Erinnerungen an die gute alte Zeit: FC United of Manchester packt den Aufstieg

MB 22 April 2015
 
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Erinnerungen an die gute alte Zeit: FC United of Manchester packt den Aufstieg

ManchesterKnapp zehn Jahre nach seiner Geburtsstunde im Sommer 2005 ist der Football Club United of Manchester von der Nordstaffel der Non League Premier (EvoStik League Premier Division) in die sechste Liga (Conference) aufgestiegen. Ein Spieltag vor Ende der regulären Saison konnte der FC United den Sprung in die nächsthöhere Spielklasse in trockene Tücher bringen. Am gestrigen Dienstagabend wurde vor 3.588 begeisterten Fans im Tameside Stadium an der Richmond Street (Ashton-Under-Line) der Stourbridge FC mit 1:0 geschlagen, den frenetisch umjubelten Treffer des Tages erzielte Greg Daniels in der 69. Minute. Der Sieg war extrem wichtig, denn ansonsten hätte es am kommenden Samstag bei Verfolger Workington AFC ein echtes Endspiel gegeben! So aber können die Anhänger des FC United ganz entspannt zum letzten Spiel der Saison fahren und dort nochmals ausgiebig den ersehnten Aufstieg in die Conference feiern.

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Im vergangenen Jahr wurde der Aufstieg denkbar knapp verpasst. Ein Pünktchen (plus Torverhältnis) hatte am Ende gefehlt. Während Manchester beim Barwell FC mit 3:0 gewinnen konnte, ließ auch Tabellenführer Chorley FC in Buxton nichts anbrennen (2:0). Es blieb der Weg über die Play-off-Runde, doch in dieser unterlag Manchester im Halbfinale gegen Ashton United mit 1:2 nach Verlängerung. Dieses Mal wurde der Aufstieg indes auf direktem Wege gepackt, die Freude kennt keine Grenzen. Und das nicht nur im Großraum Manchester. Aus aller Welt trudelten tausende Glückwünsche ein. Sage und schreibe über 720.000 Menschen haben inzwischen einer Facebook-Fan-Seite des FC United of Manchester ein Like gegeben, rund 11.500 User gaben gestern Abend einem Schnappschuss mit dem Titel „CHAMPIONS!!!“ ein Like. Grüße trafen unter anderen aus Kroatien, Rumänien, Spanien und Deutschland ein.

England„What a night!“, „Proud moment in our history!“ steht auf jener FB-Seite geschrieben. Erstaunlich sachlich wird der Aufstieg auf der offiziellen Webseite des Vereins beschrieben. Vielleicht kann man dort das Glück noch nicht fassen und möchte nicht zu fett auftragen. Schließlich hatte der Sprung in die Conference, nachdem die ersten drei Aufstiege sofort gepackt wurden, immerhin sieben harte Jahre Arbeit benötigt. Eingebaut ist beim Spielbericht ein Video vom gestrigen Spiel, bei dem die Sache sofort auf den Punkt gebracht wird. In gestochen scharfer Qualität ist die entscheidende Spielszene zu sehen. 69. Minute. Missglückter Befreiungsversuch der Gäste. Manchester, klassisch bekleidet mit schwarzen Stutzen, weißen Hosen und roten Trikots, greift über die linke Seite an. Der Ball wird hereingebracht, Daniels ist mit dem Kopf zur Stelle und locht ein. Es gibt kein Halten mehr. „Daniels!!! Greg Daniels!!! Wow, wow!! Yeah!“ Der frenetische Jubel der Fans und all die aufgehängten Fahnen lassen Erinnerungen aufkommen. Keine Frage, das Anschauen dieser Sequenzen lässt mich emotional keinesfalls kalt. Die Freude der Fans, die ihre Schals wedeln. Die lachenden Gesichter. Englische Fußballatmosphäre ohne Spaßbremse. Ein lachender Kommentator. Ich könnte heulen vor Freude.

UnitedManchester! Vor 22 Jahren war ich das erste Mal dort. Gemeinsam mit Karsten. Nachdem im Januar 1993 das erste Spiel des Manchester United FC für uns ins Wasser fiel, weil der Auftritt beim Queens Park Rangers FC aufgrund der TV-Übertragung kurzfristig von Samstag auf Montag verlegt wurde (damals fragten wir uns, wie so etwas möglich sei?!), folgte im April 1993 das Heimspiel der Red Devils gegen Sheffield Wednesday. Das Schicksal meinte es verdammt gut mit uns. Genau jenes Match ging später für viele englische Fachleute als DAS Spiel des Jahrzehnts in die Geschichte ein. Es war DAS Schlüsselspiel von Manchester United. „Fergie Time“, titelte die Daily Mail. Am besagten 10. April konnte Manchester United das Spiel in der Schlussphase drehen und somit den Grundstein für den ersten Meistertitel nach einer immens langen Durstphase feiern. Was für eine Erfolgsära unter Trainer Ferguson folgte, muss nicht weiter erklärt werden.

OLd TraffordWorauf ich hinaus möchte: Die gestrige Ausgelassenheit beim FC United erinnert an die Atmosphäre beim großen Manchester United vor über 20 Jahren. Das Old Trafford stand Kopf, als Steve Bruce in der 86. und 90. Minute vor 40.102 Zuschauern (das Stadion war damals - ähnlich wie das Dortmunder Westfalenstadion - noch ein paar Nummern kleiner) die Treffer zum 1:1 und 2:1 machte. Das war unfassbar. Die Tränen schossen einen in die Augen. Die Stimmung packte uns und entzündete ein inneres Feuer. Das war englischer Fußball wie es im Buche steht. Genialer ging es kaum. War das Interesse am englischen Fußball bereits in den zwei, drei Jahren zuvor geweckt, so wurde ab jenem Apriltag jedes Geschehen auf den Britischen Inseln genau verfolgt.

MUFCKnapp zwei Jahre später folgte wieder solch ein grandioses persönliches Erlebnis im Old Trafford. 19. Februar 1995. Knapp 43.000 Zuschauer. Der Gegner: Leeds United, das rund 3.500 Fans mitgebracht hatte. Das neue Stretford End war inzwischen fertigstellt worden, und wieder war es Steve Bruce, der die United-Fans jubeln ließ. Bereits nach exakt 60 Sekunden machte er nach einer Ecke das 1:0 per Kopfball klar. Welch ein Jubel auf den Rängen! Welch eine wabernde Masse! Generell galt: Die Fans standen im weiten Rund mehr als dass sie saßen. Und das über die gesamten 90 Minuten. Absolut irre, anders ließe sich das Spektakel nicht beschreiben. Ein Lärmpegel der seinesgleichen suchte. 

Manchester United hatte dieses FA-Cup-Spiel mit 3:1 gewonnen, zwischendurch ließ Anthony Yeboah die Anhänger aus Yorkshire kurzzeitig jubeln. In der 71. Minute hatte jedoch Mark Hughes mit seinem Treffer zum 3:1-Endstand für klare Verhältnisse sorgen können. Ein zig tausendfaches „Oh it was so fucking easy …“, ertönte auf den Rängen. Und immer wieder das brachiale „United!! United!!“ Mit Begeisterung las ich wöchentlich die Spielberichte in den Zeitungen und saugte jede Neuigkeit auf. Voller Freude saß ich 1999 vor dem Fernseher, als dem FC Bayern München die „Mutter aller Niederlagen“ zugefügt wurde. Das rote 93er Trikot mit Kragen und weißen Schnürchen lag auf der Sessellehne. 

MUFCEs wäre zu schön gewesen um wahr zu sein, wenn in England so geblieben wäre, wie es Anfang und Mitte der 90er noch war. Das besagte Spiel von QPR, das im Januar 1993 auf Wunsch von Sky Sports kurzerhand auf Montagabend verlegt wurde, war nur ein Vorgeschmack. Der englische Fußball wurde zur Geldmaschine und immer mehr brach die Stimmung in den englischen Stadien ein. Lästerte man bereits früher über die „Library of Highbury“, weil beim Arsenal FC nicht wirklich ein Hexenkessel zu finden war, so kehrte die Stille eines Lesesaals bald in zahlreichen englischen Stadien ein. An der Preisschraube wurde gedreht bis wirklich nur noch gut betuchtes Publikum in der Premier League den Weg in die ausgebauten Stadien fand. So wie die typisch englische Stimmung in den oberen Ligen erlosch, so erlosch nach und nach auch die persönliche Liebe zum englischen Fußball. Was blieb, waren Schmerz und Wehmut. 

Mit Neugier nahm auch ich vor zehn Jahren die Gründung des FC United of Manchester zur Kenntnis. Das machte wahrlich Hoffnung. Ein Klub, der von Fans ins Leben gerufen und anschließend geleitet wird? Genial! So wie viele andere Fußballinteressierte hoffte auch ich, dass es nicht nur ein Strohfeuer werden wird. Mit Freude wurde in der Ferne vernommen, als am Ende der Saison 2005/06 der FC United aufstieg. Vor 6.023 Zuschauern wurde damals am 22. April 2006 der Meisterpokal überreicht. Für Schlagzeilen sorgte zudem das Freundschaftsspiel beim ebenfalls neu gegründeten 1. FC Lokomotive Leipzig am 12. Mai jenes Jahres. Vor 7.426 Zuschauern (rund 300 United-Fans) trennten sich beide Mannschaften 4:4.

In der nächsten Saison folgte ein weiterer Aufstieg und man setzte sich das Ziel auf direktem Wege die Conference zu erreichen. Dies gelang schließlich erst mit sechs Jahren Verspätung. Allerdings gilt hier ganz klar: Besser jetzt als nie. Der bereits 2002 ins Leben gerufene AFC Wimbledon hat inzwischen eindrucksvoll bewiesen, wie man in höheren Ligen (derzeit League Two) zurecht kommen kann. Zuletzt kamen beim AFC Wimbledon 4.535 Zuschauer beim Spiel gegen den Wycombe Wanderers FC ins Cherry Red Records Fans´ Stadium in Kingston upon Thames.

Stichwort Stadion. Beim FC United of Manchester wurde es höchste Zeit ein eigenes Stadion zu bauen. Einige Jahre lang wurde geplant und beantragt, im November 2013 konnte mit den Bauarbeiten am Broadhurst Park an der Lightbowne Road in Moston (nordöstlich von Manchester) begonnen werden. Der rund 4.500 Zuschauer fassende Neubau wird zirka 5,5 Millionen Pfund kosten. Das Geld stammt aus einem vereinseigenen Fond, von Stiftungen und zu kleineren Teilen auch aus öffentlichen Kassen. Im Mai dieses Jahres sollen die Arbeiten beendet sein. Am 29. Mai 2015 wird kein Geringerer als Benfica Lissabon zu Gast im fertiggestellten Broadhurst Park sein. 

Bislang trug der FC United seine Heimspiele in diversen Stadien aus. Meist an der Gigg Lane des Bury FC, aber aufgrund von Terminüberschneidungen auch an der Moss Lane in Altrincham, im Stainton Park in Radcliffe, im Ewen Field in Hyde, im Bower Fold in Stalybridge und wie zuletzt im Tameside Stadium in Ashton-under-Lyne. Die Zuschauerzahlen der laufenden Saison pendelten sich daheim zwischen 1.700 und 2.500 ein. Zuletzt wurde zweimal die 3.000er Marke geknackt. Neues Stadion - eine höhere Liga. In der kommenden Saison dürfte der Zuschauerschnitt ganz gewiss über 3.000 liegen. Zu Gast werden unter anderen Oxford City, Worcester City und Stockport County sein. 

Fazit: Der AFC Wimbledon und der FC United of Manchester können Mut machen. In England und auch in anderen Ländern. Es kann sich lohnen fest anzupacken und ganz unten anzufangen. Wer weiß, vielleicht tritt eines Tages in Hamburg der HFC Falke in ähnliche Fußstapfen und ist eines Tages in der Oberliga zu finden. 

Anmerkung: In der kommenden Saison geht es mal nach Manchester und dann gibt´s auch aktuelle Fotos. ;-)

Fotos: Marco Bertram, Karsten Höft

> zur turus-Fotostrecke: Impressionen vom englischen Fußball

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So schön wehmütig. Mir kommen fast die Tränen. Wenn du in die deutschen 80er eintauchen willst empfehle ich dir die Gratis-Weltmeister zu lesen. England erhält dort auch einen solide großen Raum. Genau aus den Gefühlen, die du schilderst.

A
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Old England *love*

G
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Das ist richtig super! Fein daß es nach all den Versuchen endlich mit den Sprung in die Conference geklappt hat! Maßgenau zum neuen Stadion! Wie aus dem Drehbuch! Well done!

L
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