SSV Markranstädt vs. 1. FC Lokomotive Leipzig: Ein Fußballerlebnis wie zu alten Zeiten

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MB 08 März 2015

Es brauchte am Abend noch lange, bis sich der Puls wieder auf Normalniveau eingependelt hatte. Die Auswirkungen der Glücks- und Stresshormone waren noch lange nach dem Oberligaspiel im Markranstädter Stadion am Bad und der nachfolgenden Zugfahrt zum Leipziger Hauptbahnhof zu spüren. Eine prall gefüllte Gästekurve. Fußballstimmung, die sehr an frühere Zeiten erinnert. Ein spannendes Remis auf dem Rasen. Nette, entspannte Gespräche am Rande. Rentner, die auf Heimseite auf den Sitzen saßen und ganz genau das Treiben beobachteten. Eine überaus zurückhaltende Polizei in Markranstädt. Gesprühte, gemalte und geklebte Botschaften der Fanszene der BSG Chemie an Hauswänden und Bauplanen. Eine gezogene Notbremse kurz hinter dem Bahnhof Leutzsch. Lok-Anhänger auf den Gleisen. Extreme Anspannung auf allen Seiten. Und zum Abschluss eine überaus umfangreiche polizeiliche Maßnahme am Leipziger Hauptbahnhof. Es brauchte eine Nacht, um sich erst einmal wieder zu sammeln. Der Reihe nach:

Dass diesem Spiel (auch wenn es durchaus auf der Liste der potentiellen Partien stand) ein Besuch abgestattet wurde, war der Tatsache geschuldet, dass in Gera sowohl das Stadion am Steg als auch das Stadion der Freundschaft von der Stadtverwaltung gesperrt wurden. Ein Ausweichen der BSG Wismut Gera auf Kunstrasen ist aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt. Also dann doch nach Markranstädt! Von Gera aus (zuvor war dort eine Lesung) ging es über Leipzig Hauptbahnhof direkt zur 15.000-Einwohner-Stadt, die sich südwestlich der Messemetropole befindet. Die mitfahrenden Lok-Fans waren ein klares Indiz dafür, dass es im Stadion am Bad stimmungsvoll werden würde. Es war nicht irgendein Spiel. Schließlich gab der SSV Markranstädt bekanntlich im Jahr 2009 die Fußballmannschaften an den damals neu geschaffenen RasenBallsport Leipzig ab. Dieser konnte somit gleich in der Oberliga durchstarten und nahm in der Folge den Weg in Richtung Profifußball auf. Seit 2010/11 rollt jedoch auch wieder der Fußball unter dem Namen SSV Markranstädt. Von der siebten Liga ging es über die Sachsen-Liga wieder hoch in die NOFV-Oberliga Süd, in welcher der SSV in der laufenden Saison hinter RB Leipzig II eine gute Rolle spielt.

Für Brisanz war also gesorgt, zumal die Loksche nach Möglichkeit einen Dreier im „6-Punkte-Spiel“ einfahren musste, um doch noch oben ein Wörtchen mitzureden. Auf der Fahrt von Leipzig Hbf nach Markranstädt kam es bereits zu einem längeren Halt auf offener Strecke. Nicht jedem im Zug war zu jenem Zeitpunkt klar, dass man über Leipzig-Leutzsch fahren würde. Der Zug fährt nach Norden raus, macht dann dann einen Bogen nach Westen und düst anschließend in Richtung Süden weiter. Somit liegt Leutzsch, Heimat des Erzrivalen BSG Chemie, genau auf dieser Route. Dass die Chemiker an diesem Nachmittag ein Heimspiel hatten (immerhin strömten knapp 1.000 Zuschauer in den Alfred-Kunze-Sportpark), erwies sich als nicht gerade günstige Konstellation. Aus Sicherheitsgründen schien der Zug nach Markranstädt einen anderen Zug abzuwarten, um dann seine Fahrt fortzusetzen. Punktlandung im Stadion am Bad. 13:55 Uhr. Draußen standen noch die nachströmenden Lok-Fans, im Stadion sorgten gut gefüllte Ränge für ein innerliches „Oha“.

Offiziell 1.890 Zuschauer (allerdings wirkte die Kulisse weitaus größer), rund 1.600 (gefühlt um die 2.000) von ihnen drückten den Jungs aus Probstheida die Daumen, bildeten eine großartige Kulisse. Solch ein Rahmen bei einem Fünftligafußball. Deutschland kann stolz sein auf all seine Fanszenen, die in sämtlichen Winkeln des Landes von Nord nach Süd, von der Bundesliga bis teilweise hinunter in die Verbandsligen für tolle Stimmung sorgen. Auch wenn man beim Namen SSV Markranstädt aufgrund der Sache mit RB Leipzig ein durchaus schlechtes Gefühl hat, so überraschte der Verein als passabler Gastgeber. Entspannte Ordner, gut organisiertes Catering - und das Stadion wird sowieso jedem Fußballnostalgiker gefallen. Eine kleine schmucke Haupttribüne und auf der Gegenseite eine klassische Kurve, in der die Lok-Fans von drei Ecken aus (die „Gauner“, eine recht neue Ultra-Gruppierung und weiteres Support-Epizentrum) für Unterstützung sorgte. Richtig laut wurde es indes, wenn sämtliche Fans ein kraftvolles „L-O-K“ anstimmten. 

Hitzig wurde es bereits nach drei Minuten, als Lok-Spieler Sebastian Dräger bei einem Zweikampf am Kopf getroffen wurde. Wut auf den Rängen. Lange wurde Dräger auf dem Rasen behandelt, anschließend musste er ausgewechselt werden. Für ihn kam Dustin Scheibe in die Partie. Kurios: In der 83. Minute musste auch dieser wieder runter. Steve Rolleder lief für ihn in den Schlussminuten auf. Es wurde ein spannendes, interessantes Spiel, bei dem Lok mehr aus seinen Möglichkeiten hätte machen können. Nachdem es torlos in die Kabine ging, wurde an der Stelle der Kurve, an der sich die „Gauner“ postiert hatten, etwas vorbereitet. Blaue Überzieher, eine Fahne wurde als Sichtschutz bereitgehalten. Zu Beginn der zweiten 45 Minuten gab es dann eine Portion Pyro, die jedoch nicht in den Händen, sondern auf dem Boden abgebrannt wurde. Da nichts geworfen wurde, hielten sich Ordner und polizeiliche Einsatzkräfte weiterhin angenehm zurück.

Höhepunkt des Spiels war dann die 69. Minute, als Ondrej Brusch zum 1:0 für den 1. FC Lok einnetzen konnte. Die blau-gelbe Kurve tobte vor Freude. Doch die Freude über den möglichen Sieg währte nicht lange. Nur vier Minuten später war Robert Zickert nach einem Abwehrfehler des 1. FC Lok zur Stelle und machte den Ausgleich klar. Die rund 300 Heimfans waren aus dem Häuschen. Zufriedenes Lächeln bei den Rentnern auf den sonnigen Sitzplätzen am Rande der Hauptgeraden. Am Ende blieb es beim 1:1, das Markranstädt mehr nutzt als der Loksche. Entspannt konnten die Lok-Fans den Heimweg antreten. Keine Polizeibegleitung. An wichtigen Ecken postierte Einsatzkräfte beobachteten das Ganze, hielten sich jedoch völlig zurück. 

Kurz vor Eintreffen des Zuges in Richtung Leipzig Hauptbahnhof war auf dem Bahnsteig jedoch spürbar, dass etwas in der Luft liegt. Und richtig! Als der Zug den Bahnhof Leipzig-Leutzsch erreichte, kamen etliche Lokisten in Wallung. Ob - wie in anderen Medienberichten zu lesen - Anhänger der BSG Chemie tatsächlich in Sichtweite waren oder bereits vorher von der Polizei abgedrängt wurden, war schwer einsehbar. Fakt ist jedoch, dass zwischen dem jetzigen Leutzscher Bahnhof und dem alten, ehemaligen Bahnhof der Zug nochmals zum Stehen kam. Notbremse? Auf die Gleise gesprungene Chemiker? Vorstellbar war in jenem Moment alles. Eine Tür wurde mit Gewalt geöffnet und schnell befanden sich die ersten Lok-Anhänger auf dem Gleisbett. 

Es kam Bewegung auf. Überall liefen nun behelmte Einsatzkräfte umher und sicherten die Gleisanlagen ab. Ein Angriff der Leutzscher hätte nun noch gefehlt. Die Stimmung war kurz vor dem Siedepunkt - und nach all der Fußballerfahrung der vergangenen 25 Jahre kann bestätigt werden: Hätten es vermummte BSG-Anhänger geschafft in Richtung Zug zu stürmen, hätte es zum totalen Desaster kommen können. Selbst ältere, von Hause aus eher friedlich gestimmte Lok-Fans schwollen in den Waggons die Halsschlagadern an. Es wurde geschimpft, als würde es kein Morgen geben. An den Aufgängen kam es zu vereinzelten Rangeleien. Glücklicherweise bewahrte die Polizei Ruhe, ließ das Pfefferspray im Halfter und versuchte die anderen ebenfalls aufgebrachten Fahrgäste so gut wie es ging zu beruhigen. Ebenso kann von Glück gesprochen werden, dass es zu keinem Angriff auf den Zug kam, keine Steine flogen und niemand zu Schaden kam. Zur Erinnerung: Nur wenige Meter entfernt kam vor 25 Jahren der BFC-Fan Mike Polley ums Leben. Und es steht außer Frage, dass das Ganze gestern hätte ein ganz bitteres Ende nehmen können.

Nach einer geraumen Zeit konnte der Zug schließlich weiterfahren. Was folgte, war allzu klar. Am Leipziger Hauptbahnhof wurden sämtliche Anhänger der 1. FC Lok Leipzig festgehalten und mussten sich datentechnisch erfassen und fotografieren lassen. Das Ganze sollte weit über anderthalb Stunden dauern und nicht selten bekam manch einer zu hören: „Pech gehabt, eben im falschen Zug gewesen …“

Anmerkung: Ende vergangenen Jahres kam der 512-seitige Wälzer „Kaperfahrten - Mit der Kogge durch stürmische See“ aus der Druckerei. Das Buch, das Berichte, Anekdoten und Fotos von 1988 bis 2020 beinhaltet, dürfte nicht nur für Hansa-Fans von Interesse sein. Bestellbar ist es direkt beim Herausgeber / Autor Marco Bertram: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

Weitere Infos zum Buch gibt es auch auf der privaten Webseite: www.marco-bertram.de

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: 1. FC Lokomotive Leipzig

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War mal wieder so richtig geil mit Lok!!!

LT
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Rabiat gut!!!

G
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Wie immer eine 1a Berichterstattung. Ich fand es auch angenehm dort, auch wenn Markranstädt der letzte Dreck ist der sich für Red Bull für Geld hat die Hose runter ziehen lassen.

H
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