Hansa Rostock vs. Erzgebirge Aue: Abgezockte Sachsen und erboste Nordlichter

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5.0 (7)
MB 20 Februar 2016

HansaMehrfach hallte zu Beginn der Partie lautstark das von der Trillerpfeife eingeleitete „Sieg!“ durch das Ostseestadion. Die Südtribüne war gut aufgelegt wie immer, doch es nutzte nichts. Gegen den derzeitigen Tabellenzweiten der 3. Liga war kein Kraut gewachsen. Die Spieler des FC Erzgebirge Aue spielten routiniert, kamen meist einen Tick eher an den Ball und ließen vor allem in der ersten Halbzeit so gut wie keine Tormöglichkeiten des Gegners zu. Genauer gesagt: Aus dem Spiel heraus hatte der akut abstiegsbedrohte F.C. Hansa Rostock in den ersten 45 Minuten keine echte Chance. Besser sah es im Laufe der zweiten Halbzeit aus. Insbesondere zum Ende hin stimmte der Einsatz der Rostocker, woraufhin Gästetrainer Pavel Dotchev auf der anschließenden Pressekonferenz milde Worte fand. Mit diesem Einsatz bis zur 93. Minute könne der Klassenerhalt geschafft werden. Nun ja, was zählt sind jedoch die Fakten in der Tabelle - und diese sieht aus Hansa-Sicht nicht allzu rosig aus. Dass bei den Fans eine angespannte Grundstimmung herrscht, dürfte kaum verwunderlich sein. So genügte eine einzige Provokation der Aue-Fans, um etliche Anhänger auf der Süd aus der Reserve zu locken. Was passiert war? Der Reihe nach!

Aue11.000 Zuschauer hatten sich bei ungemütlichem Wetter auf den Rängen des Ostseestadions eingefunden. Wurde im Wetterbericht nicht von einem warmen Wochenende gemunkelt? Wohl verhört. Zumindest galt diese Vorhersage nicht für die Ostseeküste. An dieser wehte nämlich eine frische Brise. Im alten Stadion hätte man seine wahre Freude gehabt. So aber wurde das nasskalte Lüftchen etwas abgebremst. Rund 750 Fußballfreunde hatten sich vom Erzgebirge aus auf den rund 500 Kilometer langen Weg gen Norden gemacht, um ihre Mannschaft zu unterstützen. Optisches Bild? Stimmung? Da hatte man im Gästeblock weiß Gott schon schlechteres gesehen. Ohne Elemente, die auf die Vereinskasse gehen, unterstützte die lila-weiße Anhängerschaft ihr Team. Hätte man kompakter gestanden, wäre vielleicht sogar mehr drin gewesen. Allerdings möchte der 50-jährige Allesfahrer auch nicht unbedingt neben den 20-jährigen Ultras stehen. Und ja noch eins: Überraschend war der relativ hohe Anteil der weiblichen Fans. 

AueSoweit zum Drumherum. Auf dem Rasen bestimmten sogleich die aufstiegswilligen Sachsen das Geschehen. In der sechsten Minute kam Nicky Adler mal gleich über die linke Seite, doch Matthias Henn konnte zur Ecke klären. Ein anschließender Kopfball von Louis Samson landete in den Armen von Hansa-Keeper Marcel Schuhen. Vier Minuten später wurde auf der Südtribüne das Erste von einigen heutigen Spruchbändern präsentiert: „Herr Kompp, Kleider machen Leute, egal welche Liga.“ Stichwort Kleider. Der FC Erzgebirge trat wieder in grünem Outfit an. In diesem lief es auch im hohen Norden rund. So wurde ein indirekter Freistoß in der 18. Minute sorgsam vorbereitet. Kleine Handzeichen von den sich anbietenden Mitspielern  - und man ahnte bereits, dass Gefahr in Verzug war. Und richtig, der von Tiffert hereingebrachte Ball konnte von Nicky Adler verwertet werden. 1:0 für Aue! 

HansaHansa mühte sich, kam jedoch nicht recht ins Spiel. Die passenden Stationen in der Spitze konnten / wurden nicht angespielt. Der FC Erzgebirge war äußerst wachsam und ließ nichts zu. So hofften die Hansa-Fans, dass bei einer Standardsituation vielleicht was rausspringen könnte. So zum Beispiel in der 28. Minute. Ecke für Rostock. Nichts zu machen, keine Gefahr für Aue. Auf der Süd blieb das Level noch konstant. „Schalala Hansa Rostock!“, ertönte es immer wieder. Notiz von den Gästefans wurde paar Minuten vor der Pause genommen, als es auf dem Rasen zu einem kleinen Zusammenstoß zwischen zwei Spielern kam. „Ihr seid Sachsen, asoziale Sachsen!“, bekamen nun die Aue-Fans zu hören. „Rostocker Arschlöcher!“, gab es als Antwort. Die Lunte war gelegt. 

aueNach dem Pausentee kam beim F.C. Hansa Stephan Andrist für Marcel Ziemer, der zuletzt gegen den VfR Aalen drei Treffer erzielt hatte. Und der Gastgeber legte sogleich ein Schippchen drauf. eine erste kleine Druckphase ließ Hoffnung bei den Heimfans aufkeimen. Und mittenrein platzte das 2:0 der Gäste, erzielt durch Max Wegner. Der später von Hansa-Trainer Christian Brand kritisierte allzu oft nach hinten gespielte Ball wurde bei den Platzverhältnissen zum Verhängnis. Und es blieb nicht dabei. Auch im Gästeblock tat sich nun was. Ein Erzgebirgler kletterte auf die Plexiglaswand und präsentierte den Jungs auf der Süd eine im südlichen Raum erbeutete Fanclub-Fahne der Rostocker. 

HansaDas präsentierte Stück Stoff war Zündstoff genug. Die Banner, die als Abtrennung zum Pufferbereich dienen, hoben sich wie bereits beim Heimspiel gegen Magdeburg und etliche Rostocker machten sich auf den Weg zum Gästebereich. Fix wurde die auf den freien Sitzen ausgelegte Werbeplane beiseite geräumt, und es dauerte nicht lange, bis die ersten Rostocker auf Tuchfühlung waren. Aufgrund der massiven Plexiglaswand und des darüber gespannten Netzanger war jedoch kein echter Schlagabtausch möglich. Es wurde gepöbelt und manch einer ließ den Speichel fliegen. Ordner und Polizisten griffen in der Pufferzone gar nicht erst ein. Gut so, denn nachdem der erste Adrenalinschub abgeebbt war, zogen sich die Rostocker wieder hinter ihre gespannte Abtrennung zurück. Im Gästeblock selbst sorgten nun Ordner dafür, dass die Aue-Fans Abstand von der Wand nahmen. 

HansaDie Gemüter beruhigten sich wieder und bis Abpfiff nahmen beide Fanlager keine weitere Notiz voneinander. Auf der Südtribüne gab es sowieso anderes zu tun. Die vorbereiteten Spruchbänder bezüglich des am 05. März 2016 anstehenden Auswärtsspiels beim 1. FC Magdeburg wurden präsentiert. „700 personalisierte Gästekarten? Doch den Cliffhanger setzen wir: Euer „Entgegenkommen“ nur ein Teil eures perfiden Drehbuchs… 5.3. alle Hansafans zur Demo nach Magdeburg!“ Weiter hieß es: „Ihr habt uns verarscht und wollt uns nicht im Stadion. Jetzt werden wir in eurer Stadt auf die Straße gehen!“ Nachgelegt wurde ein paar Minuten später: „Labern könnt ihr gut, doch zur Wahrheit fehlt euch der Mut! Scheiß FCM!“ Die abschließenden Botschaften zu diesem Thema lauteten: „Für den Erhalt der 10%-Regel - gegen Gästefanverbot! Alle zur Demo nach Magdeburg!!!“ und „FCM - einmal Lügner, immer Lügner, hey, hey …“

HansaWährenddessen rannte in einem Eckblock der Nordseite im oberen freigelassenen Bereich ein Kind immer wieder mit der Hansa-Fahne hin und her. Unermüdlich. Minutenlang. Später gesellte sich ein anderes Kind dazu. Gemeinsam standen sie dann oben mutterseelenallein an einem Wellenbrecher hinter einem selbst gemalten Banner. In Anbetracht der Umstände vielleicht die rührendste Situation des Nachmittages. An Nachwuchs mangelt es nicht, nur ist die Frage, welchen Fußball diese Kids in naher Zukunft sehen werden? Profifußball? Oder Regionalligafußball? Immerhin bekamen die Kids und die anderen rund 10.200 Hansa-Fans am heutigen Nachmittag in der Schlussviertelstunde einen Fußball zu sehen, der Hoffnung macht. Der Einsatz stimmte. Fast fiel das 1:2. Einmal zeigte Aue-Keeper Martin Hännel eine Parade, danach galt ein Treffer wegen Abseits nicht. 

aueWas will man machen? Aue ist nicht Aalen. Die Seuche ist wieder am Fuß. Es muss einiges vorbereitet werden, um in den kommenden Partien in Cottbus, gegen Holstein Kiel und in Magdeburg zu punkten. Da zumindest der Einsatz stimmte, blieb das gellende Pfeifkonzert aus. Zaghaft ging die Hansa-Mannschaft in Richtung Süd. Einzelne Fans klatschten aufmunternd. Nicht mehr, nicht weniger. Logisch, dass es bei den Gästen ein wenig anders aussah. Der Sieg wurde ausgelassen gefeiert. Nachdem in den Schlussminuten bereits das Steigerlied zu vernehmen war, folgte nun das berühmte „Zwei gekreuzte Hammer, ein gekreuztes W - das ist Wismut Aue, unsere BSG!“ In der gezeigten Form ist gut vorstellbar, dass diese Mannschaft gemeinsam mit der SG Dynamo Dresden in die 2. Bundesliga zurückkehren wird. 

Fotos: Marco Bertram

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0:2
Zuschauerzahl:
11.000
Gästefans
750

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XY
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G
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Wird eng für Rostock. Gewinnen sie nicht in Cottbus und gegen Kiel, sieht es düster aus.

H
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Moin Leute!

Kann mir einer sagen was das für eine Fahne war, die im Block der Gebirgssachsen gezeigt wurde? Danke!

Ulf

U
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