Hansa Rostock vs. FSV Zwickau: Aus Vorfreude wurde Angst, aus Skepsis wurde Ekstase

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MB 25 September 2016
 
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Hansa Rostock vs. FSV Zwickau: Aus Vorfreude wurde Angst, aus Skepsis wurde Ekstase

Riesig sei die Vorfreude bei seinen Spielern gewesen, erklärte der FSV-Trainer Torsten Ziegner auf der abschließenden Pressekonferenz. Mit dem letzten Heimsieg im Rücken sei man durchaus optimistisch nach Rostock gefahren. Großes Stadion, großes Publikum, große Herausforderung. Doch dann habe er die Angst in den Augen der Spieler gesehen. Das, was seine Spieler im Ostseestadion abgeliefert haben, war nichts. Alles schlecht gemacht. Das war nicht der 3. Liga würdig. Ein enttäuschter Trainer. Enttäuschte Spieler. Enttäuschte mitgereiste Fans. Mit 0:5 gingen die Westsachsen an der Ostseeküste baden. Ein derbes Spiel für den Aufsteiger. Kein Wunder, dass nach Abpfiff bei einigen FSV-Fans die Nerven blank lagen. Diskussionen untereinander. Erhitzte Gemüter. Leichtes Gerangel. Zwei Zwickauer wollten sich ernsthaft an die Wäsche. Allerdings konnte das Ganze untereinander geklärt werden. Die Streithähne konnten getrennt werden, der Frust wurde verbal noch einmal kurz in Richtung Hansa-Fans abgelassen. Und auf der Heimseite? Jubel, Trubel, Heiterkeit! Logisch, dass nach dem zweiten Sieg in Folge die pure Freude in den Gesichtern zu sehen war. Endlich mal konnte die Offensive überzeugen. Der viel zitierte Knoten platzte, in überzeugender Manier wurde der deutliche Heimsieg eingefahren. Wann gab es zuletzt eine Welle im Rostocker Ostseestadion? Eine gute Frage. Am heutigen Nachmittag wurde diese auf der Südtribüne gestartet und machte zwei, drei Runden. Dank des 5:0-Erfolges glückte dem F.C. Hansa der Sprung auf Rang neun. Da sowohl der VfL Osnabrück (0:3 in Chemnitz) als auch die Sportfreunde Lotte (0:2 in Halle) verloren hatten, beträgt der Rückstand auf die Plätze zwei und drei nur noch vier Pünktchen.

Wie aber kam der deutliche Sieg zustande? Und was tat sich auf den Rängen? Vor allem: Wie war der mit Spannung erwartete Auftritt von Red Kaos & Co? Der Reihe nach! Rostock gegen Zwickau - dieses Duell hat Geschichte. Allerdings in früheren Zeiten. Zuletzt sind sich beide Vereine nicht mehr seit der Zweitligasaison 1994/95 begegnet. Damals konnte der F.C. Hansa vor knapp 7.000 Zuschauern Dank der Treffer von Steffen Baumgart und Timo Lange mit 2:0 gewinnen. Das Spiel im Westsachsenstadion ging am 11. März 1995 vor fast 8.000 Zuschauern 1:1 aus. Auch in dieser Partie konnte Timo Lange einen Treffer erzielen. Alle anderen Aufeinandertreffen fanden zu DDR-Zeiten statt. Angefangen in der Spielzeit 1952/53 mit den Begegnungen zwischen Empor Lauter und Motor Zwickau über die Spiele zwischen Empor Rostock und Motor Zwickau bis hin zu den Duellen zwischen dem F.C. Hansa Rostock und der BSG Sachsenring Zwickau. Den letzten Zwickauer Sieg an der Ostseeküste gab es am 05. April 1986 zu bestaunen. Die Bezeichnung „Bestaunen“ ist durchaus angebracht, denn damals brachte Norbert Littmann das Kunststück fertig gleich zweimal (16. und 69. Minute) den Ball im eigenen Tor unterzubringen. Ein „echtes“ Zwickauer Tor steuerte vor rund 7.000 Fußballfreunden Jens Schumacher bei.

Hansa

Fast doppelt so viele Zuschauer waren es am heutigen sonnigen Nachmittag. 13.100 Zuschauer hatten den Weg auf die Ränge gefunden. Im Vorfeld gerechnet wurde mit zirka 500 bis 600 Gästefans. Einige munkelten sogar von 1.000 FSV-Fans, doch diese Zahl war absurd. In Anbetracht dessen, dass unter anderen der letzte Zwickauer Auftritt in Magdeburg (noch in der Regionalliga) auch ohne Dresdener Unterstützung beachtlich war, durfte man durchaus mit 500 Gästen rechnen. Zwickau würde sich doch nicht lumpen lassen. Zumal der gesamte Fußball-Osten gespannt schaut, was der Aufsteiger wohl auf die Beine stellt. Der Ruf von Red Kaos ist ja nicht ohne, und die Sause nach Rostock dürfte wohl eines der Highlights sein. Als jedoch 20 Minuten vor Anpfiff der Blick durch den geräumigen Gästeblock schweifte, war schnell klar, dass es bei weitem nicht 500 werden würden. Gerade mal 50 Zwickauer verloren sich bislang im Block. Zwar sammelten sich gegen 13:45 Uhr draußen auf dem Vorplatz die aktiven Fans und gingen anschließend geschlossen ins Stadion, doch am Ende waren es schätzungsweise 200 bis 250 Zwickauer, die sich im oberen Bereich des Blocks geschlossen aufstellten. Es kursierte das Gerücht, dass noch vier Busse auf der Autobahn seien, doch bis zum Abpfiff trafen keinen Nachzügler mehr ein.

Zwigge

Auf Heimseite ergab sich ein überzeugendes Bild. Die Südtribüne war ausverkauft, und auch die Nordtribüne war überaus gut gefüllt. Das Spiel lief längst, als tausende Fans noch immer mit hochgehaltenen Schals inbrünstig das „Hansa forever“ sangen. Im Anschluss gab es ein klassisches, brachiales „Forza FCH …“ zu hören. Ja, mit gewisser Skepsis gingen viele Hansa-Fans in die Partie. Zwar überraschte der 2:0-Erfolg unter der Woche beim SC Fortuna Köln wahrlich, doch das zuvor gegen Lotte Gezeigte ließ bei manch einem ganz arges Bauchgrimmen aufkommen. Nicht schon wieder eine Drittligasaison mit Schüttelfrost und Albträumen. Beim heutigen Spiel gab es allerdings auf Rostocker Seite keinen Grund für Magengrummeln und Angstgefühle. Mit Schrecken nahm man im Vorfeld zur Kenntnis, dass Tobias Stieler die Partie leiten würde. Der habe nie für Hansa gepfiffen, mit dem Stieler habe man es richtig schwer - so die einhellige Meinung. Umso überraschender, für manch einen, als der Mann nach nicht einmal fünf Minuten auf den Punkt zeigte. Elfmeter für Rostock! Andrist war im Strafraum zu Fall gekommen. Den Strafstoß konnte man geben, musste aber nicht, waren sich nach der Partie etliche Hansa-Fans einig. Einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nichts ins Maul. Verantwortung übernahm Timo Martin Gebhart. Souverän brachte er das Spielgerät unter und katapultierte Rostock somit in den siebten Himmel. Was für ein Jubel! Besser hätte es aus Sicht des F.C. Hansa nicht kommen können.

Hansa

Und es ging weiter! 12 Minuten später bereits das 2:0. Nach prima Zusammenspiel machte Tommy Grupe den nächsten Treffer klar. Es gab kein Halten mehr. Zwei Hansa-Fans erschien der Zeitpunkt günstig, sogleich der Zwickauer Reisegesellschaft ein kleines Schauspiel darzubieten. Die zwei Maskierten betraten die Pufferzone auf der Süd und zeigten ein Szene-Shirt, auf dem ein Zwickauer und ein Dresdner das FCM-Emblem zerstören. Mit einem Ruck wollten sie den Stoff zerreißen, doch dieser war fester als angenommen. Gib her das Teil! Einer von den Beiden legte nochmals Hand an und ließ den Stoff knirschen. Logisch, dass ein paar Zwickauer nun richtig auf Betriebstemperatur waren, doch der große sächsische Volksaufstand blieb aus. Kein Wunder, für solch einen war die Reisetruppe dann doch zu klein. 

Hansa

Auf dem Platz ging es flott weiter. Nach einer halben Stunde fast das 3:0 für Hansa nach einer guten Aktion über die rechte Seite. Nur zwei Minuten später kamen die Hausherren noch einmal vielversprechend über den rechten Flügel, doch auch dieses Mal konnte das Ganze nicht in einen Treffer umgemünzt werden. Kurz vor der Pause ein zaghaftes Aufflammen bei den Gästen, doch selbst eine Zwickauer Ecke konnte problemlos angefangen werden. Auf zum Pausentee und sich was zu Ohren kommen lassen! FSV-Trainer Ziegner hatte gewiss ein paar passende Worte parat, doch was nutzt es, wenn die erkennbare Angst in den Augen Bände spricht?! Die Zwickauer waren an diesem Tag einfach schier überfordert. 

Hansa

Einen weiteren Treffer gab es in der 49. Minute zu sehen. Allerdings zappelte nicht der Ball im Netz. Vielmehr traf ein Querschläger einen in der ersten Reihe der Gegengerade abgestellten Bierbecher. Nur drei Minuten traf es FSV-Spieler Marcel Gebers, der daraufhin an der Außenlinie behandelt werde musste. Wenig später konnte er jedoch zurück ins Spiel kommen. Zwickau war bemüht, doch konnte die Rostocker nicht wirklich in Bedrängnis bringen. Nach knapp einer Stunde ging es bei einem Rostocker Konter fix nach vorn. Ahlschwede brachte den Ball rein, Stephan Andrist brauchte nur noch einzuschieben. 3:0! „Sachsenschweine!“, ertönte es nun lautstark von der Südtribüne in Richtung Gästeblock. Der F.C. Hansa hatte alles im Griff. In der 72. Minute kamen die Westsachsen zu einer guten Möglichkeit, doch Hansa-Keeper Marcel Schuhen - auf der Aufstellung ausversehen als Feldspieler angegeben, stattdessen hütete Matthias Henn auf dem Papier das Tor - war zur Stelle. 

Hansa

Noch war eine Viertelstunde zu spielen. „Hansa!“, „Rostock!“, ertönte es im Wechsel von den Rängen. Kurz darauf wurde die eingangs erwähnte La Ola gestartet. Im Gästeblock sangen indes einige Mitglieder von Red Kaos unbeirrt melodisch weiter. Auf der Süd gab es das volle Programm. „Hasta la vista olé!“. Eine Minute später das martialische „Sieg!“, das mit einer Trillerpfeife angestimmt wird. Da nutzte es herzlich wenig, dass einige Zwickauer mit lauten Pfiffen den Rostocker „Anpfeifer“ aus dem Konzept bringen wollten. Das „Sieg“ schmetterte durch das Ostseestadion. Der Sieg auf dem grünen Rasen war in trockenen Tüchern, denn in der 84. und 87. Minute gab es noch zwei weitere Treffer zu feiern. Der eingewechselte Kerem Bülbül und Marcus Hoffmann durften sich in der heutigen Torschützenliste mit eintragen. Beim 4:0 segelten vor lauter Begeisterung noch einmal zahlreiche Bierbecher durch die Lüfte. Lachend hob ein Hansa-Fans auf der Gegengerade seine Krücken und schwenkte diese in Richtung Gästeblock. Nach einem lauten „Ahu!“ folgte sogleich das abschließende 5:0. Ganz klar, solch ein Spiel hatten die zuletzt leidgeplagten Rostocker daheim lange nicht mehr gesehen. 

Zwigge

Und die Zwickauer? Die Spieler begaben sich nach dem Abpfiff in Richtung Gästebereich. Mund abputzen und sich auf das kommende Heimspiel gegen die SG Sonnenhof Großaspach vorbereiten. Dass die 3. Liga nicht nur ein Zuckerschlecken wird, hatte man sicherlich in Zwickau erwartet. Etwas erstaunt blickten die FSV-Spieler in Richtung Gästeblock, als dort die zwei aufgebrachten Fans sich an die Wäsche wollten. Die Spieler waren längst in den Katakomben verschwunden, als sich das Ganze endlich entspannte. Allerdings versuchten ein paar Rostocker noch einmal Benzin in die Glut zu gießen. Wenn die Sachsen schon mal muffig sind, vielleicht könne man diese noch einmal hübsch aus der Reserve locken, dachte man sich wohl. Nur zwei, drei Zwickauer gingen jedoch drauf ein und lieferten sich ein kurzes Wortgefecht an der Trennwand. Dann kehrte endgültig Ruhe ein im Ostseestadion, und bei hübschen Spätsommerwetter wurde draußen noch das eine oder andere frisch Gezapfte genossen. Wie es weiter geht beim F.C. Hansa? Mal wieder mit einem Auswärtsspiel an einem Abend. Am kommenden Freitag muss beim SC Paderborn angetreten werden. Das nächste Heimspiel steigt am Samstag, den 15. Oktober. Zu Gast ist dann der VfL Osnabrück. Wenn es gut läuft, darf dieses dann als echtes Spitzenspiel bezeichnet werden.

Fotos: Marco Bertram

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Inhalt über Klub(s):
Spielergebnis:
5:0
Zuschauerzahl:
13.100
Gästefans
250

Ligen

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3. Liga
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G
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Vielleicht wird es ja doch mal eine richtig gute Saison für uns.

V
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