„Hau ab damit!“, rief ich im weißen Golf, als Kumpel Jan aus Frankfurt (Oder) mal wieder auf der gemeinsamen Fahrt vom Rheinland nach Berlin die bereits ordentlich abgeleierte Kassette einlegte und das abgespielte „Brandenburg-Lied“ mitsang. Über 30 Jahre ist es bereits her, als in der Ablage zwischen Schokolinsen-Tüten und anderem Kleinkram die Musikkassetten von den Onkelz, von Kim Wilde und dem besagten „Brandenburg-Lied“ lagen und darauf warteten, je nach Bedarf und Laune eingelegt zu werden.
Landesgrenze zwischen Sachsen-Anhalt und Brandenburg erreicht? Rein das Teil! „Steige hoch du roter Adler …“ Zwar bin ich tatsächlich in den 70ern und 80ern knapp außerhalb von Ost-Berlin im Bezirk Frankfurt (Oder) / Kreis Strausberg aufgewachsen, doch erblickte ich nun mal im OZK in Berlin-Lichtenberg das Licht der Welt. Und da wir bereits damals beide Hansa Rostock sehr cool fanden, musste bei Jan und mir das Berlin-Brandenburg-Ding hübsch rausgeholt werden. „Scheiß Bulette!“ – „Scheiß provinzielles Brandenburg! Auf die Fresse!“ Bei Rommé am Kaffeetisch im Frankfurter Plattenbau und Sensible Soccer an der „Amiga-Brotdose“ mussten halt irgendwelche (nicht wirklich böse gemeinten) Provokationen her. Selbst im Rahmen einer fünfwöchigen Zugreise im fernen Ulaanbaatar zockten wir im Herbst 2000 in einem ranzigen Hostel stundenlang Rommé und brachten uns mit kessen Sprüchen gegenseitig hübsch zur Weißglut.

Anfang der 90er war es noch der einst innig geliebte FC Vorwärts Frankfurt (Oder), der bei Jan beim Kick auf dem Ascheplatz, beim Rommé oder beim gemeinsamen Sensible Soccer herhalten musste, Mitte der 90er brachte er plötzlich den FC Energie Cottbus ins Gespräch. Energie – wat? FC Vorwärts klang immerhin nach Europapokal und beachtlicher DDR-Historie. Aber der FC Energie Cottbus? Kein Wunder, wurde vor dem Mauerfall als BSG Energie Cottbus meist in der zweitklassigen DDR-Liga (21 Jahre) gespielt, nur sechs Jahre lief Energie in der DDR-Oberliga auf.
Der erste Aufstieg gelang in der Aufstiegsrunde am 07. Juli 1973 gegen die ASG Vorwärts Stralsund mit einem 1:1. Zuvor ins Leben gerufen wurde die BSG Energie Cottbus am 31. Dezember 1966 im Zuge der Herauslösung der Fußballabteilung aus dem SC Cottbus. Der Name „Energie“ wurde damals von Bodo Krautz ausgewählt, einem der 450 ambitionierten Leser, die an einem Wettbewerb der Lausitzer Rundschau teilgenommen hatten.

Viermal folgte nach dem gefeierten Aufstieg in die DDR-Oberliga der direkte Abstieg in die Zweitklassigkeit. Der erste Klassenerhalt im Fußballoberhaus wurde 1989 gefeiert, hinter Hansa Rostock und Dynamo Dresden hatte Energie den dritthöchsten Zuschauerschnitt. Respekt! Der Boom hielt auch in der Wende-Saison 1989/90 an, als im Schnitt 11.055 Zuschauer ins Stadion der Freundschaft strömten und am Ende Rang sieben gefeiert wurde. In der entscheidenden Oberliga-Saison 1990/91, bei der die Weichen im gesamtdeutschen Fußball gestellt wurden, landete Energie Cottbus nur auf dem vorletzten Rang.
Es folgten drei Jahre in der NOFV-Oberliga, die damals noch die Staffeln Nord, Mitte und Süd hatte. In der Spielzeit 1991/92 waren unter anderen der SC Gatow 1932, die SpVg Blau-Weiß 90 Berlin II, der SV Thale 04, Türkspor Berlin und der FSV Velten 1990 die Gegner. Mal abgesehen von den Duellen gegen den 1. FC Magdeburg und Union Berlin breitete sich Tristesse über dem Stadion der Freundschaft aus.

Ich weiß noch genau, als ich von der frohen Botschaft im Winter 1993/94 erfuhr. „Marco, sie führen quasi eine Neuauflage der DDR-Oberliga ein! Es wird eine Regionalliga Nordost geben! Wird das geil?! Duelle gegen den BFC Dynamo und Sachsen Leipzig!“, rief Jan erfreut. Ich war an jenem Tag gerade zu Besuch bei ihm und konnte die Freude wahrlich verstehen.
Im Sommer 1995 überredete er mich, mit im legendären weißen Golf nach Cottbus zu fahren, um das Heimspiel gegen den 1. FC Dynamo Dresden, der „Dank“ sportlichem Abstieg und Lizenzentzug direkt von der 1. Bundesliga in die Regionalliga Nordost durchgereicht wurde, zu bestaunen. Mein erster Besuch im Cottbuser Stadion der Freundschaft. Am 13. August 1995 fanden sich 6.214 Zuschauer ein, und abgesehen von der alten Haupttribüne gaben die Ränge noch einen völlig anderen Anblick ab. Flache Stehtraversen einmal rings herum. Der Gästeblock wurde mit einem Bauzaun abgetrennt, und knapp 4.000 Dynamo-Fans machten das Ganze zu einem Heimspiel.

Auf der Heimseite sah es relativ dürftig aus, und demzufolge durfte sich Jan einige freche Worte von mir anhören. Innerlich hoffte ich, dass Dresden paar Tore schießen würden, damit die reichlich anwesenden Gästefans richtig abgehen und den hässlichen Bauzaun einreißen und die Behelmten was zu tun bekommen. Dazu kam es jedoch nicht. Bei bestem Sommerwetter wurde es ein lauer Kick, der torlos endete.
Mein zweites Spiel des FC Energie Cottbus sah ich mit Jan – wie sollte es auch anders sein? – auswärts im Niedersachsenstadion, als am Ende der Saison 1996/97 die Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga anstand. Das 0:0 im Hinspiel bei Hannover 96 hatte sich fest eingebrannt, selten hatte ich bei einem Ost-West-Duell so viel blanken Hass gesehen. Bierbecher wurden in den Gästeblock geworfen und Spucke segelte gefühlt hundertmal durch die Luft. „Scheiß DDR!“ „Ossi-Schweine!“ Gut! Vor dem Fernseher drückte ich beim Rückspiel dem FC Energie fest die Daumen. Ich feierte gut ab, als der Underdog aus der Lausitz in einem wahrlich krassen Spiel die Niedersachsen mit 3:1 bezwingen und somit frenetisch den Aufstieg in die zweite Liga feiern konnte. Alter Schalter, was für ein Hexenkessel! Nun lachte ich nicht mehr über Energie.

DFB-Pokalfinale 1997, drei Jahre in Folge in der 2. Bundesliga und der Aufstieg in die 1. Bundesliga am Ende der Saison 1999/2000. Unter Trainerlegende Ede Geyer wurde der FC Energie Cottbus wahrlich ein gallisches Dorf im Fußball-Osten. Verfolgt hatte ich das Ganze jedoch nur mit einem Auge, da wir Ende der 90er zwei Segelboote bauten und im Herbst 1999 in Richtung Sydney am Strelasund in See stachen.
Ich erinnere mich ganz dunkel daran, dass mich Jan nach dem Schiffbruch auf der Nordsee Anfang des Jahrtausends zu einem Heimspiel gegen Hertha BSC mitgenommen hatte. Es müsste der 3:0-Sieg am 17. März 2001 gewesen sein. Mit Jan stand ich irgendwo in der verdammt flachen Heimkurve im hinteren Bereich und konnte quasi fast gar nix vom Spiel sehen. Dafür durfte ich umso mehr hören. „Ja, immer auf die scheiß Buletten! Scheiß arrogante Berliner! Immer rauf da!“, blökte mir Jan ins Ohr. Mir doch Stulle, doch ein wenig nervte und wurmte mich das Ganze schon.

In der Folgezeit war das Berlin-Brandenburg-Ding bei Jan und mir eh völlig durch. Es zog einfach nicht mehr. Ich schaute einfach, was sich in der Lausitz tat und freute mich, dass mit Hansa Rostock und Energie Cottbus eine Zeitlang zwei ehemalige DDR-Clubs in der 1. Bundesliga die ostdeutsche Fahne hochhielten. Nach drei ersten Spielzeiten von 2000 bis 2003 folgten noch einmal drei Bundesliga-Saison von 2008/09 im Fußballoberhaus. Dann musste sich nach dem F.C. Hansa Rostock auch der FC Energie Cottbus bis dato aus Liga eins verabschieden.
Im Gegensatz zu Hansa konnten sich die Lausitzer anfangs für fünf Jahre in der 2. Bundesliga etablieren, doch erfolgte am Ende der Saison 2013/14 der Absturz in die 3. Liga, in der es ein Wiedertreffen mit dem F.C. Hansa gab. Während Hansa Rostock am Ende der Drittliga-Saison 2024/15 haarscharf am Abstieg in die Regionalliga Nordost vorbei schrammte und nur Dank des Erfurter 1:0-Siegs gegen Unterhaching die Klasse halten konnte (ich spüre noch heute meinen damaligen Angstschweiß vor Ort in Dresden), erwischte es in der Folge-Saison den FC Energie Cottbus. Rang 19 bedeutete den erstmaligen Marsch in die Viertklassigkeit.
2018/19 wurde noch einmal für eine Saison in der 3. Liga gespielt, ansonsten musste bis zum Ende der Spielzeit 2023/24 in der Regionalliga geschmort werden. Nachdem 2023 in der Aufstiegsrunde gegen Unterhaching der Sprung nach oben verpasst wurde, gelang 2024 schließlich auswärts bei Hertha BSC II im Jahn-Sportpark die Rückkehr in die 3. Liga. In der zurückliegenden Saison sah es lange Zeit danach aus, als wenn Energie unter Trainer Wollitz durchmarschieren würde, doch reichte es am Ende nur für Rang vier.

In der laufenden Saison sind die Lausitzer in der Drittligatabelle auf dem ersten Platz zu finden, und das Heimspiel gegen den TSG Hoffenheim II fand genau am 60. Geburtstag des Vereins statt. Nachdem der 1. FC Magdeburg am 22.12.25, der F.C. Hansa Rostock (28.12.25), der BFC Dynamo (15.01.26), der Chemnitzer FC (15.01.25), der 1. FC Union Berlin (20.01.26), der FC Carl Zeiss Jena (20.01.26), der 1. FC Lokomotive Leipzig, der Hallesche FC (26.01.26) und der FC Rot-Weiß Erfurt (26.01.26) ihre 60. Geburtstage – damals wurden jeweils die Fußballabteilungen aus den Vorgängervereinen / Sportclubs herausgelöst – gefeiert haben, war nun als Letzter aus dieser Truppe der FC Energie Cottbus an der Reihe.

Nachdem es zahlreiche frische Graffiti in der Stadt und nachts ein schmuckes Feuerwerk zu sehen gab, folgte am Spieltag gegen Hoffenheim II eine Choreo, die über drei Tribünen ging. Insgesamt 15.645 Zuschauer hatten sich auf den Rängen eingefunden, erkennbare Gästefans waren nicht vor Ort, im Gästeblock wurde eine Geburtstagsfahne aufgespannt.

„Wir haben gute Zeiten gefeiert und schlechte Zeiten überstanden“, war vor der Heimtribüne in großen Lettern zu lesen. „Glaube – Begeisterung – Hingabe – Kampf – Wille – Einsatz – Leidenschaft – Hoffnung – Energie – Mut“, stand auf der Gegentribüne geschrieben. Als eine imposante Choreo-Blockfahne auf der Gegentribüne hochgezogen wurde, gab es zudem die Botschaft „Was bleibt, ist der Zusammenhalt – und was wächst, ist unsere Geschichte.“ zu lesen. Des weiteren hieß es unter anderen: „Heute wird gesoffen wie noch nie. Die Finsterwalder Jungs gratulieren zu 60 Jahren Energie.“ Logisch, dass im späteren Verlauf auch eine ordentliche Pyro-Einlage nicht fehlen durfte.

Auf dem grünen Rasen ging die Sache fast schief, aber eben nur fast. Nach bereits vier Minuten konnte Deniz Zeitler die Gäste mit 1:0 in Führung bringen, doch nach einer Viertelstunde konnte Moritz Hannemann zum 1:1 ausgleichen. Erik Engelhardt sorgte mit seinen beiden Treffern in der 44 und 84. Minute für reichlich Freude, Erleichterung und grenzenlosen Jubel. Ich würde einfach mal sagen: Lassen wir doch am Ende der Saison den F.C. Hansa Rostock und den FC Energie Cottbus direkt aufsteigen. Der leidgeplagte Fußball-Osten kann es wahrlich gebrauchen. Rot-Weiss Essen darf sich als Tabellendritter in der Relegation mit dem SC Preußen Münster zwei fette Schlachten austragen. Und dort wird sich zeigen, ob nicht noch irgendein verschollenes Schwert auftauchen sollte…

Anmerkung: Ab morgen gibt es dann wie geplant hier an Ort und Stelle von mir knackige Kolumnen über die große bunte Fußball- und Alltagswelt zu lesen. Wer mich / uns unterstützen möchte – wir bleiben auch weiterhin eine werbefreie Seite -, der darf gern eines meiner Fußballbücher erwerben! Schaut einfach im turus-Shop oder direkt auf meiner persönlichen Webseite vorbei! Ahu!





Fotos: Los Misenas, privat, Marco Bertram
