Polizeigewalt beim Fußball: Rückblick auf den „goldenen Schlagstock“ in Bochum

MB 20 August 2013
 
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Polizei in Bochum

Ruhrstadion 1992„Kultur statt Knüppel.“ Bei der Recherche zum Thema Deutscher Fanzeitungsverbund (DFZV) fielen eine pdf-Datei des B.A.F.F. und das Fanmagazin „15.30 Uhr“ vom Februar 1992 in die Hände. „Wenn die Hooligans kommen, muss der Knüppel raus!“, lautete eine Aussage des einstigen DFB-Präsidenten Neuberger vor der EM 1988. Zu lesen in der besagten pdf-Datei „Die 100 schönsten Schikanen gegen Fußballfans“, die sich als echtes Fundstück herausstellt. Dass in der Tat munter geknüppelt wurde – nicht nur gegen vermutliche Hooligans – ist unbestritten. Keine Frage: Zu Beginn der 90er Jahre saß in vielen Städten der Schlagstock allzu locker im Halfter der im Einsatz befindlichen Polizisten.  

Auswärtsfahrten nach Mönchengladbach und Bochum waren zu jener Zeit legendär. Abendspiele auf dem Bökelberg und im Ruhrstadion. Herbst. Nieselregen. Der Weg zurück zum Bahnhof. Am besten ein, zwei Punkte im Gepäck, denn dann wurde es mitunter besonders „gemütlich“. Frustrierte Heimfans und gereizte polizeiliche Einsatzkräfte konnten aus der fröhlichen Rücktour ein Szenario mit Schrecken werden lassen. Besonders für kleinere Fanszenen konnte der Fußweg zum Bahnhof an einem nasskalten Freitagabend recht abenteuerlich werden. Kleinste Zwischenfälle am Rande konnten zum Zücken der Knüppel führen. Hierbei muss betont werden, dass damals die meisten Fans noch nicht so kompakt marschiert waren, wie es in der Gegenwart häufig üblich ist. Als recht loser Verband trotteten die Kutten, Normal-Fans und Jungs mit den Handschuhen in den Gesäßtaschen die Straßen entlang.

PolizeiWenn es nicht schnell genug ging oder irgendwo am hinteren Ende es zu Laufereien und Handgreiflichkeiten unter den Fans kam, setzte es von der behelmten Polizei Hiebe. Ehe man sich versah, wurde einem der Knüppel über den Rücken gezogen. Wer so etwas zuvor in seinem Leben noch nicht erlebt hatte, der dachte, es träfe einen ein Stromschlag. Ein kurzes Lähmungsgefühl. Dazu eine Mischung aus grenzenloser Wut und Ohnmacht. Da lief man als 19-Jähriger mit Schal um den Hals oder um das Handgelenk fröhlich singend „Ooooh, schwaaaaarz-rot, wir saufen bis zum Toood...“ durch die Gladbacher oder Bochumer Innenstadt – und schwupps klinkte es bei dem einen oder anderen Beamten aus und trieb dich lang wie ein Stück Vieh. Nein, kein Hooligan. Keine Kunstlederhandschuhe in der Diesel-Jeans. Kein Bulldog-Shirt. Auch als junger Fußball-Stino bekam man die Macht des Polizeiapparates hautnah zu spüren.

Aus eigener Erfahrung kann bestätigt werden, dass die Einsatzkräfte in Bochum und Mönchengladbach zu damaliger Zeit besonders forsch und prügelfreudig waren. Das sahen auch mehr als 50 Redakteure unabhängiger Fanzines so, die sich im Juli 1991 beim sechsten bundesweiten DFZV in Bonn zusammensetzten und den aktuellen Stand der Dinge auswerteten. Nach langen Gesprächen stand schließlich fest: Mit knappem Vorsprung auf ihre Kollegen in München und Mönchengladbach belegte die Bochumer Polizei den Spitzenplatz in der aufgestellten Rangliste. Die Polizei in Bochum wurde somit der Adressat für den erstmals verliehenen „Goldenen Schlagstock“. In der Pressemitteilung des DFZV hieß es damals: „Die Auszeichnung ... soll die besondere Willkür und Schikane bezeichnen, mit der die Polizei Bochum während ihrer Einsätze bei Bundesligaspielen gegen angereiste Gästefans vorgeht.“

Der „Goldene Schlagstock“ sorgte deutschlandweit für Schlagzeilen – und das in einer Zeit vor dem Internet. Die Nachricht verbreitete sich in Fankreisen in Windeseile. Selbst die regionale Presse in NRW berichtete über die Vergabe des mit Goldfolie umwickelten und leuchtend blauer Schleife verzierten Holzstocks. Dass sich die Bochumer Polizei mit Hilfe von Meldungen zur Wehr setzte, war zu erwarten. Diese sah den „Goldenen Schlagstock“ als deutlichen Affront. Und dabei wollte der DFZV die Bochumer Polizei nicht auf den Arm nehmen oder provozieren. Vielmehr sollte auf die Missstände im Umfeld der Fußballstadien hingewiesen werden.

Gegen PolizeigewaltUnd meine damalige persönliche Reaktion auf die völlig grundlosen Knüppelhiebe? Nach dem Schock der verbale Wutausbruch. Die gepolsterten, behelmten Beamten mögen doch mal bitte in Berlin in der Mainzer Straße vorbeischauen und sehen, ob es sich mit dem „Schwarzen Block“ auch so lustig knüppeln lässt. Die Antwort: Keine weiteren Schläge, sondern nur hämisches Grinsen, das sich bis in die Gegenwart fest eingebrannt hat. Und eins war klar: Das persönliche Grundvertrauen zur bundesdeutschen Polizei (zumindest im Umfeld des Fußballs) ging verloren – und das nur ein Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung.

Rund 22 Jahre später kann gewiss Résumé gezogen werden. Immer wieder konnte bei Fußballspielen Polizeigewalt beobachtet werden, doch solch ein wahlloses, völlig abstruses und sinnloses Knüppeln wie Anfang der 90er Jahre in den beiden besagten Städten gab es zu späteren Zeitpunkten eher seltener. Vielleicht hatte ja der „Goldene Schlagstock“ wirklich ein Stück weit etwas dazu beigetragen. Sei wie es sei, Bochum und der Gladbacher Bökelberg bleiben in schmerzhafter Erinnerung...

Fotos: turus.net-Archiv (oben: Ruhrstadion 1992, unten: Fandemo Berlin 2010)

> zu den turus-Fotostrecken: Fußball, Stadien, Fankultur

 

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