Kolumbianischer Fußballrückblick Teil 6: Junior FC vs. Atlético Nacional

MS 30 April 2014
 
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Kolumbianischer Fußballrückblick Teil 6: Junior FC vs. Atlético Nacional

JuniorNun war es an der Zeit, mal an die Küste zu reisen. Ich nahm einen preiswerten Flug nach Cartagena, was nicht zu unrecht als eines der Höhepunkte Kolumbiens gilt. Eine gepflegte Altstadt mit bunten Kolonialbauten, karibisches Flair allerorts. Die Temperaturen erreichen hier oft 40 Grad Celsius, und nachts ist es selten mal kühler als 25 Grad Celsius. Von hier aus lassen sich auch schöne Bootsausflüge zu den umliegenden Inseln und Stränden unternehmen. Ich investierte hier mal ein paar Pesos mehr in meine Unterkunft und fand mich in einem wunderbaren Kolonialbau mit Pool im Innenhof wieder. Hier konnte man es aushalten. Die drückende Hitze ließ mich meine Aktivitäten ohnehin auf ein Minimum beschränken. Und Faulenzen gehört nun mal zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.  

Und meine Bequemlichkeit war es auch, die mich zum Fehlkauf der Woche hinreißen ließ: Das Hotel bot nämlich einen Tür-zu-Tür-Shuttle-Service zu meinem nächsten Ziel in Santa Marta an. Nur unwesentlich teurer als der reguläre Bus, aber dafür würde ich mir die Kosten und Strapazen sparen, die eine Taxifahrt zum bzw. vom jeweiligen Busbahnhof mit sich bringen würde. Das Ganze dann noch in einem modernen, klimatisierten Minibus, der die Strecke statt in vier in nur drei Stunden absolvieren sollte. Klingt zu gut, um wahr zu sein? Genau, das war es auch. So kam es, dass sich die Abfahrt erst mal um eine Stunde verzögerte, da man noch auf ein paar gebuchte Touris warten musste. Der Bus war an sich in Ordnung, aber enger bestuhlt als jedes andere Transportmittel, das ich bislang im Land nutzte. So musste ich seitlich auf meinem Sitz Platz nehmen, um die Beine im Gang unterzubringen. Aber die Krönung waren die bescheuerten Backpacker an Bord des Gringo-Express.

KolumbienNichts gegen Rucksacktouristen – bin ja seit jeher selbst einer. Aber das ist einfach eine andere Spezies, die sich heutzutage herumtreibt. Allesamt mit ihren iPads beschäftigt, und kein Interesse an einem Gespräch. Mit Spanisch erntete ich erst nur Stirnrunzeln; auf Englisch bekam ich immerhin Ein-Wort-Antworten wie „Canada“, „Holland“ oder „OK“. Da gab ich schnell auf. Als aber dann die Vorhänge zugezogen wurden, damit das Display des Smartphones beim Daddeln nicht spiegelt, platzte mir beinahe der Kragen. Draußen zieht eine atemberaubende Landschaft vorbei, und ihr habt nichts Besseres im Sinn als auf euren Handys herumzuspielen. Unfassbar!

Trotz der verspäteten Abreise musste der Fahrer auf der verhältnismäßig kurzen Strecke eine halbstündige Pause einlegen. Und auch da sah ich mich in meinen Vorurteilen bestätigt: Anstatt frischen Papayasaft und Empanadas zu verzehren, labten sich die Ahnungslosen für etwa den dreifachen Preis an Pepsi und einer Tüte Doritos. Warum fährt man eigentlich ins Ausland, wenn man null Interesse daran hat, sich auf das Land einzulassen? Aber sei’s drum, das ist nicht mein Problem. Nach gut fünf Stunden waren wir dann in Santa Marta angekommen und ich war wieder frei.

Santa MartaSanta Marta, weiter östlich an der Küste gelegen, ist weniger malerisch als Cartagena, aber nicht minder attraktiv. Man könnte auch sagen authentischer, denn im Gegensatz zu Cartagena legen hier keine Kreuzfahrtschiffe für einen kurzen Landgang an. Für die Vereine der beiden Küstenstädte (Real Cartagena und Unión Magdalena) war die Saison bereits beendet, da sie beide aus den Zweitliga-Play-offs schon ausgeschieden waren. So blieb mir in Santa Marta nur eine kleine Wallfahrt zum Estadio Eduardo Santos, wo sich die Statue von „El Pibe“ befindet. Dem bekanntesten Sohn der Stadt, Carlos Valderrama, hat man hier vor den Stadiontoren schon zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt. Der Körper aus Bronze gegossen, die blonde Haarpracht aus Kupfer. Muss man gesehen haben.

JuniorNach ein paar weiteren Tagen des Müßigganges am Strand (tagsüber) und in den Kneipen an der Hafenpromenade (abends), stand das letzte Spiel der Tour auf dem Plan. Im Rahmen eines Tagesausflugs stand das berühmt-berüchtigte Barranquilla auf dem Plan. Die unattraktive Industriemetropole liegt auf halbem Weg zwischen den bereits erwähnten Küstenorten, und bekommt sonst wohl kaum Touristen zu sehen. Mein Hotel in Santa Marta war zwar etwas außerhalb des Zentrums gelegen, aber idealerweise gleich neben dem Büro eines der Busunternehmens. Damit gestaltete sich die gut 90-minütige Fahrt als äußerst problemlos. Als der Fahrer von meinem Vorhaben erfuhr, bot er mir an, mich direkt am Stadion herauszulassen. Das liege schließlich auf dem Weg und ich müsse dann nicht vom Busbahnhof mit dem Taxi weitertuckern. Je näher wir uns dem mit knapp 50.000 Plätzen größten Stadion Kolumbiens näherten, desto mehr rot-weiß gekleidete Hinchas der Tiburones (Haie) tummelten sich in den Straßen. Plötzlich packte mich das Fußballfieber wieder. Und wie versprochen, konnte ich das Gefährt direkt an der Stadionzufahrt verlassen. VIP-Service sozusagen.

JuniorAber obwohl das Spitzenspiel gegen Nacional nicht ausverkauft war, stand ich überall vor verschlossenen Kassenhäuschen. Ob es die Tickets wieder nur in der Innenstadt gab, oder ob am Spieltag selbst vielleicht gar keine verkauft werden würden, sollte ich nicht mehr herausfinden. Denn als ich einen der herumlungernden Polizisten um Auskunft bat, brachte mich dieser auf direktem Wege zu einem der Schwarzhändler, legte seinen Arm um dessen Schultern, und machte ihm eindeutig verständlich, dass gerade jetzt ein fairer Preis angesagt wäre. Großartig! Kurz darauf fand ich mich am Stadioneingang wieder und wurde abgetastet. Bei der Aufforderung meinen Gürtel abzugeben, stellte ich mich schwerhörig und ging einfach weiter, was wiederum keinen weiter juckte. Atmosphärisch war das heute wieder sehr ordentlich. Das Stadion zwar nicht ganz voll, aber immerhin gut gefüllt, und die Darbietungen sowohl optisch als auch akustisch durchaus von der besseren Sorte.

Ob nun Junior oder Cali die dritte Kraft im Lande ist, sei mal dahingestellt. Jedenfalls steht hier eine ganze Stadt hinter einem Verein, da man im Gegensatz zu den anderen Großen keine nennenswerte Konkurrenz in der eigenen Stadt hat. Was sie hier aber auf jeden Fall in Perfektion beherrschen ist der Bierschmuggel: In kolumbianischen Stadien gibt es außer Wasser, Kaffee und Gaseosas (Softdrinks) nichts zu trinken. So gibt es fliegende Händler, die die Tribünen frequentieren und Bestellungen aufnehmen. Die Ware wird dann in Dosen vom Kontaktmann draußen durch die Zäune gereicht und diskret in einer Umhängetasche verstaut, die dann beim Kunden auf der Tribüne landet (oft über mehrere Reihen geworfen). Dieser nimmt sich dann die Bestellung heraus, legt ein paar Scheine rein und wirft den Beutel zurück. Man muss sich eben nur zu helfen wissen.

JuniorIm Spiel fielen leider keine Treffer, und so musste ich mich mit einem torlosen Unentschieden begnügen. Im Vergleich zu Argentinien kann ich aber sagen, dass die fußballerische Qualität in Kolumbien gut eine Klasse besser ist. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass der Ausverkauf lokaler Talente nach Europa noch nicht so weit fortgeschritten ist und tatsächlich noch einige Könner in der heimischen Liga kicken. Jedenfalls war es schon lange dunkel geworden, und ich musste ja noch zurück nach Santa Marta. Also schnell ein Taxi klar gemacht und Richtung Busbahnhof dirigiert. Als sich der Fahrer nach meinem Ziel erkundigte, schlug er vor, mich direkt zu den Busbüros an der Hauptstraße zu bringen: Das wäre näher und außerdem hielten da ohnehin alle Unternehmen, die Richtung Santa Marta fahren. Vor allem würde ich mir dadurch die Warterei am Busbahnhof sparen. Und so war’s dann auch. Der zunächst vereinbarte Tarif zum Busbahnhof wurde nochmal reduziert, und keine 20 Minuten nach Schlusspfiff saß ich im Bus nach Santa Marta. Ein dreifach Hoch auf die kolumbianischen Taxifahrer!

Ein paar Tage später sollte dann auch meine vierwöchige Kolumbien-Reise zu Ende gehen. Nach zwei nasskalten Tagen in Bogotá zum Abschluss (bzw. zur Einstimmung auf Deutschland) flog ich wieder zurück in die Heimat. Was ist geblieben? Sehr positive Erinnerungen an ein traumhaft schönes Land, an viele nette Begegnungen, an liebenswerte Menschen (manche davon ein wenig verrückt) und einer Vielfalt an frischem Obst, an ehrliche Taxifahrer und hilfsbereite Marktfrauen, an die Gelassenheit und Improvisationskunst – einfach an eine positive Reizüberflutung. Aber allem voran werde ich mich an die enorme Begeisterungsfähigkeit erinnern, wenn die eigene Mannschaft spielt.

Fotos: Michael Stoffl

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in Kolumbien

> zu Teil 1: Millionarios vs. Deportes Tolima

> zu Teil 2: Atlético Nacional vs. São Paulo FC

> zu Teil 3: Deportes Quindío vs. Boyacá Chicó

> zu Teil 4: Deportivo Cali vs. Envigado

> zu Teil 5: Atlético Nacional vs. Millonarios

Spielergebnis:
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Zuschauerzahl:
38.565
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