Derby in Rüdersdorf: XS-Fanblock mit exzellentem Auftritt

Derby in Rüdersdorf: XS-Fanblock mit exzellentem Auftritt

 
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MB 07 November 2022

War das erschütternd und ernüchternd, als in den 80ern meine Eltern mit mir im weißen Skoda die teils mit Kopfsteinen gepflasterte Fernverkehrsstraße 1 gen Osten knatterten und wir in Rüdersdorf und Herzfelde vorbeikamen. Bekanntlich waren die Städte und Ortschaften der DDR im Allgemeinen kein Hort der bunten Farbenpracht, doch toppten Rüdersdorf und Herzfelde so einiges. Alter Schwede! Mir blieb hinten auf der Sitzbank wirklich die Spucke weg, als ich die weiß-grau gepuderten Bäume, Straßen und Häuser sah. Wie konnte man hier leben? Kalk- und Zementstaub so weit das Auge reichten. Förderbänder überquerten die Straße und skurril anmutende Metallbehälter wurden von einem Werksteil zum anderen in luftiger Höhe gezogen. 

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Keine Frage, Rüdersdorf war landesweit für seine arg staubige Angelegenheit bekannt, und halb Berlin wurde aus dem Sandstein und dem Zement aus Rüdersdorf / Herzfelde errichtet. Gemein wie wir Schüler waren, gaben wir einst an der Polytechnischen Oberschule in Berlin Mahlsdorf einer älteren Lehrerin mit schlohweißem Haar, die bereits ein wenig vergesslich war, einen Spitznamen: Klein Rüdersdorf. Da die Alte schon so verkalkt war. Böse. Richtig böse. Ich weiß. Allerdings verbinde ich bis heute beim Namen Rüdersdorf die einstigen Fahrten im Skoda und die Lehrerin an der 10. POS Helene Weigel.

 

Vor sieben Jahren düste ich zuletzt zu einem Fußballspiel ins Glückauf Stadion in Rüdersdorf und erfreute mich am Ambiente beim Landespokalspiel MSV Rüdersdorf vs. FC Energie Cottbus. 2. Bass in C, ihr Auftritt bitte! Andante gab es den „Steigermarsch“ (Glück auf!) zu hören. Gespielt von einer Kapelle auf dem Übungsschotterplatz vor der Haupttribüne der Rüdersdorfer Spielstätte.  

Seit dem 13. Jahrhundert wurde in der Region Rüdersdorf Bergbau betrieben, ab dem 17. Jahrhundert wurde auch Branntkalk hergestellt. Die letzte Schachtofenbatterie war bis 1967 in Betrieb, das neu errichtete Zement- und Kalkwerk Herzfeld - zu DDR-Zeiten berühmt berüchtigt aufgrund der grauen Staubschicht auf Häusern, Straßen und Bäumen im näheren Umfeld - löste die Rüdersdorfer Anlage ab. Seitdem ist diese Bestandteil des nun existierenden Museumsparks Rüdersdorf. 

 

Kein Wunder also, dass der MSV Rüdersdorf einst im Jahre 1919 als SC Kalkberge ins Leben gerufen wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Verein in den 1950er Jahren als BSG Chemie Rüdersdorf geführt. Eine gold eingerahmte Ehren-Urkunde im Vereinsheim zeugt vom größten damaligen Erfolg der Betriebssportgemeinschaft. So wurde 1952/53 die Bezirksmeisterschaft gewonnen. Auf einem daneben hängenden Wandteller ist zudem zu lesen: „1. Mai 1952. Unsere Verpflichtung: Durch unbürokratische Arbeitsmethoden helfen wir den Werktätigen. Zum Freundschafts-Fußballspiel gewidmet von den Kollegen des Staatssekretariats Chemie, Steine und Erden.“ 

 

Ein rot-blauer Wimpel aus späterer Zeit erinnert zudem daran, dass aus der BSG Chemie Rüdersdorf die BSG Aufbau Rüdersdorf wurde. Gespielt wurde etliche Jahre in der Bezirksliga Frankfurt (Oder), ausgetragen wurde die Heimspiele in den 50er und 60er Jahren vor bis zu 2.000 Zuschauern auf dem Sportplatz am Grundsteig. In den 70ern wurde schließlich das heutige Stadion an der Puschkinstraße errichtet. Mit seiner Kapazität von 5.000 Zuschauern ist es eines der größten Stadion der Region. Nach dem Fall der Berliner Mauer wurde aus der BSG Aufbau der Märkischer Sportverein Rüdersdorf. Nachdem 2002 in die Landesliga aufgestiegen wurde, konnte zunächst die Spielklasse gehalten werden, mehrfach war man knapp am Aufstieg in die Brandenburgliga gescheitert.

In jüngerer Vergangenheit rutschte der Verein jedoch ab und findet sich nun in der Kreisliga Nord (Ostbrandenburg) wieder. Nach 16 Jahren kam es am vergangenen Samstag endlich mal wieder zu einem Derby gegen den Nachbarn Wacker Herzfelde 1925. Im Geiste malte ich mir bereits aus, wie vielleicht 300 oder 400 Zuschauer das Ganze zu einem lebhaften Ereignis werden lassen könnten, schnappte mir die Kinder und fuhr von Friedrichshagen aus bei bestem Wetter mit der alten Straßenbahn 88 bis Rüdersdorf.

 

Angekommen am wirklich beeindruckenden Glückauf Stadion zeigte sich jedoch recht schnell, dass es mit einer größeren Kulisse nix werden würde. Gut, wir sprechen nun mal von der Kreisliga und nicht von der Landesliga. Am Ende waren es 110 zahlende Zuschauer, die sich bei Sonnenschein auf den Rängen eingefunden hatten. Die Gästefans in Schwarz-Gelb nahmen im unteren Bereich der beeindruckenden Gegengerade Platz, auf Heimseite wurde das Podest hübsch in den Farben Blau, Weiß und Rot beflaggt. „Kalkfront MSV Rüdersdorf“, „Nur der MSV“, „Forza MSV“, „Sektion Stadionverbot“. Im Netz sind einige Fotos zu finden, auf denen eine kleine Truppe zu sehen ist. Mitunter wird auch mal eine Fackel angerissen.

 

Beim Derby gegen Herzfelde wurde es jedoch der wohl kleinste Fanblock des Landes. Der Welt. Des Universums. Phasenweise stand ein einziger Fan auf dem Podest, schwenkte die Fahne und sang ein Lied. So in der Art kenne ich das auch mitunter von den Heimspielen des FC Polonia Berlin, bei denen Edelfan Gunter teils ganz allein seine Sangeskraft zum Besten gibt. Wat willste machen? Vielleicht haben ein paar Rüdersdorfer derzeit wirklich Stadionverbot oder hatten an jenem Samstagnachmittag selber irgendwo ein Spiel. Ich wollte da nicht weiter nachfragen, sondern erfreute mich lieber an den Trommelklängen und dem Anblick von der hohen Gegengerade aus.

 

Mir fiel auf, dass ich damals im September 2015 gar nicht oben auf der Gegengerade war. Welch ein toller Anblick sich von hier oben ergibt! Beim Blick auf die leicht hügelige Landschaft fühlt man sich ein wenig nach Thüringen oder Sachsen versetzt. Linke Hand sind ein paar, teils leer stehende Gebäude und im Hintergrund die Rüdersdorfer Kirche zu sehen. Bei Sonnenschein eine wirklich lohnende Angelegenheit!

 

Die Kinder hatten ihren Auslauf, und zu Beginn der zweiten Halbzeit zeigte die Kalkfront, was in ihr steckt. Vier historische Wappen des Vereins wurden am Zaun befestigt, dazu gab es weißen, blauen und roten Rauch sowie eine rote Fackel als Bonbon. Den Kindern hatte es überaus gut gefallen, durften sie doch in erster Reihe vom Innenraum das Ganze begutachten. „Papa, ist das Hansa?“, fragte der jüngere Sohnemann. Lustigerweise lief sogar ein Jugendspieler mit einer Hansa-Jacke rum. Zudem hing am Podest ein hanseatischer Beutel. So halb ließen wir den Kleinen in dem Glauben, dass Rüdersdorf irgendwie etwas mit Hansa zu tun habe.

 

Das sportliche Geschehen konnten wir indes ihm wirklich nicht erklären. Gerade holte ich die vom Kleinen so heiß begehrte Bratwurst, da fiel in der dritten Minute bereits das 1:0 für Herzfelde, erzielt von Patrick Walzner. Das Ganze wurde aus Sicht der Rüdersdorfer ein Desaster. Die schwarz-gelben Nachbarn aus Herzfelde waren schlichtweg überlegen und legten noch vier Buden nach. Patrik Schulze und Sebastian Katzer erzielten jeweils zwei Treffer. Eine rote Karte nach knapp einer Stunde und eine böse Verletzung am Ende der Partie ließen den Tag aus Heimsicht rabenschwarz werden.

 

Für uns war der Tag allerdings alles andere als rabenschwarz. Wir enterten nach dem Spiel das Vereinsheim und ließen den Tag bei einigen Partien Billard ausklingen. Mit einsetzender Dunkelheit juckelten wir mit der Straßenbahn zurück nach Friedrichshagen…

 

Apropos: In meinen Buch „Fußballheimat Brandenburg“ fand der MSV 19 Rüdersdorf als Bonus ganz hinten als 101. Standort last minute den Weg hinein. Ich hatte mich beim Schreiben schlichtweg verzählt und konnte den Verleger (arete Verlag) davon überzeugen, dass Rüdersdorf noch irgendwie mit ins Buch rein muss. Das gute Stück kann gern direkt bei mir mit feiner Widmung bestellt werden: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! / www.marco-bertram.de

Fotos: Marco Bertram

> weitere Impressionen vom Derby in Rüdersdorf

> ein kurzes Video von der Pyro auf  unserem YouTube-Kanal

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Spielergebnis:
0:5
Zuschauerzahl:
110

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