Eintracht Braunschweig vs. Hannover 96: Fandemo wird zur echten Farce

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MB 07 April 2014

Es gibt Tage, da fehlen einem echt die Worte. Man schläft drüber und selbst am nächsten Morgen macht sich Fassungslosigkeit breit. War das, was am gestrigen Nachmittag passiert ist, die traurige Realität? Oder war alles nur ein Witz? Ein skurriler Traum? Leider nicht! Als langjähriger Fußballfan und Autor war man gestrigen Nachmittag kurz davor, den angereisten Anhängern von Hannover 96 aus voller Brust entgegenzurufen: Lasst gut sein, lasst Behörden, Vereine und Polizei solche Witzveranstaltungen allein durchziehen. Wendet Euch ab und geht lieber zum Amateurfußball! Doch so einfach ist das ja nicht. Dann wäre der Kampf verloren. Der Kampf für elementare Grundrechte. Stand der Dinge ist leider, dass derzeit in diesem Land manch ein Fußballfan behandelt wird wie ein Volldepp, der nichts in der Birne hat. Noch trauriger: Vielerorts fehlt es an Kraft und Mut, mit starker Stimme friedlich dagegen vorzugehen. Spürbar am gestrigen Tage: Resignation! Traurig aber wahr: Die Fußballfans als Spielball, mit denen sich scheinbar alles machen lässt. 

Polizei

Der Reihe nach. Ein chronologischer Abriss der Ereignisse: Schauplatz Braunschweig vor dem Niedersachsen-Duell BTSV gegen Hannover 96. Gegen 11 Uhr am Hauptbahnhof. Die Ruhe vor dem Sturm. Oder noch besser gesagt: Die Ruhe vor dem Ansturm der „marodierenden Fans von Hannover 96“. Schenkte man dem medialen Aufschrei und den Worten manch eines H96-Verantwortlichen Glauben, so hätte man in der Tat denken können, Braunschweig stünde der totale Ausnahmezustand bevor. Die Vorbereitungen wurden am Hauptbahnhof getroffen. Absperrgitter standen bereit, zwei Wasserwerfer sowieso. Die nahe des Bahnhofs befindlichen Polizisten waren nur ein Bruchteil der insgesamt eingesetzten Hundertschaften aus Niedersachsen und Hessen. Von rund 3.300 Beamten war die Rede. Einige hundert warteten im Umfeld des Hauptbahnhofs. Nach der für 10 Uhr in Hannover angesetzten Fandemo, würden die H96-Fans mit dem Zug um 13:41 Uhr eintreffen, um in Braunschweig ab 14 Uhr eine zweite genehmigte Fandemonstration abzuhalten.

BTSV

12 Uhr in der Braunschweiger Altstadt. Kaum etwas weist darauf hin, dass dreieinhalb Stunden später das Niedersachsen-Duell angepfiffen wird. Die Kirchglocken läuten, die Spatzen schlagen Alarm. Einzelne Familien kaufen ein Eis. Etwas mehr Leben herrscht am Schloss. Gegenüber des Wahrzeichens stehen zahlreiche BTSV-Anhänger und schlürfen ein kühles Blondes. Kurzzeitig erhebt sich gelber und blauer Rauch gen Himmel. Wenig später ertönt ein fröhliches „You´ll never walk alone“. Richtig, alleine marschiert an diesem Tag niemand. Die Polizei ist allgegenwärtig und hat alles im Blick. Die Stimmung unter den Braunschweigern ist gut, man ist hoffnungsvoll, was das sportliche Geschehen auf dem Rasen betrifft. Ein Sieg gegen den verhassten Erzrivalen aus der Landeshauptstadt scheint in greifbarer Nähe.

BS

Zurück am Hauptbahnhof. 13:15 Uhr. Die letzten Vorbereitungen werden getroffen. Die Aufgänge werden nach und nach geschlossen, bald ist niemand mehr im Hauptgang. Außer die Polizei – und wir beide von turus.net. Immer wieder werden die Presseausweise kontrolliert. Hierbei darf betont werden, dass der Ton weitaus freundlicher ist als der von manch einem Berliner Beamten war. Dass der Zug aus Hannover rund 30 Minuten später eintreffen wird, gab bereits ein Freund per SMS bekannt. Nicht alle Hannover-Fans wurden dort in den Regionalexpress gelassen, zudem wurden die meisten Teilnehmer gefilzt. Ein Teil wurde eingekesselt und würde an diesem Tag nicht mehr die Stadt der Löwen erreichen. Von rund 600 anreisenden H96-Fans war die Rede. 14 Uhr. Gespenstische Stille im Bahnhof. Gewisse Nervosität unter den Beamten. Warten auf dem Bahnsteig. Wieder die Frage nach dem Presseausweis und dem Medium. Zudem wurde erklärt, dass für unsere Sicherheit nicht garantiert werden könne. Hm ja, ein leichtes Grummeln in der Magengegend kam nun auf. Was, wenn es auf dem Bahnsteig sofort nach Ankunft eskalieren würde? Wenn Gegenstände und Pyrotechnik fliegen? Im Kopf wird ein Plan B zurechtgelegt. Hier nach hinten, dort die andere Treppe. Die anderen Fahrgäste wurden gebeten in den hinteren Bereich des Bahnsteiges zu gehen und dort abzuwarten.

Braunschweig

Großer Showdown. Gegen 14:10 Uhr rollt der besagte Zug ein. Er rollt, rollt und rollt und schießt fast am Ziel vorbei. Letztendlich hält er ganz vorn. Genau dort, wo die anderen Reisenden hingeschickt wurden. Ein paar Einsatzkräfte müssen auf dem Bahnsteig nachrücken. Die Türen öffnen sich. Und? Und nichts! Stille. In aller Ruhe wie auf einer Kaffeetour steigen die meist jungen H96-Fans aus. Kein Schlachtgesang, keine Fahnen, keine Provokationen. Nach kurzem Abwarten wird die Reisegruppe die schmale Treppe hinunter in den Gang und anschließend in Richtung Bahnhofshalle geführt. Kurz ertönt ein „Tod und Hass dem BTSV!“, dann ist es wieder still. Fast wie auf einem Schweigemarsch. Davon ganz abgesehen, sieht der Großteil der Angereisten alles andere als auf Krawall gebürstet aus. Vielleicht um die 50 Fans könnte man als „old school“ bezeichnen. Der Rest: Überwiegend junge Fans, die alles andere als Randale im Kopf haben.

H96

Trotzdem: Die Polizei ist auf Zack. Immer mehr behelmte Polizeibeamte strömen nach. Die Fandemo-Teilnehmer werden rechts hinaus geführt. Und dann die Überraschung. Oder auch nicht. Ein überaus frustrierender Anblick. Der angrenzende Parkplatz wurde zu einem großen Käfig, oder besser gesagt Freigehege umfunktioniert. Ringsherum Absperrgitter, Einsatzfahrzeuge und behelmte Beamte. Das ist also der eingeräumte Freiraum. Die von 14 bis 16 Uhr genehmigte Demonstration. Jede NPD-Demo erhält mehr Freiraum. Das Ganze wirkt wie ein Witz, wenn es nicht so traurig wäre. Würde man die gleichen Maßstäbe bei der Revolutionären 1. Mai Demonstration in Berlin ansetzen, so müsste zum Beispiel auf dem Tempelhofer Feld ein riesiger Käfig für die 10.000 Teilnehmer eingerichtet werden. Dort und nicht woanders. Keinen Schritt durch die Stadt und basta. Allerdings gibt es in Deutschland ein Demonstrationsrecht. Sogar für gewaltbereite autonome Gruppierungen. Nur nicht für Fußballfans. Diese müssen sich mit einem Käfig am Hauptbahnhof begnügen. Dort, wo niemand etwas mitbekommt. Dort, wo man sich kein Gehör verschaffen kann.

H96

Ja, wäre es wirklich eine Horde gewaltbereiter Freaks, so könnte man solche Maßnahmen in gewissem Maße verstehen. Aber für diese Fans? Lange Gesichter bei den meisten Teilnehmern. Lustlosigkeit macht sich breit. Etliche sitzen schon bald auf den Bordsteinkanten und tippen fleißig auf ihren Smartphones. Von Aufruhr keine Spur. Einige holen sich lieber fix einen Burger am zugänglichen Fast-Food-Restaurant. Nun ist dieser Demo-Standort in der Tat so ziemlich das Letzte was man sich wünscht, doch wo bleibt die verbale Ansage? Ein paar ältere Fans geben sich mit dem Ganzen nicht zufrieden und rücken schon mal dezent in Richtung Absperrung. Ein Ordner mit weißer Binde kommt sogleich herbei und bittet jene, nicht zu provozieren. Provokation hätte wohl auch nichts gebracht. Ein knackiger Gesang in der Bahnhofshalle jedoch schon. Und wenn es nur eine Uffta zum Trotz wäre.

H96

Die Fans bleiben nicht allzu lange auf dem ungemütlichen Parkplatz, mit dem nächsten Zug soll es wieder nach Hannover zurückgehen. Dort in den Kneipen wenigstens die zweite Halbzeit gucken. Als Außenstehender fragt man sich schnell, weshalb überhaupt der Weg nach Braunschweig auf sich genommen wurde. Und da es weiter nichts zu tun gibt, nehmen die Beamten mal eben ein paar Leute fest, die BTSV-feindliche Aufkleber an den Wänden des Bahnhofs angebracht hatten. Bei allem Verständnis, doch da hätte man an diesem für die 96-Fans überaus miserablen Tag wirklich drüber hinweg schauen können.

H96

Und es kommt noch besser! Nach kurzem Stau im Gang, der dann doch fleißig genutzt wurde, um die Aufkleber loszuwerden, geht es hinauf auf den Bahnsteig. Der Regionalzug nach Hannover steht bereit. Still steigen die Fans ein, doch nicht alle werden in die Waggons gelassen. Die „Old-School-Fraktion“ und ein paar andere Hannoveraner müssen draußen bleiben und auf den nächsten Zug warten. Der Grund: Der Zug sei voll. Schaute man jedoch in die Waggons, so ergab sich ein anderer Anblick. Von einem Gedränge wie beim Berufsverkehr nicht die Spur. An mehreren Türbereichen war sogar kein einziger Fahrgast zu sehen. Nur vier Polizisten, die entspannt in der Tür standen und somit den Weg versperrten. Die Helme waren ab, also auch aus ihrer Sicht keine wirkliche Gefahr in Sicht. Höfliches Nachfragen nutzte nichts. Der Zug sei voll. Punkt. Ungläubiges Kopfschütteln bei den zurückbleibenden Fans. Lethargie und Resignation indes im Zug. Und auch in dieser Situation von Aufruhr und Aufbäumen keine Spur. Umso mehr muss der Sinn dieses Handelns der Polizei hinterfragt werden. Sicher wollte man auch diese Reisegruppe nochmals aufteilen, um ein gemeinsames Eintreffen in Hannover zu verhindern. Doch wozu? Am späteren Abend waren sicherlich alle wieder beisammen am Vereinsgelände von Hannover 96, um dort den aufgestauten Frust abzulassen.

H96

16 Uhr in der Braunschweiger City. An der Kneipe gegenüber vom Schloss schauen BTSV-Fans das Spiel auf angebrachten Bildschirmen. Braunschweig führt bereits mit 2:0. Zuvor hatte das Braunschweiger Publikum eine klasse Choreographie präsentiert. Die arg dezimierte Gästekurve wirkt indes blutleer – genauso wie die Mannschaft von Hannover 96. Die üblichen Zaunfahnen und Banner fehlen an diesem Tag auf Gästeseite. Insgesamt ist die Stimmung im Stadion prima, doch für eine derbywürdige Atmosphäre fehlt ganz einfach ein stimmungsvoller Gästebereich. Sang- und klanglos geht Hannover mit 0:3 unter. Im Stadion und in den Kneipen der Stadt feiert die blau-gelbe Anhängerschaft den sportlichen Erfolg. Für Eintracht Braunschweig mag dieser Tag ein Feiertag sein, doch für die deutsche Fankultur war es wieder einmal ein überaus trauriger Rückschlag.

BS

Fazit: Selbstverständlich bedarf es im Rahmen der Fußballspiele polizeiliche Einsätze und Maßnahmen, um die Sicherheit zu gewährleisten, doch sollten jene in einem Verhältnis zur wirklichen Gefahr stehen. Der Witz am Ganzen: Eine kleine Klopperei zwischen jugendlichen Fans nach dem Spiel direkt vor dem Hauptbahnhof konnte auch von den 3.300 in der Stadt anwesenden Beamten nicht verhindert werden. Mag der Aufschrei von manchen groß sein, ich stehe zu diesem Bericht. Nach 25 Jahren Fußball mit all seinen Höhen und Tiefen und etlichen Blicken über den Tellerrand, kann ich durchaus eine Verhältnismäßigkeit einschätzen. Und deshalb ganz klar: Das Ganze war am Sonntag nicht die richtige Lösung!

BS

Fotos: Tobi K., Marco H., Marco Bertram

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