Polizeieinsatz beim Hamburger SV gegen Bayern München

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CB 05 Mai 2014
 
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Polizeieinsatz im Hamburger Fanblock gegen Bayern München

image„Zurück in die Steinzeit …“, so oder so ähnlich muss wohl die Überschrift für den Einsatz der Polizei in der Halbzeit des Bundesligaspiels Hamburger SV gegen den FC Bayern lauten. Aber um das, was da passiert ist, zu beleuchten muss man doch etwas in den Geschichtsbüchern blättern. Am 24. Oktober 2011 war es die Polizei aus Hannover, die einen ähnlichen Blocksturm erprobt hatte. Damals ging es allerdings nicht um eine Fahne, sondern um den Verdacht auf Pyrotechnik. Das Ergebnis des damaligen Blocksturmes ist bekanntermaßen ähnlich desaströs, wie die Bilanz von dem Einsatz der Polizei beim Qualifikationsspiel zur Champions League zwischen dem FC Schalke 04 und PAOK Saloniki. Am Abend des 21. August 2013 hatte die Polizei die Nordkurve des FC Schalke 04 gestürmt, um eine „politisch provokante Fahne“ aus dem Fanblock zu entfernen. Es handelte sich hierbei bekanntlich um eine Fahne aus Skopje, von jener Gruppe, die mit Teilen der Fanszene des FC Schalke 04 befreundet ist. Diese Fahne war auch bereits vorher mehrfach im Block der Schalker Anhänger zu sehen.

imageEine Fahne war auch der Grund für den Einsatz im Hamburger Volkspark. So wurde sowohl im Block 22c als auch im Block 25A jeweils eine Fahne mit dem Aufdruck „ACAB“ präsentiert – und diese hingen die gesamte erste Halbzeit vor den jeweiligen Blöcken. Nun kann man über Sinn oder Unsinn von solchen Banner vortrefflich diskutieren. In der Stadionordnung des HSV ist klar geregelt, dass „Beleidigende Ausdrücke“ im Stadion nicht gewünscht sind. Darunter fällt eben auch „ACAB“. Wurde früher noch argumentiert, dass man ja ein „Kollektiv“ oder Berufsgruppe nicht beleidigen kann, gab es in der jüngeren Vergangenheit auch Gerichte, die das anderes sahen. "ACAB – All Cops Are Bastards". Eine Abkürzung, die es seit Ende der 70er Jahre gibt und vor allem durch die Skinhead-Szene adaptiert wurde.

imageIn der heutigen Zeit wird es als unkreative Provokation gegenüber der Polizei noch immer gerne benutzt und findet so regelmäßig auch auf verschiedensten Weisen den Weg ins Stadion. Nun könnte man also argumentieren, dass gegen die Stadionordnung verstoßen wurde und dies auch entsprechend geahndet werden müsste. Aber sind wir doch mal ehrlich. Wie viele Verstöße gegen Stadionordnungen gibt es pro Spieltag? Wie viele Provokationen zum Beispiel gegenüber Fans des Gegners gibt es pro Spieltag? Wie viele Leute tragen sogar Fanartikel, auf denen Vereine, Anhänger oder sonstiges Institutionen verunglimpft und damit vermeintlich provoziert werden.

Scheinbar aber fühlte sich die Einsatzleitung im Stadion dermaßen provoziert, dass eine Räumung des Blockes bzw. gewaltsame Entwendung der „ACAB“-Banner unausweichlich geworden ist. Anders, als der Einsatz vermuten lässt, gab es zum Zeitpunkt des Blocksturmes keine Geiselnahmen in den Fanblöcken oder gar wüste Schlägereien mit dem Ordnungsdienst, die einen Einsatz gegebenenfalls gerechtfertigt hätten.
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Vertreter des HSV Supporters Club, der Fanbetreuung und des Fanprojekts haben lange vor dem Einsatz auf die Gefahren und vor allem auf Sinnhaftigkeit eines solchen Einsatzes hingewiesen, leider ohne Erfolg. Auch wurden die entsprechenden Gruppen angesprochen, ob man das Banner nicht entfernen könnte. Dies war – wie sich leicht erahnen lässt – nicht von Erfolg gekrönt. Auch darüber kann man vortrefflich streiten und hätte dies ganz gewiss auch im Nachgang im gemeinsamen Dialog machen können.

Dies ist ein Problem, welches die Beziehungen zwischen Fans und Polizei immer wieder aufs neue spaltet. Mittlerweile gibt es so viele Institutionen, die zwischen Fans und Polizei vermitteln können oder besser könnten. Fanbeauftragte, Fanprojekte, Fanorganisationen oder am Ende sogar Fanhilfen (die gerade wie Pilze bundesweit aus den Boden schießen) sind genau der Ansprechpartner, den beiden Seiten vertrauen schenken sollten. Wenn aber ein Einsatzleiter sich über die Erfahrung, Meinung und Lageeinschätzung eben dieser Experten hinwegsetzt und dann scheinbar auch noch der gesunde Menschenverstand aufhört, dann werden solche Einsatzbefehle gegeben und konsequent durchgeführt.

imageGegen 16:25 Uhr (also kurz vor Beginn der zweiten Halbzeit) sollten die Beamten den „ACAB“-Banner sicherstellen und die Art des Einsatzes zeigte, dass es auch egal war, wie dieses „Ziel“ erreicht werden sollte. So kam es unmittelbar zum Einsatz von Pfefferspray und Tränengas und die Polizei versuchte von zwei Seiten an den entsprechenden Banner zu kommen. Dass die Situation dadurch total eskalierte und es zu schweren Auseinandersetzungen gekommen war, ist wohl kein Geheimnis. Dadurch dass die Polizei von zwei Seiten  in den Block drängte, war für die umliegenden Blöcke und deren Besuchern keine Fluchtmöglichkeit gegeben. Dies sorgte leider dafür, dass auch zahlreiche unbeteiligte auf schmerzhafte Weise erfahren mussten, wie sich Pfefferspray und Tränengas wirklich anfühlt.

Ohne Zweifel kann man diskutieren, ob die Reaktion der Ultras richtig war. Aber bevor man diese Diskussion führt, sollte man sich klar machen, dass es ohne diesen Einsatz überhaupt nicht zu solchen Szenen gekommen wäre. Und jetzt soll bitte keiner sagen, dass der Banner oder besser gesagt ein Fetzen Stoff Grund genug für solche einen Einsatz darstellt.

imageEbenso schlimm wie die Ereignisse im Stadion war jedoch auch das Echo in den Medien. Schnell wurde die alte Kamelle von „so genannten Fans“ rausgeholt, ohne sich nur eine Minute über das was da passiert ist, zu informieren. Leider auch ein Grund dafür, dass solche Einsätze auch weiterhin vorkommen werden, da es keinen oder zu wenig öffentlichen Druck gibt. Nun liegt es an den Verantwortlichen von Supporters Club, Fanbetreuung und Fanprojekt die Ereignisse aufzuarbeiten, eine Einsicht der Polizei wird dabei nicht zu erwarten sein.

Das Ziel, den Banner zu entfernen, hat die Polizei übrigens erreicht. Leider aber dafür mehr als 150 Verletzte in Kauf genommen, aber das spielt leider scheinbar keine Rolle mehr in dieser Fußballwelt.

Zum Autor:
Christian Bieberstein, das Licht der Welt 1984 in Berlin erblickt und aufgewachsen im Speckgürtel von Hamburg. Leidenschaftlicher Anhänger des Hamburger Sport-Verein e.V. Seit mehreren Jahren ehrenamtlich in der Abteilungsleitung des HSV Supporters Club, Sprecher der IG „Unsere Kurve“ und ehemals im Vorstand von FSE „Football Supporters Europe“ aktiv. Christian betont ausdrücklich, dass er hier als Einzelperson schreibt und nicht im Namen der genannten Organisationen.
Interessiert am runden Leder und gleichzeitig auch an der gesellschaftlichen Entwicklung, die vor den Toren der Stadien keinen Halt macht. Zählt sich eher zu den Traditionalisten, die davon träumen, dass der Fußball nicht auch noch sein letztes Hemd verkauft und vermarktet. In der Berufswelt, ganz hanseatisch, bringt er kleine – oder auch große – Stahlbüchsen rund um die Welt und transportiert alles, was man bewegen kann.


Alle Fotos: Chosen Few Hamburg 1999

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