Dynamo Dresden bei Hertha BSC II im Juni 2002: Schwarz-gelbe Invasion im Jahn-Sportpark

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MB 01 November 2016
 
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Dynamo Dresden bei Hertha BSC II im Juni 2002: Schwarz-gelbe Invasion im Jahn-Sportpark

Invasionen gibt es immer wieder. Zuletzt sorgte die „rote Wand“ in Dortmund für Gesprächsstoff. Rund 12.000 Fans des 1. FC Union Berlin hatten ihre Mannschaft zum Pokalspiel bei der Borussia begleitet. Keine Frage, ähnliche Invasionen bekam in der Vergangenheit auch die Anhängerschaft der SG Dynamo Dresden gemeistert. Einst zu Gast beim TSV 1860 München, zu Gast bei Hannover 96 (Pokalspiel) und Hertha BSC (2. Liga). Und klar, auch in Dortmund wurde beim dynamischen Pokalauftritt mächtig gerockt. Einer der schärfsten Auftritte der Dynamo-Fans war jedoch jener am 09. Juni 2002, als im Rahmen des Rückspiels der Aufstiegsrunde zur Regionalliga der 1. FC Dynamo Dresden (von 1990 bis 2007 nicht „SG“) bei den Amateuren von Hertha BSC antreten musste. Was für eine anreisende Fan-Flut beim damaligen Duell der Oberligisten (damals vierte Liga)! Rund 10.000 Dynamo-Fans enterten die Ränge des Jahn-Sportparks in Berlin Prenzlauer Berg. Für mich persönlich war jene Aufstiegspartie eines der beeindruckendsten Fußballspiele der vergangenen 27 Jahre, die ich mit eigenen Augen gesehen habe. Und ja, Kinder, wie die Zeit vergeht! Ist der Auftritt bereits über 14 Jahre her? Kaum zu fassen! Zeit für einen Rückblick. Passend dazu gibt es heute in aller Ausführlichkeit das entsprechende Kapitel aus dem 2014 erschienenen Buch „Zwischen den Welten“ zu lesen. Viel Spaß bei der Zeitreise:

Frühjahr / Sommer 2002. Dynamo Dresden auf dem Weg zurück in die Regionalliga?! Zwei Jahre zuvor stürzte der 1. FC Dynamo in die Oberliga ab. Grund dafür war die Umstrukturierung der Regionalligen. Aus vier Staffeln wurden nun nur noch zwei. Aus der Staffel Nordost durften sieben Vertreter in der neu geschaffenen Regionalliga Nord dabei sein. Während unter anderen der FC Sachsen Leipzig, der SV Babelsberg und sogar der Dresdner SC den Sprung in die neu geschaffene Staffel schafften, fielen Dynamo Dresden, der VfB Leipzig und der 1. FC Magdeburg hinten runter und fanden sich nun in der bitteren Viertklassigkeit wieder. Auch der BFC Dynamo und der FSV Zwickau rutschten ab, allerdings wären diese beiden Vereine als Vorletzter bzw. Schlusslicht sowieso in die Oberliga abgestiegen. 

Dynamo Dresden

Ein harter Schlag für Dynamo Dresden. Im ersten Jahr in der vierten Liga ging nicht allzu viel. Am Ende der Saison 2000/01 war Dresden in der NOFV-Oberliga Süd auf Rang fünf zu finden. Souveräner Meister wurden die selbst ernannten „Größten der Welt“ aus Magdeburg, die in der damaligen Aufstiegsrunde gegen den BFC Dynamo antraten. Doch dazu an späterer Stelle mehr. Dynamo Dresden musste noch einmal eine Runde in der Oberligalandschaft drehen. Unter anderen standen Auswärtsspiele beim SV Braunsbedra, beim OFC Neugersdorf, bei Eintracht Sondershausen und beim FSV Hoyerswerda an. Während aktive Fans und Hools diese Touren mitunter recht genial fanden, kotzte das „normale“, rein sportinteressierte Publikum mächtig ab. 

Und die Saison wurde kein Selbstläufer! Zittern bis zum letzten Spieltag. Und selbst dann war der Aufstieg noch nicht gepackt. Schließlich standen anschließend die beiden Aufstiegsduelle gegen den Meister der Nordstaffel an. Am letzten Spieltag musste Dresden auswärts beim FSV Hoyerswerda (zu DDR-Zeiten bekannt als BSG Aktivist Schwarze Pumpe) ran. Da der VFC Plauen auf Tuchfühlung war, musste diese Partie unbedingt gewonnen werden. Es war klar, dass tausende dynamische Fans ihr Team begleiten würden, und somit entfachte wieder einmal die allseits bekannte Diskussion. Das Jahn-Stadion in Hoyerswerda sei nicht sicher, erklärten die Behörden. Und als es auch noch Bombendrohungen gab, sperrte die Stadt Hoyerswerda kurzerhand die Spielstätte. Die Suche nach einem geeigneten Stadion begann – und das fünf Tage vor dem angesetzten Spiel. Cottbus lehnte aufgrund des Stadionumbaus ab, Leipzig legte ebenso Veto ein. Und im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion? Der FSV Hoyerswerda hätte vielleicht sogar zugestimmt, doch etwas dagegen hatte verständlicherweise der Mitaufstiegsfavorit VFC Plauen. Letztendlich erklärte sich Eisenhüttenstadt bereit, das Stahl-Stadion als Spielstätte zur Verfügung zu stellen. 6.250 Zuschauer pilgerten am 26. Mai 2002 nach Eisenhüttenstadt, unter ihnen rund 200 Fans aus Hoyerswerda, die mit Shuttle-Bussen hingebracht wurden und sogar etwas Material dabei hatten. Ich hatte das Spektakel damals am Fernseher bei „Sport im Osten“ verfolgt und Dresden fest die Daumen gedrückt. Dynamo gehörte in die Regionalliga – das war doch klar. Und vor allem war ich heiß auf das im Jahn-Sportpark stattfindende Duell gegen die Mannschaft von Hertha BSC II, die in der Nordstaffel souveräner Meister vor Tennis Borussia Berlin wurde. 

Doch bevor es soweit war, musste Dresden seinen Staffel-Meistertitel in trockene Tücher bringen. Und das wurde schwerer als zuvor vermutet. Nach einer Stunde stand es immer noch 0:0. Zeitgleich führte Plauen beim Tabellenletzten Braunsbedra. Jetzt ein dummes eingefangenes Kontertor und der Aufstiegstraum würde zerplatzen wie eine Seifenblase. In der 70. Minute die Erlösung! Thomas Neubert machte mit seinem 13. Saisontreffer im Nachsetzen das 1:0 für Dynamo Dresden. Der schwarz-gelbe Mob auf den Rängen tobte vor Freude. Sieben Minuten später der Schock! Nach einem Freistoß köpfte Hoyerswerda sehenswert zum 1:1 ein. Nun ging die kleine, ebenso schwarz-gelbe Hoyerswerda-Truppe ab wie Schmidts Katze. Den großen Favoriten ärgern? Was gibt es schöneres! An jenem Nachmittag hätte ich vor dem heimischen Fernseher jedoch gern auf einen Überraschungssieg der einstigen Aktivisten-Kicker verzichten können. Auf geht´s Dynamo! 

Was für eine Schlussphase! Wie aus dem Drehbuch! Neun Minuten vor Abpfiff die dicke Chance für Hoyerswerda. Fast das 2:1, doch der Ball ging über das Gehäuse. Durchatmen. In der 87. Minute kollektives Haareraufen. Denis Koslov traf aus dem Getümmel heraus den linken Pfosten. Der Ball blieb jedoch im Spiel und gerade hatte sich Koslov wieder erhoben, bekam er nach missglückter Kopfballabwehr von Hoyerswerda die Kugel wieder vor den Fuß – und dieses Mal klingelte es im Gehäuse. Als unmittelbar vor Abpfiff der zuvor eingewechselte Abwehrspieler Daniel Ziebig zum 3:1 für Dynamo Dresden nachlegen konnte, stand das Stahl-Stadion Kopf. Die Fluchttore öffneten sich und die enthusiastischen Fans fluteten den Rasen, um die Staffelmeisterschaft zu feiern. Die Dynamo-Fahnen wehten, ein Fan saß auf einem Tor, hier und dort qualmte es ein wenig. Emotional zutiefst aufgewühlt zeigte sich Daniel Ziebig, der vier Jahre zuvor bereits als 15-Jähriger vom FV Gröditz 1991 nach Dresden gewechselt war und gewiss ganz besonders mit dem Herzen bei der Sache war, beim anschließenden Interview mit dem MDR. Apropos Herzen. Schön zu sehen war, dass inzwischen wieder die weinrote Version des Vereinsemblems auf der Spielerbrust prangte. Das von 1990 bis 2002 verwendete grüne Emblem wurde abgelegt.

DTSB

Vom Auftritt von Dynamo Dresden in Eisenhüttenstadt zeigte ich mich beeindruckt und ich fieberte dem Spiel in Berlin entgegen. „Mirjana, gehen wir zusammen hin? Das wird eine richtig tolle Kulisse. Es werden tausende Dynamo-Fans anreisen!“, erklärte ich beim Abendbrot in Rixdorf. „Dynamo? Die aus dem Sportforum, wo wir mal waren?“, fragte sie. „Nein, ein anderes Dynamo. Aus Dresden. Wird dir aber genauso gut gefallen!“ Hätte ich geahnt, welch katastrophale Zustände am Eingang des Jahn-Sportparks herrschen würden, hätte ich sie ganz gewiss nicht mitgenommen. Es konnte ja keiner ahnen, dass es wieder einmal dermaßen dilettantisch am Einlass zugehen würde. Und der Begriff „katastrophale Zustände“ trifft es exakt, denn es hätte nicht viel gefehlt zum großen Desaster.

Dresden

Nachdem Dynamo Dresden am 03. Juni 2002 das Hinspiel gegen die Bubis von Hertha BSC vor 17.100 Zuschauern Dank des Treffers von Steffen Heidrich mit 1:0 gewinnen konnte, war nun endgültig klar, dass eine schwarz-gelbe Invasion erfolgen würde. Letztendlich reisten rund 10.000 Dynamo-Fans aus Nah und Fern an, um die Mannschaft zu unterstützen und am Ende nach Möglichkeit die Wiederkehr in die Regionalliga zu feiern. Nachdem 6.000 Dresdner in Eisenhüttenstadt waren, sollte den Verantwortlichen in Berlin eigentlich klargewesen sein, was zu erwarten war. Anstatt jedoch reibungslos am Einlass abzufertigen, wurde lieber im Tröpfchen-System Zugang gewährt. Logisch, dass ausreichend kontrolliert werden musste. Allerdings zeigte die Erfahrung immer wieder, dass Fans bzw. Ultras sowieso alles ins Stadion mit reinbekommen. Vom kritischen Spruchband über die Bengalos bis hin zu den Rauchtöpfen. So wäre es besser gewesen, lieber zügiger zu kontrollieren und einem flüssigen Strom ins Stadion zu gewähren. So aber staute es sich an den Absperrgittern und schon bald gab es kein Vor und kein Zurück mehr. Hunderte Fans wurden ungeduldig und schoben von hinten nach. Die Ordner bekamen langsam Bammel und fertigten noch zögerlicher ab. Der Wutpegel stieg. Und auch bei mir schwollen die Zornesadern an. Mirjana, das erste Mal bei solch einer Art Fußballspiel, bekam es berechtigterweise mit der Angst zu tun. Und in der Tat kamen auch bei mir bereits Gedanken an Heysel und Hillsborough auf. Auf Grund der überall zusätzlich aufgebauten Absperrgitter hätte das Ganze am Ende in einem üblen Szenario münden können. Was für eine Scheiße! Mirjana jammerte und mir blieb nichts anderes übrig, als die Initiative zu ergreifen. Ich nahm sie noch fester an die Hand und bahnte mit aller Kraft den Weg nach vorn. Ich erklärte den um uns herum befindlichen Dynamo-Fans die Situation und zu meiner Überraschung wurde uns sogar geholfen. Dresdner hoben Mirjana hoch und halfen ihr über die Absperrungen hinweg. Als Ordner einschreiten wollten, gab es von mir eine passende Ansage, die sich gewaschen hatte. 

Nun kann man fragen, was man mit seinem zierlichen Mädel beim Fußball will? Richtig, die Frage ist in manchen Fällen erlaubt. Auswärts in einen engen Stehblock oder eine Fahrt im Sonderzug zu einem brisanten Spiel – beides würde ich meiner Freundin nicht zumuten. In diesem Fall wollten wir uns am Rande der Kurve auf Seiten der Haupttribüne hinsetzen und von dort aus entspannt, ohne dabei mitten im brodelnden Pulk zu stehen, das Spiel anschauen. Letztendlich war dies auch problemlos möglich. Wenn da nicht dieser völlig fehlgeplante Einlass gewesen wäre. Und wenn wir schon mal dabei sind: Ich möchte nicht wissen, wie viele „Ausschreitungen“ aufgrund von desaströsen Einlassbedingungen entstanden sind. Wenn es einfach nicht voran geht. Wenn Ordner und polizeiliche Einsatzkräfte nicht aus dem Knick kommen. Wenn zu wenig Personal vor Ort ist, obwohl im Vorfeld allseits bekannt war, dass eine bestimmte Anzahl Zuschauer zu erwarten ist. Wenn räumliche Begebenheiten, wie zum Beispiel zu enge, trichterförmige errichte Absperrungen, vorn am Einlass zu viel Druck aufbauen lassen. Wenn Einsatzleiter und Sicherheitsbeauftragte scheinbar von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Ja, dann platzt schon mal der Kragen. 

Egal. Bevor sich jetzt in Rage geschrieben wird, zurück zum Spiel, das für Dynamo Dresden richtungsweisend war. Im Fall eines verpassten Aufstiegs wäre es fraglich gewesen, ob in der kommenden Saison nochmals ganz oben angegriffen hätte werden können. Womöglich wäre die Mannschaft auseinandergebrochen. Und die beiden Aufstiegsspiele gegen Hertha BSC II waren eine echt harte Nuss. Für den Verein Hertha BSC mag der Aufstieg in die Regionalliga nicht allzu bedeutend gewesen sein, doch die Mannschaft – das war auf dem Rasen wirklich spürbar – wollte ihn unbedingt. So wurde gefightet auf Teufel komm raus und das Rückspiel stand auf des Messers Schneide. Der 1:0-Sieg im Hinspiel war für Dynamo Dresden zum einen eine gute Basis, da kein Gegentor (man bedenke die Auswärtstorregel) hingenommen werden musste. Andererseits war das Polster nur hauchdünn. Schnell könnten die Hertha-Bubis mit einem Doppelschlag kurz vor Ende das Ding nach Hause schaukeln. 

Imposant war die Kulisse. Die 10.000 angereisten Dynamo-Fans füllten eine Kurve und im Laufe der ersten Halbzeit fast die komplette Gegengerade. Auf Heimseite waren etliche aktive Herthaner vor Ort. Außerdem konnten in den gegenüberliegenden Kurve einige Anhänger des BFC Dynamo ausgemacht werden, die vor Spielbeginn trotz der großen schwarz-gelben Übermacht (allerdings waren zu jenem Zeitpunkt noch nicht alle Dresdner im Stadion) einen Angriff in Richtung Gegengerade starteten, dann jedoch von herbeieilenden Ordnern und Polizisten gestoppt wurden. Wahrlich eine flotte Angelegenheit, bei der auch Mirjana – inzwischen war der Vorfall vor dem Spiel halbwegs verdaut – nicht mehr aus dem Staunen herauskam. Das brachiale „Dynamo! Dynamo!“ ging in Mark und Bein. Ständig war Bewegung auf den Rängen. An irgendeiner Ecke qualmte es immer mal oder es brannte ein Bengalo zwischen den Sitzen. Überall hingen Dresdener an den Zäunen. Und nicht zuletzt das Getümmel und Gerenne in der gegenüberliegenden Kurve. Erste Boxereien mit in den Block anrückenden Polizisten waren später in der Halbzeitpause auch in der eigentlichen Dresden-Kurve auf Höhe der Zaunfahne der „Bierfreunde Goppeln“ zu vermelden. Ordner rissen vom Innenraum aus den Stoff ab, um freie Sicht zu bekommen. Ein paar herausgerissene Sitzschalen lagen auf der Tartanbahn verstreut.

Meine Güte, da war wirklich Dampf drin. Fehlten nur die Tore. An jenem Nachmittag ganz klar die Treffer der aus Sachsen angereisten Gäste. 0:0 zur Pause. Ich schickte Karsten eine SMS und hielt ihn auf dem Laufenden, was ringsherum so alles passierte. Er saß 550 Kilometer entfernt in seiner Wohnung im Ruhrgebiet und warf hin und wieder einen Blick auf den Fernseher, in dem die Live-Übertragung lief. Gut, dass bereits damals der MDR deutschlandweit empfangbar war. 70. Minute. Immer noch keine Tore. 80. Minute. Es stand immer noch 0:0. Hertha BSC II läutete die Schlussoffensive ein, für die Gäste aus Dresden ergaben sich somit einige gute Konterchancen. Ins Netz wollte der Ball jedoch nicht. Nicht hüben, nicht drüben. Selbst die Großchance in der 84. Minute mochte Maik Wagefeld – er stand allein vor Hertha-Keeper Tomasz Kuszczak – nicht verwerten. 

Dresden

Zwei Minuten später rückten behelmte Polizeibeamte vor der Gegengerade an und postierten sich auf der Tartanbahn. Mit dabei den einen oder anderen Schäferhund. Auf dem Rasen fuhren die Berliner noch einen Angriff, der jedoch von Dresden noch vor dem eigenen Sechszehner geschickt gestoppt wurde. Frustriert holzte daraufhin auf Höhe der Mittellinie Sven Kretschmer einem Dresdner in die Beine. Schiedsrichter Stefan Weber zögerte nicht lange und zeigte die zweite gelbe Karte. Wüste Diskussion am Mittelkreis. Leichte Rempeleien. Theatralisches Hinfallen von Kretschmer. Es half nichts. Mit Gelb-Rot musste er vom Platz und das Spiel ging weiter. 

Die Uhr zeigte 89 Minuten an. Die Herthaner nochmals am Drücker. Über Lautsprecher wurde mehrmals durchgesagt, dass nach Abpfiff die sächsischen Fußballfreunde auf den Rängen bleiben mögen. Der Rasen sei nur für die Siegerehrung gedacht. Dass man sich diese Durchsage hätte sparen können, lag auf der Hand. Überall saßen die Dresden-Fans im weiten Rund auf den Zäunen. Wie hätte man 10.000 feierwütige Sportskameraden davon abholten sollen, nach Abpfiff den Platz zu stürmen? Zumal es in der Kurve hinter dem Tor phasenweise recht ungemütlich wurde. Immer wieder kam es zu kleineren Auseinandersetzungen mit den Ordnern, immer wieder wurde bedenklich an den Zaunfeldern gerissen oder gegen die gelben Fluchttore getreten.

Nachspielzeit. Dynamo-Trainer Christoph Franke brachte noch einmal einen neuen Mann ins Spiel. Für Thomas Neubert kam der nigerianische Spieler Nduka Anyanwu, der direkt nach jener Saison zum SV Weingarten wechselte und nach einigen Zwischenstationen im Juli 2009 beim Bezirksligisten SV 07 Geinsheim landete. Sein Leben endete tragisch. Am 12. September 2010 brach der gerade einmal 30 Jahre alte Nduka Anyanwu beim Auswärtsspiel in Queichhambach bei einem Angriffsversuch zusammen und starb auf dem Sportplatz. Jegliche Reanimationsversuche blieben erfolglos. 

Acht Jahre zuvor sorgte seine Einwechslung dafür, dass Dynamo Dresden etwas Zeit gewinnen konnte. Die Uhr tickte für die Sachsen. 94. Minute. Das Spiel lief noch immer. Und nochmals bekam Hertha BSC II einen Freistoß in der eigenen Hälfte und hatte somit die Möglichkeit einen Angriff zu fahren. Dresdens Abwehr war jedoch auf der Hut und als die Uhr 93:39 Minuten anzeigte, griff der Schiedsrichter zur Pfeife und ließ den aus Dresdener Sicht erlösenden Pfiff ertönen. Während einige Dynamo-Spieler jubelnd auf die Knie fielen, sprangen bereits die ersten sportlichen Jungs auf die Tartanbahn. Schnell füllte sich der Rasen des Jahn-Sportparks, Leuchtkugeln wurden von der Gegengerade aus abgeschossen. Zwei wurden sogar gezielt in den Block der Herthaner und BFCer abgefeuert. Ruhe bewahrte indes der angenehme MDR-Kommentator. Man könne die Bilder einfach mal genießen, ließ er verlauten. Und dann müsse man schauen, ob in dem Trubel dort unten O-Töne eingefangen werden können.

Dresden

Begeistert zeigte sich auch Dynamo-Keeper Ignjac Kresic. Beim TV-Interview erklärte er, dass das alles der Wahnsinn sei und dass nun fünf Tage lang getrunken werde. Und zwar überall und bis zum Umfallen. Fünf Tage lang besoffen sein, er mache das einfach, schließlich habe er sich das verdient, so Kresic. Mit allen feiern wollte auch Sebastian Hähnge, der jedem erlauben würde, ihn an jenem Tag zu umarmen. Das konnte sich doch sehen und hören lassen. So müssen Aufstiege gefeiert werden! Interviews, die vom Herzen kommen. Ehrliche Ansagen von sympathischen Spielern. 

Auf dem Rasen suchten vor der Gegengerade indes einige Sachsen den Kontakt mit den Polizisten. Gegenstände flogen. Im Getümmel erfolgte ein Katz-und-Maus-Spiel, das in den meisten Fällen die flinkeren Dresdner für sich entscheiden konnten. Während aus den Lautsprechern ein „It’s coming home, it’s coming home, football’s coming home ...“ ertönte, öffneten sich auf der Gegengerade weitere Fluchttore. Nachschub an durchaus motivierten Fans flutete in Richtung Rasen. Die eine oder andere Rempelei mit den Berliner Polizeibeamten war die Folge.  

Aufregend war dieses Spiel für meine damalige Partnerin ganz gewiss, doch große Lust verspürte sie nicht, mich zu weiteren „Knallerspielen“ zu begleiten. Allerdings betonte sie immer wieder, dass sie bei der bedrohlichen Situation am Stadioneinlass positiv überrascht von der Hilfsbereitschaft der Dresdner Fans war. „Da haben die mich doch einfach hochgehoben und mir über das Gitter geholfen. Fand ich wirklich klasse von denen!“, erklärte sie. Und klar, wenn dieses Aufstiegsspiel für mich besonders aufregend und dramatisch war, wie sollte das Geschehen auf einen Fußballfrischling wie Mirjana gewirkt haben?! 

Fotos: Veit Pätzug, Marco Bertram

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Was für ein wundervoller Nachmittag! Fußball zum Vergessen! Aber Aufstieg und Stimmung waren sensationell. Ich saß zur Einstimmung damals im Brot & Spiele auf der Pappelallee und habe mir irgendein WM-Spiel gegegeben. Ich glaube es war Türkei-Costa Rica. Als die erste U-Bahn voller Dresdner die Eberswalder Straße enterte, schepperte ein brachialer "Dynamo"-Schlachtruf durch den gesamten Prenzlauer Berg. Die Einlasssituation war erbärmlich. Später wurden die Tribünen von Tausenden einfach so gestürmt, hinweg über die begrünten Stadionhügel. Geschätzt hatten 70-80% dann keine Tickets mehr gelöst. Seither ist der Jahn-Sportpark dann doch auch mit nem Zaun umbaut :) Ich weiß nicht ob das nicht der einzige Tag war an dem sich Union, BFC und Hertha geeint haben. Und trotzdem kam von Berlin wenig bis gar nichts. Weder im Stadion noch auf der Schönhauser danach :) Oldschool at its best!

G
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Haha, ich saß damals in Eisenhüttenstadt auf dem Tor - die für mich beste Zeit mit Dynamo - trotz aller näher zurückliegenden Erfolge.

M
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Hier noch das passende Video dazu ;)
https://www.youtube.com/watch?v=r2-PMPzgFnw

V
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Sehr Gut geschrieben...Es war damals auch mein erstes Spiel von Dynamo wo ich live dabei war und es war das beste für mich seit den hat mich das Dynamo Fieber gepackt vorher war Fußball immer ein sinnloser Sport für mich und dieses Spiel hat alles verändert .

S
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I
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G
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