Der große blau-weiß-rote Geburtstag steht kurz nach Weihnachten vor der Tür! Als am 28. Dezember 1965 um 18:32 Uhr die Gründungsurkunde unterzeichnet wurde, löste sich die Fußballabteilung aus dem im Jahre 1954 ins Leben gerufenen SC Empor Rostock heraus und der F.C. Hansa Rostock wurde als reiner Fußballclub gegründet. 60 Jahre Hansa Rostock – bereits vom 10. Mai bis 07. September dieses Jahres gab es in der Kunsthalle Rostock die Ausstellung „Rund & Eckig, manchmal dreckig“ zu sehen. Beleuchtet wurde im unteren Geschoss die Geschichte von Empor Rostock und Hansa Rostock von 1954 bis Gegenwart, im Obergeschoss ging es unter anderen um die speziellen Themen Sicherheit & Gewalt und die Rolle der Stasi. Die Ausstellung war ein voller Erfolg und zog tausende Besucher an, und Highlights waren in jedem Fall die Abenden der Legenden. An dieser Stelle habt Ihr nun die Möglichkeit, die von mir verfassten Texte aus dem unteren Rundgang noch einmal ganz in Ruhe zu lesen. In drei einzelnen Folgen quer durch die Jahrzehnte…

Bau des Ostseestadions (1953/54)
Um die Voraussetzungen für einen zukünftigen Standort für Oberliga-Fußball und andere Leistungssporten in der Hansestadt Rostock zu schaffen, wurde Anfang der 1950er Jahre mit den Vorbereitungen für den Bau des Ostseestadions begonnen. Genutzt wurden die Erdwälle des einstigen Aufmarschplatzes, zudem blieben die alten Frontbauten aus Großblockbausteinen bestehen. Da kurz nach dem Krieg die finanziellen Mittel knapp waren, rief das im November 1951 gegründete Nationale Aufbauwerk (NAW) die Bevölkerung dazu auf, zu spenden und freiwillige Arbeitsstunden zu leisten. Ähnlich wurde dies auch bei anderen Großprojekten wie beim Rostocker Überseehafen gehandhabt, bei dem unter anderen Schüler die Steine für die Aufschüttung von Nah und Fern herankarrten.

Beim Bau des Ostseestadions wurden 230.000 freiwillige Arbeitsstunden geleistet, wodurch Einsparungen in Höhe von 928.018 DDR-Mark erfolgten. Ein an der Nordseite aufgestellter Stein erinnert an diese erbrachten Leistungen.
Am 27. Juni 1954 wurde das noch nicht ganz fertige Ostseestadion mit drei Spielen feierlich eröffnet. Im Rahmen des Endspiels um die Jugendfußballmeisterschaft traf Einheit Schwerin auf Chemie Zeitz (1:3), zudem spielte eine DDR-Nachwuchsauswahl gegen den ungarischen Erstligisten Vasas Győr (0:2), und den Abschluss bildete das Junioren-Duell Stahl Helbra vs. Wismut Neuwürschnitz (4:0).

Passten anfangs 18.000 Zuschauer in das weite Rund, so waren es später phasenweise bis zu 30.000. Die Fertigstellung des Dachs der Haupttribüne erfolgte 1968, das Flutlicht wurde am 23. Oktober 1970 eingeweiht, und der auf der Südseite befindliche Stadionturm erhielt im Jahr 1973 eine Anzeigetafel. Dieser Turm wurde 1992 abgerissen, stattdessen wurde eine neue computergesteuerten Anzeigetafel installiert, die bis zum kompletten Umbau des Stadions Bestand hatte.

Dank der sechs Laufbahnen war das Rostocker Ostseestadion bis 1999 auch Schauplatz diverser Leichtathletik-Veranstaltungen. Das erste Fußball-Länderspiel im alten Ostseestadion wurde am 16. September 1954 gegen die Volksrepublik Polen ausgetragen. Es war erst der fünfte internationale Vergleich der DDR-Auswahl. Rund 30.000 Zuschauer drängten sich auf die Ränge, und diese bekamen in der 21. Minute den Treffer von Gerard Cieslik zu sehen, der am Ende für den knappen polnischen 1:0-Sieg reichte. Von 1958 bis 1980 folgten sieben weitere Länderspiele der DDR-Auswahl, keines dieser Spiele ging verloren.

Heinz Werners kurioser Rauswurf (08. März 1975)
„Du wechselst sofort Jakubowski und Kaube aus!“, rief wutschnaubend Parteifunktionär Harry Tisch – von manchen auch „Wein-Harry“ genannt – dem damaligen Hansa-Trainer Heinz Werner zu. Hansa Rostock lag am 08. März 1975 nach 20 Minuten gegen den FC Carl Zeiss Jena mit 0:2 zurück, doch Heinz Werner, der 1970 als Co-Trainer nach Rostock kam und im Sommer 1973 Cheftrainer wurde, dachte nicht daran, bereits zu jenem Zeitpunkt zu wechseln. Harry Tisch, der aufgrund des Frauentages sichtlich angetrunken war und noch während der ersten Halbzeit von der Ehrentribüne herunterkam, machte es kurz: „Du bist entlassen!“

Niemand sagte etwas. Das Spiel ging mit 0:2 verloren, und Heinz Werner, der es kaum glauben konnte, mal einfach so während der Partie entlassen worden zu sein, kam am Montag wieder zur Mannschaft und trainierte diese noch eine Woche. Dann kam Harry Tisch und bestätigte, dass er tatsächlich entlassen sei. Zum Abschied gab es ein geschnitztes Holzschiff als Geschenk. Keine Kogge, sondern eine Santa Maria. Im Anschluss musste Heinz Werner, der offiziell krank war, für zwei Monate ins Klinik-Sanatorium Graal Müritz. So endete seine Zeit bei Hansa ähnlich kurios wie sie fünf Jahre zuvor begann.

Nach seiner Zeit als Spieler und Trainer bei Lok Stendal und in Schwerin holte ihn sein guter Freund Dr. Horst Saß 1966 zur neugegründeten BSG KKW Greifswald. Dort wollte Heinz Werner eigentlich eine gute Mannschaft aufbauen und parallel dazu an der Uni promovieren. Dann kam der überraschende Anruf. Heinz Werner sollte nach Rostock kommen, und Professor Gärtner, der ihn gern in Greifswald behalten hätte, meinte nur: „Wenn die Partei dort ruft, dann haben wir zu gehorchen. Und Sie auch!“ Das Ganze wurde abends um 22 Uhr entschieden, und bereits am kommenden Morgen ging es nach Rostock, um gegen halb zehn mit Herbert Pankau, Gerd Kische, Joachim Streich, Gerd Kostmann, Helmut Hergesell und den anderen Spielern zu trainieren. Unter Dr. Saß, der ebenfalls von Greifswald nach Rostock ging, war er anfangs Co-Trainer, im Sommer 1973 übernahm er den Posten des Cheftrainers. Bis zum besagten Frauentag 1975 …

Der „Kruse-Tausch“ beim internationalen Fußballvergleich (22. Oktober 1986)
„Wir nehmen euren Kruse mit und lassen unseren Kruse hier!“ – dieser im Spaß gefallene Satz sorgte für ein wenig Aufregung bei der Stasi, die das Ganze überhaupt nicht lustig fand und zwei Monate nach dem internationalen Fußballvergleich gegen den FC Schalke 04 („Freundschaftsspiel“ durfte eine Partie gegen einen Vertreter des „Klassenfeindes“ nicht genannt werden), eine „Operative Personenkontrolle“ (OPK) eröffnete. Die Folge: Axel Kruse hatte seinen Reisekader-Status verloren und durfte nicht mit zum Rückspiel nach Gelsenkirchen reisen. Als Axel Kruse zwei Jahre später am 8. Juli 1989 im Rahmen des Intertoto-Cup-Spiels bei Boldklubben 1903 mit nach Kopenhagen reisen durfte, nutzte er die Gelegenheit und setzte sich ab.

Beim besagten Heimspiel gegen Schalke 04, das am Mittwochabend vor ausverkauften Rängen stattfand, erzielte der noch junge Axel Kruse beide Treffer, die zum 2:1-Sieg gegen den Bundesligisten führten. Hansa spielte zu jenem Zeit nur zweitklassig und peilte den direkten Wiederaufstieg an. Trainer Werner „Pico“ Voigt hatte alles richtig gemacht, seine Mannschaft war gegen Schalke 04 top motiviert, und nach einer Ecke köpfte Axel Kruse zum 1:0. Sein Namensvetter Thomas Kruse konnte als Verteidiger auch nicht das 2:0 durch Axel Kruse verhindern. Der Schalker Anschlusstreffer – erzielt von Ralf Regenbogen in der 89. Minute – kam aus Sicht der westdeutschen Gäste zu spät. Der Zweitligist von der Ostseeküste zeigte den „Knappen vom Schalker Markt“, wo der Hammer hängt.

Einziger Wermutstropfen des Tages: Nicht jeder Hansa-Fan, der im Ligaalltag bei jedem Heimspiel dabei war, bekam für jene Partie eine Eintrittskarte. Ein Großteil der Tickets ging an Linientreue, Parteifunktionäre und Betriebe, und man wollte etwaige Störgeräusche rings um das Spiel mit allen Mitteln verhindern. Olaf Thon und seine Mitspieler bei S04 erhielten vor der Fahrt in die DDR vom Manager die Ansage, sich nicht auffällig zu benehmen. So oder so, auf Heimseite waren Freude und Spannung sehr groß, als der Reisebus aus dem Westen mit der Aufschrift „RH“ und „FC Schalke 04“ in der Hansestadt einrollte. Manch ein Souvenirjäger nutzte die Gunst der Stunde und ergatterte ein Autogramm von Thon & Co.

Rostocker Führung beim FDGB-Pokalfinale (13. Juni 1987)
„Versammlung vorn. Ich sehe Alms, ich sehe März. Wohin kommt der Ball? Zu März auf den Kopf, und der Libero schießt das 1:0 für die Rostocker nach diesem Freistoß! Nach dieser sogenannten kurzen Ecke, die gut getimt war. Und voll hinein spritzte März, der Torschütze. Nach 22 Minuten im Stadion der Weltjugend führt der Außenseiter aus Rostock mit 0:1!“
Während die beiden Radiokommentatoren in gewohnt professioneller Manier im Stadion der Weltjugend ins Mikro sprachen und bei den Hörern daheim das Kopfkino anwarfen, war im Hintergrund das laute „Zugabe! Zugabe!“ der Hansa-Fans zu hören. Als frisch gebackener Aufsteiger in die DDR-Oberliga ging der F.C. Hansa gegen den Europapokal-Finalisten 1. FC Lok Leipzig im FDGB-Pokalfinale nach 20 Minuten in Führung, und die Mehrheit auf den Rängen drückte den Jungs von der Küste fest die Daumen. So sahen es auch die beiden Kommentatoren: „Und es wird eine ganze Menge Krach gemacht. Vor allem, wenn die Rostocker am Ball sind, denn der Außenseiter hat ja vielleicht auch von vornherein – zunächst ´jedenfalls – die Sympathien der Zuschauer, die hier aus Berlin kommen und in Berlin wohnen. … Und vor uns in der rechten Kurve voll gefüllt, prall gefüllt. Viele mit den weiß-blauen Fähnchen. Zur Unterstützung gedacht der Rostocker Mannschaft. Das ist also die Rostocker Fankurve. Und die Leipziger sitzen von uns aus – wir sitzen über der Ehrentribüne – auf der linken Seite.“

Nachdem 1955, 1956 und 1960 jeweils das Pokalfinale verloren ging, sollte 1987 der Pott gegen die Loksche geholt werden, und zig tausende Fans pilgerten in die Hauptstadt der DDR, sammelten sich am Bahnhof Lichtenberg, auf dem Alexanderplatz und an anderen markanten Punkten. Zwar waren die Rostocker Spieler Dank der 1:0-Führung und der lautstarken Unterstützung auf den Rängen beflügelt, doch war die Mannschaft des 1. FC Lok Leipzig eine Klasse für sich. René Müller, Matthias Liebers, Heiko Scholz, Frank Edmond und die anderen spielten eine sensationelle Saison und ließen am Ende den Jungs mit der Kogge auf der Brust keine Chance. Kühn (2x), Marschall und Leitzke drehten die Partie – am Ende musste sich Hansa mit 1:4 geschlagen geben. Immerhin war Hansa zurück auf der Bildfläche! Hansa hatte den Wiederaufstieg gepackt und durfte sich endlich einmal wieder in einem FDGB-Pokalfinale präsentieren.

Der Skandal von Ostrava (26. September 1989)
Alle nach Ostrava! Nachdem Hansa Rostock die Saison 1988/89 mit Rang vier abschloss, rief die europäische Bühne, und das Losglück wollte es, dass es einen Gegner gab, zu dem man als DDR-Bürger reisen durfte. Nicht Benfica Lissabon oder RSC Anderlecht, sondern TJ Baník Ostrava! Nachdem das Hinspiel mit 2:3 verloren ging – man munkelte, dass die Band Berluc „schuld“ war -, sollte es mit einem von der FDJ organisierten Sonderzug nach Ostrava gehen. Rund 500 Hansa-Fans kauften sich für 150 Mark das Paket, in dem das Bahnticket, die Eintrittskarte, die Verpflegung und eine Stadtrundfahrt enthalten waren.
Obwohl es im Zug auf der Hinfahrt keine nennenswerten Probleme gab, ließen die tschechoslowakischen Polizeibeamten in Ostrava die Zugfahrer nicht aussteigen. Geäußerter Unmut und geringste Gegenwehr führten zum Einsatz von Gummiknüppel und Pfefferspray. Obwohl Vertreter von Hansa und auch mitgereiste DDR-Beamte versuchten zu schlichten, musste der Sonderzug wieder seine Fahrt zurück nach Rostock antreten. Einzelne Hansa-Fans wurden festgenommen und in eine Baracke, an der tatsächlich „Psychiatrie“ zu lesen war, gebracht und in Zellen mit viel zu kurzen Betten verfrachtet.

Etwas mehr Glück hatten die Hansa-Fans, die individuell über Prag oder anderen Nebenstrecken nach Ostrava gereist sind. Zwar kamen die meisten von ihnen ins Stadion, doch dort bekamen sie den geballten Hass der dortigen Polizisten und Baník-Fans zu spüren. Da zudem das Spiel im Stadion Bazaly vor insgesamt 8.140 Zuschauern deutlich mit 0:4 verloren ging, wurde dies ein gebrauchter Tag.
Im Nachfeld wurde aus den Unterlagen des MfS klar, dass von Beginn an gar nicht geplant war, die Fußballfans in Ostrava aussteigen zu lassen. Der Grund waren die allgemeine unruhige politische Lage und die zahlreichen DDR-Bürger, die in den Botschaften in Prag Zuflucht suchten. So wurde vermerkt, dass die örtliche Miliz an einem der Bahnhöfe im Zug absichtlich Flaschen zerbrach und und diese im Anschluss fotografierte. Zudem wurden bereits an den Zwischenstopps in Decin, Prag und Pardubice von Seiten der Polizei von Schlagstock und Reizgas reichlich Gebrauch genommen.
Im Nachfeld fertigten Hansa-Fans ein an den Generalsekretär des Fußballverbandes der DDR adressiertes Protestschreiben an und stellten gegenüber den Zeitungen ihre Sicht der Dinge dar. Immerhin erhielten die Sonderzugfahrer ihr Geld wieder zurück. 150 Mark waren zu jener Zeit schließlich ein ordentlicher Batzen.

Meistertitel und Pokal im Frühjahr 1991
Auf in die letzte Saison der DDR-Oberliga, die nun bereits offiziell NOFV-Oberliga hieß. Hansa Rostock wurde mit dem neu geholten Trainer Uwe Reinders einiges zugetraut. Während andere Vereine bereits zahlreiche hochkarätige Spieler ziehen lassen mussten, konnte Hansa den Großteil der Stammkräfte an sich binden. Unter die ersten Sechs kommen, so lautete das Saisonziel. Die Qualifikation für die 2. Bundesliga sollte in jedem Fall zu packen sein. Die Saison begann ein wenig holperig, doch fand Hansa nach und nach in die Erfolgsspur.
Mitunter wild zu ging es am Rande der Fußballspiele, der heiße Herbst 1990 ging auch an den Hansa-Fans nicht spurlos vorbei. In Jena versuchten Hooligans von den Kernbergen an die Rostocker heranzukommen (ein junger Polizist zog vor Aufregung die Pistole), im einstigen Karl-Marx-Stadt wurde nach der Partie von einheimischen Fans der mit Hansa-Fans besetzte Ikarus-Bus entglast, und in Brandenburg an der Havel zündeten Stahl-Fans eine Hansa-Fahne an. Zu den schlimmsten Zwischenfällen kam es am 16. März 1991, als der FC Berlin (BFC Dynamo) zu Gast war. Die 630 mit einem Sonderzug angereisten Berliner Fans hielten die gesamte Stadt in Atem und verwüsteten zahlreiche Geschäfte.

Während es jedoch bei anderen ehemaligen DDR-Oberligisten hinter den Kulissen hoch her ging und windige Geschäftsleute nicht allzu viel Gutes im Schilde führten, blieb die Kogge voll auf Kurs. Nach dem 3:1-Sieg in Frankfurt (Oder), wo 300 Hansa-Fans mit Sektflaschen und einer Polonäse feierten, war der Meistertitel zum Greifen nahe. Es kam der Tag der Tage – am 04. Mai 1991 stand das Heimspiel gegen Dynamo Dresden auf dem Programm, und mit einem Sieg konnte der Titel vorzeitig in trockene Tücher gebracht werden. 17.500 Zuschauer hatten sich im Ostseestadion eingefunden, und die Mannschaft ließ diese mit einem souveränen 3:1-Sieg feiern. Die offizielle Ehrung der Spieler sollte es jedoch erst beim letzten Heimspiel gegen den 1. FC Lok Leipzig geben. 1955, 1961/62, 1962/63, 1963/64 und 1967/68 wurde der SC Empor bzw. der F.C. Hansa Rostock Vizemeister – unter dem bei den Fans sehr beliebten Trainer Uwe Reinders wurde nun endlich die Schale geholt.
Nachgelegt wurde am 02. Juni 1991 beim Finale des FDGB-Pokals, das nicht im Stadion der Weltjugend, sondern im Berliner Jahn-Sportpark ausgetragen wurde. Bei bestem Wetter wurde vor 4.800 Zuschauern der Spielball mit einem Fallschirm ins Stadion gebracht, und in der Folge genügte den Rostockern der Treffer von Jens Wahl, um auch den Pott an die Ostseeküste zu holen.
Geschichte wurde auch am 31. Juli 1991 geschrieben. Beim DFB-Supercup-Halbfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern, das im Ostseestadion vor 8.000 Zuschauern 1:2 verloren ging, bekam Juri Schlünz in der 84. Minute das erste Mal die neu eingeführte gelb-rote Karte zu sehen.

Der blau-weiß-rote Wahnsinn in Bochum (29. Mai 1999)
Es war das verrückteste Bundesliga-Finale schlechthin! Während vor dem 34. Spieltag der Saison 1998/99 der FC Bayern München bereits als Meister und der VfL Bochum und Borussia Mönchengladbach als Absteiger feststanden, wurde der dritte Absteiger zwischen Nürnberg, Stuttgart, Freiburg, Frankfurt und Rostock ausgespielt. Die beste Ausgangslage hatten die Nürnberger, die bereits den 99-prozentigen Klassenerhalt feierten. Verrückt, dass am Ende genau dieser Verein absteigen musste – und das aufgrund der weniger geschossenen Tore gegenüber Frankfurt!

Hansa Rostock hatte es selber in der Hand. Ein Sieg im Bochumer Ruhrstadion musste her, um sicher zu gehen. Mit dabei wollten über 8.000 Hansa-Fans sein, die in Karawanen gen Ruhrpott fuhren. Hansa begann die Partie sehr druckvoll, und Oliver Neuville – nach einer Verletzung mit Verband am Kopf – sorgte in der 37. Minute für den verdienten Führungstreffer. Der Mannschaft war anzumerken, dass sie unbedingt den Sieg einfahren wollte. In Halbzeit zwei kam Bochum plötzlich besser ins Spiel, und das nun harmlose Offensivspiel der Rostocker wurde zu einem Spiel mit dem Feuer. Und schon war’s passiert! Kuntz und Peschel brachten in der 71. und 74. Minute den VfL mit 2:1 in Front. Den ersten Hansa-Fans standen bereits die Tränen in den Augen. War’s das, Hansa? Nein, das war’s noch lange nicht! Nach einem schönen Angriff sorgte Victor Agali für den Ausgleich zum 2:2. Aus tausenden Kehlen wurde nun Hansa nach vorne gepeitscht. Und dann kam DIE Spielszene schlechthin! In der 83. Minute trieb Hilmar Weiland den Ball nach vorn, passte auf Neuville, und dieser flankte das Spielgerät an die Strafraumgrenze. Von hinten kommend war Slawomir Majak zur Stelle und köpfte den Ball durch die Beine des VfL-Keepers Thomas Ernst ins Gehäuse. Tor für Hansa! Alles drehte vor Freude durch! Es war der Wahnsinn! Am Mikro von Antenne MV brüllte Olli Schubert all seine Freude raus, im Gästebereich lagen sich tausende Hansa-Fans in den Armen, und vor all den Radiogeräten in den Wohnungen und Kleingärten wurde vor brachialer Erleichterung das Bier fallen gelassen. Im Gästeblock des Ruhrstadions flogen die Menschen buchstäblich über die Stufen, und der Torschrei war nicht in Worte zu fassen. Immer wieder hallte das brachiale „Auswärtssieg!“ durch das Stadion. Bochum war stehend K.O., und jeder eigene Ballkontakt wurde wie ein Meistertitel gefeiert. Schiedsrichter Dr. Markus Merk zeigte auf die Uhr. Zwei Minuten noch! Eine gefühlte Ewigkeit! Doch dann war Schluss – es war geschafft! Es folgten unzählige Bier- und Sektduschen, und vor dem Block bildete sich eine menschliche Raupe. Hanseatische Glückseligkeit in Vollendung!

Zweimal XXL-Emotionen: Dresden 2015 und 2016 (23. Mai 2015 & 19. März 2016)
Von Hause aus haben Duelle zwischen Dynamo Dresden und Hansa Rostock eine ganz besondere Würze, doch die beiden Auswärtsspiele im Mai 2015 und März 2016 werden wohl in ganz besonderer Erinnerung bleiben. Hoffen und Bangen am letzten Spieltag der Saison 2014/15. Hansa stand mit einem Bein in der Regionalliga Nordost und konnte sich nur mit einem Sieg in Dresden aus eigener Kraft retten. Vor dem Spiel marschierten Dynamo-Fans durch die Stadt und trugen bereits symbolisch den FCH zu Grabe. Als nach zehn Minuten José Ikeng die Rostocker mit 1:0 in Führung brachte, schien es ein schöner Nachmittag zu werden. Düstere Wolken zogen auf, als Eilers und Tekerci die SGD mit 2:1 in Führung brachten. Hoffen, Bibbern, Zittern – immer wieder der Blick auf das Handy! Nun konnte nur noch Rot-Weiß Erfurt den FCH retten. Und das taten die Erfurter sogar in Form eines 1:0-Sieges gegen Unterhaching. Was für eine Erleichterung nach Abpfiff. Noch einmal mit blauem Auge davongekommen!

Gleicher Ort – zehn Monate später. Wieder lief es nicht gerade rosig beim F.C. Hansa. Obwohl die SGD wieder als Favorit ins Spiel ging, konnte Hansa dieses Mal einen Punkt mitnehmen. Vor Ort waren 2.100 Hansa-Fans – eingesetzt wurde ein Sonderzug -, und es wurde eine Partie wie aus dem Drehbuch. Es war angerichtet. Eine Zettel-Choreo im heimischen K-Block – zahlreiche blau-weiß-rote Fahnen im Gästeblock. Nach einem Rostocker Pfostenschuss brachte Eilers die SGD mit 1:0 in Führung. Erst in der 82. Minute gelang den Rostockern der Ausgleich – und das Dank des Eigentores von Marco Hartmann. Noch war lange nicht Schluss! Robert Andrich fackelte in der 87. Minute nicht lange und zog zum 2:1 für Dresden ab. Wieder eine Rostocker Niederlage? Nein! Hansa-Torwart Marcel Schuhen machte Dampf. Los jetzt hier! Nach einem Freistoß sprintete Maximilian Ahlschwede heran, schnappte sich den Ball, suchte die Lücke in der Dynamo-Abwehr und zog kurz vor der Strafraumgrenze mit dem rechten Fuß ab. Sekunden später zappelte der Ball im Netz und es brachen alle Dämme. Das kollektive freudige Ausrasten im Gästeblock spottete jeder Beschreibung! Brachial hallte das „Ahu!“ über den Platz. Es war ein Unentschieden, das sich anfühlte wie ein Sieg. Hansa bekam langsam aber sicher wieder die Kurve.


zu Teil 2 des Rückblicks 60 Jahre F.C. Hansa Rostock
Fotos: Heiko Neubert, Marco Bertram, Keili, Udopia Zwickau; Nils Schröder, Dick Turpin, Anika, frontalvision.com
