Carrarese Calcio vs ASD Lucchese Libertas: Idyllischer Fußball im Schatten der Marmorberge

FG 27 Februar 2015
 
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Carrarese Calcio vs ASD Lucchese Libertas: Idyllischer Fußball im Schatten der Marmorberge

CarreraWir wollen diesen Text gleich mal mit einem kleinen Rätsel starten und so geht die Frage an den Leser, mit was er Carrara verbindet oder ob er diesen Ort überhaupt kennt? Kurz nachgedacht und schon schwebt das Wort „Marmor“ in den Köpfen, ist die knapp 65.000-Einwohner große Stadt am Fuße der Apuanischen Alpen doch fast ausschließlich für den Marmor bekannt, aus dem unter anderem auch die weltbekannte David-Statue Michelangelos gefertigt wurde. Etwa 50 verschiedene Sorten werden in den Bergen rund um die Stadt abgebaut, die je nach Steinbruch und Art unterschiedliche Namen besitzen, aber alle unter dem großen Oberbegriff „Carrara-Marmor“ firmieren. Und so ist es wenig verwunderlich, dass das „weiße Gold“ (das es hier auch in diversen anderen Farben gibt) ein allzeit präsenter Teil des Stadtbildes ist und das zu den bekanntesten Söhnen der Stadt hauptsächlich Bildhauer wie Pietro Tacca, Luigi Bienaimé oder Guiseppe Pisani zählen. Aber auch Fußballer wurden hier natürlich geboren und so steht unter anderem bei Gianluigi Buffon und Cristiano Zanetti Carrara als Geburtsort im Ausweis.

CarreraBeide haben aber recht wenig mit dem 1908 als „Union Sportiva Carrarese Calcio“ gegründeten Fußballclub der Stadt zu tun und verbrachten ihre Jugend in anderen Teams der Umgebung. Der bekannteste Name des Vereins bleibt damit Marcello Lippi, der 1982 seine wenig spektakuläre aktive Karriere als Spieler beim heutigen Gegner aus Lucca beendete und wenige Jahre später hier für eine Saison als Trainer aktiv war. Das sagt schon viel über die Geschichte des Vereins aus, der seit den 70er Jahren ein fester Bestandteil der dritten Liga war und nur 2010 einen kurzen Ausflug in die Viertklassigkeit antreten musste, der aber relativ schnell beendet war – die finanzielle Unterstützung von Gianluigi Buffon und Cristiano Luccarelli könnte dabei geholfen haben.

CarreraDer einzige Titel der Blau-Gelben bleibt ein Gewinn der Coppa Lega Pro im Jahre 1983, dem Pokal für Dritt- und Viertligisten, den es in Italien bis heute noch gibt. Dementsprechend gespannt war man auf das Spiel gegen den ASD Lucchese Libertas aus dem gerade mal knapp 60 Kilometer südlich gelegenen Lucca – ein Derby, ein klassisches Beispiel für den italienischen „Campanilismo“ (Heimat ist dort, wo ich meinen Kirchturm noch sehe)? Zumindest eine kurze Suche im World Wide Web ergab ein hoffnungsvolles Bild, gab es doch für beide Vereine Fotos mit vollen Kurven zu sehen, wenn auch vor allem bei den Gästen mit zweifelhaften Fahnen und Gedankengut – eine Razzia im Jahre 2007 trug neben diversen Waffen auch Hakenkreuz-Fahnen und ähnliche Propaganda der Gruppe „Bulldog“ zu Tage. Allerdings stellte sich auch die Frage, inwieweit die Ereignisse und Folgen der letzten Jahre Einfluss auf die kleinen Szene hatten und so betreten wir mit einem großen Fragezeichen das 9.500 Zuschauer fassende „Stadio dei Marmi“ (Überraschung!), das neben einer großen Haupttribüne nur Stehstufen vorweisen kann.

ItaliaEin klassisches Stadion, ohne SchnickSchnack, sieht man vom auch hier allgegenwärtigen Marmor ab, der die Stufen und Teile der Tribüne ziert – den Blick auf die Apuanischen Alpen und den ein oder anderen Steinbruch gibt es übrigens gratis dazu. Der erste Blick ist jedoch enttäuschen, das Stadion ist ziemlich leer, nur ein paar Versprengte Fans der Heimmannschaft finden sich auf der Gegengerade ein. Und viel ändern wird sich daran leider auch nicht und am Ende sind gerade einmal 970 Zuschauer Zeuge des souveränen 3:0-Heimsieges von Carrarese Calcio über den Aufsteiger, der eben jenen letzte Saison erst am allerletzten Spieltag mit einem Auswärtssieg im direkten Duell gegen Correggese erreichte. Die etwa 60 Gäste, die den Zaun nur mit ein paar kleineren Schwenkfahnen schmücken und ansonsten still das Spiel verfolgen, sind natürlich wenig begeistert und so pöbelt der kleine Rest, der das Stadion nicht schon vorzeitig verlassen hatte, noch die eigene Mannschaft voll, die sich heute in desolater Verfassung präsentierte.

turusDoch zumindest in der kleinen Heimkurve kann Aktivität verzeichnet werden, pünktlich mit dem Anpfiff kommen etwa 40 Leute unter Schmähgesängen gegen den Gegner (der aber bei weitem nicht die Hassgefühle wie La Spezia oder Massa hervor ruft) in die Kurve gelaufen und legen danach ein überraschend ansprechendes Programm hin. Natürlich, die große Lautstärke eines polnischen Haufens ähnlicher Größe erreichen die Jungs nicht, aber wer sich auch nur ein wenig für Ultra und seine Geschichte interessiert wird den Herren und der einen Dame eine gewisse Faszination nicht absprechen können. Melodische Lieder, die üblichen Pöbeleien (die aber nie langweilig werden) und ein paar Spruchbänder, mit denen den Stadionverbotlern Mut gemacht wird – das Gesamtbild passt und weiß zu überzeugen. Was bleibt ist der Umstand, dass es unterklassig zwar immer noch weit entfernt vom Paradies früherer Tage ist, man aber zumindest erkennen kann, dass sich die Ultra-Bewegung nicht unterkriegen lässt und weiter die Fahnen nach oben hält. Sicherlich gibt es bessere Spiele, aber anschauen kann man sich Carrara auf jeden Fall.

Text & Fotos: Frank Grunert

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in Italien

Spielergebnis:
3:0
Zuschauerzahl:
970
Gästefans
60
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