Hertha BSC vs. 1. FC Köln: Ibisevic lässt zaghafte Europapokalträume aufkommen

MB 23 September 2015
 
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Hertha BSC vs. 1. FC Köln: Ibisevic lässt zaghafte Europapokalträume aufkommen

HerthaGanz ehrlich, unter der Woche an einem herbstlichen Abend gen Berliner Olympiastadion düsen - das lässt bei einem neutralen Beobachter nicht gerade wohlige Gefühle aufkommen. In meinem Fall schaut das so aus: Als gebürtiger Berliner habe ich durchaus Interesse für das Geschehen bei Hertha BSC, doch die selbst erlebten bleiernen Jahre von 1990 bis 1997 stecken auch 20 Jahre später noch in den Knochen. Abendspiele in der leeren Schüssel, die triste Umgebung des Stadions, der ganze Muff, diese Trostlosigkeit, diese Ausweglosigkeit. Wie oft hatte ich mich damals gefragt: Was mache ich hier eigentlich? Kann ich meine Zeit nicht für etwas besseres verwenden? Logisch, dass die jetzige Hertha kaum noch etwas mit der damaligen humpelnden, vor sich hin siechenden Dame gemeinsam hat. Gestern kamen über 40.000 Fußballfreunde in das moderne Olympiastadion, der gezeigte Fußball kann sich sehen lassen und ganz so zugig wie Anfang der 90er ist es auch nicht mehr.

HerthaUnd trotzdem. Ganz besonders bei Abendspielen kommt dieses einsame Gefühl auf. Fernab des sportlichen Geschehens sitzt man als Zuschauer auf den Rängen und harrt der Dinge. Woran liegt es, dass, wenn ich an Hertha denke, meist immer an die extrem traurigen Erlebnisse Anfang der 90er und in der Neuzeit an abendliche Spiele bei kühler Witterung denken muss? Frieren beim einstigen Pokalspiel Hertha BSC vs. Borussia Mönchengladbach. Frisch weht die Brise vom Maifeld durch das Marathontor hinein. Egal, wo man steht bzw. sitzt, irgendetwas wirkt immer extrem fern. Entweder die Ostkurve oder halt der Gästeblock. Das Spielfeld sowieso. Es geht mir einfach nicht aus dem Kopf: Hätte man doch für Hertha BSC in zentraler Lage ein reines Fußballstadion gebaut. Mensch, wäre das ne Wucht! Eine neue Plumpe statt einer BND-Zentrale auf dem Gelände des einstigen Stadions der Weltjugend! 

SportingBei einem Nachmittagsspiel bei Sonnenschein und großer Kulisse gegen Dortmund oder Schalke mögen solche Gedanken nicht aufkommen, doch an einem Herbstabend unter der Woche schon. Als ich gestern mit meinem australischen Kollegen auf den Rängen saß und die Blicke schweifen ließ, überlegte ich, wann ich in diesem Stadion am meisten gefroren hatte. Anfang der 90er gegen Hannover 96 bei 4.500 Zuschauern? Beim besagten DFB-Pokalspiel gegen Borussia Mönchengladbach? Nein! Es war wohl beim Europapokal-Duell gegen Sporting Lissabon. Man schrieb den 16. Dezember 2009 und die Kälte kroch durch jede Kleidungsfaser. Ich hatte damals im Gästeblock vorbeigeschaut, doch zu sehen gab es kaum etwas. Nur wenige portugiesische Fußballfreunde hatten im bitterkalten Olympiastadion vorbeigeschaut. Vor gerade einmal 14.400 Zuschauern erkämpfte Hertha BSC ein 1:0 und packte somit in der Europa League den Sprung ins Sechzehntelfinale. In jenem erfolgte das Aus gegen Benfica Lissabon. Es war der letzte Auftritt auf europäischem Parkett.

HerthaEs wird also mal wieder höchste Zeit, dass Hertha BSC auf europäischer Bühne die Visitenkarte abgibt. Unvergessen unter anderen die Spiele gegen Galatasaray Istanbul und den Aberdeen FC. Zaghaft von träumen durfte man am gestrigen Abend beim Heimspiel gegen den 1. FC Köln. Die Berliner zeigten eine solide Leistung und konnten Dank der beiden Treffer des vom VfB Stuttgart gekommenen Vedad Ibisevic mit 2:0 gewinnen. Das erste Tor machte er per Kopfball kurz vor der Halbzeitpause. Man glaubt es kaum: Es war sein erstes Tor nach 1427 Minuten (25 Spiele). Zuletzt hatte Ibisevic am 29. Januar 2014 getroffen. Da bedarf es sehr viel Vertrauen, solch einen Stürmer an die Spree zu holen. Dieses Vertrauen wurde gestern belohnt. Den zweiten Treffer erzielte er in der Nachspielzeit, nachdem er völlig frei vor FC-Keeper Timo Horn auftauchte.

KölnBei den beiden Treffern konnte sich die Stimmung im weiten Rund sehen und hören lassen. Laut hallte das „Ha Ho He!“ über den Platz. So muss das sein! Allerdings gab es in der restlichen Spielzeit eher monotonen Sing-Sang zu hören. Rock´n Roll gab es am gestrigen Abend in beiden Fanblöcken nicht. Auf Gästeseite wurde zu Beginn am Oberrang ein Banner des Kölner Fanprojektes befestigt. „Bunte Fankultur - Willkommenskultur. Refugees Welcome!“ Schön und gut, allerdings gab es zuletzt auch ganz andere Probleme. Stichwort Gästefans beim Rheinischen Derby. Ganz so groß wurde die Willkommenskultur von Seiten der Behörden, des Verbandes und der Vereine dann doch nicht geschrieben. Später gab es im Kölner Block im oberen Bereich noch ein paar Spruchbänder auf Kölsch zu lesen: „Su sin mer all he hinjekumme - mer han dodurch su vill jewonne! Ov Kölle oder Ku´damm: Refugees Welcome!“ Etwas später gab es noch etwas bezüglich von „Pro 15:30“ zu lesen: „6. Spieltag, 3. Urlaubstag, Para Yok - Faire Anstoßzeiten ab sofort!!!“ Zur Erklärung: „Para yok“ ist türkisch und bedeutet „kein Geld“. Wieder mal was dazu gelernt. 

HerthaIn der Ostkurve gab es indes an diesem Abend in der zweiten Halbzeit ein Spruchband - und dieses war gegen die BILD gerichtet. Weit unter Niveau blieb streckenweise der Support. „Oh Hertha BSC, der Meister von der Spree, Schalalala…“, ertönte es minutenlang. „Können die auch mal was anderes singen? Ist langweilig!“, maulte hinter mir jemand. Allerdings hatte dieser auch nichts anderes zu tun, als auf dem Smartphone zu spielen. Dazu das Lightbier in der Hand. „Allez, allez, in Berlin, an der Spree, gibt´s nur Hertha BSC!“, gab es später zur Abwechslung. Dolle war wirklich nicht. Fankultur auf Sparflamme.

HerthaZwischenzeitlich Bewegung kam auf, als im Minutentakt der Zwischenstand vom Duell FC Bayern München vs. VfL Wolfsburg angezeigt wurde. Gejohle. Erheiterung. Schon wieder der Robert Lewandowski! Fünf Tore in neun Minuten? Hut ab! Aus der Lethargie erwacht war die Ostkurve in den letzten zehn Minuten. Plötzlich beteiligten sich tausende Fans an der Wippeinlage. Kraftvoll schallte nun das „Ha Ho He!“ durch das abendliche Olympiastadion. Passend dazu das umjubelte 2:0 in der Nachspielzeit. Mit freudigen Gesichtern strömten anschließend die Zuschauer gen U- und S-Bahn und träumten ganz sicher von einem netten Auftritt in der Europa League in der Saison 2016/17. Wenn womöglich 1.500 Fans des Aberdeen FC mal wieder richtig Ballett machen. In diesem Fall kann auch ein Abendspiel unter der Woche richtig Freude bereiten! In diesem Sinne, fahr bitte ordentlich Punkte ein, Hertha!

Fotos: Glenn Dawson, Marco Bertram

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Inhalt über Klub(s):
Spielergebnis:
2:0
Zuschauerzahl:
40.200

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Hätte der Effzeh gewonnen, hätte die Express wieder vom Titel geträumt. Zumindest aber vom UEFA Cup! :-D

Z
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