Handylichter und Kanonenschläge: Vor Ort bei Galatasaray und Bursaspor

C 09 November 2013
bursaspor

BursasporDas lange Wochenende zum Novemberbeginn wurde dieses Jahr genutzt, um die für uns erste Reise an den Bosporus zu starten. Auch wenn die Metropole Istanbul, die sich bekanntlich auf zwei Kontinente unterteilt, nur als heimliche Hauptstadt der Türkei gilt, ist sie doch die bevölkerungsreichste und größte Stadt des Landes, was sich auch an der Vielzahl an Sportvereinen widerspiegelt. Für unsere Reisegruppe kam es daher in Frage, die Flüge und das Hotel bereits früh zu buchen, die Fußballspiele und das anderweitig geplanten Programmpunkte aber erst später unter einen Hut zu bekommen. Spricht man von Fußball in Istanbul, fallen natürlich in erster Linie die drei großen Clubs Galatasaray, Fenerbahçe und Besiktas Istanbul ins Gedächtnis. Mindestens einen dieser Clubs sollte man auch definitiv vor heimischer Kulisse zu Gesicht bekommen, einen Favoriten hatte hierbei jeder…

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Problemlos ging es von der bayrischen Landeshauptstadt mit der genialen Turkish Airlines zum Atatürk – Flughafen im Südwesten der Stadt. Ein Bus brachte uns im Anschluss für 10 TRL über den Hafen von Yenikapi bis hin zum berühmten Taksim Platz, bei einer Fahrzeit von einer knappen Stunde geht der Preis hierfür auch wirklich in Ordnung. Nach einigen Besorgungen der direkte Weg zum Hotel, ehe es bereits zum ersten Spiel des Wochenendes ging.

Freitag, 01.11.2013, Galatasaray Istanbul – Torku Konyaspor

GalaGalatasaray Istanbul – der erfolgreichste und beliebteste Club des Landes. Seit 2011 spielen die „Aslanlar“ (Die Löwen) in der modernen Türk Telekom Arena, welche trotz des etwas umständlichen Metro – Liniennetzes der Stadt vom Zentrum aus einfach zu erreichen ist. Auch führt der Weg dorthin am ehemaligen Standort des Ali Semi Yen Stadions vorbei, der traditionellen Spielstätte der Rot – Gelben. Die nach dem Gründer des Vereins benannte Spielstätte wurde ebenfalls im Jahre 2011 dem Erdboden gleich gemacht. Dennoch wurde die traditionsreiche Verbindung des Ali Semi Yen in den Stadtteil Seyrantepe übernommen und der Sportkomplex nach jenem Gründer benannt, wenn auch der Stadionname von einem türkischen Telekommunikationsunternehmen stammt.

GalaVorbei an den unzähligen Schalverkäufern erreichte man weit vor Anpfiff den Außenbereich des Stadions, an dem sich bereits die ersten Schwarzmarkthändler um uns kümmerten. Leider erfuhr man entgegen der Ankündigungen auf der offiziellen Website, dass Tickets nur gegen eine Onlinereservierung erhältlich sind und so stand man bereits zu Beginn der Reise vor der ersten Hürde. Nach ewiger Diskussion mit dem Ordnungsdienst brachte uns dieser an den Drehtoren vorbei bis hin zur Pressestelle der Arena, an welcher man sein Glück trotz fehlender Bestätigung zur Akkreditierung versuchte. Mit etwas Geschick konnte auch der letzte Mitarbeiter der Pressestelle davon überzeugt werden, dass bei einem zu zirka 70 Prozent ausgelasteten Stadion immer ein Platz für Touristen auffindbar ist. Ärgerlich war das konsequente Handeln jenes Mitarbeiters, der uns hierfür nur 2 von 3 notwendigen Pressetickets gab, hierbei über die Köpfe seiner Kollegen hinweg entschied und uns im Laufe der Tour nicht das letzte Mal auf die Nerven gehen sollte. Für unsere Begleitung ging es also zurück zum Schwarzmarkt, dort das Ticket für 100 TRL eingetütet und ebenfalls auf unserer Tribünenseite mit bester Sicht Platz genommen.

GalaTatsächlich waren wie vermutet 32.000 Zuschauer im Stadion, ca. 200 davon drückten den Gästen aus Konya die Daumen. Die Stimmung war bereits ab einer Stunde vor Anpfiff stellenweise beeindruckend, auch weil die Spieler der Heimmannschaft während der Warmmachphase nach und nach vor die Tribüne der UltrAslan gebeten und heldenhaft gefeiert wurden. So zog sich das Prozedere über alle Spieler bis hin zu Startrainer Roberto Mancini. Auch der Trainer der heutigen Gäste aus Konya wurde von allen Galatasaray Anhängern gefeiert, da er sich selbst als aktiver Spieler über 10 Jahre das Trikot der rot – gelben überstreifte, tolle Aktion!
Mit dem berühmten „Cim Bom Bom“ zum Anpfiff erzeugten die Ränge eine überwältigende Stimmung, allen voran die Pegasus Tribünü, die im Anschluss nicht mehr zur Ruhe kam, wenn auch phasenweise spielbezogen ein Dämpfer drin war.

GalaAuf dem Feld spielten zu Beginn nur Torku Konyaspor mit dem Bundesligalegionär Theofanis Gekas, der ein überragendes Spiel machte. Neben ihm Stand vorallem Galatasaray – Keeper Fernando Muslera im Mittelpunkt, der mit seiner Unsicherheit auch das Tor der Gäste vorbereitete. Der missglückte Pass landete bei Gekas, der mit viel Übersicht quer auf Recep Aydin zum Führungstor vorlegte (16.). Die Löwen hingegen konnten trotz ihrer enormen Qualität mit Sneijder (verletzungsbedingt früh ausgewechselt), Drogba und Burak Yilmaz kaum für Torgefahr sorgen, da der Ball meist in den eigenen Reihen fahrlässig vertändelt wurde. Allgemein kann der Verein sportlich derzeit nicht ganz zufrieden sein, hat man doch alle Istanbuler Rivalen bei einer Niederlage mit wachsendem Abstand vor sich. Vor dem Pausenpfiff zeigte Didier Drogba dennoch seine nach wie vor enorme Kopfballstärke und köpfte die Flanke von Umut Bulut unhaltbar zum 1:1 in die Maschen (45.).

Scheinbar fand Roberto Mancini die richtigen Worte an seine Mannschaft. Mit dem Seitenwechsel stürmten die Gastgeber dauerhaft nach vorne, auch wenn in der 50. Minute ein Rückpass fast am schlecht postierten Fernando Muslera vorbei ins Tor gerollt wäre. Burak Yilmaz hingegen brachte einen erneuten Konter für Galatasaray mit dem mittlerweile verdienten Führungstreffer zum 2:1 zu Ende. Hierbei war der Torwart dank geschicktem umkurven chancenlos (66.).

GalaDie Stimmung in der Türk Telekom Arena war mittlerweile wieder am Kochen. Einzelne Anfeuerungsversuche der Gäste, dessen Gruppe Nalcacililar erst weit nach Anpfiff ankam, wurden im Affekt durch gnadenlose Pfeifkonzerte zunichtegemacht. Wenn auch der größte Teil der Gästefans zu einem Istanbuler Fanclub zugeordnet werden konnte, nahmen mindestens 30 Zuschauer den  Weg vom rund 700 Kilometer entfernten Konya im Süden der Türkei auf sich. Letztendlich setzte sich allerdings auf dem Feld die Qualität der Mannschaft mit einem Gesamtmarktwert von über 150 Millionen Euro durch. Galatasaray gewann das Spiel am Ende knapp, aufgrund der zweiten Hälfte aber verdient, mit 2:1. Eine tolle Idee auf Seiten der Galatasaray – Anhänger war die schöne Handylichter – Aktion, bei kurz vor Ende des Spiels mehrere tausend Smartphones unter dem Nachthimmel Istanbuls erleuchteten und ein imposantes Bild ergaben. Schade hingegen, dass nach Abpfiff die wohl von Erfolg verwöhnten Zuschauer auf den neutralen Tribünen nach kurzem Siegesjubel den Weg zu den Fahrzeugen suchten. Auch die Mannschaft von Galatasaray schien kein Interesse an einem kurzen Rundgang zu haben und verschwand sofort in den Katakomben, während die UltrAslan weiterhin feierten.

Man kann Galatasaray wahrlich als Verein mit extrem fanatischen Anhängern zählen, auch wenn die Arena nur phasenweise zur besagten „Hölle“ wird, herrscht eine wirklich beeindruckende Stimmung, die bei einem ausverkauften Stadion und gar einem Stadtderby wohl in punkto Lautstärke seines gleichen sucht. Für uns ging es im Anschluss voller Zufriedenheit zurück in Richtung Innenstadt und Hotel, da am nächsten Tag bereits das nächste Spiel auf uns wartete…

Samstag, 02.11.2013, Bursaspor Kulübü – Fenerbahçe Istanbul

Knapp 100 Kilometer südlich von Istanbul befindet sich die Industriestadt Bursa, der mittlerweile viertgrößten Stadt der Türkei. Internationale Bekanntheit erreichte die Stadt neben den ansässigen Unternehmen wohl auch durch den Fußballclub Bursaspor Kulübü, der in der Saison 2009 / 2010 seine erste und bislang einzige Meisterschaft feierte und seither auch gelegentlich auf der internationalen Bühne des Fußballs präsent ist. Bursaspor empfing zur Süper Lig Partie den großen Istanbuler Club Fenerbahçe, der aktuell die Tabelle der höchsten türkischen Spielklasse anführt.

AtatürkÜber den Fährhafen Istanbul – Kaabas legen mehrfach am Tag Katamarane in Richtung Mudanya, einer Hafenstadt in der Provinz Bursa, ab. Tickets hierfür gibt es für 20 TRL, die Fahrzeit beträgt hierbei knappe 2 Stunden bis Mudanya. Die Alternative hierzu ist das Busunternehmen Nilüfer, welches zwar für 12 TRL direkt von Istanbul nach Bursa fährt, allerdings die doppelte Zeit beansprucht. In der schönen Hafenstadt Mudanya angekommen gab es für uns zunächst günstige türkische Küche auf den Tisch, ehe es mit der Dolmus, dem türkischen Sammeltaxi, für 1 TRL (ca. 0,30 €) eine halbe Stunde in die Innenstadt Bursas ging. Auf dem Weg zur Spielstätte, dem Atatürk Stadion, warf man noch einen kurzen Blick auf den laufenden Stadionneubau der „Timsah Arena“, zu Deutsch: „Krokodil – Arena“. Anfang 2014 soll die in Form des Maskottchens konstruierte Arena vollständig errichtet sein.

Angesichts des wunderschönen Atatürk – Stadions ist dieser Neubau zwar sinnvoll, aber dennoch wird auch in der Türkei zukünftig ein weiteres Prachtstück für Sportveranstaltungen fehlen. Binnen 2 Stunden war das heutige Spiel gegen Fenerbahçe Istanbul ausverkauft. Angesichts der 4000 in den freien Verkauf gehenden Tickets, davon 1300 an die Gäste aus Istanbul, ist dies aber keine Meisterleistung. Die Rivalität der beiden Clubs war deutlich spürbar, zusätzlich sollte Bursaspor alles daran legen wollen den Tabellenführer auf heimischem Boden zu schlagen.

BursaWas die Fangruppierungen um die Hauptgruppe „Teksas“ auf Seiten von Bursaspor in den ersten Minuten ablieferten ist kaum in Worte zu fassen. Als Intro gab es großes Spruchband, sowie eine aufgezogene Fahne mit „Fire in the Hole“. Beim anschließenden „Bir, Iki, Üç“ donnerte es von allen Tribünen in einer unfassbaren Lautstärke auf das Spielfeld hinein, hinzu gab es die viel kritisierten „Kanonenschläge“, die rund um das Spielfeld und auf den Rängen detonierten und die Dezibel Zahl weiter erhöhten. Nach dieser Aktion stiegen auch die Genç aus Fenerbahçe auf den Rängen mit ein, ebenfalls mit dem türkischen Standardprogramm, das meist nur durch die Lautstärke unterscheidet.

Bursaspor war über weite Strecken die Mannschaft mit mehr Effizienz in einer starken ersten Hälfte. Das Team von Christoph Daum, das zuletzt 3 Siege in Folge feiern konnte, ging dank überragendem Konterspiel im eigenen Stadion durch Ferhat Kiraz mit 1:0 in Führung (19.). Die Abwehr des Tabellenführers schien über weite Strecken alles andere als Sattelfest und konnte sich mehrfach bei Schlussmann Volkan Demirel bedanken, dass dieses Ergebnis bis zum Pausentee hielt.

FenerMit dem Seitenwechsel kam der Favorit aus Istanbul besser ins Spiel. Kurz nach der Einwechslung von Pierre Webo besorgte dieser mit der ersten Aktion den mittlerweile verdienten Ausgleich zum 1:1 (63.). Obwohl die Hausherren fortan dem Gegner trotzen konnten, besiegelte Emenike in der 83. Spielminute den vermeintlichen Siegtreffer. Bursaspor rappelte sich weiter auf und versuchte noch einmal alles vor das Tor der Gelb – Blauen zu werfen und erzielte in der Nachspielzeit durch Batalla das vierte Tor des Tages zum 2:2. Der massive Jubel hielt auf Seiten Bursas nicht lange an. Durch die lange Dauer der Nachspielzeit erzielte Fenerbahçe in einer torbulenten Schlussphase den Siegtreffer (94.) und baut dadurch die Tabellenführung gegenüber Kasimpasa Istanbul weiter aus. Das Team von Christoph Daum steht weiterhin mit 14 Zählern im Mittelfeld…

Dieser grandiose Fußballtag endete für uns mit einer langen aber problemlosen Reise über das Marmarameer. Eins ist klar, sobald die neue Timsah Arena bespielt wird, wird eine weitere Reise in die Provinz Bursa stattfinden.

Text: Marcel Bär

Fotos: Claude Rapp

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in der Türkei

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