FC Stahl Brandenburg: Ein gelungener 65. Geburtstag im Stadion am Quenz

 
5.0 (3)
MB 22 November 2015

Stahl„Ob Dresden oder Rostock, Leipzig oder beim BFC, in jedem Stadion im Osten hat man unsere Fahnen gesehen. Ob Köln oder Hamburg, Göteborg oder Coleraine, überall brannte das Stahlfeuer. Wir werden weiterleben …“, heißt es im Lied „Stahlfeuer“ der Band Fauxpas. Genau zu diesem eingespielten Song liefen gestern die Mannschaften des FC Stahl Brandenburg und des SV Falkensee-Finkenkrug im Stadion am Quenz ein. Auf der Gegentribüne wurde eine gelungene Choreo präsentiert. Nach und nach wurden die einzelne Elemente gezeigt. 20. November 1950, die Gründung der BSG Stahl Brandenburg. DDR-Oberliga von 1984 bis 1991. UEFA-Cup in der Saison 1986/87 gegen den nordirischen Vertreter Coleraine FC und gegen IFK Göteborg. 2. Bundesliga in der Saison 1991/92. Links und rechts der eigentlichen Choreo leuchteten rote Bengalen auf, hinter dem Stadion wurde ein kleines Feuerwerk gezündet. Rund 500 Stahl-Fans feierten den 65 Geburtstag des Vereins, der große Sternstunden und in der jüngeren Vergangenheit keine leichte Zeit hatte. Am gestrigen Nachmittag konnten indes all die Rückschläge in Vergessenheit geraten, bei überaus angenehmer Atmosphäre durfte ein 3:1-Sieg gefeiert werden, der Verein ist endlich mal wieder im oberen Drittel der Brandenburg-Liga zu finden.

StahlWer dem Stadion am Quenz zum ersten Mal einen Besuch abstattet, wird aus dem Staunen gar nicht mehr rauskommen. Das Herz schlägt höher. Meine Güte, was für ein Stadionumfeld, was für eine Spielstätte! Früher hätte man gesagt: Was für eine ostdeutsche Brache. Mit heutigen Augen sieht man das Ganze völlig anders. Wer den Charme des Maroden mag, wird sich auf Anhieb in dieses Stadion verlieben. Jeder Zaun, jede Stufe, jedes Geländer, die Anzeigetafel, die Kurven - alles schnuppert nach der guten alten Zeit. Das Auge kann sich gar nicht sattsehen an all den Details, welche das Stadion am Quenz bietet. Da problemlos fast sämtliche Bereiche des Stadions betreten werden können, kann sich in Ruhe alles ganz genau angeschaut werden. Die Stromkästen der markanten Fluchtlichtmasten, das einstige Häuschen des Stadionsprechers, die Baracken hinter der Gegengerade, das Imbiss-Häuschen, in dem es Wurst mit oder ohne Pelle gibt. 

StahlMehr Osten geht einfach nicht, schießt es einen durch den Kopf, wenn man auf den alten Stufen spaziert und die geöffneten Zwischentore passiert. Wie mag es wohl gewesen sein, als hier am 01. Oktober 1986 in der ersten Runde des UEFA-Cups der Coleraine FC zu Gast war? Offiziell waren es 18.000 Zuschauer, doch es wird gemunkelt, dass es bis zu 22.000 Fußballfreunde waren, die das Stadion füllten. Nach dem 1:1 im Hinspiel konnten im Rückspiel die Nordiren mit 1:0 bezwungen werden. Frank Jeske hatte in der 41. Minute den Treffer des Tages erzielt. Einzug in die zweite Runde! Das Stahlfeuer loderte nicht nur, es brannte lichterloh! In der zweiten Runde waren es dann auch offiziell 22.000 Zuschauer, die das Heimspiel gegen IFK Göteborg sahen. Ein 1:1 konnte den Schweden abgerungen werden, doch nach dem 0:2 in Göteborg bedeutete dies das Aus. 

StahlUnd ja, wie es im Lied von Fauxpas besungen wird, in Brandenburg an der Havel gaben sich sämtliche großen Ostvereine - vom 1. FC Lokomotive Leipzig, über die SG Dynamo Dresden bis zum BFC Dynamo - die Klinke in die Hand. Von 1984 bis 1991 konnte in der DDR-Oberliga (ab Oktober 1990 Oberliga des NOFV) gespielt werden. Rund 9.600 Zuschauer sahen anfangs im Schnitt die Heimspiele. 1989/90 waren es trotz des allgemeinen Zuschauereinbruchs immerhin noch 7.560. Die Spielzeit 1990/91 wurde mit Rang acht abgeschlossen, Stahl Brandenburg nahm an der Qualifikationsrunde zur 2. Bundesliga teil. In dieser konnten sich die nun BSV Stahl heißenden Brandenburger gegen den FC Berlin (BFC Dynamo), den 1. FC Magdeburg und den 1. FC Union durchsetzen. Den Sack zumachen konnte Stahl beim letzten Spiel am 23. Juni 1991 bei den Eisernen. Trainer Eckhard Düwiger hatte seine Jungs zum 2:0-Sieg geführt. Um 16:45 Uhr konnte die Aufstiegsparty beginnen. Bereits in der elften Minute gingen die Stahl-Kocher mit 1:0 in Führung, in der 24. Minute wurde zum 2:0 nachgelegt. 

StahlAuf wen man sich damals am meisten freute? Auf Hertha BSC und Blau-Weiss 90 Berlin, erklärte Stahl-Manager Siegfried Ziem nach dem Spiel. Die 2. Bundesliga stellte sich jedoch als hartes sportliches Pflaster heraus. Acht Siege konnte Stahl Brandenburg in 32 Partien in der Nord-Staffel einfahren, am Ende war man Letzter in der Abstiegsrunde und musste den Weg die Drittklassigkeit (NOFV-Oberliga) antreten. Was vor allem hängen blieb aus jener Saison? Ganz klar das Skandalspiel gegen den FC Bayer 05 Uerdingen! Nach einem Foul an einem Uerdingen-Spieler stand Trainer Funkel drei Minuten mitten auf dem Platz. Und dem Schiedsrichter störte das herzlich wenig, betonte sogar der TV-Kommentator. Es wurde ein denkwürdiges Spiel. Ruppiges Spiel, abgepfiffene Vorteile, eine Kartenflut für Stahl Brandenburg. Die Anhänger konnten sich kaum noch beherrschen, der Wutpegel stieg mächtig an. Es hätte nicht viel gefehlt, dass der Schiedsrichter vom Trainergespann und den Spielern auf gut Deutsch gesagt mächtig auf die Fresse bekommen hätte. Zu einseitig waren die damaligen Entscheidungen. „Es war die größte Verarschung aller Zeiten!“, erklärte der nach Tätlichkeit ebenfalls nach draußen gestellte Torhüter Wolfgang Wiesner. Sieben Feldspieler verblieben auf dem Platz, nach zwei Verletzungen waren es sogar nur noch fünf. Und trotzdem erzielte der Gastgeber sogar noch fast das Ehrentor, am Ende blieb es jedoch beim 0:3.

StahlIn der Folgezeit ging es abwärts mit dem Verein, der von 1993 bis 1998 nur noch BSV Brandenburg hieß. 1996 erfolgte der Abstieg in die Verbandsliga, zwei Jahre später musste der BSV Brandenburg Konkurs anmelden, die Löschung im Vereinsregister erfolgte. Unmittelbar danach wurde der FC Stahl Brandenburg gegründet, der die direkte Nachfolge antrat und die erste Mannschaft übernahm. Im neuen Jahrtausend war mehrfach die Fusion mit dem bei den Stahl-Fans abgrundtief gehassten Brandenburger SC Süd 05 im Gespräch, diese konnte jedoch erfolgreich verhindert werden. Der FC Stahl biss sich durch, musste jedoch zwischenzeitlich sogar in die Landesliga absteigen. Am 27. Juni 2009 konnte sich der FC Stahl in der Aufstiegs-Relegation gegen den RSV Waltersdorf 09 im Rückspiel mit 6:2 (Hinspiel 0:1) durchsetzen. 

StahlDer FC Stahl Brandenburg war zurück in der Brandenburg-Liga, musste jedoch immer wieder gegen den Abstieg kämpfen. Mehrere Male konnte am Saisonende noch ein Schippchen draufgelegt werden und dieser somit verhindert werden. Wenn es drauf ankam, standen die Anhänger der Mannschaft zur Seite. So wie beim entscheidenden Auswärtsspiel beim SV Babelsberg 03 II. Und die Gegenwart? Der FC Stahl ist schuldenfrei und spielt, wie bereits erwähnt, derzeit im oberen Drittel mit. Zuletzt gab es sechs Siege in acht Partien. Das kann sich sehen lassen. Und nicht nur die Ergebnisse stimmen. Gegen TuS Sachsenhausen war das Spiel sehr sehenswert, und auch bei der gestrigen Partie gegen den SV Falkensee-Finkenkrug, der zugunsten des FC Stahl das Heimrecht getauscht hatte, war die Leistung im ersten Spielabschnitt überaus sehenswert. Ray Kollewe, Rafael Conrado Prudente und Alexander Tarnow brachten den FC Stahl mit 3:0 in Führung. In der zweiten Halbzeit ließ man es ruhiger angehen, 3:1 lautete der Endstand.

StahlDie Stimmung auf den Rängen war prima. Immer wieder ertönte das „Stahlfeuer!“ und man war als Außenstehender überrascht vom recht breiten Sanges-Repertoire. Von Jung bis Alt feierte man / frau den 65. Geburtstag ihres Vereins und der Sieg war das passende Krönchen an diesem Nachmittag. Somit durfte auch die Uffta nach Abpfiff nicht fehlen. Mit recht positivem Gefühl darf man in die Zukunft blicken. Und ich? Werde in Zukunft hin und wieder im Stadion am Quenz vorbeischauen, in sämtlichen Ecken den Geruch der alten Zeiten einatmen und mit einer Portion Melancholie die aufkommende Ostalgie genießen…

Fotos: Marco Bertram

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Da kann man dem FC Stahl

nur alles Gute wünschen und hoffe auch, dass sich wieder mehr Fans im ehrwürdigen Rund einfinden. Der beste Fußball seit Jahren und teilweise trotzdem nur 100 Zuschauer...

R
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G
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Und das Feuer lodert weiter!

P
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