Der Pott bleibt im Paradies: Rückblick auf das Pokalfinale CZ Jena vs. RW Erfurt

MB 01 Juni 2016
 
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Der Pott bleibt im Paradies: Rückblick auf das Pokalfinale CZ Jena vs. RW Erfurt

PokalDer Thüringer Landespokal. Momentan die einzige Gelegenheit, in der es zum Aufeinandertreffen der beiden größten Konkurrenten aus Jena und Erfurt kommen kann. Wenn dieses Aufeinandertreffen dann ausgerechnet im Finale zustande kommt, dann ist klar, dass sowohl das Spiel, als auch das Drumherum etwas ganz besonderes zu bieten haben werden. Als eher neutraler Fan in Sachen „Fußball in Thüringen“ fällt es schwer, beim Landespokal irgendwelche Sympathien für die Rot-Weißen aus der Landeshauptstadt zu entwickeln. Zu oft hört und liest man von irgendwelchen Gründen, die vorgeschoben werden, um die Pokalspiele nicht an den regulären Terminen oder Orten stattfinden zu lassen. So gab es auch im Vorfeld dieses Pokalfinales wieder einige Querelen. Seit Jahren ist es Gang und Gäbe, dass das Pokalfinale bei der unterklassigen Mannschaft stattfindet und die Gastmannschaft auch in Sachen Karten als Gast behandelt wird. So stand auch in diesem Jahr relativ schnell fest, dass das Jenaer Ernst-Abbe-Sportfeld der Austragungsort des Derbys sein sollte. Die Erfurter hatten damit aber mal wieder ein Problem, wollte natürlich lieber auf der eigenen Baustelle spielen. Doch dieses Mal wurde nicht nachgegeben und das Spiel fand wie geplant in Jena statt. Da der Gästeblock direkt neben der heimischen Südkurve liegt, konnten in Erfurt nur zirka 1.200 Karten für das Spiel verkauft werden. 

Am Spieltag selbst war die Aufregung in Jena riesig. Positiv gesehen bedeutet das, dass schon lange vor dem Spiel extrem viele Leute in Trikots des FC Carl Zeiss in der Stadt und rund um das Stadion unterwegs waren. Eine negative Seite hatte das Ganze aber auch: Vor allem wenn man mit dem Zug angereist war, konnte man in Richtung Innenstadt kaum einen Schritt machen, ohne vor irgendeiner Absperrung zu landen oder sich für den gewählten Weg rechtfertigen zu müssen. Aber an der Stelle muss man bei all der ständigen Kritik auch mal ein Lob aussprechen: Wenn man sein Problem in einem normalen Ton schilderte, wurde immer eine Lösung gefunden. Dies gilt für den kompletten Tag. Die Einsatzkräfte der Polizei waren zwar immer präsent, aber wirklich eingegriffen wurde so gut wie gar nicht.

Nachdem also auch diese Hürde gemeistert war, ging es endlich ins Stadion. Schon weit vor Anpfiff waren sowohl die Südkurve, als auch der Gästeblock bereits gut gefüllt und man fragte sich ernsthaft, wo die ganzen Erfurter noch hin sollten, die da noch draußen standen. Als dann die jeweiligen Mannschaften den Rasen betraten, konnte man bereits ansatzweise erkennen, was da an diesem Tag los sein sollte. Ein munterer (verbaler) Schlagabtausch setzte ein, der in ein „Wo ist euer Flutlicht hin?“ der Erfurter gipfelte. Diese Andeutung in Bezug auf die markanten Flutlichtmasten, die nach dem Hochwasser und damit verbundenen Schäden vor drei Jahren entfernt werden mussten, hatte erst einmal gesessen. 

ErfurtKurz vor dem Anpfiff sah man dann von der Haupttribüne aus ziemlich gut, dass sich da im Gästeblock etwas zusammenbraute. Zunächst wurde eine Blockfahne hochgezogen, die aber relativ schnell wieder verschwand. Stattdessen tauchten plötzlich etliche vermummte Gestalten auf, die jetzt über dem „Fußballclub Rot Weiß Erfurt“ Banner am Zaun ordentlich am Zünden waren. Das sich daraus ergebende Bild war durchaus was fürs Auge. Aufgrund der Leuchtspuren, die dann noch durch die Luft flogen, verzögerte sich der Anpfiff um ein paar Minuten. Auch auf Jenaer Seite qualmte es ein bisschen. Blau-gelb-weißer Rauch und ein „Ti amo Südkurve“ auf Doppelhaltern zeigte erneut die Verbundenheit der aktiven Fans des FCC zu ihrem Standort. 

Bereits jetzt konnte man spüren, dass etwas in der Luft lag und das übertrug sich auch so langsam auf den Rasen. Ein ums andere Mal kam es hier bereits früh zu harten Fouls unter denen vor allem der Jenaer Kapitän Rene Eckardt oft zu leiden hatte. Der Schiedsrichter verpasste es in dieser Phase Ruhe in die Partie zu bringen, sodass es nun auf dem Rasen und an der Erfurter Auswechselbank zu den ersten Rudelbildungen kam. Sportlich gesehen lieferten sich beide Mannschaften zunächst ein Spiel auf Augenhöhe. Durch viele Fouls im Mittelfeld und wahrscheinlich auch weil keine Mannschaft einen frühen Fehler begehen wollte, fehlten allerdings die ganz großen Strafraumszenen. Die einzige Chance war dafür umso größer und es passte wohl zu dem Tag, dass Kamlott seine Möglichkeit nicht nutzte, was auch daran lag, dass sich der Regionalligist vor allem in dieser Szene mit vereinten Kräften gegen das drohende Gegentor stemmte. 

In der Halbzeitpause wurde es dann wieder etwas hektisch zwischen Südkurve und Gästeblock. Auf einmal großes Gerenne im Innenraum. Aus dem Block der Jenaer hatte sich jemand auf den Weg Richtung Gästeblock gemacht, konnte jedoch ohne großes Tamtam wieder zurückgeholt werden. Daraufhin folgte ein verbaler Schlagabtausch der beiden Vorsänger per Megaphon, wobei das sprachliche Niveau eher in den unteren Bereichen angesiedelt war. Von Erfurter Seiten schallte immer wieder ein „Was war denn in Weimar los?“ durch das Rund. Eine Anspielung auf das Duell in der Nacht zuvor, dass anscheinend zu Gunsten der Rot-Weißen ausging. Dass diese Schadenfreude allerdings noch nach hinten los gehen sollte, ahnte zu diesem Zeitpunkt wohl kaum einer, der es mit den Erfurtern hielt. 

Zu Beginn der zweiten Halbzeit blieb es erst einmal etwas ruhig, bis Erfurt dann zum nächsten Schlag in Richtung Südkurve ansetzte. In Anspielung auf einige Jenaer Aktionen der jüngeren Vergangenheit (Südkurve bleibt; Unbeugsam und unverkäuflich), konnte man zunächst im oberen Bereich des Gästeblocks ein Spruchband erkennen, auf dem „Südkurve bleibt...“ stand. Im weiteren Verlauf kamen dann weiter unten noch Fortsetzungen zum Vorschein. Nun erschien dort unter anderem „... Beugsam“ und zuletzt „... am Boden“. Zum Abschluss flogen wieder einige Leuchtspuren in Richtung der Jenaer, wobei jeder Treffer, der direkt in der Kurve landete, von der Erfurtern lautstark bejubelt wurde. 

Auf dem Rasen war das Feuer der ersten Halbzeit nicht mehr ganz so stark am Brodeln. Das änderte sich jedoch mit den ersten Wechseln. Einer der eingewechselten war es dann auch, der sich ein Herz fasste und den Ball mit einem Sonntagsschuss im Tor der Erfurter unterbrachte. Der Jubel auf der Heimseite kannte keine Grenzen. Auf allen Tribünen lagen sich die Fans gefühlt minutenlang in den Armen. Als neutraler Beobachter, konnte man beim Beobachten derartiger Gefühlsausbrüche fast ein bisschen neidisch werden. 

Erfurt versuchte es jetzt noch einmal mit eine Schlussoffensive, doch wirkliche Torchancen ergaben sich nicht. Im Gegenteil: Nach einem Foul der Kategorie „dämlich“ zeigte der Schiedsrichter auf den Punkt. Den fälligen Elfer für Jena versenkte Erlbeck sicher und traf damit mitten ins Herz der mitgereisten Erfurter Fans, die sich nun schon vor dem Abpfiff zu großen Teilen aus dem Stadion begaben. Nun griffen die Jenaer die Frage der Erfurter nach den Geschehnissen in Weimar auf und fragten ihrerseits „Was war denn in Jena los?“. Kurz darauf wurde das Spiel auch abgepfiffen und während die Erfurter Spieler ein paar saftige Worte zu hören bekamen, enterte die Zeiss-Elf den Zaun der Südkurve. 

Welche Bedeutung dieser Sieg für die Fans hatte zeigten die Reaktionen nach dem Spiel. Kaum „Landespokalsieger“-Rufe und auch keine T-Shirts mit ähnlichen Aufdrucken, wie man sie aus anderen Bundesländern gerade an diesem Tag allzu oft sehen konnte. Stattdessen stand der Derbysieg im Vordergrund und wurde noch einige Zeit bejubelt. Und während die Erfurter in den Augen ihrer Fans eine sehr gute Rückrunde mit der Niederlage im Prinzip wertlos machten, waren in Jena die eher mäßigen Spiele im Jahr 2016 mit diesem einen Spiel in Vergessenheit geraten.

Fotos: Mia B.

> zur turus-Fotostrecke: FC Carl Zeiss Jena

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Spielergebnis:
2:0
Zuschauerzahl:
9.103
Gästefans
1200

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Schöner neutraler Bericht. Als Augenzeuge und Jena-Anhänger bekam ich erneut Gänsehaut beim Lesen :)

G
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Glückwunsch nach Jena!

K
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