rar gesät, meist nur ein kleiner Teil hinter dem Tor sowie eine Ecke auf der anderen Seite sind dauerhaft aktiv. 

Sporting

Auch das Geschehen auf dem Rasen braucht ein wenig um in Fahrt zu kommen, Benfica übernimmt jedoch schnell das Kommando, gibt die Linie vor und lässt keine Zweifel daran, dass die drei Punkte hierbleiben. Und so ist das 1:0 durch Salvio in der 25. Minute keine Überraschung und das erste Mal an diesem Abend kann man wirklich von einem Beben sprechen, dass durch das beeindruckende Stadion zieht. Und auch kurz nach der Halbzeit, als Jimenez das 2:0 für Benfica erzielt, fegt ein akustischer Orkan durch das Finalstadion der EM 2004. Die Sache scheint gegessen, die Gästefans mittlerweile in den „scheiß egal“-Modus gewechselt, während ein großer Teil der heimischen Anhänger entspannt dem Ende entgegensieht. Doch Bas Dost in Reihen von Sporting hat etwas dagegen und erzielt in der 69. Minute den Anschlusstreffer, der eine hektische Schlussphase einläutet, die geprägt ist von den verzweifelten Versuchen Sportings hier doch noch etwas Zählbares mitzunehmen und den teilweise dilettantisch beendeten Kontern Benficas, die ohne größere Probleme hier den Sack zu machen könnten, den entscheidenden Treffer aber nicht erzielen. Als der Schiedsrichter zum finalen Pfiff ansetzt ist der Jubel dementsprechend groß, das Stadion steht komplett und singt die Vereinshymne zur Feier des Tages. Gepöbel und Gelächter für die im obersten Rang eingepferchten Gäste inklusive. Auch außerhalb steppt noch der Bär, der Derbysieg wird ausgiebig gefeiert. 

Benfica

Wir trollen uns derweil zurück ins Hostel und lassen den Tag noch einmal ausgiebig Revue passieren. Denn Portugal ist für den Fußballreisenden ein interessantes Ziel. Ganz davon abgesehen, dass das allgemeine Preisniveau etwas unter dem in Deutschland liegt, offenbart die schon angesprochene Zerstückelung des Spieltages ausreichend Möglichkeiten viele verschiedene Stadien und kurzem Zeitraum zu sehen. Allerdings sollte man sich auch im Klaren sein, dass der portugiesische Fußball außerhalb der drei großen Clubs kaum öffentliches Interesse hervorruft, die Spiele meist vor einer enttäuschend geringen Zuschauerzahl über die Bühne gehen. Interessierte Besucher hat jeder Verein, seien es die über alles diskutierenden älteren Männer oder eine kleine Schar supportender Ultras. Nur die große Bühne, nein, die gibt es in Portugal kaum. Und trotzdem ist genau deswegen ein Besuch hier zu empfehlen, denn all diese Umstände haben auch Vorteile…

Text: Frank Grunert (DKZ)

Fotos: Frank Grunert (DKZ)

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in Portugal

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